Wohin soll´s denn gehen?

Fragt der Taxifahrer den Ökonom: „Wohin soll´s denn gehen?“.

In der Regel kann der Ökonom eine präzise Aussage zu seinem Fahrtziel machen. Fragt der Taxifahrer dann während der Fahrt den Ökonom, wohin es denn mit der Wirtschaft gehen soll, ist die Antwort nicht eindeutig. Die Schar der Ökonomen teilt sich dann mindestens in zwei Lager:

Der einen Gruppe ist klar, dass es natürlich in die Dienstleistungswirtschaft geht – und gehen soll. Schließlich wächst mit steigendem Wohlstand quasi automatisch die Nachfrage der Menschen nach Dienstleistungen. Wenn die materiellen Bedürfnisse erst einmal größtenteils gedeckt sind, dann kann das verbleibende und ansteigende Einkommen für (höherwertige) Dienstleistungen verausgabt werden. Beispiele dafür sind Finanz- und Versicherungsdienste, Gesundheits- und Wellnessleistungen sowie Unterhaltungsdienstleistungen der vielfältigsten Art. In der Tat nahm in Deutschland und anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften langfristig der Dienstleistungsanteil an den privaten Konsumausgaben zu.

Außerdem ist das Leben in modernen Gesellschaften hoch komplex, sodass viele Dienstleistungen – zum Beispiel im Informations- und Kommunikationsbereich – vielen nahezu „überlebenswichtig“ erscheinen. Nicht zuletzt setzt auch der wachsende Konkurrenzdruck durch die aufstrebenden Volkswirtschaften den traditionellen Industriebetrieben zu. Den fortgeschrittenen Ländern bleibt da mehr oder weniger nur noch die Flucht aus der vermeintlich „alten“ und international hart umkämpften Industrie in die hochmodernen Dienstleistungen.

Die Vertreter der anderen Gruppe sind sich dagegen nicht sicher, wohin der Strukturwandel gehen soll und gehen wird, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Anmaßung von Wissen? Die aktuelle Wirtschaftsstruktur eines Landes ist – zumindest in einer Marktwirtschaft – das Ergebnis vielzähliger unternehmerischer Entscheidungen. Natürlich haben Wirtschaftspolitiker immer wieder auch mit Strukturpolitik und Industriepolitik versucht, die Wirtschaft ihres Landes in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die empirischen Erfolgsbefunde sind jedoch spärlich. In einer Marktwirtschaft entdecken die Unternehmen selbst das für sie relevante Produkt, mit dem sie ihr Überleben sichern wollen. Normative Empfehlungen in Richtung einer bestimmten Wirtschaftsstruktur müssen zumindest den Beweis führen, dass es Dienstleistungsökonomien (oder Industrieländern) langfristig besser geht. Und dazu gibt es durchaus unterschiedliche Befunde (ohne an dieser Stelle das große Fass der Wohlstandsmessung öffnen zu wollen): Das Pro-Kopf-Einkommen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit einem vergleichsweise hohen Dienstleistungsanteil ist höher als in den aufstrebenden Ländern mit einem vergleichsweise hohen und langfristig stabilen Industrieanteil. Das zeigt uns zumindest der Blick auf das aktuelle Einkommensniveau. Dem Konvergenzprozess – also dem Aufholen der ärmeren Länder – stand ihr hoher Industriesektor aber nicht im Weg. Nur mit Dienstleistungen wären viele Länder möglicherweise nicht so gut und schnell vorangekommen. Auch in der Gruppe der fortgeschrittenen Länder gibt es kein eindeutiges Bild. Das gilt sowohl für den Blick auf das Einkommensniveau als auch auf die Einkommensdynamik. Ein klarer Wohlstandsvorteil der Dienstleistungsländer ist hier nicht zu erkennen. Außerdem ist zu vernehmen, dass auch Politiker ihre Meinung ändern: Während sie vor Jahren noch mehrheitlich der Dienstleistungsmonstranz hinterherliefen, hat ein nicht geringer Teil die Industrie wieder für sich entdeckt. Die globale Finanzmarktkrise von 2009 hat hierzu maßgeblich beigetragen. Zu den Konvertiten gehört zum Beispiel auch die EU-Kommission. Nach ihren Vorstellungen soll es in der EU zu einer Reindustrialisierung kommen und der Industrieanteil soll auf 20 Prozent ansteigen. Und auch die USA ist wieder auf dem Industrietrip – nachdem sie jahrzehntelang als Vorbild für den erfolgreichen Strukturwandel und als Muster zur Berechnung von Dienstleistungslücken diente.

2. Krisenanfälligkeit? Industrieländer galten bislang als anfälliger für Konjunkturkrisen. In der Tat ist die Wertschöpfung im Industriebereich deutlich volatiler als im Servicesektor. Industriewaren sind handelbare Produkte mit einem oftmals sehr hohen Exportanteil. Das macht sie für die Wechsellagen der Weltwirtschaft empfindlicher. In Deutschland ist das Verarbeitende Gewerbe immer noch der konjunkturelle Taktgeber, obwohl rund 70 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung auf den Dienstleistungssektor entfallen. Ein Teil dieser Dienste – etwa im Staats-, Gesundheits- und Bildungsbereich – kennt einfach keine oder kaum Konjunktur. Gleichwohl darf nicht ignoriert werden, dass die letzte große Rezession im Kern eine Dienstleistungskrise war. Die Krise der Jahre 2008 und 2009 nahm ihren Anfang im Banken- und Immobilienbereich. Diese Probleme – vor allem die Kreditklemmen in vielen Ländern – beeinträchtigten schließlich den globalen Investitionszyklus und infizierten auf diesem Weg die Industrieunternehmen.

