Keine Angst vor der Globalisierung!
Erfahrungen mit der EU-Osterweiterung

Zum 1. Mai 2004 traten acht Länder aus Mittel- und Osteuropa – Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowenien, Slowakische Republik, Tschechische Republik, Ungarn – sowie die Mittelmeerstaaten Malta und Zypern der Europäischen Union (EU) bei. Die wirtschaftliche Integration der mittel- und osteuropäischen Länder war schon zur Jahrtausendwende weit vorangekommen. Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und den Ländern Mittel- und Osteuropas wurden bereits in den 1990er Jahren weit ausgebaut. Deutsche Unternehmen waren zudem schon vor der formellen EU-Osterweiterung im Jahr 2004 mit Produktionsstätten vor Ort vertreten.

Gleichwohl werden solche Integrationsschritte wie die EU-Osterweiterung oftmals von Ängsten und Befürchtungen begleitet. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) hat deshalb die Unternehmen in Deutschland nach ihren Erfahrungen mit der EU-Osterweiterung befragt. Die Basis bilden die regelmäßigen IW-Konjunkturumfragen. Im Rahmen der Zusatzfrage dieser Konjunkturumfrage wurden die Unternehmen in Deutschland mittlerweile dreimal – Frühjahr 2004, 2005 und 2014 – mit den gleichen Antwortkategorien nach ihren Erwartungen und Erfahrungen mit der EU-Osterweiterung gefragt (für eine ausführliche Beschreibung der Umfragen siehe Grömling, 2014).

Erwartungen der deutschen Unternehmen

Im März und April 2004 wurden die Teilnehmer der IW-Befragung gebeten, aus der Sicht ihres Unternehmens die zu erwartenden Auswirkungen der anstehenden EU-Osterweiterung einzuschätzen. Die deutschen Unternehmen gingen vor zehn Jahren von einem höheren Konkurrenzdruck aus (Abbildung 1): Zum einen durch Importe aus Mittel- und Osteuropa, zum anderen durch Firmen aus den Beitrittsländern, die selbst nach Deutschland kommen, um hier ihre Leistungen zu erbringen. Rund 30 Prozent der ost- und westdeutschen Firmen rechneten mit starken Impulsen für ihr Unternehmen. Dagegen sah mehr als ein Drittel der Betriebe hierdurch überhaupt keine Auswirkungen. Das verbleibende Drittel nannte geringe Impulse für ihr Unternehmen. Einen steigenden Innovationsdruck in ihrem Unternehmen erwartete die Hälfte der Unternehmen infolge der EU-Osterweiterung nicht. Dies war lediglich für 17 Prozent der westdeutschen und 14 Prozent der ostdeutschen Firmen eine erwartete Notwendigkeit. 30 Prozent (West) und 37 Prozent (Ost) sahen keinen Druck für Rationalisierungen. Dies war dagegen bei mehr als einem Drittel der westdeutschen und einem Viertel der ostdeutschen Unternehmen in hohem Maß der Fall. Für diesen in Zukunft stärkeren Anpassungsdruck durch Prozessverbesserungen infolge der Osterweiterung sprachen offensichtlich die deutlich niedrigeren Arbeitskosten in den Beitrittsländern.
Auch die positiven Erwartungen hinsichtlich der EU-Osterweiterung fielen im Frühjahr 2004 überschaubar aus: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Unternehmen sah keinerlei Impulse durch billigere Vorleistungen und eine stärkere Nachfrage nach ihren Produkten aus den Beitrittsländern. Nur 2 bis 3 Prozent der Unternehmen waren der Ansicht, dass sich ein Arbeitskräftemangel in ihrem Betrieb durch die Osterweiterung in hohem Ausmaß vermindern lasse. Weitere rund 20 Prozent sahen zumindest geringe Impulse. Für gut drei Viertel war dies im Jahr 2004 allerdings überhaupt keine Option. Rund ein Zehntel der befragten Unternehmen glaubte, dass sich nach dem 1. Mai 2004 starke Impulse für eine Produktionsverlagerung ihres Unternehmens nach Mittel- und Osteuropa ergeben würden, weitere 20 Prozent erwarteten immerhin schwache Impulse. Das galt sowohl in West- als auch in Ostdeutschland hauptsächlich für die Industrie.

