Die Logik des staatlichen Papiergeldes führt in die Inflation

Von Thorsten Polleit am 30. Oktober 2012
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Mit dem Ankauf von Staatsanleihen, wenn nötig auch in unbegrenzter Menge, will der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) die Kreditkosten strauchelnder Staaten und Banken künstlich tief halten. Schließlich droht vielen von ihnen der Bankrott, wenn die Marktzinsen nicht künstlich auf tiefe Niveaus gesenkt und dort gehalten werden.

Gegen diese „Rettungspolitik“ regt sich in der Öffentlichkeit kaum Widerstand. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass die schädlichen Nebenwirkungen dieser „Zinsmanipulationspolitiken“ des EZB-Rates weitgehend übersehen oder aber als akzeptabel angesehen werden. Um die Schäden, die aus der Zinsmarktmanipulation erwachsen, zu erkennen, muss man sich zunächst die volkswirtschaftliche Bedeutung des Zinses vor Augen führen.

In der heutigen „Mainstream Volkswirtschaftslehre“ wird der Zins als politisch zu kontrollierendes „Steuerungsinstrument“ gesehen, das je nach wirtschaftspolitischem Bedarfs- und Notfall beliebig zu verändern ist. Grundsätzlich wird ein niedriger Zins als förderlich für die Wirtschaft gesehen, ein hoher Zins hingegen als hinderlich.

Folglich soll die Zentralbank, so die herrschende Meinung, den Zins so tief wie möglich halten, um Produktion und Beschäftigung zu „fördern“. Vor allem in einer Rezession empfehlen viele Ökonomen (zur Freude vor allem von Regierungen und der Banken- und Finanzindustrie), die Zentralbank solle die Zinsen (noch weiter) absenken, um auf diese Weise die Wirtschaft aus dem Tal zu führen.

Der Zins ist aber keine lästige Kostenhürde, die ein Hindernis auf dem Weg zur Prosperität darstellt, und der von der Zentralbank auf ein möglichst tiefes Niveau geschleust werden muss. Diese Sichtweise ist ökonomisch falsch, sie atmet den Ungeist einer längst wiederlegten, aber immer noch weit verbreiteten ideologischen „Zinsfeindschaft“.

Der Zins ist eine nicht wegzudenkende Kategorie des menschlichen Handelns, er ist „denknotwendig“. Er ist Ausdruck einer ökonomischen Gesetzmäßigkeit: dass nämlich die Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse höher (wert)geschätzt wird als die künftiger Bedürfnisse. Der Zins ist, ökonomisch gesprochen, Ausdruck der „Zeitpräferenz“ der Menschen.

„Technisch“ gesprochen ist der Zins das (Markt-)Ergebnis aus dem Zusammentreffen des Sparmittelangebots (also dem Teil der laufenden Einkommen, der nicht konsumiert wird) und der Nachfrage nach Sparmitteln für Investitionszwecke. Der Zins ist der unverzichtbare Kompass für alle Marktakteure. Er macht eine zukunftsgewandte kapitalintensive Produktionsweise (der Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk (1850 – 1914) sprach hier von „Umwegproduktion“) überhaupt erst möglich.

Mit quasi unsichtbarer Hand leitet der Zins den Aufbau des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks. Letzterer lässt die Produktivität und damit Realeinkommen und Wohlstand im Zeitablauf anwachsen. Der Zins zeigt an, wie viele Ressourcen für neue Investitionen tatsächlich verfügbar sind – und welche Investitionsobjekte sich „nicht rechnen“, weil aufgrund der allgegenwärtigen Knappheit von Mitteln nun einmal nicht alle Investitionsprojekte gleichzeitig umgesetzt werden können.

Vor diesem Hintergrund wird offensichtlich, dass ein Heruntermanipulieren des Marktzinses durch die Geldpolitik (unter sein „natürliches Niveau“) unweigerlich volkswirtschaftliche Fehllenkungen knapper Mittel heraufbeschwören muss. Fehllenkungen von Kapital werden die Folge sein von Anleihekäufen, die der EZB-Rat nun anpeilt.

Erstens: Wenn der EZB-Rat Anleihen strauchelnder Staaten kauft, senkt er dadurch den Marktzins künstlich ab (und zwar unter das Niveau, das vorherrschen würde, wenn der EZB-Rat keine Anleihen kaufen würde). Der künstlich gedrückte Zins entlastet zwar die Staatsschuldner. Jedoch reduziert er gleichzeitig auch den Anreiz für Regierende und Regierte, ihren Staatshaushalt zu gesunden. Die Anreize zur Verschuldung steigen!

