Ordnungspolitische Denker heute (5)
Hayek und die Konstruktivismusfalle
Die geplante Energiewende

 I.                  

Im Jahre 1945 veröffentlichte Friedrich August von Hayek den Aufsatz „The Use of Knowledge in Society“.[1] Es sollte einer jener seltenen Standardaufsätze werden, die auch nach Jahrzehnten zitiert, gelesen und diskutiert werden. Dieser Artikel markiert einen Wendepunkt in Hayeks wissenschaftlicher Entwicklung. Er wandte sich von seinen geldtheoretischen (auch geldgeschichtlichen) und konjunkturtheoretischen Arbeiten der Vorkriegszeit ab und befasste sich intensiver mit grundsätzlichen Fragen nach dem „Wesen“ der marktwirtschaftlichen Ordnung. Seine vormals rein ökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragestellungen hatte er dabei nicht aus dem Blick verloren, aber Hayek wurde mehr und mehr klar, dass er sich einen allgemeineren theoretischen Standpunkt erarbeiten musste, um zu praktischen ökonomischen Fragen etwas Gültiges sagen zu können. Es beschäftigen ihn Fragen wie diese: Wie koordiniert eine marktwirtschaftliche Ordnung millionenfache Pläne von Personen, die sich nicht kennen? Was müssen Personen wissen, um sich in eine solche Ordnung mit ihren wirtschaftlichen Handlungen erfolgreich eingliedern zu können? Welche Schranken müssen Personen und Firmen in ihren wirtschaftlichen Handlungen auferlegt werden, damit diese Ordnung funktionieren kann? Welche Aufgaben fallen dem Staat darin zu? In welcher Weise stellt die Freiheit eine Ressource für die Ordnung dar oder vermag sie, wie viele Kritiker mutmaßen, die Ordnung auszuhöhlen? Stellt der Staat einen Ordnungsgaranten dar oder könnte er mit seinem Machtmonopol die marktwirtschaftliche Ordnung selbst zerstören, zumindest empfindlich beeinträchtigen? Welche Frustrationstoleranz sollten die Menschen, die in einer solchen Ordnung wirtschaften, aufbieten, was die Ordnungsergebnisse, zum Beispiel die Verteilung von Einkommen, betrifft? Muss eine marktwirtschaftliche Ordnung Wohlstandsergebnisse „liefern“ oder sind die Menschen ganz allein für ihren Wohlstand verantwortlich, wenn nur gewisse Regeln der Ordnung einmal hergestellt sind? Welchen Zeithorizont sollten wir wählen, um über den Erfolg einer marktwirtschaftlichen Ordnung zu befinden und Ordnungsalternativen – zum Beispiel eine Variante von Sozialismus – in Erwägung zu ziehen? Könnte es sein, dass kurzfristige, sogar verständliche Frustrationen über die Ergebnisse einer marktwirtschaftlichen Ordnung zu schwerwiegenden politischen Fehlentscheidungen führen, nur weil wir Anpassungsprozesse nicht abwarten können?

