Gastbeitrag:
Signale aus Rom

Päpste sind bekanntlich Spezialisten fürs Allgemeine und Generalisten fürs Konkrete. Von ihnen sollte man sich keine unfehlbaren politisch-ökonomischen Strategien, erst Recht keine „konkreten Anweisungen“ erwarten. Ihre weltkirchliche Autorität und Kompetenz beschränkt sich auf Fragen des Glaubens und der Moral. Diese Fragen spielen in der Globalisierung eine große Rolle, besonders seitdem die Weltwirtschaft von heftigen Erschütterungen heimgesucht wird. Seit längerem hatte man auf ein orientierendes Signal aus Rom gewartet. Zur großen Enttäuschung von Friedhelm Hengsbach SJ enthielt die erste Sozialenzyklika des „deutschen“ Papstes keine „konkreten Anweisungen“. Diese würden aber in Deutschland gerade von denen nicht befolgt werden, die dem Papst im Gehorsam besonders verpflichtet sind.


Nun hat Papst Benedikt XVI. nach krisenbedingten Verzögerungen in die Diskussion über globale Ordnungsfragen eingegriffen. Sein Lehrschreiben erschien noch rechtzeitig zum G-8-Gipfel und zum Besuch des amerikanischen Präsidenten Obama im Vatikan. Und es hat eine Reihe bedeutsamer Hinweise zur Überwindung der weltweiten Krise und zur ethischen Neuorientierung der Weltwirtschaft geliefert. Wobei man einräumen muß, daß anspruchsvolle und komplexe Grundsatztexte dieser Art in ihrer Wirkung auf die sittliche Mentalität der Verantwortungsträger langfristig angelegt und kaum greifbar sind.

Angreifbar sind sie ohnehin, wenngleich die scheinheiligen Politiker sofort kritiklose Zustimmung signalisierten. Die päpstliche Botschaft wird leider nicht die Gesamtheit ihrer Adressaten, nämlich „alle Menschen guten Willens“ erreichen. Die Böswilligen überzeugen zu wollen, war immer schon ziemlich aussichtslos. Als „global player“ ist die katholische Weltkirche zwar überall präsent, aber ihr allgemeiner Gestaltungsanspruch, der sich schon im Titel der Enzyklika „Caritas in Veritate“ (Liebe in der Wahrheit) artikuliert, ist nicht einfach zu vermitteln. Zumal religiös-ethische Wahrheitsansprüche heute oft unter Fundamentalismusverdacht stehen und im Relativismus verschwimmen. Und was die „Liebe“ angeht, gilt sie meist als sentimentale Anwandlung, auch als Aufgabe der kirchlichen Caritas (als Non-Profit-Organisation), nicht aber als Motiv und Orientierung für wirtschaftliche Unternehmen.

Ein Unternehmen ist eben keine Caritas, heißt es. Daß es aber wenigstens in Form der „Solidarität auf Gegenseitigkeit“ im eigenen (langfristigen) Interesse Kooperationen eingeht und dabei in Vorleistung tritt, scheint nicht nur der ethischen, sondern auch der ökonomischen Rationalität zu entsprechen. In der globalen Wirtschaftswelt wächst aus Erfahrung die Einsicht, daß sich moralisches Verhalten nicht geschäftsschädigend, sondern eher vertrauensbildend auswirkt. Moralische Glaubwürdigkeit wird angesichts der Krise zu einer humanen Ressource, die man nicht leichtsinnig verspielen darf.

An diese Erfahrung knüpft die Enzyklika an. Sie bringt jene seit langem bewährten, allgemein menschlichen (nicht exklusiv christlichen) Werte, Tugenden und Prinzipien ins Spiel, welche nicht nur für das persönliche Verhalten der Wirtschaftssubjekte, sondern auch für die Wirtschaftsordnung von Belang sind. Dabei schließt Papst Benedikt an die Sozialenzyklika „Populorum Progessio“ (1967) seines Vorgängers Paul VI. an, freilich auf einem viel höheren theologischen Niveau. Damals ging es vor allem um einen qualitativen Entwicklungsbegriff hinsichtlich jener vormals kolonisierten Länder, die mit der industrialisierten „westlichen“ Welt solidarisch kooperieren sollten. Die Afrikaner warten bis heute auf eine solche Entwicklungszusammenarbeit.

