Gastbeitrag
Mission Vertrauen: Die Eurokrise als Chance nutzen

Goldankaufstuben haben Konjunktur, Krisenpropheten ohnehin, und die Immobilienpreise in deutschen Ballungszentren ziehen an. Weltweit haben Notenbanken Notmaßnahmen ergriffen, um einzelne notleidende Finanzinstitute und Staaten zu unterstützen. Doch nicht nur Finanzinstitute, sondern auch ganze Länder sind über gigantische Rettungsschirme mit komplizierten Garantieverflechtungen vor dem Bankrott gerettet worden. Und wenn es in den letzten Jahren ein Thema in den Medien, in der Öffentlichkeit und bis hinein in die Familien gab, dann war es die Wirtschafts- und Finanzkrise und die Ängste, die Menschen mit ihr verbinden.

Die Eurokrise ist weit mehr als eine Finanzkrise. Sie ist eine Vertrauenskrise in die Stabilität von Staaten, in die Solidität von Finanzinstituten und in die Sicherheit unseres politischen und wirtschaftlichen Systems. Daher gilt es, Vertrauen wieder vollständig herzustellen. Vertrauen in unser Wirtschafts- und Finanzsystem, Vertrauen in die Politik. Systemvertrauen.

Systemvertrauen, Markt und Wirtschaftsordnung

Systemvertrauen hat eine herausragende Bedeutung für die allgemeine Wirtschaftsordnung, die den Rahmen für den Austausch auf Markten setzt. Hierfür ist es konstitutiv: Märkte funktionieren besonders effizient, wenn Marktteilnehmer an die Freiheit des Austauschs und an den Schutz ihrer Eigentumsrechte glauben und in ihrem Konsum und ihren Investitionen darauf setzen.

Voraussetzung dafür ist ein funktionierendes institutionelles Regelwerk, einschließlich wirksamer Sanktionsmechanismen. Wenn wir wissen, dass der Austausch auf Markten effizient funktioniert, dann sind wir uns sicher, dass wir Ressourcen effizienter einsetzen können. Wir müssen uns weniger absichern, können mehr Wagnis eingehen und investieren. Transaktionskosten sinken, die Welt geht vorwärts, Fortschritt und Wachstum finden statt. Wenn wir uns auf ein funktionierendes Wirtschaftssystem mit seinen Freiheiten, Regeln und Pflichten verlassen können, dann wirkt unser Systemvertrauen gleichzeitig auch wie ein Verstärker und Katalysator des Wettbewerbs: Aus Vertrauen in den Markt wird Vertrauen im Markt, ohne das Markte nicht möglich waren: Vertrauen unter den Marktteilnehmern ist Voraussetzung für Kooperation, Austausch, Erfüllung Zug um Zug und Treu und Glauben. Dieses Vertrauen im Markt verstärkt sich selbst: Wenn wir vertrauen, können wir besser vergleichen, mehr Transaktionen abwickeln, weitere Risiken eingehen – und sind dadurch gehalten, uns auf andere zu verlassen, ihnen also einen Vertrauensvorschuss unsererseits zu gewähren. Freie Markte stiften somit Vertrauen, da sie es über Transaktionen andauernd auf die Probe stellen. Vertrauenswillige Marktteilnehmer können jene, die nicht vertrauenswürdig sind, von ihren Geschäften ausschließen. Dies sind ungeschriebene Regeln und Kontrollmechanismen, die das Systemvertrauen im Markt sichern.

In marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaften haben Menschen oft auch ein hohes Vertrauen in die Gesellschaft. In einer freien Marktordnung mit Privatautonomie können sich Individuen frei entfalten, sie sind jedoch auch einem hohen Risiko ausgesetzt. Damit sie ihre Freiheit ausschöpfen und sich dabei individuell absichern können, müssen sie anderen Menschen Vertrauen schenken. Man ist aufeinander angewiesen. Kooperation ist zugleich Bedingung und Garant für eine Marktwirtschaft. Zu misstrauen ist teurer als zu vertrauen.

Eben dieses Systemvertrauen ist heute bedroht: Die Ursachen dafür sind gigantische Risiken im Finanzsystem, eine zögerliche Politik und eine Europäische Zentralbank die unweigerlich immer stärker in den Dienst von vorübergehender Systemstabilisierung stellen lässt. Umfragen zeigen, dass Menschen immer weniger an die Konstanz von Institutionen und an faire Teilhabe am Wirtschaftssystem glauben. Wo dieser Glaube jedoch fehlt und es zugleich keine Verständigung auf eine gesellschaftliche Vision für ein Leben nach der Krise gibt, stellt sich eine Gesellschaft zunehmend die Sinnfrage. Wozu die Anstrengungen?

Drei Anker für neues Systemvertrauen

Was ist zu tun? In der Vergangenheit folgte auf größere Systemvertrauenskrisen immer ein Neubeginn. Zum Beispiel in Deutschland: Kapitulation, Abdankung des Kaisers, Währungsreform, noch mal Kapitulation, noch mal Währungsreform, Mauerfall. Stets fand ein Strukturbruch statt, der den Bürgern das Gefühl eines Neubeginns gab – wohlgemerkt eines institutionellen Neubeginns; Führungspersonal und gesellschaftliche Eliten blieben oft die alten.

