Mäuse, Markt, Moral und Missetaten

Wer, wie die älteren unter uns, die Grundsatzkritik an Marktbeziehungen in den 60er und 70er Jahren mit erlebt hat, fühlt sich in der jetzigen Fundamentalkritik an Markt- und Geldwirtschaft sofort „daheim“. Nur ist jetzt in den Feuilletons nicht mehr Schwarzwildchen (Karl Marx) der Star,  sondern ein verkapptes „Rotwildchen“, Michael Sandel. Michael Sandel bekennt sich allerdings nicht zum roten Käppchen, sondern zur Gemeinschaft.  Und er bekennt sich auch nicht offen zur Ablehnung der modernen Gesellschaftsformen, sondern will nur den Markt mit seinen monetären Bewertungen in seine „angemessenen“ Schranken weisen.

Wenn Sandel darüber spricht, „was man für Geld nicht kaufen kann“ (vgl. den Titel seines gleichnamigen Buches) bzw. nicht kaufen können sollte, lohnt es sich durchaus, zuzuhören. Er wird von ernsthaften politik-ökonomischen Theoretikern wie dem großartigen Tim Besley von der LSE ernst genommen. Und es gibt neuere experimentalökonomische Ergebnisse zum Thema „Markt und Moral“, die Sandels These, dass der Markt subversiv auf moralische Orientierungen wirkt, empirisch ernsthaft zu unterstützen scheinen (vgl. Falk, A. und Szech, N., „Morals and Markets“, „Science“, 340, May 10, 2013, 707-711).

Das passt wunderbar in das allgemeine Lamento über die Zeitläufe und über die schlimmen Wirkungen der Finanzwirtschaft. Es ist intellektuell „trendy“ und könnte politisch einige Wirksamkeit entfalten, wenn wir es zulassen,  dass die leidvollen Erfahrungen mit den Einschränkungen individueller Entscheidungsautonomie zu Gunsten staatlich gelenkter Gemeinwohl-Politik in Vergessenheit geraten. Wir müssen uns bewusst machen, dass es eben nicht nur um Geld oder um Auswüchse oder wie immer man das nennen will, geht. Es geht um den Kern der Freiheit, das Konzept der Privatheit nämlich in einer sich erneut zunehmend politisierenden Welt.

Anders formuliert, geht es letztlich um das Denken in institutionellen Alternativen. Wer über das „Vertragsversagen“ klagt, wer Missstände, die sich aus autonomen individuellen Entschlüssen ergeben, anprangert, der sollte sich zugleich klarmachen, dass es möglicherweise keine überlegene kollektive Steuerungsmöglichkeit gibt. Das Versagen des Staates ist in aller Regel viel gefährlicher als das Versagen einzelner Individuen auf Märkten.

Von Mäusen und Menschen

Es trifft sich, dass Moneten metaphorisch auch als „Mäuse“ bezeichnet werden. Mäuse dienen in einem eleganten Experiment dazu, die Folgen von monetarisierten Märkten auf menschliche Normorientierungen zu überprüfen. Monetarisierung verbreitet bei den meisten Menschen Unbehagen, auch wenn sie allein es erlaubt, die Möglichkeiten einer Koordination von Verhalten unter Wahrung individueller Autonomie auszunutzen. Frei-Vertraglichkeit ohne die Möglichkeit der die Einigkeit ermöglichenden Kompensationszahlungen ist nur eingeschränkt wirksam. Das universelle Ausgleichs- und Zahlungsmittel Geld spielt eine legitime Rolle im Räderwerk wechselseitiger freier Zustimmung. Aber die freie Zustimmung und die damit verbundene Wahrung der Autonomie der Partner ist der Wert, um den es geht.

Wenn sie uns nicht gerade die Nahrungsmittel wegfressen oder mit Infektionskrankheiten belästigen, sind Mäuse eher niedlich. Nur wenige von uns können wirklich keiner Fliege etwas zu leide tun. Wir können! Viele mögen auch durchaus Mäuse mit Fallen jagen, aber die meisten von uns zögern doch, ein Säugetier wie eine Maus ohne Not- oder Nutzen zu töten. Das ist die Wertintuition, die durch das Experiment genutzt wird.