Solche Fragen waren für die ökonomische Theorie keineswegs neu, aber Hayek wandte sich ihnen einer neuartigen Weise zu. Dabei entwarf er für die marktwirtschaftliche Ordnung ein theoretisches Modell, das sich von dem Walras-Modell einer gleichgewichtigen, stationären Wirtschaft deutlich unterschied. Es betonte andere Leistungsmerkmale einer marktwirtschaftlichen Ordnung als solche, die im Modell des allgemeinen Gleichgewichts thematisiert wurden. Letzteres stieg zum Standardmodell der ökonomischen Theorie auf, war aber in mathematischer Hinsicht nur rudimentär ausgearbeitet, als Hayek bereits damit begann, eine theoretische Alternative zu entwickeln, die er manchmal als Gegenentwurf, manchmal als Ergänzung zum Standardmodell verstand. Hayek holte für seine neue Theorie einer marktwirtschaftlichen Ordnung weit aus: er griff auf sozialphilosophische Arbeiten der schottischen Aufklärer – David Hume, Adam Ferguson, Adam Smith – zurück, vertiefte sich in die politische Philosophie des Liberalismus, welche in seinem Spätwerk auch Kants praktischer Vernunft einen wichtigen Platz zuwies, und verband diese Arbeiten mit Carl Mengers Methodologie der Sozialwissenschaften.[2] In der „Verfassung der Freiheit“ verdichtete Hayek seinen neuen Ansatz, indem er die Freiheit zum Zentrum seines Verständnisses einer marktwirtschaftlichen Ordnung machte.[3] Das ist insofern bemerkenswert, als die ökonomische Theorie mit Adam Smiths System der natürlichen Freiheit ihren Ausgang nahm, gleichwohl den Freiheitsbegriff nicht mehr explizit vorkommen ließ, je weiter die ökonomische Analyse voranschritt. Die Frage war, ob der Freiheitsbegriff zumindest implizit noch mitgedacht wurde oder auch das nicht mehr der Fall war. Zu letzterer Auffassung gelangte schließlich Hayek, weshalb eine theoretische Umorientierung geboten schien. Er legte dar, dass wirtschaftliche Freiheit für die Dynamik einer wirtschaftlichen Ordnung eine zentrale Rolle spielt und somit den Mittelpunkt einer theoretischen Analyse bilden musste. Freiheit war für Hayek dabei nicht nur die Abwesenheit von Zwang oder ein Zustand des Unbehelligtseins von staatlicher Kontrolle; es war für ihn der Ort des Zufälligen, Kreativen, Unkontrollierbaren und Unberechenbaren – also der Ausgangspunkt sozialer Elementarkräfte, denen antiliberale Bewegungen seit je eine ordnungsgefährdende Potenz zugeschrieben hatten. Hayek entwickelte ein Ordnungsverständnis, das diese scheinbar ordnungszerstörenden Elemente als produktive Kraft des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts erkannte, auch wenn es dazu besonderer institutioneller Einhegungen bedurfte. Dafür erfand Hayek den Begriff der „spontanen Ordnung“. Obwohl er sein Ordnungsmodell mit allerlei Anleihen an die Kybernetik oder neuronale Netzwerke zu präzisieren versuchte, blieb es vor allem inspirativ und markiert darum bis heute eher ein Forschungsprogramm als eine fertige Theorie. Bemerkenswerterweise unternahm Hayek aber bereits in der „Verfassung der Freiheit“ Versuche, die wirtschaftspolitischen Konsequenzen seines neuen Ordnungsmodells in verschiedenen Anwendungsbereichen zu durchdenken. Um die Brücke zwischen abstrakter Ordnungstheorie und wirtschaftspolitischer Anwendung war ihm stets gelegen.

II.

Worin bestand nun die Umorientierung Hayeks in der Analyse der marktwirtschaftlichen Ordnung? Er verstand sie nicht als etwas, was auf Perfektion oder Optimalität von vornherein angelegt wäre und wandte sich schon früh gegen das (theoretisch erst nach und nach verfeinerte) Ordnungsmodell eines stabilen Gleichgewichts, welches annahm, dass die Marktteilnehmer Marktentwicklungen antizipieren könnten. Das werden sie zwar versuchen und das Haftungsprinzip, das Verluste den Unternehmen selbst zurechnet, bietet einen starken Anreiz für Unternehmer, die Chancen ihrer Investitionsvorhaben genau abzuschätzen. Aber das schließt fehlerhafte unternehmerische Entscheidungen keineswegs aus, weil zu viele ökonomische Daten über den wirtschaftlichen Erfolg einer Investition entscheiden: Preisveränderungen, Entwicklungen auf Rohstoffmärkten, das Verhalten der Wettbewerber und vieles andere mehr. Hayeks Unternehmer sind nicht Vollzugsorgane einer perfekten Rationalität sondern Experimentatoren. Fehlerhafte Entscheidungen zum Beispiel aufgrund falsch eingeschätzter Marktentwicklungen bilden einen Teil der Ordnungsrealität. Aber hierin liegt kein Ordnungsdefizit, sondern Versuch und Irrtum sind geradezu konstitutiv für die spontane Marktordnung. Denn der Wettbewerb setzt die Marktteilnehmer einer besonderen Lernumgebung aus, die einen Anreiz dafür setzt, aus fehlerhaften Entscheidungen Schlüsse für künftiges Verhalten zu ziehen. Dafür ist es wichtig, dass die Marktteilnehmer ihre Lernumgebung nicht ihrerseits kontrollieren können, mit anderen Worten, dass Wettbewerb herrscht. In diesem Fall nämlich bleiben auch die Folgen ökonomischer Irrtümer für die Gesamtwirtschaft begrenzt, anders als wenn eine kollektive staatliche Instanz Investitionspläne verabschiedet hätte.

