Mit Positivismus und Empirismus gegen die Freiheit

I.

In der Volkswirtschaftslehre hat der empirisch-quantitative Ansatz die Oberhand gewonnen. Warum das wissenschaftstheoretisch kein Fortschritt ist, und warum gerade diese – irreführend als „modern“ bezeichnete – Orientierung freiheitsfeindliche Politiken (schein)legitimieren und befördern kann, soll im Folgenden erörtert werden. – Dieser Beitrag verbreitet keine Neuigkeiten, sondern macht auf entscheidende Argumente aufmerksam, die derzeit im „Methodenstreit“ über den Kurs der Volkswirtschaftslehre kaum oder keine Beachtung finden.

Die erkenntnistheoretische (epistemologische) Basis des empirisch-quantitativen Ansatzes ist der Empirismus, und programmatisch schließt er sich dem Positivismus an. Der Positivismus vertritt die Auffassung, dass die Quelle der menschlichen Erkenntnis die Wirklichkeit ist, also die positiven Tatsachen, und er lehnt alles als unwissenschaftlich ab, was nicht beobachtbar und (natur)wissenschaftlichen Experimenten zugänglich ist („Fakten statt Spekulation“).

Der klassische Positivismus entstammt den Arbeiten von Auguste Comte (1798 – 1857); Comte formulierte und veröffentlichte einen „Plan der notwendigen wissenschaftlichen Arbeiten, um die Gesellschaft zu reorganisieren“ (1822). Der klassische Positivismus ging zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Neopositivismus (oder auch Logischen Positivismus) über, und die heute verbreitete Form des modernen Positivismus hat durch das Werk von Karl. R. Popper (1902 – 1994) seine Prägung erhalten.

Eine positivistisch-empirisch ausgerichtete Volkswirtschaftslehre folgt – ermutigt sicherlich durch Milton Friedmans Beitrag The Methodology of Positive Economics aus dem Jahr 1953 – einem naturwissenschaftlichen Ansatz. Dabei werden, wie etwa in der Physik auch, ökonomische Theorien zunächst in Form von Wenn-dann-Sätzen formuliert („Wenn der Preis für Autos steigt, dann nimmt die Nachfrage nach Autos ab“), und ihr Wahrheitsgehalt wird nachfolgend mittels Datenbeobachtung und statistischer Verfahren getestet bzw. überprüft.

II.
Ausgangspunkt des Empirismus ist die Aussage, dass sich das menschliche Wissen über die Realität nur aus der Sinneswahrnehmung (Beobachtung) speisen kann. Der Wahrheitsgehalt einer (wirtschaftswissenschaftlichen) Theorie kann und muss daher durch Beobachtungen überprüft werden. Allerdings, so der Empirismus, sei alles Wissen nur hypothetisch. Nach Poppers – de facto nihilistischem – Kritischem Rationalismus kann es keine immer und überall gültigen Wahrheiten geben. Eine Theorie mag durch Beobachtungen nicht falsifizierbar sein – was aber keinesfalls heißt, dass die Theorie dadurch wahr ist: Schließlich können neue Beobachtungen zu einem anderen Ergebnis gelangen. Gleichsam mag eine Theorie durch Beobachtung widerlegbar sein, was aber auch nicht bedeutet, dass künftige Beobachtungen den heutigen Befund einer gescheiterten Theorie-Falsifikation stützen werden.

Doch wie leitet der Empirismus diese Aussagen ab, denen er absolute Gültigkeit zuordnet: dass also alles Wissen aus der Beobachtung stammt und dass es stets nur hypothetisch ist? Die Antworten sind ernüchternd: Die Aussage, dass alles Wissen aus Beobachtung stammt, kann durch Beobachtung nicht bewiesen werden. Und die Aussage, dass es kein absolutes Wissen gibt (wie dies vom Empirismus behauptet wird), widerspricht der Aussage Empirismus, dass alles Wissen nur hypothetisch ist. Der Empirismus behauptet also etwas, was er aus sich heraus nicht begründen kann, und er verwickelt sich dabei in einen unauflösbaren Widerspruch.

