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Der Wert des Marktes:
Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Besprechung des gleichnamigen Buches von Lisa Herzog und Axel Honneth

„Die Idee des Glücks ist neu in Europa“ – dieser Ausspruch des französischen Revolutionärs Saint-Just beschreibt treffend jene Tendenz des 18. Jahrhunderts, die herrschende Gesellschaftsordnung erstmals grundsätzlich in Frage zu stellen und fortan bewusst gestalten zu wollen. Parallel zur Entstehung marktwirtschaftlicher Strukturen entsprang also auch ein Diskurs über die normative Bewertung dieser Strukturen, der bis heute anhält. Lisa Herzog und Axel Honneth haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Diskurs nachzuzeichnen. Das von ihnen herausgegebene Buch „Der Wert des Marktes“ spannt einen Bogen von Bernard Mandevilles „Bienenfabel“ zum marxistischen Utopismus des US-Soziologen Erik Olin Wright – und überbrückt damit natürlich nicht nur zeitliche, sondern vor allem ideologische Differenzen. Dabei hätte das Spannungsverhältnis zwischen den Texten aber durchaus noch größer ausfallen dürfen: Der Sammelband krankt letztlich an der Homogenität der ausgewählten Beiträge.

Das 670 Seiten starke Buch besteht aus kurzen Essays von insgesamt 24 Autoren, die den Kategorien „Rechtfertigung“, „Kritik“ oder „Vermittlung“ zugeordnet sind. Diese Kategorien bilden die drei Hauptabschnitte des Buches. Jedem Abschnitt wird ein kurzer Kommentar der Herausgeber vorangestellt, der die nachfolgenden Texte grob zusammenfasst und sie in den ideengeschichtlichen Kontext einordnet. Die ausgewählten Essays sind häufig Passagen aus umfangreicheren Werken: Zum Beispiel umfasst Adam Smiths Beitrag zur Rechtfertigung des Marktes kurze Textstellen aus der „Theorie der ethischen Gefühle“ ebenso wie aus dem „Wohlstands der Nationen“. Insgesamt vermittelt eine solche Auswahl natürlich einen recht subjektiven Eindruck individueller Werke und Autoren.

Der erste Teil, Rechtfertigung, beginnt mit der zuvor erwähnten „Bienenfabel“, in der moralisches Fehlverhalten als Triebkraft der Marktwirtschaft dargestellt wird. Die nachfolgenden Texte beschäftigen sich mit der grundsätzlichen Funktionsweise des Marktsystems, greifen aber wiederholt auch sozialpolitische Fragen auf. Bei Smith geht es sowohl um Arbeitsteilung als auch um Schulbildung als Aufgabe des Staates; eine relativ technische Abhandlung über Löhne von David Ricardo enthält auch Implikationen für die Armengesetze; und Milton Friedman schreibt sowohl über die Signalwirkung von Preisen als auch über Einkommensverteilung. Nicht in dieses Schema passt der eher methodisch orientierte Beitrag von Gary Becker, ein eloquentes Plädoyer für die umfassende Anwendung des ökonomischen Verhaltensmodells jenseits wirtschaftlicher Aktivität im klassischen Sinne. Den stärksten Bezug zur Ethik weisen – in diesem ersten Teil – die Texte von Hayek und Friedman auf: Beide betonen vor dem Hintergrund des Systemkonflikts mit dem Kommunismus den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und persönlicher Freiheit.

Der zweite Teil versammelt die Kritiker der Marktwirtschaft. Im ersten Beitrag schreibt Louis Blanc, dass freie Konkurrenz langfristig zu Preisanstiegen führen kann, weil sie Monopolbildung begünstigt – ein durchaus hellsichtiges Argument, zumal der Aufsatz bereits 1839 erschien. Bei Karl Marx und John Ruskin steht die „Kommodifizierung“ menschlicher Arbeit im Mittelpunkt, während sich Rosa Luxemburg um den Nachweis bemüht, dass kapitalistische Nationen Eroberungskriege führen müssen. Lesenswert sind insbesondere die Texte des ungarischen Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi und des marxistischen Philosophen Gerald Cohen: Polanyi beschäftigt sich mit dem Konzept der Reziprozität bei Aristoteles und gibt damit Einblicke in die Ethik einer vormodernen Wirtschaft; Cohen hingegen unternimmt eine nicht ungeschickte Verteidigung marxistischer Ideologie, indem er fragt, ob der Kapitalismus dem Individuum nicht nur die Freiheit gewährt, seine Arbeitskraft zu verkaufen, sondern auch, diese nicht zu verkaufen. Im abschließenden Essay argumentiert der Aktivist Michael Albert, dass Märkte ein ungerechter Allokationsmechanismus sind, solange die Marktteilnehmer über zufällige Vor- oder Nachteile beim Tausch verfügen.