Ganz im Sinne der Klassiker des ökonomischen Liberalismus räumt das Modell der spontanen Ordnung zwar Irrtümer ein, aber es lässt sich keine übergeordnete Instanz denken, die solche Irrtümer vermeiden könnte und das dazu nötige Wissen besäße: „Der eigentümliche Charakter des Problems einer rationalen Wirtschaftsordnung ist gerade durch die Tatsache bestimmt, daß die Kenntnis der Umstände, von der wir Gebrauch machen müssen, niemals zusammengefaßt oder oder als Ganzes existiert, sondern immer nur als zerstreute Stücke unvollkommener und häufig widersprechender Kenntnisse, welch all die verschiedenen Individuen gesondert besitzen.“ [4] Die Dezentralität menschlicher Kenntnisse, die in ihrer Gesamtheit niemand besitzen kann, avanciert zu einer Leitidee bei Hayek. „Die Summe des Wissens aller Einzelnen existiert nirgends als integriertes Ganzes.“ (ebenda, S. 34) Dabei gelangte er zu der Erkenntnis, dass das millionenfache arbeitsteilige Wirtschaften in einer großen Gesellschaft eine Ordnung hervorbringt, die sich von einer Organisation grundlegend unterscheidet. Eine Organisation, etwa eine Firma, verfolgt ein Ziel und ist dementsprechend hierarchisch aufgebaut. Letztlich sind alle Organisationsteilnehmer diesem Ziel verpflichtet und haben ihren Leistungsbeitrag auf das Organisationsziel auszurichten. Aber die Wirtschaft, sagen wir Deutschlands, „hat“ kein Ziel. Sie ist kein kollektiver Akteur, auch wenn sich die öffentliche Debatte selbst unter manchen Ökonomen gelegentlich kollektivistischer Sprachmuster bedient („Deutschland muss seine Löhne erhöhen“ oder ähnliche Topoi, die die Existenz eines kollektiven Wirtschaftsakteurs „Deutschland“ vermeinen.)

Das wichtigste Leistungsmerkmal einer spontanen Ordnung bildet ihre Zukunftsorientierung. „Aus den tastenden Bemühungen der Menschen“ entsteht „etwas Größeres als aus einem einzelnen menschlichen Verstand“.[5] Nicht die „planende Vernunft“ bringt eine Ordnung hervor, sondern vielmehr die „anpassende Entwicklung“ vieler Wirtschaftseinheiten. Die spontane Ordnung baut sich gleichsam von unten auf, indem die Wirtschaftsteilnehmer ihre Pläne korrigieren, Anpassungen vornehmen und neue Chancen realisieren. Dabei benötigen sie Freiheit, wobei es nicht um die Freiheit Einzelner oder Gruppen zu Lasten anderer geht, sondern um die allgemeine Freiheit unter dem Gesetz. Hierin folgt Hayek den klassischen Vorläufern des Liberalismus wie Adam Smith oder J. St. Mill, die dem Staat eine neutrale Schutzfunktion für alle Individuen zuwiesen und nicht etwa die Begünstigung von Gruppen – schon gar nicht die von monopolistischen Unternehmern. Freiheit als wirtschaftliche Ressource – es ist dieser Gedanke, den Hayek neu belebt. Fortschritt resultiert dabei aus dem Gebrauch der Freiheit. „Es ist eine der charakteristischsten Tatsachen in einer im Fortschritt befindlichen Gesellschaft, daß das meiste, wonach die Individuen streben, nur durch weiteren Fortschritt erreicht werden kann“[6]