In ihrem Experiment boten Falk und Szech Versuchssubjekten Geld, € 10, dafür an, der Tötung einer Labormaus zuzustimmen. Lehnten die Versuchsteilnehmer das Geld ab, so hatte die Maus noch eine Restlebenserwartung von ca. 2 Jahren, die ihr im „Mäuseheim“ (ihnen anregender Mäuseumgebung) garantiert wurde. Stimmten die Teilnehmer zu, so erhielten sie die € 10 und die Maus wurde nach dem für Labormäuse üblichen und auch für diese Mäuse vorgesehenen Verfahren durch Gas getötet. Etwa 45% der  Versuchsteilnehmer stimmten der Tötung der Maus für € 10 zu.

Im Vergleich zu diesem Grundexperiment ließ man danach andere Versuchsteilnehmer darüber verhandeln, ob die Maus getötet werden sollte. Der „Verkäufer“ musste zustimmen, dass die ihm „anvertraute“  Maus getötet werden durfte.  Dies geschah genau dann, wenn sich der Verkäufer und der Käufer auf einen Preis  bzw. eine Aufteilung der nun zur Verfügung stehenden 20 € einigen konnten. Bei einer beiden genehmen Aufteilung der 20 € erhielt der Verkäufer x € und der Käufer erhielt (20-x)€.  Wenn keine Einigung zu Stande kam, so blieb die Maus am Leben und der Käufer und der Verkäufer, erhielten beide nichts. Der „Verkäufer“ befand sich grundsätzlich in der gleichen Lage wie im Falle des Ankaufs des Lebensrechts der Maus für € 10. Daher ist es aufschlussreich, den Vertragsfall mit dem marktfreien Fall des Ankaufs zu vergleichen. Im  Markt-bzw. Verhandlungsfalle stimmten über 72 % derjenigen, die in der Rolle des Martkverkäufers am Versuch teilnahmen, einer Einigung für weniger oder bis zu € 10 zu. Dafür nahmen sie wissend in Kauf, das Leben der Maus zu opfern.

Wie sich aus zusätzlichen Tests ergibt, scheint es dafür keine plausible Erklärung zu geben außer der, dass die freie Einigungsmöglichkeit die erhöhte Bereitschaft, die Maus zu opfern, bewirkt. Es geht hier nicht um die Geldzahlung als solche, sondern um die bilaterale Einigung, um den wechselseitig vorteilhaften Tausch. (Das ganze kann im übrigen auch gezeigt werden für multilaterale derartige Beziehungen, wobei sich die Ergebnisse noch stärker in die angezeigte Richtung verschieben.)

Nicht Geld, sondern freie Einigung ist das Problem

In dem Beispiel von den Mäusen und den Menschen ist es nicht das Geld als solches,  welches sich subversiv für bestimmte moralische Wertungen auswirkt. Hier steht die Möglichkeit einer freien Einigung im Vordergrund. Der Austausch hätte auch ohne Geld im gegenseitigen Vorteil stattfinden können.  Das Experiment ist insoweit ehrlich, als es darum geht, dass sich Menschen auf Kosten der Interessen Dritter einigen können und dürfen,  ohne dass das Kollektiv „aller moralisch billig und gerecht denkenden Mitmenschen“ mitreden dürfte. Der eigentliche Punkt der Privatrechtsgesellschaft ist es, dass sie Vertragsparteien unter bestimmten Bedingungen davon freistellt, die Auswirkungen auf Dritte und auch auf das Allgemeinwohl zu berücksichtigen. Die Freiheit, in wechselseitiger Zustimmung bestimmte Aktionen durchzuführen,  ist gerade keine Freiheit der Mitbestimmung, sondern der Selbstbestimmung. Dritte haben in dem privatrechtlich autorisierten Bereich nicht das Recht, den Vertragsparteien hineinzureden. Da wir unter Bedingungen der inter-individuellen Interdependenz in einer wertepluralen Welt leben, werden bei Autorisierung zu freien Verträgen immer auch Resultate entstehen, die einigen oder vielleicht sogar fast allen anderen nicht gefallen.