Positivisten-Empiristen verneinen also die Existenz von absoluten Wahrheiten und stellen alles, was als Wissen vorgebracht wird (oder werden könnte), fortwährend zur Disposition (d. h. auf den (Beobachtungs)Prüfstand). Der positivistisch-empirische Ansatz führt so zu (einer Mentalität des) ökonomischem Relativismus und Skeptizismus nach dem Motto: „Alles ist möglich, es gibt keine ökonomischen Gesetze.“ Weil nun aber aus der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie Politikempfehlungen abgeleitet werden (man denke nur einmal an die sich zusehends auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufende Geld-, Finanz- und Konjunkturpolitik), kann der positivistisch-empirische Ansatz letztlich auch zu sozialem Relativismus führen.

III.
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) wies den Positivismus-Empirismus bereits früh als widersprüchlichen und unwissenschaftlichen Ansatz für die Sozialwissenschaften zurück. Er rehabilitierte mit seinen Arbeiten den Anspruch des Rationalismus als epistemologische Basis der Wirtschaftswissenschaft – und stand damit, in der Tradition von Gottfried Leibniz (1646 – 1716), vor allem aber Immanuel Kant (1724 – 1804), den Positivisten und Empiristen diametral gegenüber. Die rationalistische Haltung behauptet dabei nicht etwa, dass Beobachtungen dem Menschen kein Wissen über die Realität vermitteln könnten, sondern dass der Empirismus nicht in der Lage ist, den Wahrheitsgehalt von (ökonomischen) Theorien festzustellen; dazu ist Verstandeswissen erforderlich.

Vor dem Hintergrund der Unzulänglichkeiten der Ökonomik seiner Zeit (re)konstruierte Mises ihre rationale Basis und entwickelte die Praxeologie: die Wissenschaft von der Logik des menschlichen Handelns. Ihr Kernelement ist das Axiom des menschlichen Handelns, das sich als ein wahres a-priori synthetisches Urteil, wie es Kant formulierte, qualifiziert. Die praxeologische Wirtschaftswissenschaft, die hier ihren Berührungspunkt zu Kantschen Erkenntnisphilosophie hat, wird damit zu einer logisch-deduktiven Wissenschaft, die wahre ökonomische Gesetze über die Wirklichkeit ableiten kann – ökonomische Gesetze also, die weder zeitlich noch räumlich in ihrer Gültigkeit eingeschränkt sind.

So erfolgte etwa die (weiter oben vollzogene) Zurückweisung des Empirismus als widersprüchliche Theorie auf eben diesem Prinzip: Sie hat nicht nur gezeigt, dass absolut wahres Wissen existiert, das nicht aus der Beobachtung stammt, sondern auch, dass es durch objektive Gesetze bestimmt wird (im obigen Beispiel war es das Gesetz des Widerspruch, das sich wie folgt formulieren lässt: „Man kann nicht argumentieren, dass man nicht argumentieren kann.“) Aufbauend auf Anerkennung von absolut wahrem Wissen ist wissenschaftlicher Fortschritt möglich.

IV.
Man betrachte nun einmal die folgenden fünf ökonomischen Aussagen, die jeweils wahr sind: (1) Jede Transaktion, die nicht freiwillig ist (Raub, Besteuerung etc.), stellt eine Partei besser auf Kosten der anderen Partei; (2) der Grenznutzen eines Gutes nimmt mit steigendem Konsum des Gutes ab; (3) Mindestlöhne, die oberhalb des markträumenden Niveaus liegen, führen zu ungewollter Arbeitslosigkeit; (4) steigt die Geldmenge, und bleibt die Geldnachfrage unverändert, sinkt die Kaufkraft des Geldes; und (5) ein Ansteigen der Geldmenge erhöht die Preise über das Niveau, das sich ohne eine Ausweitung der Geldmenge einstellen würde.

Der Positivist-Empirist muss jedoch die Wahrheit jeder dieser Aussagen anzweifeln – weil es aus seiner Sicht eben nur hypothetische, aber keine absoluten Wahrheiten gibt und geben kann. Seine epistemologisch-programmatische Grundhaltung würde es sogar erlauben, die folgenden (unwahren) Hypothesen zu formulieren: (1) Raub und Besteuerung steigern die Wohlfahrt; (2) der Grenznutzen steigt mit wachsendem Konsum; (3) Mindestlöhne erhöhen die Beschäftigung; und (4) die Geldmengenausweitung ist vereinbar mit dem Bewahren der Kaufkraft des Geldes.