Der Katholischen Soziallehre, in deren Kontinuität auch die neue Sozialenzyklika steht, geht es um sozialethische Maßstäbe zur Begründung von gesellschaftlichen Ordnungen, die weltweit zur Geltung gebracht werden können. Die klassischen Sozialprinzipien Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl werden dabei auch für die Wirtschaftordnung in Anspruch genommen. Besonders in ihrer Eigentumslehre läßt die Kirche erkennen, wie sehr sie mit dem Ordnungsmodell der Sozialen Marktwirtschaft kompatibel ist. Freilich kann man auch von einem „deutschen“ Papst nicht erwarten, daß er ein deutsches als globales Modell lehramtlich absegnet. Konkrete Modelle zu entwerfen und vorzuschreiben gehört ohnehin nicht zum päpstlichen Aufgabenbereich.

Zum Repertoire der Katholischen Soziallehre gehört hingegen die Kritik an bestimmten Auswucherungen des „Kapitalismus“, was aber nichts mit einer Option für den „Sozialismus“ zu tun hat. In seiner Enzyklika „Centesimus annus“ (Nr. 42) hat Johannes Paul II. – zwei Jahre nach dem durch ihn beschleunigten Abgang des „Ostblocks“ – für einen „Kapitalismus“ plädiert, den er sogar den Ländern der „Dritten Welt“ empfahl: Also für ein globales Wirtschaftssystem, „das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt“. Damit verband sind noch kein konkretes Ordnungsmodell, wohl aber ein System sozialer Wertkriterien zur Bewertung konkreter Strukturen und Modelle.

Auch für Benedikt XVI. ist die Marktwirtschaft keine ethisch neutrale, rein zweckrationale Veranstaltung oder ein bloßer Mechanismus. Deutlicher noch als seine Vorgänger sieht er den Markt „in das Netz eines größeren sozialen und politischen Umfelds eingebunden“: „Denn wenn der Markt nur dem Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten Güter überlassen wird, ist er nicht in der Lage, für den sozialen Zusammenhalt zu sorgen, den er jedoch braucht, um gut zu funktionieren. Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen. Heute ist dieses Vertrauen verloren gegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust.“(CiV 35)

Schließlich soll der Markt „auf das Erlangen des Gemeinwohls ausgerichtet werden, für das auch und vor allem die politische Gemeinschaft sorgen muß.“(CiV 36) Damit ist der Ordnungsrahmen angesprochen, den der Staat dem Markt zu geben hat. Aber nicht das dualistische Gegenüber von Staat und Markt beherrscht das Ordnungsbild des Papstes. Vielmehr tritt eine dritte, intermediäre Kraft hinzu: die Zivilgesellschaft in ihrer subsidiären Funktion. Für Papst Benedikt ist die „Subsidiarität vor allem eine Hilfe für die Person durch die Autonomie der mittleren Gruppen und Verbände … und das wirksamste Gegenmittel zu jeder Form eines bevormundenden Sozialsystems.“ (CiV 57) Diese Stelle läßt sich kritisch gegen die in Deutschland herrschende Tendenz ausspielen, subsidiäre Sozialpolitik zu einem zentralistischen Sozialstaat degenerieren zu lassen.

Hierzulande sind die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft wie die der Katholischen Soziallehre weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer kennt heute noch die großen Sozialenzykliken von „Rerum novarum“ (1891) bis hin zu „Centesimus annus“ (1991)? Die Erinnerung an diese Tradition wachzurufen, um ihre andauernde Bedeutung für die heutigen globalen Ordnungsfragen erneut zu bewähren, ist ein wichtiges Anliegen des päpstlichen Lehrschreibens.

In dieser Traditionslinie: nämlich Recht und Pflicht des Privateigentums, unternehmerische Verantwortung, gerechter Zugang zu den Märkten, staatlich geordneter Wettbewerb, Förderung der Wettbewerbsfähigkeit, solidarische Hilfe für Bedürftige – kann sich das ethische Ordnungsbild der Sozialen Marktwirtschaft, vor allem das von Wilhelm Röpke vorgezeichnete, durchaus wiedererkennen. Übrigens hat Röpke – wenngleich protestantischer Christ – die Sozialenzykliken der Päpste seiner Zeit im lateinischen Originaltext genauestens studiert und zutreffend interpretiert.