Fortschritt denkt Hayek nicht als Realisation eines kollektiven Planes, sondern als die Hervorbringung des Neuen. “Freiheit ist wesentlich, um Raum für das Unvorhersehbare und Unvoraussagbare zu lassen; wir wollen sie, weil wir gelernt haben, von ihr die Gelegenheit zur Verwirklichung vieler unserer Ziele zu erwarten. Weil jeder einzelne so wenig weiß und insbesondere, weil wir selten wissen, wer von uns etwas am besten weiß, vertrauen wir darauf, daß die unabhängigen und wettbewerblichen Bemühungen Vieler die Dinge hervorbringen, die wir wünschen werden, wenn wir sie sehen.”[7] Damit beschreibt Hayek das Entwicklungsprinzip einer freiheitlichen, spontanen Ordnung. Hierbei tritt aber auch das typische und immer wiederkehrende Argumentationsproblem des Liberalismus hervor: Er muss kontrafaktisch argumentieren, nämlich im Hinblick auf Möglichkeiten, welche die allgemeine Freiheit eröffnet, ohne dass er die vorteilhaften Ergebnisse des Freiheitsgebrauches voraussagen oder gar garantieren kann.[8] Vor allem aber kann der Liberalismus nicht angeben, worauf eine Gesellschaft verzichten wird, wenn sie die Freiheit beschränkt. Um es mit einem besonders drastischen Gedankenexperiment zu verdeutlichen: Wäre die ganze Welt bis heute nach dem Wirtschaftsprinzip der Sowjetunion oder der DDR organisiert, würde man gar nicht wissen, worauf diese Welt ökonomisch verzichtet, da die Möglichkeiten des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts mangels Freiheit im Dunkeln wären. Um das obige Hayek-Zitat aufzugreifen: Die Menschen können nicht wissen, was sie wünschen, eben weil sie es nicht sehen. Alle Bereiche der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie wären unbekannt, aber genau deshalb wären sie im ökonomischen Sinne noch nicht einmal „knapp“.

III.

Es dürfte damit schon andeutungsweise klar geworden sein, dass Hayek den Fortschritt in der spontanen Ordnung weder hypostasiert noch die ökonomischen Defizite dieser Ordnung leugnet. Im Gegenteil beruht die spontane Ordnung daraus, dass Individuen beständig nach Chancen suchen, die sich im Tausch für andere als vorteilhaft erweisen und damit die Koordinationsleistungen der Ordnung verbessern. Diese sukzessive Ordnungsverbesserung durch „anpassende Entwicklung“ findet zwar auch in Organisationen statt, aber eben in erster Linie nur dann, wenn sie ihrerseits Teil einer spontanen Ordnung sind, d.h. dem Wettbewerb ausgesetzt sind. Ich erlaube mir im Folgenden, den Hayekschen Gedanken der spontanen Ordnung auf eine aktuelle wirtschaftspolitische Frage anzuwenden, welche nach allen Bekundungen von grundlegender Bedeutung für die ökonomische und ökologische Zukunft ist: auf die Frage der Energiewende, d.h. der Umstellung der Energieerzeugung auf CO2-arme oder CO2-vermeidende Energieträger. Es ist klar, dass die zahlreichen Detailfragen, welche die wirtschaftspolitische Debatte prägen, außen vor bleiben müssen, da dies eine gründliche Befassung mit dem Politikfeld der Energiewende voraussetzt. Es ist jedoch reizvoll genug, das Problem der Energiewende einmal aus der Perspektive des Modells der spontanen Ordnung zu betrachten.