Der Positivismus-Empirismus stellt eine wissenschaftliche (Schein)Legitimation bereit, um in die Freiheitsrechte der Einzelnen (beliebig) einzugreifen. Weil es aus seiner Sicht keine absoluten Wahrheiten gibt und geben kann, muss er auch eine rationale Ethik – wie sie Murray N. Rothbard (1926 – 1996) in seiner The Ethik of Liberty (1982) erarbeitet und bewiesen hat –, ablehnen. Rothbard zeigte, dass es nicht-hypothetische, oder absolut wahre ethische Regeln gibt, die rationalistisch begründet sind: und zwar durch die Eigentumsrechte des Individuums (d. h. das (Natur)Recht am eigenen Körper und das Recht auf den Ertrag des eigenen Wirtschaftens). Die Eigentumsrechte, so Rothbard, erfüllen die Forderung nach gerechten (ethischen) Regeln, sie entsprechen dem Kantschen Kategorischen Imperativ.

V.
Sind die Verheißungen des Positivismus-Empirismus nur politisch attraktiv genug, werden sie früher oder später ihren Weg in die Regierungspolitik finden, weil der Positivismus die Mentalität für das neue, experimentelle, regellose Handeln als politischen Weg bewusst schaffen will – und wer will sich schon „Neuerungen“, „flexiblen“ und „fortschrittlichen Konzepten“ verschließen, wenn sie Besserung (für alle) in Aussicht stellen? Es kommt daher nicht von ungefähr, dass das Vordringen des positivistischen-empirischen Ansatzes in der Volkswirtschaftslehre sich (wieder einmal) in einer Zeit vollzieht, in der der Staat immer stärker die Freiheiten der Bürger einschränkt (durch den Steuer- und Umverteilungsstaat, die Alters- und Gesundheitsvorsorge, das staatliche Geldmonopol etc.).

Der Positivismus-Empirismus findet insbesondere bei den Befürwortern des Interventionismus, bei Regierungen und ihren Vertretern, großen Zuspruch, und das stärkt natürlich seine (finanzielle) Stellung und weitere Verbreitung gegenüber epistemologisch (anders) fundierten Lehren wie z. B. die der Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre. In seinem magnum opus Human Action (1996, S. 67) schrieb Mises: “It is impossible to understand the history of economic thought if one does not pay attention to the fact that economics as such is a challenge to the conceit of those in power. An economist can never be a favorite of autocrats and demagogues. With them he is always the mischief-maker, and the more they are inwardly convinced that his objections are well founded, the more they hate him.“

Die Auseinandersetzung, die etwa in Deutschland zwischen den Vertretern des empirisch-quantitativen Ansatzes auf der einen Seite und denen des sogenannten ordoliberalen Ansatzes (im weitesten Sinne) auf der anderen Seite ausgetragen wird, ist daher auch mehr als ein akademisches detailversessenes Scharmützel, bei dem es (nur) um die Eitelkeiten der Wissenschaftler geht: Es geht um den Kurs der Wirtschaftswissenschaften, mit dem die Zukunft der Freiheit maßgeblich (mit)bestimmt wird. Mit Mises“˜ Praxeologie lässt sich die Freiheit rationalisieren, der Positivismus-Empirismus trägt dazu bei, sie zu untergraben.

Quellen: Hoppe, H.-H. (2006), Austrian Rationalism in the Age of the Decline of Positivism, in: The Economics and Ethics of Private Property, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, S. 347 – 379; ders. (2007), Economic Science and the Austrian Method, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama; Mises, L. v. (1996), Human Action, 4th ed., Fox & Wilkes, San Francisco, insb. S. 11 – 71; Polleit, T. (2008), Mises’s Apriorism against Relativism in Economics, Daily Article, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama (http://mises.org/story/2944); Rothbard, M. N. (1998 [1982]), The Ethics of Liberty, New York University Press, New York and London, insbesondere die Einleitung von Hans-Hermann Hoppe xi – xliii.