3. Alt versus modern? Die Industrie wird oftmals als ein traditioneller oder sogar alter Wirtschaftsbereich tituliert. Dienstleistungen gelten dagegen meist als modern. Zum einen ist dies falsch. Zum anderen bringt dies in der Diskussion über den Strukturwandel nicht weiter. Bei der Bewertung der sogenannten „alten“ Industriebereiche – greifen wir hierzu den Maschinenbau oder die Chemieindustrie auf – wird oftmals fahrlässig übersehen, dass die Unternehmen dieser traditionellen Branchen mit hochmodernen und innovativen Produkten auf den Märkten präsent sind. Das Gleiche gilt für ihre innovativen Produktionsprozesse. Entscheidend für den Wohlstand sind letztlich die Produktivität der Wirtschaftsbereiche und der Wertschöpfungsgehalt der Produkte. Zweifelsohne gibt es hochproduktive und wertschöpfungsintensive Dienstleistungen (wie etwa Unternehmensnahe Dienste) – aber auch das Gegenteil (wie etwa Haushaltsnahe Dienste). Die Bezeichnung „alt“ oder „modern“ hat mit der Branche nichts zu tun.

4. Industrie versus Dienstleistungen? Es ist diskussionswürdig, ob diese Unterscheidung heutzutage noch ökonomischen Sinn macht. Industrieprodukte sind ohne produktbegleitende Dienstleistungen schwerer zu verkaufen. Wettbewerbsvorteile auf den Industriemärkten entstehen oftmals durch diese Dienste – wie etwa Montage- und Wartungsleistungen. Umgekehrt machen manche dieser Dienste ohne die begleitende Industrieware keinen Sinn. Industrieware und Dienstleistungen leben quasi in einer Symbiose, die in der Regel historisch gewachsen ist. Industrie- und Servicesektor sind also nicht substitutiv, sondern eher komplementär; beide sind nicht austauschbar, sondern sie ergänzen sich wechselseitig. Gleichwohl hat die Industrie bestimmte Produktionsprozesse, die sie von einem Großteil der Dienstleistungen unterscheidet. Auch spielen bestimmte Standortfaktoren für die Industrie eine andere Rolle als für Servicefirmen. Das gilt zum Beispiel für Energie- und Rohstoffkosten. Auch das Innovationsumfeld und die Offenheit der Volkswirtschaft sind für die Industrie im Durchschnitt wichtiger als für die Dienstleistungsunternehmen – so eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln aus dem Jahr 2012.

5. Nachfrage? Befürworter der Dienstleistungswirtschaft führen zu Recht an, dass mit steigendem Wohlstand die Nachfrage nach Dienstleistungen wächst. Das bedeutet aber nicht, dass dadurch die Industrie verschwinden muss. Lediglich ihre relative Bedeutung im Konsumbudget und in der damit einhergehenden Branchenstruktur nimmt dann ab. Ob es auch zu einem absoluten Rückgang der industriellen Wertschöpfung kommt, ist dabei noch weit offen. Dazu kommt, dass für viele Unternehmen – und dies gilt auch für Dienstleistungsfirmen mit handelbaren Gütern – der Weltmarkt immer mehr zum relevanten Markt wird oder werden kann. Für stärker industriebasierte und weltmarktorientierte Volkswirtschaften bleibt es damit offen, wohin sich in einer expandierenden Weltwirtschaft ihre Branchenstruktur wandelt. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass im Gefolge des globalen Investitionsbooms, der vor gut einer Dekade einsetzte, die Industrie im gesamtwirtschaftlichen Branchengefüge an Bedeutung gewonnen hat. Länder mit einem hohen Investitionsgüteranteil waren einfach in einer besseren Ausgangsposition, um diese starke globale Nachfrage nach ihren Produkten zu bedienen. Genauso gut kann das Gegenteil wieder eintreten, wenn die weltweite Investitionstätigkeit mehr oder weniger stark nachlässt. Entscheidend wird auch sein, ob und wie stark aufstrebende Volkswirtschaften bei der Produktion moderner Industriegüter zu Konkurrenten werden und heimische Unternehmen verdrängen. Die Perspektive einer wachsenden Weltbevölkerung, die ausschließlich in den ärmeren und nach unseren Maßstäben unterversorgten Regionen wächst, die gewaltigen Anpassungslasten durch Rohstoffknappheit und Klimawandel lassen es allerdings auch weiterhin offen, welche Länder mit welcher Wirtschaftsstruktur besser fahren. Damit landet man wieder beim ersten Punkt: Vor diesem Hintergrund ist Politikern zu raten, eine möglichst wenig verzerrende Wirtschaftspolitik zu vertreten. Weder sind industriepolitische Füllhörner notwendig, um nunmehr wieder der Industriemonstranz hinterherzulaufen. Jede branchenspezifische Subventionierung diskriminiert gleichzeitig viele andere Unternehmen, die nicht in den Genuss einer aktuell modernen Wirtschaftsförderung kommen. Der Ökonom sollte aufpassen, dass er den Taxifahrer (und den Politiker) nicht in die falsche Richtung schickt. Die „richtige“ Richtung kennt er selbst nicht.

 

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