Die Kreditkrise ist der Vorbote der großen Inflation

Mit ihrer Zinssenkungspolitik kann sich die US-Zentralbank des öffentlichen Lobes sicher sein. Das Verbilligen der Kreditkosten könne, so ist zu allgemein hören, eine Rezession der US- und damit der Weltwirtschaft abwenden. Niedrige Zinsen würden helfen, die Geldmärkte zu stabilisieren, die Zinslasten der Verschuldeten zu „mildern“ und Aktienkurse vor dem Kurssturz bewahren. Doch eine solche Einschätzung ist gänzlich verfehlt und trügerisch.

Die US-Geldpolitik der letzten Jahre – und sie war symptomatisch für die Geldpolitiken in anderen Regionen der Welt – hat die Krise, deren Symptome sie verspricht zu bekämpfen, verursacht. Weitere Zinssenkungen werden die Kredit- und Verschuldungsproblematik nicht lösen, sondern verschlimmern.

Im Zuge der Niedrigzinspolitik hat die US-Notenbank die Kreditmenge – und damit die Verschuldung der Volkswirtschaft – drastisch ausgeweitet. Dies hat zur Inflation geführt, allerdings zu einer Inflation im „neuen Gewand“: Die Inflation hat sich in den letzten Jahren weniger in den Konsumentenpreisen als vielmehr in steigenden Aktienkursen und Häuserpreisen gezeigt. Die Halter von inflationierenden Vermögenswerten profitierten, die Geldhalter verloren.

Inflation verleitet zu Fehlentscheidungen. Die wachsende Papiergeldmenge gaukelt steigenden Reichtum vor und ermutigt Investitionen und kreditfinanzierte Konsumausgaben. Der so angezettelte Boom bedarf immer höherer Inflationsdosen, also immer mehr Kredit und Geld, um in Gang zu bleiben. Ohne die Inflationsillusion kollabiert der Aufschwung. Das mag erklären, warum die US-Zentralbank die Zinsen so drastisch gesenkt hat; am 22. Januar 2008 gar um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5%.

Zinssenkungen sollen das Wachstum der Kredit- und Geldmengen noch weiter antreiben. Doch was, wenn der Bankenapparat nicht mitspielt? Die Geschäftsbanken haben durch die Erschütterungen auf den Kreditmärkten Eigenkapital verloren. Dies könnte dazu führen, dass sie nicht mehr willens oder fähig sind, ihre bisherige Kreditproduktion aufrecht zu erhalten.

Sollten die Banken nicht mehr leihen können oder wollen, würden die Notenbanken vermutlich unmittelbar zu „nicht regulären Operationen“ übergehen, also etwa Vermögensbestände (Bonds, Kredite, Aktien etc.) am freien Markt kaufen und auf diese Weise die Geldmenge im Umlauf erhöhen; die Papiergeldmenge kann beliebig ausgedehnt werden.

Aktuell nährt die Kreditkrise die Furcht vor Rezession und Deflation. Das erlaubt den Zentralbanken – unter dem Applaus der Mehrheitsmeinung – ihre Politik der Geldentwertung weiterzuführen. Und vermutlich wird nicht nur die US-Zentralbank die Zinsen weiter senken, sondern auch die Notenbanken in Europa werden diesem Kurs folgen. Der öffentliche Meinungsdruck auf die Geldpolitiker nimmt zu – und sie selbst haben kaum ökonomische Anreize, sich den Rufen nach noch niedrigeren Zinsen zu widersetzen.

Die Zinssenkungen werden das Problem, für das die Notenbanken gesorgt haben – die Volkswirtschaften abhängig gemacht zu haben von immer mehr Kredit und Geld – nicht lösen. Sie werden lediglich den unheilvollen Pfad der Geldentwertung weitertreiben, in dem noch mehr Kredit und Geld in Umlauf gebracht werden soll. Dies legt der Blick auf die letzten verfügbaren Daten für die Kreditvergabe der US-Banken nahe: In der ersten Januarwoche 2008 betrug das Kreditwachstum 10,9% gegenüber dem Vorjahr (siehe untenstehende Graphiken). Von Krediteinschränkung (zumindest bisher) keine Spur.

