Wieviel Industrie braucht das Land?

Vom jüngsten konjunkturellen Aufschwung in Deutschland hat vor allem der industrielle Sektor profitiert. Manche Beobachter frohlocken nun, dass damit der jahrzehntelange Strukturwandel zu Lasten der Industrie und zu Gunsten der Dienstleistungen endlich vorüber sei. Ihnen war dieser Strukturwandel schon lange suspekt, da er ihnen als Ausdruck einer Erosion der industriellen Basis der Wirtschaft und einer Schwächung ihres langfristigen Wachstumspotentials erschien. Dieses Frohlocken weckt zwei Fragen, und zwar eine vordergründige und eine hintergründige.

Die vordergründige Frage lautet, ob denn die Erwartung einer Trendumkehr im sektoralen Strukturwandel tatsächlich berechtigt ist. Die Antwort lautet: nein. Seit den frühen 1970er Jahren kennt der sektorale Strukturwandel in der (west-)deutschen Wirtschaft nur eine trendmäßige Richtung: weg von der Industrie – hin zu den Dienstleistungen. Allein seit 1991 (dem ersten statistisch belastbaren Jahr seit der Wiedervereinigung) sind in der deutschen Industrie vier  Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen – und zugleich mehr als fünf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstanden. Dabei vollzog sich die Expansion des Dienstleistungssektors eher kontinuierlich und in kleinen Schritten, während sich die Kontraktion des industriellen Sektors auf konjunkturelle Schwächephasen konzentrierte.

Wie stellt sich vor diesem Hintergrund der aktuelle Strukturwandel dar? Seit 2005 sind in der Industrie (in den amtlichen Statistiken als Produzierendes Gewerbe und Baugewerbe bezeichnet) immerhin 75.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden, doch in den Dienstleistungsbranchen waren es 946.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Der Anteil des industriellen Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung ist damit weiter geschrumpft, und zwar von 25,9% im Jahr 2005 auf 25,4% im Jahr 2007. Anteilsgewinne konnte die Industrie bei der Bruttowertschöpfung verbuchen – hier legte sie zwischen 2005 und 2007 von 28,9% auf 30,1% zu. Auf diese Entwicklung könnten sich also die Hoffnungen der Apologeten der Reindustriealisierung richten. Wenn die Veränderung in den Wertschöpfungsstrukturen nur lang genug anhalten und kräftig genug ausfallen würde, könne auf längere Sicht durchaus mit einem Anstieg des Industrieanteils auch bei der Beschäftigung gerechnet werden.

Tatsächlich hatte es zuvor in keinem Jahr seit der deutschen Vereinigung einen Anstieg des Industrieanteils an der Bruttowertschöpfung gegeben. Doch für Strukturforscher ist dies eine eher kurzfristige Betrachtung. Für die westdeutsche Wirtschaft lassen sich für die Zeiten vor der Wiedervereinigung gleich mehrere Phasen ausmachen, in denen trotz eines langfristigen Trends zu den Dienstleistungen eine kurzfristige Verschiebung in den Wertschöpfungsstrukturen zugunsten der Industrie zu verzeichnen war. Von 1975 bis 1976     stieg der Anteil des industriellen Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung um 0,3 Prozentpunkte; von 1984 bis 1986 waren es 0,5 Prozentpunkte, und von 1988 bis 1989 waren es 0,2 Prozentpunkte. Durch die Strukturentwicklung in den jeweils nachfolgenden Jahren wurden diese temporären Reindustrialisierungen allerdings regelmäßig mehr als kompensiert.

Auch wenn die Anteilsgewinne der Industrie an der Bruttowertschöpfung diesmal besonders kräftig ausgefallen sind, so ist kein Grund dafür ersichtlich, warum der Strukturwandel in seiner längerfristigen Tendenz diesmal anders verlaufen sollte als in den siebziger und achtziger Jahren. Denn vorübergehende Reindustrialisierungen sind nicht zuletzt der Reflex einer überdurchschnittlich hohen Konjunkturanfälligkeit der Industrie, die wiederum ihre Wurzeln in der stärkeren Exportorientierung sowie im Auf und Ab der Lagerhaltung hat. Dienstleistungen sind international wesentlich schwerer handelbar, und der Lagerzyklus spielt schon deshalb bei Dienstleistungen keine Rolle, weil diese definitionsgemäß nicht lagerfähig sind. Der jüngste Boom in der Industrie ist zusätzlich begünstigt worden durch die reale Abwertung der deutschen Wirtschaft (fester Euro-Kurs bei unterdurchschnittlicher Inflationsrate), die den außenwirtschaftlich integrierten industriellen Sektor stärker begünstigt hat als den vorwiegend für die Binnennachfrage produzierenden Dienstleistungssektor. Doch auch dies wird sich nicht in alle Zukunft fortsetzen. Die aktuelle Reindustrialisierung in den Wertschöpfungsstrukturen wird also Episode bleiben, und die von manchen erhoffte Reindustrialisierung in den Beschäftigungsstrukturen wird wohl ganz ausbleiben.