Aus Hayekschem Blickwinkel handelt es sich bei der Energiewende um ein gesellschaftliches Großprojekt, was für sich genommen noch keinen Einwand bietet. Wenn die Reduzierung klimaschädlicher Gase wie CO2 gesellschaftlich notwendig erscheint, bedarf es kollektiver Maßnahmen, da die Wirtschaftsteilnehmer – Unternehmen oder Haushalte – dies kaum freiwillig tun werden, wenn CO2-Einsparungen mit Kosten verbunden sind, sie selber aber keinen unmittelbaren Nutzen erfahren. Die Frage lautet allerdings, in welchem Umfange der Staat mit Zwangsvorschriften, Vergünstigungen oder energiewirtschaftlichen Planungen hier tätig werden sollte. Im Modell einer spontanen Ordnung hätte die ökologische Anpassung dezentral, also „von unten“ zu erfolgen, ohne dass der Staat die Richtungen bestimmt oder vorgibt. Um einen solchen Prozess einzuleiten, bedürfte es allerdings eines künstlichen, langfristig ausgerichteten Verknappungseingriffes des Staates, um CO2-Einsparungen in der Volkswirtschaft zu initiieren. Dies kann mit einem künstlich geschaffenen Emissionsrechtehandel für CO2, mit Ökosteuern auf den Verbrauch von CO2 oder in manchen (aber auf Ausnahme beschränkten) Fällen auch mit technischen Standards für den CO2-Verbrauch geschehen. Wesentliches Merkmal solcher regulatorischen Eingriffe ist die „negative Regel“, ein Grundprinzip der spontanen Ordnung: Es werden lediglich unerwünschte Handlungen – hier: CO2-verbrauchende –  verteuert oder gar untersagt, aber es werden den Individuen keine Handlungen vorgeschrieben. Negative Regeln bilden das Grundprinzip einer innovationsoffenen Gesellschaft; denn die Wirtschaftsteilnehmer bleiben frei darin, Handlungen ihrer Wahl auszuprobieren.[9] Mit einem Emissionsrechtehandel, der möglichst ausnahmslos für alle Emittenten verbindlich zu machen wäre, könnte überdies die CO2-Emissionsmenge gesteuert werden, was ja das eigentliche Motiv der Energiewende wäre. Typischerweise lässt sich bei diesem Modell staatlicher Steuerung aber nicht vorhersehen, wie die ökologische Umsteuerung am Ende aussehen wird: welche technischen Formen erneuerbarer Energien sich im Wettbewerb durchsetzen werden oder welche Energieeinsparungen die Energienutzer realisieren werden, weil sie sich an gestiegene Preise, welche nunmehr die Knappheit von CO2-Emissionen anzeigen, anpassen. Dieser Anpassungsprozess ist vielmehr durch Versuch und Irrtum gekennzeichnet und lässt sich in seinen Resultaten nicht voraussagen.

Der alternative Politikansatz setzt auf umfassende gesellschaftliche Planung. Es handelt sich um eine Spielart dessen, was Hayek als „konstruktivistisch“ bezeichnet. Charakteristisch hierfür ist die konkrete Vorgabe von langfristigen Entwicklungszielen, und zwar nicht nur (legitimer Weise) für die Reduktion von CO2, sondern auch für die technologische Umsetzung dieser Ziele und langfristige Preissetzungen: Ausbauziele für erneuerbare Energie, und garantierte Einspeisevergütungen für Strom aus Erneuerbaren Energien aber auch Vorschriften zur Strom- und Energieeinsparung stellen einen groß angelegten Versuch da, den Wechsel auf CO2-sparende Energieerzeugung staatlich zu lenken. Die langfristige Bedeutung der Energiewende gilt generell als Rechtfertigung für den staatlichen Eingriff. Dabei stellen sich jedoch eine Reihe von kritischen Fragen für den planerischen Großversuch:

Wie wird sich die Wissensgrundlage in den kommenden 15 Jahren geändert haben, was die Verfügbarkeit neuer CO2-sparender Technologien in der Stromerzeugung betrifft? Wer ist motiviert, nach innovativen CO2-sparenden Technologien zu suchen, wenn das bestehende Vergütungssystem nur die gegenwärtig bekannten Technologien erfasst? Da sich die Wissensgrundlagen für die Energiewende bereits erheblich verändern und die gegenwärtige Förderpraxis garantierter Einspeisevergütungen in Frage stellen, schließt sich die nächste Frage an: Besitzen die politischen Akteure ein Interesse, die offenkundig gewordene Fehlsteuerung durch Überförderung bestimmter Erneuerbarer Energien laufend zu überprüfen? Werden diese Politiker gar bereit sein, eine solche als ineffizient erkannte Politik zu stoppen und kostengünstigere Alternativen der CO2-Vermeidung zu identifizieren? Welchen Anreiz haben Politiker, die Förderung erneuerbarer Energien zu senken, wenn sie der Förderung nicht mehr bedürfen, zum Beispiel weil sie die Wettbewerbsfähigkeit erlangt haben? Diese knappen Überlegungen verdeutlichen, dass die staatlich gelenkte Energiewende nach deutschem Muster einem ganz anderen Ordnungsprinzip folgt, als es für die wettbewerbliche Selbststeuerung in der spontanen Ordnung wirksam ist. Eine überteuerte Produktion in der Stromerzeugung wird den Anbietern nicht automatisch signalisiert, indem sie Verluste machen, welche sie zu einer Anpassung zwingen. Vielmehr bedarf es eines politischen Aktes, die garantierten Abnahmepreise des Erneuerbaren Energiengesetzes (EEG) zu korrigieren. Dagegen werden sich die Betroffenen mit aller politischen Kraft zu wehren versuchen und Widerstand organisieren. Auch wird der Korrekturbedarf nicht frühzeitig signalisiert, sondern erst dann, wenn die Fehlförderung einer überteuerten, nicht wettbewerbsfähigen Stromerzeugung gewisse Schwellwerte übersteigt, welche den politischen Akteuren ein gesellschaftliches Widerstandspotential anzeigt. In der spontanen Ordnung hingegen gehören Preisveränderungen zur Normalität; sie signalisieren bereits frühzeitig einen Anpassungsbedarf.

Aus der Perspektive der spontanen Ordnung stellt sich die entscheidende Frage: Wie kann eine langfristige Energiepolitik konzipiert werden, welche innovationsoffen ist anstatt das gegenwärtige Wissen als Planungsgrundlage für die kommenden 15 Jahre zu wählen? Einer konstruktivistischen Politik der Wissenskonservierung ist die volkswirtschaftliche Verschwendung von vornherein eingeschrieben; sie ist schon vom Ansatz her anti-innovativ. Ein auf Innovationsfähigkeit setzender Ansatz hingegen würde einräumen, dass wir das künftige Wissen um CO2-sparende Techniken nicht kennen und deshalb nicht das gegenwärtig verfügbare zur Planungsgrundlage wählen sollten. Niemand weiß, wie eine klimafreundliche Wirtschaft im Jahre 2030 aussehen könnte. Es ist darum ein politischer Ansatz zu wählen, der die Korrekturfähigkeit der Marktteilnehmer stärkt anstatt sie zu Vollzugsorganen eines Großversuchs zu machen, für das die politischen Akteure keine ökonomische Verantwortung tragen und bestenfalls mittelbar politisch haften, wenn Zahlungswiderstände zu einem Wiederwahlrisiko werden. Ein solcher politischer Korrekturmechanismus ist viel zu schwach, um die Volkswirtschaft vor Verschwendung zu bewahren und auf innovativen Bahnen zu halten. Stattdessen ist einer indirekten Politik des „negativen Eingriffe“ der Vorzug zu geben, welche sich auf die Steuerung des umweltpolitischen Zieles konzentriert, aber die Art der Umsetzung dem Wettbewerb überantwortet. Der Preis dieser Politik besteht darin, dass der „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ zu überraschenden Ergebnissen führt und außerhalb gegenwärtiger Vorstellungswelt liegen dürfte.[10] Es liegt sehr viel näher, anzustreben, was man sich auch vorstellen kann. Was für individuelles Handeln sinnvoll erscheint, bildet im Bereich kollektiven Handelns die Quelle kostspieliger Irrtümer.

