Metapher statt Prophetie
Was Ökonomen von Geisteswissenschaftlern lernen können

Der Anforderungskatalog, den John Maynard Keynes für gute Ökonomen aufstellte, hat es in letzter Zeit (auch in diesem Blog) zu einiger Berühmtheit gebracht. Keynes schreibt über seinen Lehrer Alfred Marshall (und kennt in seiner eigenen Person gewiss zumindest noch einen Ökonomen, auf den all das zutrifft): „Er (i.e. ein Meisterökonom) muss einen hohen Standard in mehreren verschiedenen Richtungen erreichen und Talente miteinander kombinieren, die man nicht oft zusammen findet. Er muss Mathematiker, Historiker, Staatsmann, Philosoph sein – bis zu einem gewissen Grad. Er muss Symbole verstehen und in Worten sprechen. Er muss das besondere im Zusammenhang mit dem Allgemeinen begreifen, und Abstraktes wie Konkretes im selben Gedankengang ertasten. Er muss die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit studieren für die Zwecke der Zukunft. Kein Teil der menschlichen Natur oder seiner Institutionen darf sich völlig außerhalb seines Blickes befinden.“

Seit Ausbruch der Finanzkrise wird darüber diskutiert, ob inzwischen die Vielfalt der Eigenschaften eines Ökonomen einer stil- und normbildenden Einfalt gewichen ist, wonach er vor allem und ausschließlich Mathematiker sein müsse. Genau dieses Modell der Wirtschaftswissenschaft, focusiert auf  Mathematik (und Physik), könnte zu der irrigen Annahme verleitet haben, das heute alle Unwägbarkeiten des Lebens beherrschbar und in den Risikomodellen der Ökonomen bereits antizipiert seien. Unknown unknowns – mit Donald Rumsfeld zu sprechen – Ereignisse, die wir nicht nur nicht kennen, sondern von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie nicht kennen, sind in einer derart mathematisch beherrschten Welt nicht vorgesehen. Wenn sie dann doch eintreten wie jetzt, ist der Grad der Traumatisierung entsprechend hoch. „What went wrong with economics“ fragt der britische „Economist“ in der Titelgeschichte (18. Juli 209) seiner jüngsten Ausgabe und empfiehlt – neben den Irrwegen der Makroökonomen – vor allem die Theorie effizienter Märkte der Finanzleute in hohem Maße zur Überarbeitung.

Diese Überarbeitung überlassen wir gerne den Ökonomen. Mir geht es an dieser Stelle im Kern um die Frage, ob es eine privilegierte Referenzwissenschaft für die Ökonomie geben soll, oder – mit Keynes – ob es nicht besser ist, wissenschaftstheoretisch eine Pluralität von Referenzfolien zuzulassen. Vertreter einer an Hayek orientierten Evolutionsökonomie bringen statt der Physik regelmäßig die Biologie als Bezugsrahmen ins Spiel, hat doch Darwin spontane Ordnungen besser verstanden als Newton und gibt es spontane Ordnungen nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gesellschaft und Kultur. Anhänger der alten Schule der deutschen Ordnungspolitik und Finanzwissenschaft würden dagegen die Medizin als Referenz nennen: Wie der Arzt die Gesundheit des Patienten und dessen gutes Leben im Auge hat, so gibt der Ökonom der Wirtschaftspolitik Rat, damit das Verhältnis von Markt und Staat in gute Ordnung kommt, der Sozialstaat nicht noch kränker und der Steuerstaat nicht noch gefesselter wird. Und wie der Arzt, der dem Patienten rät, mit dem Rauchen aufzuhören und sich gesund zu ernähren, hört der Patient zwar die guten Ratschläge seines Doktors, ist aber zu schwach, sich daran zu halten.