Thorsten Polleit

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Universität Bayreuth
Thorsten Polleit

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7 Antworten auf „Mit Positivismus und Empirismus gegen die Freiheit“

  1. Lieber Herr Polleit,

    es gibt in diesem interessanten Beitrag eine Menge Punkte, an denen ich anderer Meinung bin, aber damit der Kommentar nicht zu lang wird (das wird er sowieso schon), will ich mich mal auf einige wenige beschränken:

    (i) Die Welt gedenkt zwar gerade des vierzigsten Todestages von Theodor W. Adorno, aber deshalb muß man ja vielleicht nicht gleich die schlechte Angewohnheit der Kritischen Theoretiker übernehmen, alles was einem nicht gefällt in einen großen Topf mit der Aufschrift “Positivismus” zu werfen. Der kritische Rationalismus steht in vielen wichtigen Punkten in Opposition zum logischen Positivismus und logischen Empirismus, insbesondere wenn es um die Möglichkeit geht, durch Induktionsschlüsse sicheres Wissen zu erlangen. Es sollte klar sein, daß kritische Rationalisten großen Wert auf deduktiv gewonnene Theorien legen. Diese werden empirisch überprüft und gegebenenfalls falsifiziert, aber nicht bestätigt. Die Stoßrichtung des kritischen Rationalismus ist also eine ganz andere als die des Positivismus. Letzterer will Sätze formulieren, die er durch empirische Beobachtungen bestätigt finden kann, ersterer dagegen verlangt Sätze, die falsifiziert werden können. Das sind zwei völlig verschiedene Veranstaltungen, was auch bei empirischen Ökonomen deutlich wird, die sich dem kritischen Rationalismus verpflichtet fühlen: Sie führen empirische Evidenz nicht als “Beweis für Hypothese A” an, sondern als “nicht im Widerspruch zu Hypothese A” — sie interpretieren sie also nicht als gelungenen Beweisversuch, sondern als mißlungenen Falsifizierungsversuch. Den kritischen Rationalismus als Spielart des Positivismus zu etikettieren sorgt angesichts dieser (und weiterer wichtiger) Unterschiede jedenfalls nicht für begriffliche Klarheit.

    (ii) Sie schreiben: “Und die Aussage, dass es kein absolutes Wissen gibt (wie dies vom Empirismus behauptet wird), widerspricht der Aussage Empirismus, dass alles Wissen nur hypothetisch ist. Der Empirismus behauptet also etwas, was er aus sich heraus nicht begründen kann, und er verwickelt sich dabei in einen unauflösbaren Widerspruch.” Dieses Argument läuft eigentlich ins Leere. Es ist nur für jemanden interessant, der meint, eine sichere, unhintergehbare Basis für seine Argumente haben zu müssen. Gerade das meinen Anhänger des kritischen Rationalismus aber nicht. Hans Albert hat viele Buchseiten darauf verwendet, zu argumentieren, daß natürlich auch die Fundamente des Kritizismus kritisierbar sind.

    (iii) Über Ludwig von Mises’ Ansatz schreiben Sie: “Die praxeologische Wirtschaftswissenschaft, die hier ihren Berührungspunkt zu Kantschen Erkenntnisphilosophie hat, wird damit zu einer logisch-deduktiven Wissenschaft, die wahre ökonomische Gesetze über die Wirklichkeit ableiten kann – ökonomische Gesetze also, die weder zeitlich noch räumlich in ihrer Gültigkeit eingeschränkt sind.” Das kann sie nicht. Mises’ Praxeologie ist ein ökonomischer Ansatz, der an einem Lock-In-Syndrom leidet. Eine eigene, abgeschlossene Theoriewelt, die mit der empirisch vorgefundenen Realität nicht viel zu tun haben muß. Es mag sein, daß man den Arbeiten Mises’ und seiner Nachfolger logische Widerspruchsfreiheit attestieren kann (das habe ich nicht im Detail überprüft), aber damit ist schließlich noch lange nicht gesagt, daß die Annahmen, aus denen sie ihre angeblich wahren ökonomischen Gesetze deduzieren irgendeine Entsprechung in der ökonomischen Realität haben. Die Wahrheit der Mises’schen ökonomischen Gesetze ist zunächst mal auf seine eigene Modellwelt beschränkt. Jede empirische Prognosefähigkeit müßte sich erst noch erweisen — wie für alle anderen theoretischen Ansätze auch.