Die vordergründige Frage ist damit im Wesentlichen beantwortet. Schwerer fällt die Antwort auf die hintergründige Frage, ob der Strukturwandel von der Industrie zu den Dienstleistungen eine positiv oder negativ zu bewertende Entwicklung darstellt. Diese normative Frage ist unter anderem relevant dafür, ob die Wirtschaftspolitik die temporäre Reindustrialisierung aktiv unterstützen und verstetigen sollte oder ob sie sich besser heraushalten sollte. Um es vorweg zu nehmen – die Antwort dieses Beitrags lautet: besser heraushalten.

Obwohl die (west-)deutsche Wirtschaft mittlerweile auf mehr als drei Jahrzehnte eines Strukturwandels zugunsten der Dienstleistungen zurückblicken kann, gibt es nach wie vor vielfältige Vorurteile gegen diesen Prozess. Jener Altkanzler, der auch als Autokanzler bekannt wurde, warnte davor, uns in ein Volk zu verwandeln, das davon lebt, dass einer dem anderen die Haare schneidet. „Dienstleistungen kann man nicht essen“, heißt die griffige Formel dazu. Doch kann man denn Autos essen? Sowohl Dienstleistungen als auch Industriewaren decken nur indirekt (über die von ihnen abgegebenen Leistungen) die Bedürfnisse der Menschen. Und bedürfnisgerechte Leistungen können von Dienstleistungen ebenso gut abgegeben werden wie von Industriewaren.

Auch die Vorstellung, der Dienstleistungssektor werde geprägt von Haarschneidern und Pizzabäckern, deren Produktivität nur begrenzt steigerbar sei und die deshalb den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt bremsen würden, ist eher ein Zerrbild der Realität. Nicht nur für den industriellen, sondern auch für den Dienstleistungssektor tritt die Nachfrage nach Vorleistungen gegenüber der Nachfrage nach Endprodukten immer mehr in den Vordergrund. Dies widerspricht weitverbreiteten Vorstellungen über die Tertiarisierung, nach denen die Konsumenten – plakativ ausgedrückt – weniger Kühlschränke kaufen und dafür häufiger in die Pizzeria gehen. Tatsächlich sind es die steigenden Lieferungen von Vorleistungen des Dienstleistungssektors, die dessen Expansion maßgeblich vorantreiben.

Die zunehmende Bedeutung von Vorleistungslieferungen aus dem Dienstleistungssektor spiegelt sich auch in der unterschiedlichen Dynamik verschiedener Branchen innerhalb dieses Sektors wieder. Besonders rasch gewachsen ist die Beschäftigung in jenen Bereichen, die vorwiegend Dienstleistungen für andere Unternehmen erstellen. Konsumnahe Dienstleistungen bleiben in ihrer Beschäftigungsentwicklung deutlich dahinter zurück. Die Lieferungen von Dienstleistungen für Unternehmen reichen weit über die Sektorgrenzen hinweg, denn sie werden nicht nur von anderen Dienstleistungsunternehmen, sondern auch von Industrieunternehmen nachgefragt und führen auch dort zu grundlegenden Umgestaltungen der Produktionsprozesse.

Der sektorale Strukturwandel vollzieht sich also nicht primär über eine Verdrängung von Industriewaren durch Dienstleistungen, sondern durch eine Verdrängung alter Produkte durch differenziertere, dienstleistungsintensiver hergestellte moderne Produkte. Dieser Prozess der Tertiarisierung der Produktionsprozesse beschränkt sich nicht auf den Dienstleistungssektor selbst, sondern reicht über die intersektorale Vorleistungsverflechtung weit in den industriellen Sektor hinein. Moderne Dienstleistungen werden dadurch mehr und mehr zu wichtigen Treibern des Produktivitätsfortschritts, indem sie die Voraussetzungen schaffen für  die Produktion hochwertiger, an die Marktanforderungen angepasster Industriewaren.

Doch wieviel Industrie braucht unser Land denn nun? Jedenfalls weniger, als es derzeit hat. In Deutschland liegt der Anteil des Dienstleistungssektors an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung etwas über 70%, während die entsprechenden Anteile in den Vereinigten Staaten, in Kanada oder in Großbritannien bei rund 80% liegen. Von der Wachstumsdynamik her brauchen diese Länder sich nicht vor Deutschland zu verstecken. Ein hoher Dienstleistungsanteil stellt also auch aus diesem Blickwinkel heraus keineswegs eine gesamtwirtschaftliche Wachstumsbremse dar.

Ob all diese Argumente ausreichen, der weitverbreiteten Furcht vor der Deindustriealisierung Einhalt zu gebieten, darf allerdings bezweifelt werden. Die Fixierung wirtschaftlicher Wertvorstellungen auf physisch greifbare Dinge hat möglicherweise archaische Wurzeln, denen mit nüchterner Ökonomie kaum beizukommen ist. Gönnen wir den archaischen Industrieverehrern ihre kurzfristige Erleichterung, die sie offenbar bei der aktuellen Strukturentwicklung empfinden.