Der dritte Teil ist der Vermittlung zwischen Befürwortern und Kritikern des Marktes gewidmet. Diese Vermittlung wird von den Herausgebern offenbar darin gesehen, dass Märkte generell begrenzt werden müssen, und zwar entweder durch den Staat oder durch die Markteilnehmer selbst („moralische Einhegung“). Verschiedene Möglichkeiten zur Begrenzung von Märkten werden anhand von drei Texten des 19. Jahrhunderts erläutert. Zur Untermauerung der Notwendigkeit ihrer Begrenzung folgt dann eine Reihe von zeitgenössischen Essays, deren Autoren häufig dem neo-marxistischen Spektrum zugeordnet werden können (etwa Samuel Bowles, Albena Azmanova, John Roemer und Erik Olin Wright). Die große Ähnlichkeit weltanschaulicher Positionen führt dazu, dass die Texte immer wieder um dieselben Themen kreisen. So wird der Umstand, dass Markttransaktionen keine persönliche Sympathie voraussetzen, von mehreren Autoren so interpretiert, dass damit langfristige Änderungen im menschlichen Verhalten hervorgerufen werden. Weil Märkte die Entwicklung von Charaktereigenschaften wie Solidarität oder Empathie nicht belohnen, verkümmern diese: „Was aussieht wie eine nüchterne Anpassung an die Schwächen der menschlichen Natur, könnte vielmehr Teil des Problems sein“ (Bowles). Ebenso häufig werden die „Ökonomisierung“ aller Bereiche des menschlichen Lebens und der angebliche Rückzug des Wohlfahrtstaates kritisiert. Es entsteht das Bild eines Marktes, der nicht nur dringend um sozialpolitische Maßnahmen ergänzt werden muss, sondern darüber hinaus wünschenswerte gesellschaftliche Strukturen mit seiner kalten und unmenschlichen Logik erodiert.

Dabei gibt es sicherlich Standpunkte, die wesentlich eher zur Vermittlung zwischen Marktgegnern und -befürwortern beitragen könnten. Die Kritiker des 19. Jahrhunderts beschreiben weitgehend unregulierte Märkte mit erheblichen wirtschaftlichen Machtpositionen, deren Eigenschaften sich stark von denen einer Wettbewerbsordnung im Sinne der neoliberalen Theoretiker des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Es wäre also hilfreich gewesen, zu betonen, dass funktionierende Märkte eine Reihe von institutionellen Voraussetzungen haben und dass die Wohlfahrtswirkung eines Marktes von der Güte dieser Institutionen abhängt. Mindestens ebenso wichtig wäre es gewesen, stärker nach den spezifischen Gerechtigkeitsnormen zu fragen, an denen sich staatliche Umverteilung orientieren soll. Eine Offenlegung des normativen Kriteriums – wie etwa bei John Rawls – kann viel zur Versachlichung der Debatte über den Wert des Marktes beitragen.

Insbesondere aber finden in diesem ökonomisch-philosophischen „Diskurs“ all jene keine Stimme, die den Markt nicht von vorherein für ethisch defizitär halten. Denn eine vermittelnde Position könnte auch argumentieren, dass Märkte über ethische Qualitäten verfügen oder diese fördern. Natürlich gibt es genug Beispiele für diese Position: Man denke etwa an die von Ludwig Mises vertretene Auffassung, wonach internationale Arbeitsteilung bewaffnete Konflikte verhindert, oder Franz Böhms Konzept vom Wettbewerb als der „Moral der freien Ertragswirtschaft“. Nicht zuletzt hätte das Thema auch einen willkommen Anlass geboten, einen Ausschnitt aus Deirdre McCloskeys „Bourgeois Virtues“ ins Deutsche zu übertragen; ihr Argument, dass Marktwirtschaft die Menschen nicht nur wohlhabend sondern im moralischen Sinne besser macht, würde einen erfrischen Kontrast zu einigen Texten dieses Buches bilden.

Herzog, L., Honneth, A. (Hrg.), 2014, Der Wert des Marktes: Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Suhrkamp, Berlin

 

3 Antworten auf „BücherMarkt
Der Wert des Marktes:
Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“

  1. Zum Thema Schulbildung bleibt wohl nur zu sagen: als gebildet wird jener angesehen, dessen Informationen von anderen in deren Welt- und Geistesbild positiv eingeordnet werden ( können ) und in diesem Zusammenhang ( in diesen Schranken und Beschränkungen – auch geistiger Natur ) sinnhaft sind. Auch solche die Informationen besitzen aber von jenen anderen nicht logisch eingeordnet werden können haben dann im gebildeten Milieu keine Chance – sie wird als unqualifiziert abgetan. Und so stellt sich die Frage: was ist Bildung eigentlich ? Es gibt sie per se nicht; sie ist ein Untrieb geistiger Einstellung. Und so ist es auch mit den theoretischen Ideen und Ideologien: Anklang finden sie nur dort wo sie auch in ihren beschränkten Einschränkungen geordnet, verarbeitet werden können – schon komisch.

  2. “Nicht zuletzt hätte das Thema auch einen willkommen Anlass geboten, einen Ausschnitt aus Deirdre McCloskeys „Bourgeois Virtues“ ins Deutsche zu übertragen; ihr Argument, dass Marktwirtschaft die Menschen nicht nur wohlhabend sondern im moralischen Sinne besser macht, würde einen erfrischen Kontrast zu einigen Texten dieses Buches bilden.”

    Für diese These spricht in der Tat sehr viel. Z.B. das die Gewalttätigkeit in westlichen Ländern in den letzten 200 Jahren enorm abgenommen hat.

  3. Hehe, ja das ist in der Tat interessant. Wissenschaftlich möge man untersuchen, wie es sich mit anderen Erdteilen verhält und wer dort sein Unwesen treibt. Ich stelle die kühne These auf, dass es intern ( also in Europa ) zwar “ruhiger” geworden ist, aber extern, sagen wir, verrückter. Es kann aber auch sein, dass die Europäer einfach nur faule Säcke geworden sind, die keinen “Bock” mehr aufs kämpfen haben. Aber nein, es liegt sicher daran, dass sie ( wir ) alle viiiel weiser geworden sind. Hmm …. .

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