Dieses Mal ist es anders: Institutionen funktionieren. Den Menschen geht es gut. Der politische Wille der derzeit Verantwortlichen ist zu groß, als dass Europäische Union und Soziale Marktwirtschaft – die Objekte unseres Systemvertrauens – in naher Zukunft untergehen würden. Neues Systemvertrauen muss heute aus dem Stand heraus geschaffen werden und kann nicht den emotionalen Schwung und die institutionelle Katharsis einer Revolution nutzen.

Einen Präzedenzfall gibt es nicht. Wo die Empirie nicht taugt, müssen wir uns der Theorie bedienen und versuchen, aus ihr Handlungsanleitungen abzuleiten. Der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Diskussion lässt sich auf drei Anker für neues Systemvertrauen kondensieren.

  • Neues Vertrauen in die Politik kann mit einfachem politischen Willen über Regeln geschaffen werden, die nicht hierarchisch steuern, sondern einen konstruktiven Leistungswettbewerb zwischen Staaten fördern. Eine funktionierende Wettbewerbsordnung aktiviert Volkswirtschaften wie Gesellschaften – Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit entsteht. Derartige Regeln sind der erste Anker.
  • Ähnliches gilt für Wachstum als zweitem Grundstein für Vertrauen. Finden Strukturreformen statt und werden Mittel aus dem EU-Haushalt in produktive Verwendungszwecke umgeschichtet, sind höhere Wachstumsraten, allgemeine Zuversicht und neues Vertrauen in das Wirtschaftsystem nicht mehr fern.
  • Ohne eine grundsätzliche gesellschaftliche Verständigung auf gemeinsame Werte und Ziele geht es jedoch nicht. Sie ist der dritte Vertrauensanker, die man beispielsweiseüber eine strukturierte Wertedebatte und eine stärkere Orientierung an Kardinaltugenden erreichen könnte. Allein sie kann in Zeiten großer Verunsicherung bewirken, dass wir unseren Standpunkt neu erkennen und verorten, in der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen einen Sinn sehen und uns mit ihr auch identifizieren.

Die Mühen sind es wert: Systemvertrauen als Standortvorteil ausbauen…

Systemvertrauen aus dem Stand heraus zu schaffen ist alles andere als einfach. Doch die Mühen sind es wert, denn stabiles Systemvertrauen ist ein Standortvorteil im globalen Wettbewerb: Das Systemvertrauen in anderen Kontinenten ist nicht in dem Maße ausgebaut wie in Europa. Für unsere Geschäftspartner bedeutet das Planungssicherheit, Zuverlässigkeit und weniger Kontrolle. Wir müssen alles dafür tun, dass das so bleibt.

Doch nicht nur das: Wir sollten unsere Vorstellungen von Werten und Vertrauenswürdigkeit nicht nur leben und als Wettbewerbsvorteil ausbauen, sondern globalen Wettbewerb zum Vertrauenswettbewerb umgestalten. Was sich zunächst abstrakt und praxisfern anhört, haben wir in vielen Bereichen bereits geschafft. Niemand auf der Welt ist so gut wie wir Europäer darin, moralische Exportschlager zu schaffen. In der Tat ist es uns Europäern in der Vergangenheit gelungen, Mindeststandards zu entwickeln, die Unternehmen das Leben anfangs schwer gemacht haben. Denn Mindeststandards erfordern zunächst Investitionen und verursachen somit Kosten. Im Endeffekt aber sorgen sie für höhere Wettbewerbsfähigkeit der Produkte. Das sorgt dann für Nachahmereffekte.

…und munter exportieren

Da wir in Sachen Lebensqualität und Mindeststandards weltweit führend sind, sieht man in uns auch einen globalen moralischen Standardsetzer. Und zwar nicht nur im Feld der Demokratie. 100 Jahre Umweltbewegung, 2000 Jahre Verbraucherschutz und 3000 Jahre Urbanität werden weltweit geschätzt und fleißig imitiert. Die Liste der Beispiele ließe sich noch fortsetzen. Sie alle zeigen, dass die Europäer es schon oft geschafft haben, den Preiswettbewerb im Wettkampf der Standorte in einen Qualitätswettbewerb umzuwandeln.

Genau dieses Erfolgskonzept gilt es nun auf Vertrauenskultur zu übertragen. Nach einem schmerzlichen Prozess der Selbsterkenntnis müssen wir es als unsere Mission begreifen, eine neue europäische Vertrauenskultur zu schaffen und diese per Vorbildfunktion munter zu exportieren. Das bedeutet: Im ersten Schritt neues Vertrauen zu schaffen, im zweiten Schritt dadurch erfolgreicher als andere zu werden und dieses Modell dann im dritten Schritt zu exportieren, indem andere es uns gleichtun.

Eine neue Vertrauenskultur ist möglich – in Europa und weltweit.

Hinweis

Dieser Beitrag gibt in Auszügen zentrale Aussagen des Buches

HEINEN, N. (2012): Mission Vertrauen: Wege aus der Eurokrise. Wege aus der Unsicherheit, Halle: Mitteldeutscher Verlag

wieder.

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