Hayeks ordnungstheoretische Analyse bietet aber auch Hinweise, warum die spontane Ordnung keineswegs allgemein als vorzugswürdig erscheinen muss, obwohl sie auf lange Sicht wirtschaftlichen Fortschritt und Wachstum in historisch einzigartiger Weise hervorgebracht hat. Wirtschaftliche Entwicklungsdynamik bedeutet stets, dass Vermögensbestände von Unternehmen und berufliche Qualifikationen, also Kapital im weitesten Sinne, eine Neubewertung erfahren. Es gibt keine Garantie für Einkommensmöglichkeiten in bestehenden Verwendungen. Das erklärt mit Blick auf die Energieplanungswirtschaft, welche das EEG etabliert hat, auch die Tatsache, warum es von den Nutznießern mit großer Hartnäckigkeit verteidigt wird. In einer spontanen Ordnung regt die Ungewißheit über künftige Einkommen zu wirtschaftlicher Anpassung und Suche nach Chancen an. Garantierte Preise und garantierte Abnahmemengen (im Falle des EEG aufgrund des Einspeisevorrangs für erneuerbare Energien) verschaffen hingegeneine Einkommens- und Planungssicherheit, welche die spontane Ordnung nicht kennt. Es ist nicht zu erwarten, dass die Nutznießer garantierter Preise und Abnahmemengen eine wettbewerbliche Stromwirtschaft bevorzugen. Überlebensfähig ist eine solche planwirtschaftliche Sonderwirtschaftszone vor allem dadurch, dass die wettbewerbliche Wirtschaft einstweilen genügend Ressourcen bereitstellt, um die gesetzlich garantierten Einkommen zu finanzieren. Es steht aber außer Frage, dass die spontane Ordnung mit der Umwandlung eines bedeutenden Sektors in eine Planwirtschaft insgesamt einem Belastungstest ausgesetzt wird.

Die Gefahren eines Konstruktivismus lauern immer dann, wenn politische Ziele allgemein als besonders vordringlich erscheinen, wie Hayek betont. Gesellschaftliche Planung erscheint dann evident und kann sich oft genug auf gesellschaftliche Akzeptanz stützen – zunächst auch außerhalb des Kreises der unmittelbar Begünstigten. Die Folgen einer Zurückdrängung des Wettbewerbs, mithin die Kosten des Konstruktivismus, sind für die Bürger zunächst nicht absehbar und stellen sich, wie das Beispiel der bundesdeutschen Energiewende zeigt, erst nach und nach ein. Dies verweist auf einen beunruhigenden Befund: Die Theorie der spontanen Ordnung ist in epistemischer Hinsicht zu voraussetzungsvoll, um allgemein einzuleuchten. Die Bürger in modernen Demokratien wünschen zwar allgemeinen Wohlstand, verstehen aber die wettbewerblichen Grundlagen ihres Wohlstandes zu wenig, um eine entsprechende Wirtschaftspolitik zu unterstützen. Hinzu kommt, dass Einkommensungewissheit als Folge permanenten Strukturwandels gleichsam den Preis für Wohlstand darstellt. Es gibt von einem liberalen Standpunkt zwar keinen Grund, den Bürgern ihre Präferenz für Sicherheit auszureden, wenn man die Freiheit als Wert an sich anerkennt. Nur erzeugen die Bürger damit ihrerseits ein Wohlstandsrisiko, für das sie die Politik verantwortlich halten, anstatt ihre eigenen konstruktivistischen Überzeugungen als Ursache zu erkennen.[11] Eine Wirtschaftspolitik des freien Wettbewerbs überzeugt dann oft erst ex negativo, wenn die Kosten einer konstruktivistischen Politik fühlbar werden.