    (iv) Machen wir das mal an Ihren Beispielen für angeblich wahre ökonomische Gesetze deutlich: Sie nennen da beispielsweise “(2) der Grenznutzen eines Gutes nimmt mit steigendem Konsum des Gutes ab“. Ich glaube nicht, daß das als universell wahres Gesetz durchgehen kann. Wenn ich beispielsweise einen alten, rezenten Appenzeller esse, dann brauche ist erstmal ein paar Stücke, um mich an den Geschmack zu gewöhnen, dann schmeckt es richtig gut und dann kommen wir irgendwann an die Sättigungsgrenze. Klingt nach einem eher nicht-monotonen Verlauf des Grenznutzens. Oder: “ (3) Mindestlöhne, die oberhalb des markträumenden Niveaus liegen, führen zu ungewollter Arbeitslosigkeit“. Naja, es gibt ja diesen Fall eines Monopsons. Wenn Sie den Mindestlohn höher ansetzen als den markträumenden Lohn im Monopson, dann können Sie positive Beschäftigungseffekte beobachten. Aber haben wir ein Monopson auf dem Arbeitsmarkt? Haben wir vielleicht formal kein Monopson, aber Nachfrager mit bewußt oder unbewußt koordinierten Entscheidungen, die sich wie ein Monopson verhalten? Das sind dann wieder empirische Fragen, da kommen Sie mit Mises’ Praxeologie nicht mehr weiter.

    (v) Zu ethischen Fragen schreiben Sie: “Rothbard zeigte, dass es nicht-hypothetische, oder absolut wahre ethische Regeln gibt, die rationalistisch begründet sind: und zwar durch die Eigentumsrechte des Individuums (d. h. das (Natur)Recht am eigenen Körper und das Recht auf den Ertrag des eigenen Wirtschaftens). Die Eigentumsrechte, so Rothbard, erfüllen die Forderung nach gerechten (ethischen) Regeln, sie entsprechen dem Kantschen Kategorischen Imperativ.” Schön, aber “absolut wahr” wären diese Regeln dann auch nur, wenn sie erstens zwingend aus dem Kategorischen Imperativ folgten und zweitens klar wäre, daß der Kategorische Imperativ der zwingende, von allen anzuerkennende Ausgangspunkt ethischer Überlegungen ist. Den ersten Punkt habe ich nicht anhand Rothbards Werk überprüft, hätte aber nach allem, was ich darüber gehört habe, meine Zweifel. Und der zweite Punkt — ja, wieso eigentlich Kategorischer Imperativ und nicht Gesellschaftsvertrag, oder herrschaftsfreier Diskurs? Wieso Rothbard und nicht Rawls, oder Buchanan, oder auch Nozick? Oder Habermas? Die Antwort auf diese Frage kann Ihnen keine “absolut wahre ethische Regel” abnehmen, fürchte ich.

  2. Herr Schnellenbach,

    haben Sie vielen Dank für Ihre Kommentare.

    Anbei meine Antworten.

    Re (1): Popper stimmt völlig überein mit den Grundüberzeugungen und –annahmen des Empirismus. Er weist explizit den Anspruch des klassischen Rationalismus zurück, dass nämlich der Verstand a-priori wahre Erkenntnisse über die Realität (oder auch eine objektiv wahre Ethik) liefert. Vermutlich hat kaum jemand den „modernen, positivistisch-empiristischen“ und relativistischen Weltblick in der Wissenschaftsgemeinde so befördert wie Popper. Ich betreibe keinerlei Begriffsverwirrung. Ich hoff(t)e vielmehr, dass das Gegenteil der Fall ist.

    Re (ii): Der Empirismus ist in sich widersprüchlich. Er widerspricht seiner Grundaussage. Das hat nichts damit zu tun, ob man das, was man prüfen will, wahr ist oder nicht, oder ob man glaubt, dass es wahr sein könnte oder nicht wahr sein könnte – also was auch immer Poppers relativistische kritische Rationalisten vorbringen mögen.

    Re (iii): Ihr Einwand ist nicht nachvollziehbar. Die Sätze werden aus dem „Axiom des menschlichen Handelns“ (einem a-priori wahren synthetischen Urteil, wie Kant sagt) abgeleitet. Die Sätze haben die Qualität wie z. B. der Satz des Pythagoras. Was und warum wollen Sie denn da testen?