Die monetäre Krise würde eine neue Dimension annehmen, wenn die Inflationserwartungen auf den Kapitalmärkten in die Höhe schnellen. Denn dann verteuern sich die Kreditkosten, und insbesondere die Anschlussfinanzierungen der bereits ausstehenden Kreditbestände, die im Zuge der Niedrigzinsphase der letzten Jahre finanziert wurden, würden sich verteuern. Kreditausfälle in großer Zahl bei Konsumenten-, aber auch Unternehmensschuldnern wären absehbar. Und die große, für alle ersichtliche Inflation wäre wohl nicht mehr aufzuhalten.

Thorsten Polleit

Thorsten Polleit

Universität Bayreuth
Thorsten Polleit

Letzte Artikel von Thorsten Polleit

(Alle anzeigen)

6 Antworten auf „Die Kreditkrise ist der Vorbote der großen Inflation“

  1. Das ist wirklich eine sehr bedrohliche Entwicklung, die sie in ihrem Beitrag verständlich erklären. Auch für mich als Nicht-Ökonom. 😉
    Nur leider bekommt man in den Massenmedien nichts davon mit. Da wird wieder “gejubelt”, dass es der Wall Street einen Ruck verleitet und die Aktien wieder besser dastehen. Genauso wie der Dax in Deutschland.

    Ich kann eigentlich nur hoffen, dass die EZB stark bleibt und sich nicht von dem Druck der Öffentlichkeit verleiten lässt, doch noch den € zu entwerten.

  2. @ Milfweed,

    ich bin Ökonomin und die Analyse ist für mich nicht verständlich. Warum?

    Zum einen untersucht Herr Polleit nicht, ob es sich um eine importierte Inflation handelt oder nicht. Wenn dies der Fall wäre, wären Zinssenkungschritte der EZB nicht problematisch und zur Abwendung der Rezession sogar sinnvoll. Hat die Inflation heimische Ursachen, ist noch zu klären, ob dies auf einem Einzelereignis beruht. Auch dann könnte die EZB die Zinsen senken.

    Für beides gibt es Argumente (Steigerung der Rohstoffpreise, v.a. Öl, aber auch anderer Güter, Erhöhung der Mehrwertsteuer). Ob diese Argumente ausreichen oder nicht, hätte Herr Polleit darstellen müssen.

    Zum anderen: “Die Zinssenkungen werden das Problem, für das die Notenbanken gesorgt haben – die Volkswirtschaften abhängig gemacht zu haben von immer mehr Kredit und Geld – nicht lösen.” Wenn dem so ist (und dem ist so), dann muss man auch erötern, wie man dem eigentlichen Problem begegnet.

    Lösung: Zinssenkung (um Zeit zu kaufen) und dann Regulierung der Finanzmärkte.

  3. @Milfweed
    Ned bös sein, aber ein bisserl “Mises lesen” würde Dir als Ökonomin gut tun.

  4. Liebe VerenaF,

    Auch ich studiere Ökonomie, du denkst sicher in den gedanklichen Konstrukten die uns allen in Veranstaltungen wie Monetäre Ökonomik oder Außenwirtschaft beigebracht worden sind. Leider, und das ist sicher ein Vorwurf an unsere Herrn Professoren, haben sich diese nur bemüht die Konstrukte in unsere Hirne zu pflanzen, auf das wir ihre Klausuren bestehen und weg sind. Sie haben, mit wenigen ausnahmen, sind wenig bis garnicht bemüht uns zuzeigen unter welch restriktiven Annahmen diese Modelle stehen und was davon in der Wirklichkeit zuhalten ist. Bei einigen dieser Modelle ist die Herkunft auch sehr interessant oder anrüchig, ganz wie man das sieht.

    Die fixe Idee von der importierten Inflation gehört sicherlich in jene Kategorie.