Literatur

Hayek, F. A. v., Die Verfassung der Freiheit, 4. Aufl., Tübingen (Mohr) 2005.

Hayek, F. A. v. (1976), „The Use of Knowledge in Society“, in: American Economic Review (Vol. 35), S. 519-530; dt.: „Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft“, in: Hayek, F. A. v. (Hrsg.), Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, Salzburg, 103 – 104

HAYEK, F.A.V. (1969a), „Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“; in: Hayek, F.A.v., Freiburger Studien, Tübingen (Mohr), S. 249-265.

Hayek, F.A.v. (1969b) „ Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung“, in: Hayek, F. A. v. (Hrsg.), Freiburger Studien, Tübingen (Mohr), S. 108 – 125.

Hennecke, H. J., Friedrich August von Hayek. Die Tradition der Freiheit, Düsseldorf (Verlag Wirtschaft und Finanzen), 2000.

MENGER, C. (1969/1883), Gesammelte Werke, Bd. II. Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der Politischen Ökonomie insbesondere, herausgegeben von F.A.v. Hayek, Tübingen.

Wegner, G., Ökonomischer Liberalismus als politische Theorie. Befund, Kritik, Rekonstruktion, Tübingen 2012

Fußnoten


[1] ) Hayek, F. A. v. (1976), „The Use of Knowledge in Society“, in: American Economic Review (Vol. 35), S. 519-530; dt.: „Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft“, in: Hayek, F. A. v. (Hrsg.), Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, Salzburg, 103 – 104

[2] ) Menger, C. (1969/1883), Gesammelte Werke, Bd. II. Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der Politischen Ökonomie insbesondere, herausgegeben von F.A.v. Hayek, Tübingen.

[3] ) Hayek, F. A. v., Die Verfassung der Freiheit, 4. Aufl., Tübingen (Mohr) 2005

[4] ) Hayek, F. A. v. (1976), „Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft“, in: Hayek, F. A. v. (Hrsg.), Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, Salzburg, 103 – 104.

[5] ) Hayek, F. A. v., Die Verfassung der Freiheit, Tübingen, 2005, S. 76

[6] ) ) Hayek, F. A. v., Die Verfassung der Freiheit, Tübingen, 2005, S. 56.

[7] ) ) Hayek, F. A. v., Die Verfassung der Freiheit, Tübingen, 2005, S. 40

[8] ) Ausführlich hierzu: Wegner, G., Ökonomischer Liberalismus als politische Theorie. Befund, Kritik, Rekonstruktion, Tübingen 2012.

[9] ) vgl. Hayek, F.A.v. (1969b) „ Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung“, in: Hayek, F. A. v. (Hrsg.), Freiburger Studien, Tübingen (Mohr), S. 108 – 125.

[10] ) vgl. Hayeks vielzitierten Aufsatz: F.A. v. Hayek (1969 a), „Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“; in: Hayek, F.A.v., Freiburger Studien, Tübingen (Mohr), 1969, S. 249-265.

[11] ) Eine ausführliche Befassung mit diesem Thema findet sich in: Wegner, G, Ökonomischer Liberalismus als politische Theorie. Befund, Kritik, Rekonstruktion, Tübingen 2012

 

Beiträge der Serie “Ordnungspolitische Denker heute“:

Wolf Schäfer: Verkehrswege in Deutschland: Falsche Institutionen

Ulrich van Suntum: Ordnungspolitische Leere: Es steht mehr auf dem Spiel als nur die Effizienz

Rainer Hank: Was wir von Wilhelm Röpke lernen sollten – und was lieber nicht.

Thorsten Polleit: Die Interventionismus-Falle

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