    Es ist sehr hilfreich, dass sie an dieser Stelle den bekannten „Idealismusvorwurf“ (gegenüber Kant) vorbringen – denn so kann eine Widerlegung vorgebracht werden. – Hoppe etwa (http://mises.org/pdf/esam.pdf) weist darauf hin, dass aus Mises“˜ praxeologischer Sicht Axiome nicht nur Kategorien des menschlichen Verstandes sind, sondern dass der menschliche Verstand selbst eine Kategorie des menschlichen Handelns ist. (Hoppe zeigt hier zudem auf, und darauf sollte hier ausdrücklich hingewiesen werden, dass Mises“˜ Praxeologie letztlich sogar das Fundament für die Epistemologie legt!) Das Axiom des menschlichen Handelns ist damit sowohl mental als auch real. Durch das Axiom des menschlichen Handelns gelangt der Verstand in Kontakt mit der Realität – und die unterstellte Lücke zwischen mentaler und realer Welt ist geschlossen (nicht-existent), und der Idealismusvorwurf ist widerlegt.

    Re (iv): Ich darf mich hier beschränken. Praxeologisch gesehen ist das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens kein psychologisches Gesetz (wie es wohl in der Mainstream-Ökonomik gelehrt wird). Es hat nichts (!) zu tun mit Gossens Gesetz der Bedürfnisbefriedigung: Mises zeigt, dass das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens aprioristisch zu erklären ist (siehe Mises, L. v. (1996), Human Action (http://mises.org/Books/HumanActionScholars.pdf), S. 119 ff., insb. S. 124). Mit einem Leben in der „eigenen Modellwelt“ hat die Praxeologie nichts zu tun.

    Re (v): Ethische Axiome (die nach Kant synthetisch a-priori sind) lassen sich auf ein Axiom zurückführen: Nach Kant ist es der Kategorische Imperativ. Auf dieser Grundlage zeigt Rothbard, dass das (Privat)Eigentum (wie im Text (nach Rothbard) definiert) eine nicht-hypothetische und wahre ethische Regel ist (ein Ergebnis, dass sich übrigens wiederum praxeologisch beweisen lässt). Der herrschaftsfreie Diskurs lässt sich (vermutlich) auf den Kategorialen Imperativ zurückführen, der Gesellschaftvertrag ganz sicher nicht (im Gegensatz zum Individualvertrag).

    Mit freundlichen Grüßen

    Thorsten Polleit

  3. @ Thorsten Polleit

    ad iii) Satz von Pythagoras: Für ein rechtwinkliges Dreieck ist die Summe der Kathetenfläche gleich der Hypotenusenfläche.
    Frage: Wie lang ist gemäß Pythagoras dann die Hypotenuse:
    +sqrt(a^2 +b^2) oder -sqrt(a^2 + b^2) ?
    Die Frage ist nicht, ob der Satz wahr ist, sondern ob seine Anwendung Sinn macht oder nicht. Es ist schön, wenn man wahre Sätze und Theoreme hat, allerdings helfen die einem gar nichts, wenn man sie auf Realitäten anwendet, die die Voraussetzungen, welche der jeweilige Satz verlangt, nicht erfüllen.

  4. Zu iii) Vielleicht ist der Satz des Pythagoras nicht völlig treffend. Wenn man jedoch den – meines Wissens auch von Hoppe angebrachten – Kuchen verwendet, kommt man zu wahren Aussagen die auf die Realität, entsprechend der Vorrausetzungen, anwendbar sind und keiner weiteren Begründung mehr bedürfen.

    “Bevor man einen Kuchen essen kann muss man ihn backen.”
    “Man kann einen Kuchen entweder essen oder aufheben.”
    “Man kann jeden Kuchen nur einmal essen.”
    etc.

  5. Lieber Herr Polleit,

    Sie schreiben “Und die Aussage, dass es kein absolutes Wissen gibt (wie dies vom Empirismus behauptet wird), widerspricht der Aussage Empirismus, dass alles Wissen nur hypothetisch ist. Der Empirismus behauptet also etwas, was er aus sich heraus nicht begründen kann, und er verwickelt sich dabei in einen unauflösbaren Widerspruch.”

