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Ordnungsruf:
Krise am Finanzmarkt – Krise auch im Elfenbeinturm?

Posted By Christian Schubert On 1. August 2009 @ 00:16 In Alle Kategorien, Wissenschaftstheoretisches | 4 Comments

Reflektiert die aktuelle Finanzkrise eine Krise der Ökonomik? Selbstverständlich tut sie das, wie zuletzt der „Economist“ [1] anhand des gegenwärtigen Zustands der Makroökonomik dargelegt hat. Der „Methodenstreit“, den sich die deutsche Ökonomenzunft gerade wieder gegönnt hat, hat dazu beigetragen, einen Aspekt dieser Krise zu beleuchten: Ökonomen vernachlässigen nach wie vor die institutionellen Rahmenbedingungen des Wirtschaftens. Die Finanzkrise wirft nun ein grelles Licht auf mindestens ein weiteres Defizit ökonomischer Theoriebildung: Ökonomen vernachlässigen die Determinanten und die Rationalität [2] realen menschlichen Verhaltens.

Gegen diesen kühlen Krisenbefund regt sich jedoch temperamentvoller Widerstand. Jan Schnellenbach hat im „Visier“ der Juni-Ausgabe von „WiSt [3]“, aber ausführlicher bereits im Mai in diesem Blog [4] die These vertreten, die aktuelle Finanzkrise sei „keine Krise der Ökonomik“. Denn weder hätten die Ökonomen als Prognostiker versagt noch hätten ihre früheren „Politikempfehlungen“ zum Entstehen der Krise beigetragen. Die in diese beiden Richtungen zielende „populäre Kritik“ basiere auf „falschen Voraussetzungen“.

Diese These ist, wie ich zeigen möchte, verkürzt. Sie beruht, zweitens, auf einer fragwürdigen Immunisierungsstrategie. Drittens ist sie potentiell kontraproduktiv für den wissenschaftlichen Fortschritt innerhalb der Ökonomik.

(1.) Warum verkürzt? Schnellenbach schreibt erstens, eine „Reihe von Ökonomen“ (z.B. Shiller, 2005 [5]) hätten schon früh auf „eine Preisblase auf den Vermögensmärkten als Folge einer expansiven Geldpolitik in den USA“ hingewiesen. Abgesehen davon, dass dies nur eine winzige Minderheit von Ökonomen betrifft, belegt diese Beobachtung exakt, was Schnellenbach eigentlich widerlegen möchte. Die Möglichkeit eines Beinahe-Kollaps des Finanzsystems wurde nicht in Erwägung gezogen, und der Fokus wurde einseitig auf monetäre Ursachen gelegt. Eine Wissenschaft wie die Ökonomik, die sich mit komplexen Phänomenen beschäftigt, gerät bei ihren Versuchen, die Realität vereinfachend abzubilden, natürlich stets in die Gefahr, versehentlich solche Aspekte auszublenden, die sich ex post als wesentlich herausstellen. Hier war es der enge Fokus auf die Geldpolitik als Verursacher krisenhafter Entwicklungen, vermutlich zurückzuführen (u.a.) auf den prägenden Einfluss, den Milton Friedmans [6] Beiträge auf die „herrschende Meinung“ über die Ursachen der Großen Depression der späten 1920er und frühen 1930er Jahre hatten. Die mikroökonomischen Faktoren, insbesondere die Fehlanreize durch missgestaltete „Spielregeln“ in der Finanzbranche gerieten dabei offenbar nicht hinreichend ins Blickfeld. Sie tun dies nach wie vor nicht, was man daran erkennen kann, dass in der US-amerikanischen Diskussion um Auswege aus der Krise der Schwerpunkt klar auf geld- und fiskalpolitischen Instrumenten liegt, nicht auf der (natürlich ungleich anspruchsvolleren) Neujustierung des institutionellen Rahmens. Dank der soliden ordnungspolitischen Ausbildung der meisten deutschen Ökonomen stellt sich dieses Problem hierzulande nicht in gleichem Maße. Ob neben der „institutionellen Blindheit“ auch eine „verhaltenswissenschaftliche Blindheit“ die Qualität der makroökonomischen Theoriebildung getrübt hat, diese also von einer falschen Vorstellung „rationalen“ Verhaltens am Kapitalmarkt ausgegangen ist, wie etwa Akerlof und Shiller (2009) [7] und Gigerenzer [2] argumentieren, sei dahingestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Ökonomen bis zum Ausbruch der nächsten Finanzkrise rasch genug dazulernen.

Schnellenbach schreibt zweitens, Ökonomenrufe nach Deregulierung seien nicht mitverantwortlich für die Krise gewesen, denn es sei gerade nicht die „Abwesenheit des Staates“ gewesen, die zur Krise führte. Dieses Argument übersieht, dass sich (nach heutigem Erkenntnisstand) unter der Vielzahl kausaler Faktoren auch eine Reihe von deregulierenden Maßnahmen finden, die zur Verschärfung der Finanzkrise in den USA beigetragen haben. Zu nennen wären etwa der Commodities Futures Modernization Act (2000), der auf eine Nichtregulierung von sogenannten „credit default swaps“ hinauslief, der Sarbanes Oxley Act (2002), der u.a. die effektiv prozyklisch wirkenden „fair value“-Regeln einführte sowie die Entscheidung der US-Börsenaufsicht SEC aus dem Jahre 2004, im Gegenzug für eine (letztlich recht zahnlose) Aufsicht die Eigenkapital-Richtlinien für die größten US-Investmentbanken zu lockern.