Dagegen, dass erwachsene Menschen sich im Rahmen des Rechts auf wechselseitig vorteilhafte Übereinkünfte einlassen dürfen, wagt heutzutage kaum noch jemand –  außer in begrenzten, gerade deshalb so populären Fällen wie dem der Prostitution oder des Organhandels –  offen aufzutreten. Wie Michael Sandel versucht man das Unbehagen gegenüber den Ergebnissen freier Übereinstimmung gerne als Unbehagen gegenüber Geldzahlungen zu formulieren. Dann muss man nur gegen Geldbewertungen vorgehen. Am Ende geht es jedoch nicht um das Geld, sondern darum, dass wir uns den Bewertungen anderer zu stellen haben bzw. diese zu respektieren haben, wenn wir Ihnen die rechtliche Möglichkeit zu wechselseitiger Übereinkunft und freier Entscheidung geben.

Der Wert des Menschen

„(D)ie Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis. … Und wie bei anderen Dingen, so bestimmt auch bei den Menschen nicht der Verkäufer den Preis, sondern der Käufer. Denn mag jemand, wie es die meisten Leute tun, sich selbst den höchsten Wert beimessen, so ist doch sein wahrer Wert nicht höher, als er von den anderen geschätzt wird“  (Hobbes, T. (1976): Leviathan. Frankfurt, § 10, 67).

Ob man den „wahren Wert“ eines Menschen wirklich in der Bewertung durch andere in freien Verträgen sehen muss,  ist höchst zweifelhaft. Das liegt einfach daran, dass es „den wahren Wert“ eines Menschen nicht gibt. Das hat Hobbes durchaus verstanden. In einer Welt pluraler Werte legen wir der Zustimmung  von anderen Menschen,  die von ihnen kontrollierten Ressourcen nutzen zu dürfen, ganz unterschiedliche Werte bei,  je nachdem welche Ziele wir selber anstreben. Und wir leisten dann unterschiedliche Ausgleichszahlungen.

Natürlich wollen wir in einer Welt leben, in der wir andere Menschen nicht nur als Mittel zum Zweck betrachten. Ja Menschen sollen behandelt werden als Zwecke in sich. Aber das heißt einfach nur, dass wir sie als autonome Rechtssubjekte behandeln.

Wenn ich den Taxifahrer bezahle, dann benutze ich ihn keineswegs nur als Mittel zum Zweck. Das gilt gerade weil ich mich verpflichtet sehe, ihm eine Ausgleichszahlung zu leisten, um seine freie Zustimmung zu erhalten.

Das einzige Mittel, in einer Welt autonomer Individuen leben zu können, ist es, die Entscheidungsautonomie der anderen Individuen institutionell-rechtlich zu respektieren.  Deshalb ist es so wichtig, darauf zu verweisen, dass das Mäuse-Experiment nicht nur mit Mäusen im Sinne von Geld, nicht nur mit Märkten im Sinne von Gütertausch,  sondern mit der Freiheit, Verträge zu schließen, in Verbindung zu bringen ist. Es geht um die individuelle Autonomie und die Freisetzung von der kollektiven Einmischung.

Diejenigen, die die häufig unappetitlichen Resultate der Selbstbestimmung (nicht nur im Feuilleton) kritisieren, sollten nicht vergessen, dass wir alle lieber selbst bestimmen als nur mit zu bestimmen. Die unangenehmen Wirkungen der Selbstbestimmung sind mir persönlich jedenfalls alle Mal lieber als die schlimme Aussicht auf kollektive Bestimmung meiner Handlungen.

Selbstverständlich werden die Anhänger der Fundamentalkritik an Märkten und der modernen Privatrechtsgesellschaft den Verdacht weit von sich weisen, dass sie einen allmächtigen Staat wollen. Das ist auch glaubwürdig. Natürlich will beispielsweise Michael Sandel nicht einen Staat, der die Vertragsfreiheit gänzlich eliminiert. Das Dumme ist nur, dass die kollektive Festlegung des Handelns immer bedeutet, dass die einzelnen nicht mehr selbstbestimmen dürfen. Es mag vielfach gerechtfertigt sein, diesen Preis zu zahlen. Aber es ist nie gerechtfertigt, den Preis nicht offen nennen und die eigene Ohnmacht in Ermangelung besserer Alternativen nicht eingestehen zu wollen.

 

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