Gewöhnungsbedürftig, aber höchst anregend, ist es indes, die Ökonomie als eine Geistes- oder Literaturwissenschaft zu betrachten. Selbst Keynes, dessen Bloomsbury-Freundschaft mit Virginia Woolf dafür einen Sinn hätte entwickeln können (das kann man demnächst in Gerald Braunbergers Buch: Keynes für Jedermann,  FAZ-Buch September 2009, nachlesen), wollte nicht so weit gehen: die Philosophie reichte ihm. Radikaler argumentiert die amerikanische Ökonomin Deirdre McCloskey (Chicago), die seit den 80er Jahren (damals noch als Mann unter dem Namen Donald McCloskey) an dem Projekt des „New Economic Criticism“ arbeitet. McCloskey zu lesen ist in diese Krise (aber nicht nur wegen der Krise) außerordentlich wohltuend.

McCloskey stammt aus der Chicago-Schule, ist Schülerin Milton Friedmans, versteht sich bis heute als Liberale im europäischen Sinn, hat aber ihr stupendes kulturhistorisches und literarisches Wissen dazu genutzt, die Ökonomie als eine hermeneutische Wissenschaft zu entwerfen. „The literary character of Economics“ und „Storytelling in Econmics“ heißen die ihre grundlegenden Aufsätze (http://deirdremccloskey.org/articles/index.php). Ihre These: „Ökonomen erzählen Geschichten und schreiben Gedichte.“  Die Konsequenz: Ökonomie ist Fiktion, Belletristik, nicht (nur) Spiegelung und schon gar nicht mathematisch exaktes Abbild der sozialen Welt, sondern (auch) Konstruktion dieser Wirklichkeit und von vergleichbarem Wahrheitsgehalt wie die Literatur. Bei McCloskey – wie für jeden Literaturwissenschaftler – ist das alles andere als eine Abwertung. Im Gegenteil: Die Welt muss gedeutet werden, und Deutung ist immer Vielfalt und nicht (naiv) Einfalt. Und diese Deutung vollzieht sich entweder in Geschichten oder in Metaphern.

Zur Veranschaulichung der ökonomischen Literaturtheorie hier zwei Beispiele:
1.    Geschichten. Nehmen wir den Mindestlohn. Juristen (und viele Politiker, Gewerkschafter und andere Zeitgenossen) erzählen die Geschichte von menschenwürdiger Arbeit. „Man muss von seinem Lohn auch leben können.“ Eine gesetzliche Untergrenze, so diese Geschichte („Lesart“) schützt die Menschen vor Ausbeutung. Ein Mindestlohngesetz hat somit einen positiven Effekt: Der Mindestlohn schützt Arbeiter vor Ausbeutung und garantiert ein anständiges Leben. Ökonomen sehen ganz andere Effekte: Verursacht ein Arbeiter mehr Kosten als er dem Unternehmer Geld einbringt, wird er entlassen. Das Mindestlohngesetz, sofern der Mindestlohn über dem Marktlohn ist, macht ihn somit arbeitslos, was schlimmer ist als Arbeit bei einem seiner Produktivität entsprechendem Lohn. Die ökonomische „story“ erzählt die „unbeabsichtigten Effekte“, die juristische die „intendierten Effekte“. Welche Geschichte stimmt? Der New Economic Criticism plädiert dafür, die unterschiedlichen Deutungen auszuhalten und die Spannung gerade nicht aufzulösen.
2.    Metaphern. Metaphern sind nicht uneigentliche Rede, im Gegenteil: Sie erweitern die Sprache und ihre Ausdrucks- und Deutungsmöglichkeiten „Metaphorische Rede präzisiert, indem sie mit der Dialektik von Vertrautheit und Verfremdung arbeitet“ (Eberhard Jüngel). Durch die verfremdete Benennung erweitert sich die Bedeutung eines Sachverhalts. Das Standardbeispiel seit Aristoteles heißt: Achill ist ein Löwe. Klar ist: Achill ist nicht wirklich ein Löwe. Aber er ist wie ein Löwe. McCloskeys ökonomische Beispiele sind: die „unsichtbare Hand“, der „Zyklus“ oder das „Humankapital“. Als Metapher gelesen, lässt sich die gezielte Provokation der Begriffe besser verstehen. Natürlich gibt es im Markt keine unsichtbare Hand. Aber wie durch eine unsichtbare Hand verwandelt sich Eigennutz in Gemeinnutz. Metaphern zu bilden ist ein sprachschöpferisches Beispiel, das natürlich auch misslingen kann.