Erfahrungen der deutschen Unternehmen

Bei der IW-Frühjahrsbefragung im Jahr 2005 zeigte sich, dass die Erwartungen der Unternehmen im Frühjahr 2004 hinsichtlich starker Auswirkungen durch die EU-Osterweiterung höher waren als die ersten Erfahrungen ein Jahr später (Abbildung oben). Der Rationalisierungs- und Innovationsdruck infolge der Osterweiterung, der Konkurrenzdruck durch Importe, billigere Vorleistungen oder durch Firmen aus den mittel- und osteuropäischen Ländern vor Ort wurden im Frühjahr 2004 erheblich stärker eingeschätzt als im folgenden Frühjahr. Ebenso zeigte sich, dass der Anteil der Unternehmen, die zumindest nach dem ersten Jahr keine Impulse durch die EU-Osterweiterung erfahren hatten, höher war als im Frühjahr 2004 zunächst erwartet (Abbildung unten). Zum Teil stieg dieser Anteil sogar deutlich an.

IW-Konjunkturumfrage
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Im Frühjahr 2014 fielen die Bewertungen der Osterweiterung durch die deutschen Unternehmen nochmals erheblich moderater aus als im Frühjahr 2005. Der obere Teil der Abbildung zeigt, dass sich vor allem in den Kategorien, in denen vor zehn Jahren die größten Anpassungserwartungen artikuliert wurden, deutliche Herabstufungen vorgenommen wurden: Erwartete im Jahr 2004 noch rund ein Drittel der Betriebe starke Auswirkungen durch einen höheren Rationalisierungsdruck und mehr Wettbewerb durch Importe und Firmen aus den MOE-Ländern, so geben jetzt im Frühjahr 2014 nur noch 10 Prozent der Firmen an, dass sie starke Auswirkungen über diese drei Kanäle erfahren haben. Eine ebenfalls erheblich schwächere Evaluierung – im Vergleich zu den ursprünglichen Erwartungen – ist beim Innovationsdruck, den billigeren Vorleistungen und bei der Verlagerung zu beobachten. Hinsichtlich der bereits im Jahr 2004 sehr niedrigen Erwartungen in den Kategorien stärkere Nachfrage aus den MOE, weniger Arbeitskräftemangel und weniger Absatzschwankungen gibt es nun zehn Jahre später kaum merklich andere Bewertungen.
Dieser im Zeitablauf entspanntere Blick auf die Auswirkungen der EU-Osterweiterung zeigt sich schließlich auch anhand der Anteile der Unternehmen, die in den einzelnen Bewertungskategorien überhaupt keine Effekte erwartet und letztlich beobachtet haben (Abbildung unten). Mit Ausnahme der Kategorie weniger Arbeitskräftemangel ist der Anteil der überhaupt nicht betroffenen Unternehmen nicht nur gegenüber dem Erwartungsstatus 2004, sondern auch gegenüber der ersten Bestandsaufnahme im Jahr 2005 angestiegen. In einer Reihe von Bereichen – Produktionsverlagerung, Rationalisierung, Importe, Vorleistungen und Innovationsdruck – gab es gegenüber dem Jahr 2005 sogar nochmals eine deutliche Aufwärtskorrektur um mindestens 10 Prozentpunkte.

Keine großen Umwälzungen durch die Osterweiterung

Die Unternehmen in Deutschland gingen vor zehn Jahren von einem höheren Konkurrenzdruck infolge des Beitritts der MOE-Länder aus. Bereits ein Jahr nach der offiziellen Erweiterung hatten sich für die Unternehmen in Deutschland diese Erwartungen bei weitem nicht bewahrheitet. Diese Entspannung setzte sich bis zum Frühjahr 2014 fort. Der Rationalisierungs- und Innovationsdruck, der Konkurrenzdruck durch Importe, billigere Vorleistungen oder durch Firmen aus den mittel- und osteuropäischen Ländern vor Ort wird derzeit deutlich schwächer eingeschätzt als in den Jahren 2004 und 2005. Der Anteil der Unternehmen, die keine Impulse durch die EU-Osterweiterung sahen, nahm dagegen beträchtlich zu.
Die Osterweiterung der EU ging offensichtlich mit keinen großen Umwälzungen in den deutschen Unternehmen einher. Die Unternehmensbefragung durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln zeigt deutlich, dass eine negative Wahrnehmung oder sogar eine Dramatisierung der ökonomischen Folgen der EU-Osterweiterung in den Unternehmen nicht zu beobachten ist.
Die Analyse der Umfrageergebnisse macht deutlich, dass sich Befürchtungen, die oftmals mit Marktöffnungen – für Güter und Erwerbstätige – einhergehen, so nicht eintreten. Wirtschaftliche Integration ist kein Nullsummenspiel, sie ist keine Einbahnstraße. Vielmehr belebt sie den Austausch und erhöht den Wohlstand aller Beteiligten. Die Ergebnisse stimmen zuversichtlich und sie helfen, die Ängste vor weiteren wirtschaftlichen Integrationen zu relativieren.

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