    Einen Widerspruch, schon gar einen nicht auflösbaren, kann ich hier nicht erkennen. Die Aussage, es gebe kein absolutes Wissen, ist unklar. Was soll das heißen? Ebenso der Satz, daß alles Wissen nur hypothetisch sei. Schlimmstenfalls handelt es sich um zwei unklare und nicht begründete Behauptungen.

    Anders läge der Fall, wenn behauptet würde, es gebe keine wahren Sätze. Das ist jedenfalls klar, müßte aber begründet werden. Popper hat so etwas aber nicht vertreten. Er hat nur gesagt, daß wissenschaftliche Theorien so formuliert werden müssen, daß sie die Möglichkeit offenlassen, durch Beobachtungen/Erfahrungen falsifiziert werden zu können. Das ist Poppers STANDARD für die Kennzeichnung einer Theorie als wissenschaftlich.

    Allenfalls könnte man einen Satz wie “Es gibt kein sicheres Wissen” angreifen. Da mit diesem Satz offensichtlich beansprucht wird, eine wahre Aussage zu machen, also sicheres Wissen zu liefern, steht er im Widerspruch zu der in ihm enthaltenen Aussage.

    Zu Ihrem Dissens mit Herrn Schnellenbach über die Praxeologie: Mises’ Axiom des menschlichen Handelns ist in der Tat ein synthetisches Urteil a priori. Der Satz des Pythagoras, den Sie als Beispiel anführen, ist aber gerade kein synthetisches, sondern ein analytisches Urteil a priori. Der Satz folgt allein aus der Definition des Dreiecks, genauso wie dessen Winkelsumme. Mit Pythagoras kann man Mises’ synthetisches a priori also nicht gegen Angriffe verteidigen.

    Auch die von Leser Ulrich Möller qua Hoppe angeführten Kuchenbeispiele, fürchte ich, taugen nicht. Der erste Satz “Bevor man einen Kuchen essen kann, muß man ihn backen” ist schlicht falsch. Man kann ihn auch kaufen oder sich schenken lassen. Der zweite Satz “Jeder Kuchen wird entweder gegessen oder nicht” ist trivial wahr und könnte leicht in einen analytischen Satz a priori umgeformt werden. Ebenso mit dem dritten Satz. Auch Hoppe hilft hier also nicht.

    Ich denke, man muß den Vorwurf des Lock-in-Syndroms von Herrn Schnellenbach schon ernst nehmen. Das führt zu der Frage, und hier spielt sich dann auch der entscheidende Streit ab, ob synthetische Urteile a priori überhaupt möglich sind. Einige Vertreter des logischen Positivismus, zeitweise wohl auch Bertrand Russell, haben das kategorisch bestritten. Mises hat darauf erwidert, daß die Behauptung, es könne keine synthetischen Urteile a priori geben, selbst ein synthetisches Urteil a priori sei. Da hat Mises wohl recht. Trotzdem ist damit immer noch nicht gezeigt, daß

    a) synthetische Urteile a priori möglich sind und
    b) selbst wenn sie möglich sind, steht immer noch der Beweis aus, daß ein spezifisches synthetisches Urteil a priori wahr ist.

    Also sind die Gegner von Mises wohl so leicht nicht zu entkräften. Es gibt also noch viel zu tun!

    Herzliche Grüße

  6. Sehr geehrter Herr Polleit,

    es ist interessant, dass Sie in empiristischen Tendenzen offenbar eine ‘Gefahr für die Freiheit’ sehen. Ich habe dem Empirismus bisher eine dazu konträre Rolle zugeschrieben:
    Der Anspruch, Erfahrung über das Zutreffen von Aussagen entscheiden zu lassen, war vor Jahrhunderten ein Mittel gegen religiösen Buchglauben, nach dem Aussagen wahr sind, weil sie mit dem übereinstimmen, was in einem bestimmten Buch steht.
    Ich führe als Lehrer in der Erwachsenenbildung immer wieder Gespräche mit Migranten, und so bös populistisch es klingt: Ich werde mit einem neuen Buchglauben konfrontiert, und zwar einem geradezu unerschütterlichen. Ich glaube, dass wir angesichts dessen über die positive Rolle von Empirismus nachdenken sollten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Claus Schlaberg

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