Zurück zur Finanzkrise: „Storytelling makes it clearer why economists disagree“, schreibt McCloskey. Wer hat recht: Keynes oder Friedman? Woher kommt die Erlösung: Von der Geld- oder von der Fiskalpolitik? Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Könnte es sein, dass der Zwang zur Eindeutigkeit und die Suggestion mathematisch kontrollierbarer Wissenschaftlichkeit der sozialen Welt nicht angemessen ist. So lange zwei Storys einander widersprechen und die Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise erzählen, zwingt dieser Widerspruch, auf der Hut zu sein. Wenn aber Ambivalenzen und Ambiguitäten aus einer Wissenschaft verbannt werden, kann sich rasch Sorglosigkeit einnisten: Wo wird denn noch ein Risiko sein, wenn die Mathematiker alles im Griff haben?

Weil Ökonomie eine Art von Sozialgeschichte oder Kulturwissenschaft ist, taugt sie nicht zur Prophetie, die die künftige wirtschaftliche Entwicklung vorherzusagen wüsste. Seit der Krise ist es wohlfeil, dies zu behaupten und dient zumeist strategisch dem Bekenntnis der ökonomischen Unschuld. McCloskey hat das aber aus wissenschaftstheoretischen Erwägungen schon vor zwanzig Jahren gesagt „Viele halten die Ökonomen für eine Art Vorhersager des sozialen Wetters. Und unglückseligerweise nehmen Ökonomen für ihre Prognosen auch noch Geld. Aber genau so wenig, wie es in die Kompetenz von Seismographen fällt, ein Erdbeben vorher zu sagen, und genauso wenig wie Politologen einen Wahlausgang kennen, können die Ökonomen etwas vorher wissen.“ McCloskey ergänzt: „If they were so smart they would be rich.“

4 Antworten auf „Metapher statt Prophetie
Was Ökonomen von Geisteswissenschaftlern lernen können

  1. Hervorragender Beitrag! Er zeigt, dass es dringend nötig ist, gegen die allgemein vorherrschende schlechte Meinung über die Geisteswissenschaften anzukämpfen. Ich finde es sehr wichtig zu bedenken, dass die meisten Dinge von zwei Seiten aus betrtachtet werden können und müssen – in jeder Wissenschaft. Wohingegen der Diskurs in anderen Wissnenschften geradezu von solchen Ambiguitäten lebt, versteifen sich gerade die Naturwissenschaften auf ein festgelegtes Ergebnis und verengern damit den eigenen Blickwinkel enorm. Über den berühmten Tellerrand wird da nicht mehr hianusgeguckt.

  2. Lieber Herr Hank,

    mir hat Ihr Beitrag sehr gefallen. Ich glaube, dass es hier weniger um ein “entweder – oder” sondern eher um ein dialogisches Verhältnis von formalem und interpretierendem (hermeneutischem) Zugang zur Ökonomie geht. “Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund” heisst es bei Popper. Ich denke, dass auch die guten Formalisten in der Ökonomie (im Gegensatz zu den Angelernten, die meinen, dass sie jetzt wüssten, was Ökonomie sei), immer ihre Ergegnisse hinterfragen und gleichsam eine andere, interpretierende Ebene implizit mitlaufen lassen. Nur erschweren es die gegenwärtigen Formen wissenschaftlichen Argumentierens, diese Ebene explizit werden zu lassen, so dass die formale Ebene dann letztlich den Ausschlag gibt. Dann kommt es zu Einseitigkeiten und zu Irrtümern, und die produktive Wirkung von Metaphern wird verkannt. Haben sie ganz herzlichen Dank für Ihren Beitrag

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