Henning Klodt

Henning Klodt

Institut für Weltwirtschaft in Kiel (bis 2017)
Henning Klodt

Eine Antwort auf „Wieviel Industrie braucht das Land?“

  1. Sehr geehrter Herr Klodt,

    Ihren Beitrag möchte ich nicht unkommentiert lassen.
    Sie stellen in etwa Folgendes fest:
    Unser Land braucht weniger Industrie, als es derzeit hat. Ein einfacher internationaler Vergleich der Dienstleistungsanteile an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung ist gleichsam der Beweis. Dienstleistungen sind der Schlüssel für Wohlstand und Beschäftigung hierzulande. Und wer es anders sieht, ist ein „archaischer Industrieverehrer“, der offenkundig verwirrt und ökonomisch unbedarft vergangenen Zeiten nachtrauert.
    Dazu in aller Kürze:
    Industrielle Produktion am Standort Deutschland kann eine glänzende Zukunft vor sich haben, wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen und „intelligent produzieren“, d.h. um so viel besser, schneller und auch anders sind, als unsere Wettbewerber im Ausland möglicherweise billiger sein können. Und genau hier lag in der Vergangenheit die Stärke unserer Volkswirtschaft! Mit ist klar, es kommt darauf an, was produziert und wie produziert wird; arbeitsintensive Produktion einfacher Massenwaren kann nicht Devise sein. Intelligent müssen Produkte und Prozesse eben sein. Dazu braucht es Ideen, in Art und Menge geeignete Produktionsfaktoren – allen voran die richtigen Mitarbeiter – und einen staatlichen Rahmen, der dem vorhandene Potenzial bei seiner Entfaltung und Mehrung behilflich ist und es nicht knapp hält, in seiner Wirksamkeit unterdrückt oder gar aus dem Land treibt – ein anderes Thema.

    Trotz der fraglos „suboptimalen“ Standortbedingungen hat z.B. der Maschinen- und Anlagenbau 2007 rund 50.000 wertige Jobs in Deutschland geschaffen. Überhaupt: Ist es nicht der industrielle Sektor, der das Fundament für die mehr oder weniger damit verwobenen Dienstleistungen bildet? Ist nicht darüber hinaus ein Großteil der statistischen Gewichtszunahme des Dienstleistungssektors einer reinen Verlagerung gewisser Tätigkeiten aus den Unternehmen geschuldet (outsourcing)? Dieser Trend scheint im Übrigen gestoppt, genauso wie die Verlagerungen von Wertschöpfung aus Deutschland im Zeitablauf abnehmen. „Rückverlagerung“ ist das geflügelte Wort dieser Zeit. Auch die importierten Vorleistungen als Anteil der deutschen Warenexporte wachsen in letzter Zeit nicht mehr.
    Ferner ist es augenscheinlich so, dass sich ein bedeutender Teil der statistischen Gewichtsverschiebung hin zu Dienstleistungen damit erklären lässt, dass in wettbewerblichen Märkten höhere Produktivitätsgewinne zu relativen Preissenkungen führen. Produktivitätsgewinner (Industrie) sind demnach Preisverlierer, der statistisch erfasste Anteil am BIP etwa sinkt ceteris paribus (vgl. dazu exemplarisch Grömling, M. (2007): Reindustrialisierung in Deutschland?, in List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik, Bd. 33 (2007), Heft 3).

    Ich bin mir über die zunehmende Bedeutung von Dienstleistungen und Serviceleistungen im Klaren. Auch für die Industrie liegt ein Erfolgsgeheimnis der Zukunft sicherlich in einem intelligenten Schnüren von Paketen aus Waren und dazugehörigen Dienstleistungen oder im Verkauf von Wissen alleine. Und ein Blick auf den gesamtwirtschaftlichen Anteil der Dienstleistungsausfuhren an den Exporten im internationalen Vergleich zeigt, dass hier aus deutscher Sicht noch eine Menge Luft nach oben ist. Aber: Deutschlands Stärke kann auch in Zukunft die industrielle Produktion sein, aber eben „intelligente Produktion“, Spitzentechnologie für den Weltmarkt.

    Ich hielte es für gefährlich, wenn in der Gesellschaft, Wissenschaft und erst Recht bei den politischen Entscheidungsträgern das Bild entstünde, der Niedergang der industriellen Produktion in Deutschland sei unaufhaltsam. Und Kommentare wie der Ihre fördert eben dies. „Archaische Industrieverehrer“ kenne ich persönlich keine; ich kenne jedoch viele Menschen, die jeden Tag dafür kämpfen, am Standort Deutschland erfolgreich zu produzieren.
    Zukunft lässt sich gestalten!

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