Zweitens, beginnt der EZB-Rat, die Zinsen auf künstlich tiefe Niveaus zu drücken, werden politische Begehrlichkeiten aktiviert. Die Geldpolitiker kommen unter Druck, die nominalen Zinsen nicht nur so tief wie möglich zu senken, sondern sie werden auch gedrängt, für negative Realzinsen zu sorgen: also den Nominalzins unter die Geldentwertungsrate zu senken. Auf diese Weise können sich nämlich die (politisch einflussreichen) Schuldner (wie vor allem Regierungen und Banken) auf Kosten der Investoren und Sparer besserstellen.

Drittens, ein negativer Realzins senkt den Anreiz zum Sparen. Ressourcen werden so verstärkt in Konsumausgaben gelenkt, und der notwendige Auf- und Ausbau des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks unterbleibt. Die Volkswirtschaft beginnt Kapitalkonsumption zu betreiben. Das Gegenwartseinkommen wird künstlich hoch gehalten, und das auf Kosten künftiger Einkommen.

Viertens: Ein Heruntermanipulieren des Zinses löst die wirtschaftlichen und politisch schädlichen „Boom-and-Bust“-Zyklen aus. So verzerrt der künstlich gesenkte Zins zum Beispiel die Preise von Aktien, Anleihen und Derivaten. Verfälschte Finanzmarktpreise verleiten zu Fehlentscheidungen und –investitionen, und das nicht nur im Finanzmarktsektor, sondern auch im Unternehmenssektor, dort also, wo die volkswirtschaftliche Produktions- und Beschäftigungsstruktur maßgeblich gestaltet wird.

Ein künstlich gesenkter Marktzins setzt Investitionen in Gang und schafft neue Arbeitsplätze, die nur aufgrund des künstlich gesenkten Zinses rentabel erscheinen – und die auch nur dann rentabel bleiben, wenn der Zins künstlich tief bleibt oder noch weiter abgesenkt wird. Eine solche Geldpolitik korrigiert nicht etwa die aufgelaufenen wirtschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen, sondern im Gegenteil, sie verstärkt und vergrößert sie.

Fehlentwicklungen kumulieren sich nämlich im Zeitablauf immer weiter auf. Und folglich wird auch die künftige Krise – also die künftige Korrektur der aufgelaufenen Fehlentwicklungen – umso größer ausfallen, je länger der künstliche Aufschwung, finanziert mit künstlich gesenkten Zinsen, in Gang gehalten wird. Ein Beispiel für diese Problematik ist die Entwicklung des bereits ohnehin völlig überdimensionierten Bankensektors im Euroraum.

Seine Bilanzsumme beläuft sich derzeit auf 34.427 Mrd. Euro – das sind etwa 360 Prozent des Volkseinkommens im Euroraum. Anfang 2007 waren es noch etwa 300 Prozent. Im Zuge der Krise ist der Bankenapparat also nicht etwa geschrumpft, sondern vielmehr noch weiter angeschwollen! Der Grund: Die Niedrigzinspolitik der EZB hält marode Banken künstlich über Wasser, verhindert ihren Marktaustritt und erlaubt ihnen zudem, ihr Geschäftsvolumen noch weiter auszuweiten. Die Kosten zur Bereinigung der Fehlentwicklungen sind bereits heute deutlich größer als noch zu Beginn der Krise.

Mit Blick auf das Anleiheaufkaufprogramm des EZB-Rates wird zudem häufig die damit verbundene Inflationsproblematik übersehen oder aber kleingeredet. Denn um die Zinsen für ausgewählte Staatsschuldner niedrig zu halten, wird der EZB-Rat seinen Worten Taten folgen lassen müssen. Und das heißt, er wird Anleihen aufkaufen und mit neu geschaffenem Geld bezahlen müssen. Der Hinweis des EZB-Rates, dass das neu geschaffene Geld „neutralisiert“ werde, überzeugt nicht.

Wenn nämlich Nichtbanken (wie zum Beispiel Versicherungen, Pensionskassen und private Sparer) beginnen, ihre Anleihen auf den Markt werfen, muss der EZB-Rat, wenn der die Zinsen tief halten will, den Kaufpreis direkt auf die Konten der Verkäufer überweisen – und das erhöht den umlaufenden Zahlungsmittelbestand. Dabei ist zu beachten, dass die Euroraum-Banken „lediglich“ Staatsanleihen und Staatskredite in Höhe von gut 2.700 Milliarden Euro in ihren Bilanzen halten. Der Großteil der ausstehenden Staatsschulden in Höhe von knapp 6.000 Milliarden Euro dürfte vor allem bei Nichtbanken im In- und Ausland liegen. Das Inflationspotenzial ist folglich immens!