    Man kann zu Mises stehen wie man will, was seine Haltung zur Geldpolitik angeht, lag er sicher richtig. Sie ist die Wurzel vieler Übel. Friedman, sicher aus einer ganz anderen Richtung kommend hat empirisch gezeigt, dass Inflationen immer und überall durch Notenbanken Hausgemacht sind. Sie machen einfach zuviel Geld. Das unsere EZB sich da als heilige Ausnahme herausstellen sollte ist sehr unwahrscheinlich. Und ich denke die Fakten sind auch in keiner Weise geneigt die Behauptung, die EZB betreiben eine strickte Hartwährungspolitik, zu bestättigen.

    Mach dir mal denn Spass, dir auf der Seite der EZB die monatlichen Reports über die Politik der EZB und das Wachstum der Geldmengen anzuschauen. Die machen das gleiche, nur nicht so stark und Sichtbar. Das die EZB so Solide wirkt, liegt daran, dass sie bei einer Behinderten Olympiade am Start ist.

    Vielleicht ist es auch angebracht mal wieder privates Lösungen ins Auge zu fassen.

  5. an die Dame Ökonomin:

    Sie sagen:

    “Hat die Inflation heimische Ursachen, ist noch zu klären, ob dies auf einem Einzelereignis beruht. […] z.B. Rohstoffpreise, v.a. Öl”

    Auch mir als Student wurde eingetrichtert, dass Inflation die “Erhöhung der allgemeinen Preise” sei. Wenn man nur ein bestimmtes Land nimmt, so scheint es, dass durch Importverteuerung, z.B von Öl, die Inflation angeheizt wird. Diese Sicht verkennt jedoch das Wesentliche: Das allgemeine(!) Preisniveau kann durch keine einzelne Preiserhöhung (wie etwa von Öl) erklärt werden. Sie als Ökonomin kennen das sicher aus Mikro I: Wenn der Preis eines Gutes steigt so bezahlen wir bei relativ unelastischer Nachfrage einfach mehr Geld für ungefähr dieselbe Menge. Doch wie uns Bastiat vor zig Jahren bereits gelehrt hat, und was heutige Ökonomen offenbar vergessen, ist das, “was man nicht sieht”. Denn das Geld, was ich nun vermehrt für Öl (oder ein anderes nun verteuertes Gut) ausgebe, kann ICH JA NICHT NOCH EINMAL AUSGEBEN. Das bedeutet, das Geld wird auf anderen(!) Märkten NICHT NACHFRAGEWIRKSAM. Folglich vermindern(!) die höheren Zahlungen für Öl die Zahlungen auf allen anderen Märkten, wo dann die Preise SINKEN. Ein generelles(!) hochschauckeln der Preise kann unmöglich enstehen, wenn einzelne Güter, wie bei Öl behauptet wurde, knapper werden… es sei denn, die Notenbanken wirken den Preissenkungen auf anderen Märkten entgegen.

    Ich würde zweifel an den Neoklassikern und keynesianern/Monetaristen hegen: immerhin waren diese von der KRise allesamt überrascht während Österreicher eine mikro-fundierte Theorie benutzten, um sie vorherzusagen.

  6. Hallo Herr Prof. Polleit,

    Sie schreiben oben:
    “Kreditausfälle in großer Zahl bei Konsumenten-, aber auch Unternehmensschuldnern wären absehbar. Und die große, für alle ersichtliche Inflation wäre wohl nicht mehr aufzuhalten.”

    Das gehört meiner Meinung nach so nicht zusammen. Die Kreditausfälle wirken stark deflationär und könnten uns bei den (aktuell gerade wieder inflationierten) Aktien meines Erachtens auch noch einmal eine abrupte Trendwende bescheren.
    Insgesamt gehe ich mit Ihrer These aber konform: das in den letzten Monaten geschöpfte Geld wird uns zumindest in den wichtigen Sektoren (Energie, Lebensmittel) eine anhaltende Inflation bescheren, spätere Währungsreform wahrscheinlich.

    MfG,
    Mathes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.