Die Frage ist, ob heute Soziale Marktwirtschaft (im Sinne Röpkes) nicht mehr allein als „deutsches Modell“ auf volkswirtschaftlicher Ebene zu gelten habe, sondern weltweit zu übertragen wäre. Freilich ohne den Anspruch, nach deutschem Wesen die Welt genesen zu lassen. Das besonders in sozialethischer Hinsicht bemerkenswerte Erfolgsmodell, an dessen Entstehungsgeschichte die deutschen Protagonisten der Katholischen Soziallehre (wie Joseph Höffner, Oswald von Nell-Breuning) erheblich beteiligt waren, lässt sich trotz seiner Vereinbarkeit mit eben dieser Lehre nicht so ohne weiteres von der volkswirtschaftlichen auf die weltwirtschaftliche Ebene übertragen.

Aber grundsätzlich wäre eine Implantation Sozialer Marktwirtschaft im Weltmaßstab wünschenswert. Sie ist nämlich sehr verschieden von jenem „Kapitalismus“, den die Kirche seit jeher kritisierte. Die Päpste lehnten den ungeregelten Kapitalismus und vor allem den Sozialismus-Kommunismus aus religiösen wie sozialethischen Gründen ab. Dieser gilt seit 1989, seit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ als hinfällig. Jener ist in diesem Jahr in eine massive internationale Krise geraten.

Die seit 1989 vordringende Globalisierung des kapitalistischen Systems hat inzwischen gravierende Ordnungsfragen aufgeworfen, soziale und ökologische vor allem. Seit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich überdies der Eindruck eines drohenden Chaos verschärft, das auch auf eine Reihe moralischer Defizite der verantwortlichen Akteure zurückgeführt wird (z.B. „Gier“, Korruption, Ausbeutung, Unterdrückung). Immerhin streitet man darüber, ob „die Krise“, denen noch weitere folgen können, eher auf ein Markt- oder auf ein Staatsversagen zurückgeführt werden kann. In beiden Fällen spielen sozial- wie individualethische und nicht bloß technische oder zweckrationale Entscheidungen eine große Rolle. Heute geht es in einer weltanschaulich pluralistischen Weltgesellschaft mehr denn je um universalisierbare ethische Orientierungen, also um Werte, Tugenden und Prinzipien, die die moralische Verantwortung der Subjekte leiten und damit die Ordnungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik prägen. Und zwar weltweit.

Keine „konkreten Anweisungen“ bietet also die neue Enzyklika, sondern Bedenkenswertes. Für das Fach Christliche Sozialethik neu zu bedenken sind Fragen, die auch von der Moraltheologie bisher vernachlässigt wurden. Die beiden Disziplinen bedürfen einer neuen Zuordnung, wenn Fragen der Menschenwürde, des Lebensschutzes, der Bioethik und auch der Sexualmoral weltweit eine neue öffentliche und rechtliche Bedeutung erlangen. Der Papst regt überdies dazu an, das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Glaubensmoral und Naturrecht, von Liebe und Solidarität, von Individual- und Sozialethik neu zu ordnen. Keine leichte Aufgabe, die die philosophisch-theologischen Grundfragen betrifft.

Nicht weniger wichtig ist die alte, bisher ungelöste politisch-ökonomische Frage nach einer „neuen“ Weltwirtschaftsordnung, wie sie der Papst ins Auge faßt. Eine solche Ordnung bedarf nämlich einer rechtlich verbindlichen Autorität. So wie die Soziale Marktwirtschaft auf nationaler Ebene eines Rechts- und Sozialstaats bedürftig ist, brauchen wir heute rechtliche, allgemein verbindliche Regeln, welche dem Wettbewerb auf den Weltmärkten sinnvolle Ziele und damit auch Grenzen setzen.

Eine politische Weltautorität, die dies bewerkstelligen könnte, liegt freilich noch in weiter Ferne. Weltwährungsfonds, Weltbank und vor allem die Vereinten Nationen kommen als Garanten einer stabilen, effizienten und dabei „gerechten“ Ordnung einstweilen nicht in Betracht. Ein zentraler Weltstaat hätte nach Hans Maier den Nachteil, daß man aus ihm nicht mehr emigrieren könnte. Das würde auch dem Vatikan das Fürchten lehren. Wenngleich der Papst selber schon eine souveräne moralische Weltautorität darstellt, politische Macht hat er keine.

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