Dass Europa zusehends auf ein zentralistisch-planwirtschaftliches Modell einschwenkt, und die EZB nun in den Dienst der Regierungen gestellt wird – also die deutsche Blaupause einer politisch unabhängigen Zentralbank Makulatur ist –, mag Bestürzung hervorrufen. Doch überraschen kann das nicht.

Diese Entwicklungen folgen der unerbittlichen Logik des ungedeckten Papiergeldes, für dessen Produktion der Staat das Monopol beansprucht: Die Logik, die der Verstaatlichung der Geldproduktion innewohnt (noch dazu eine, die in den Händen einer Vielvölkergemeinschaft liegt), wird absehbar zu einer ungehemmten Ausweitung der Geldmenge führen.

Unter dem Drängen der Regierungsvertreter und den von ihnen begünstigten Gruppen, den Euro um „jeden Preis“ zu erhalten, wird der EZB-Rat die Zahlungs- und Konjunkturprobleme, die er durch die ungedeckte Papiergeldausgabe selbst verursacht hat, mit der Ausgabe von immer neuem Geld zu lösen versuchen. Das wird so weit getrieben, bis die vermeintliche Problemlösung – das Geldmengenvermehren – selbst zum zentralen Problem wird: die offen zu Tage tretende Geldentwertung, die hohe, oder sehr sogar sehr, sehr hohe Inflation.

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6 Reaktionen zu “Die Logik des staatlichen Papiergeldes führt in die Inflation”

  1. Kleine Presseschau vom 30. Oktober 2012 | Die Börsenblogger

    [...] Thorsten Polleit: Die Logik des staatlichen Papiergeldes führt in die Inflation [...]

  2. Makrointelligenz

    Die Logik der Zinsmanipulation durch die Zentralbank ist begründet in der Starrheit von Löhnen und Preisen. Um real mehr Geld halten zu können, müsste bei einem konstanten nominalen Geldangebot das Preisniveau entsprechend fallen, so dass das Geld mehr Wert ist. Das Preisniveau fällt jedoch selbst bei einem rapiden Rückgang der Güternachfrage und einem korrespondierenden starken Anstieg der Geldnachfrage kaum bzw. graduell und nicht sofort. Diese Starrheit des Preisniveaus garantiert den Geldhaltern in so einer Situation eine reale Rendite durch Geldhaltung. Die hohe Nachfrage nach Geld bringt ja eigentlich zum Ausdruck, dass viele Bürger Konsummöglichkeiten in der Zukunft gegenüber Konsummöglichkeiten in der Gegenwart präferieren. Daher sollte das reale Tauschverhältnis von Gütern jetzt zu Gütern in der Zukunft entsprechend dieser Präferenz eher fallen, jetzige Güter also relativ an Wert verlieren. Dazu müsste der reale Zins fallen, daher sind die sinkenden Zinsen durch die Zentralbank nur eine konsequente Reaktion. Sollte der Realzins dennoch aufgrund der Preisrigiditäten und dem starren Preisniveau über demjenigen liegen, was bei vollständiger Flexibilität der Preise herrschen würde, müsste die Zentralbank Geld drucken, um das zukünftige Preisniveau anzuheben, um somit korrekte Relationen herzustellen.
    Alternativ garantiert man Anlegern eine reale Verzinsung dadurch, dass in der Gegenwart weniger Güter hergestellt werden und damit eine temporäre Knappheit an Gütern herrscht welche das reale Tauschverhältnis zugunsten der Gegenwart (also Richtung hoher Realzins) beeinflusst.

  3. Michael Thuma

    Billiges Geld fördert Verschwendung. ‘Big Easy’ frohlockt.

  4. Bernd Höfinger

    Herr Thuma und Herr Polleit haben Recht – auch Investitionen sind letztendlich immer Verschwendung, wenn sie auf Pump finanziert sind. Ein solides Unternehmen investiert immer mit den eigenen Ersparnissen. Was haben Unternehmen denn früher gemacht, als es noch nicht diese Finanzmärkte gab? Das ging ja auch. Alles grundsolide!

  5. EZB als Gosplan – Sterilisierung und Neutralisierung | Frank Schäffler

    [...] ist ein weiterer Punkt, auf den Thorsten Polleit aufmerksam macht. Die EZB und die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die Banken auch die Verkäufer von [...]

  6. Mario Sedlak

    Wieso der Anreiz zu Investitionen sinkt, wenn die realen Zinssätze am Geldmarkt negativ sind, bleibt mir nach dem Lesen dieses Artikels verborgen. Meines Erachtens sind negative reale Zinssätze eine logische Folge eines Überschusses von Anlagekapital.

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