Aber sind Ökonomen angesichts der bekannten Beratungsresistenz eigennütziger Politiker für derlei Fehlentwicklungen „verantwortlich“? Sie sind es nur ganz ausnahmsweise direkt, insofern sie nämlich an obengenannten Regulierungen als politische Entscheidungsträger unmittelbar beteiligt waren. Sie sind es hingegen stets indirekt, nämlich in dem Sinne, dass sie die Wahrnehmung ökonomischer Probleme und Problemlösungen in Prozessen der öffentlichen Meinungsbildung und v.a. in jenen Zirkeln prägen, die über die Ausrichtung der Politik entscheiden. Die Bedeutung subjektiver „beliefs“ im politischen Prozess ist mittlerweile anerkannt [8]. Es ist dieser Einflusskanal, auf den John M. Keynes anspielte, als er in seiner “General Theory” [9] (1935: Kap. 24) schrieb: „Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist”. Noch einmal anders ausgedrückt: Wenn eigennützige Politik gute Ökonomen-Ideen nicht umsetzen, hat die Politik den schwarzen Peter. Aber wenn die Ideen selbst nicht gut waren, dann müssen die Ökonomen sich der Kritik stellen.

(2.) Warum „Immunisierungsstrategie“? Schnellenbach macht zunächst einen Unterschied zwischen der seiner Ansicht nach illegitimen „populären Kritik“ seitens ökonomischer „Laien“ („Die Ökonomen haben doch alle versagt“) und der „legitimen“ Kritik innerhalb der Zunft. Kritik sollte jedoch nicht anhand des Bildungsgrades des Absenders, sondern strikt inhaltlich beurteilt werden. Wenn sich dem interessierten Laien am Stammtisch der Eindruck aufdrängt, dass makroökonomische Modelle (um Paul Krugman zu zitieren) „spectacularly useless at best, and positively harmful at worst“ gewesen seien, konvergiert dies offenbar mit Kritik, die innerhalb der Zunft [10] geäußert wird. Manches mag zugespitzt sein, aber das heißt noch lange nicht, dass auf der Basis „falscher Voraussetzungen“ argumentiert wird. Wenn Laien darüber hinaus die Abwesenheit perfekt informierter wohlwollender Despoten beklagen, die die Krise „hätten verhindern können“, reflektiert das ja nicht ein Unbehagen an der ökonomischen Theoriebildung, sondern gewisse vordemokratische Ideale politischer Organisation.

Schnellenbach immunisiert die Ökonomik aber vor jeder Kritik, wenn er als Indikatoren für das Vorliegen einer Krise nur (a) die Nicht-Existenz einigermaßen korrekter Prognosen sowie (b) den direkten Einfluss defizitärer „Politikempfehlungen“ auf die politische Praxis akzeptiert. Weder (a) noch (b) werden wir jemals beobachten können – das liegt an der üblichen Varianz ökonomischer Prognosen und an den allseits bekannten Mechanismen des politischen Prozesses. Wir sollten stattdessen dann die Courage haben, eine Krise einzuräumen, wenn sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ökonomischer Theorieangebote auftut. Und das ist gegenwärtig offenkundig der Fall.

(3.) Warum ist es schließlich sogar kontraproduktiv, eine „Krise der Ökonomik“ rundheraus abzustreiten? Es ist gefährlich, da es zu einer selbstzufriedenen Haltung führen kann. Es kann Studierende der VWL von notwendigen kritischen Fragen abhalten. Die aktuelle Finanzkrise mit ihren komplexen Ursachen und desaströsen Auswirkungen auf die Realwirtschaft sollte Ökonomen gerade zum umgekehrten Schluss verleiten: Die Ökonomik kann sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht dadurch entledigen, dass sie auf die Komplexität ihres Untersuchungsobjekts und die Beratungsresistenz der Politik verweist; und sie ist niemals „fertig“, steckt in diesem Sinne immer in der „Krise“, und sollte das konstruktiv, nämlich als Ansporn verstehen, mit dem Lernen nie aufzuhören – oder, wie es ein bekannter Dichter [11] ausdrückt: „Indem wir die Irrtümer unserer Vorfahren einsehen lernen, so hat die Zeit schon wieder neue Irrtümer erzeugt, die uns unbemerkt umstricken“.


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[1] „Economist“: http://www.economist.com/displaystory.cfm?story_id=14030288

[2] Rationalität: http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/wir-sollten-dem-bauch-vertrauen;2338246

[3] WiSt: http://vahlen.becksche.de/asp/e_admin/zeitschriften/upload/WiSt6-2009_Visier.pdf

[4] diesem Blog: http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=818

[5] Shiller, 2005: http://www.irrationalexuberance.com/

[6] Milton Friedmans: http://eh.net/bookreviews/library/rockoff

[7] Akerlof und Shiller (2009): http://press.princeton.edu/titles/8967.html

[8] anerkannt: http://www.springerlink.com/content/ffmxmx45pf90yd8q

[9] “General Theory”: http://ebooks.adelaide.edu.au/k/keynes/john_maynard/k44g

[10] innerhalb der Zunft: http://delong.typepad.com/sdj/2009/07/but-the-economics-profession-right-now-is-useless.html

[11] bekannter Dichter: http://www.onlinekunst.de/goethe/tischbein_1787.jpg