Ich sehe was, was Du nicht siehst.
Oder: Wenn der Ökonom kontrafaktisch denkt.

„Die meisten bringen leichter das Opfer des Intellekts als das Opfer ihrer Tagträume.“ (Ludwig von Mises, 1933, Grundprobleme der Nationalökonomie, S. 187.)

„So wenig Logik und Mathematik aus der Erfahrung stammen, so wenig stammt das, was wir über das [menschliche] Handeln in seiner reinen Form wissen, aus der Erfahrung.“ (Ludwig von Mises, 1940, Nationalökonomie, S. 16.)

I.

Lässt man einen Stein fallen, so fällt er zu Boden. Man wäre überrascht, wenn das Ergebnis ein anderes wäre. Der Grund: Die Gravitation ist eine der vier Grundkräfte der Physik, und also solche ist sie eine allgemein bekannte und anerkannte Naturgesetzmäßigkeit.

Es ist das Wissen um eine Gesetzmäßigkeit, die uns sagt, welche Folge eine bestimmte Ursache haben muss. Um im Beispiel zu bleiben: Fällt der Stein nicht zu Boden, würde man sofort schlussfolgern, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, dass getrickst oder geschummelt wird. Zu wissen, was passieren muss, wenn der Stein fällt, entspringt dem kontrafaktischen Denken: dem Denken über nicht eingetretene Ereignisse.

Gesetzmäßigkeiten – Sätze die immer und überall gelten – stellt auch die Volkswirtschaftslehre bereit. Einige Beispiele seien genannt: Die Produktion mit Arbeitsteilung ist produktiver als die Produktion ohne Arbeitsteilung; der Nutzen der zusätzlich erhaltenen Gütereinheit nimmt mit steigender Verfügbarkeit des Gutes ab (Gesetz des abnehmenden Grenznutzens); ein Mindestlohn, der den markträumenden Lohn übersteigt, führt zu ungewollter Arbeitslosigkeit.

II.

Doch „moderne“ Ökonomen denken häufig nicht entlang unverrückbarer ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, sondern im Sinne eines Herumexperimentierens: Sie stellen „Wenn-dann“-Hypothesen auf, deren Ergebnisse zunächst als unbekannt angenommen werden, und deren Wahrheitsgehalt „ertestet“ werden muss. Wie sich dieses Vorgehen bei der Erkenntnisgewinnung vom kontrafaktischen Denken unterscheidet, das soll das nachstehende Beispiel illustrieren.

Die Frage, ob ein Ausweiten der Geldmenge die Preise in die Höhe treibt oder nicht, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Wenn sich zeigt, dass in der Vergangenheit (zum Beispiel von 1980 bis 2013) ein Ansteigen der Geldmenge (in zum Beispiel Österreich) mit einem Anstieg der Preise verbunden war, so wird ein positiver Verbund zwischen Geldmengen- und Preisanstieg diagnostiziert (zumindest für den beobachteten Fall).

Was aber, wenn sich zeigt, dass der Anstieg der Geldmenge nicht mit einem Anstieg der Preise verbunden war? Gilt dann der positive Zusammenhang zwischen Geldmengen- und Preisanstieg nicht (mehr)? Ökonomen, die kontrafaktisch denken, verneinen diese Frage, sie müssen sie verneinen. Warum das so ist, soll mit den nachstehenden Gedankengängen erklärt werden.

Ein Ansteigen der Geldmenge erhöht die Preise, wenn das zusätzliche Geld für die Güternachfrage verwendet wird. Das ist der einsichtige Fall, der die positive Verbindung zwischen Geldmengen- und Preisanstieg unmissverständlich zutage befördert.

Was aber, wenn die Geldmenge nicht zu zusätzlichen Käufen verwendet, sondern gehortet wird? In solch einem Fall nimmt die Geldmenge zwar zu, aber die Nachfrage und die Preise bleiben unverändert. Der moderne Ökonom würde zum Schluss gelangen, dass kein positiver Zusammenhang vorliegt zwischen Geldmengen- und Preiserhöhung.

Anders der kontrafaktisch denkende Ökonom. Er schlussfolgert wie folgt: Die Geldnachfrage zu Hortungszwecken hat zugenommen. Ohne die Geldmengenerhöhung hätten die Marktakteure ihre Geldbestände nur erhöhen können, indem sie Güter gegen Geld eintauschen. Die Preise wären gefallen. Mit anderen Worten: Das Ansteigen der Geldmenge hat verhindert, dass die Preise sinken – was sie getan hätten, wenn die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre.

III.

Das kontrafaktische Denken zeigt in beiden Fällen: Das Ausweiten der Geldmenge hat Preiswirkungen. Im ersten Fall ist der Zusammenhang sichtbar (die Preise steigen), im zweiten Fall ist sie nicht sichtbar (die Geldmengenerhöhung hat die Preise vor dem Absinken gehindert). Der moderne Ökonom erkennt die positive Beziehung zwischen Geldmengen- und Preiserhöhung nur im ersten Fall, nicht aber im zweiten Fall.

Der kontrafaktisch denkende Ökonom erkennt, dass das Ausweiten der Geldmenge stets Folgen hat für die Güterpreise – und damit Umverteilungswirkungen nach sich ziehen muss. Das Ausweiten der Geldmenge ist daher niemals „neutral“ in dem Sinne, dass sie die Einkommens- und Vermögensverhältnisse unberührt lassen würde. Stets schafft sie Gewinner und Verlierer.

Diese Einsichten (und andere) lassen sich durch kontrafaktisches Denken gewinnen. Und das besonders Erfreuliche dabei ist: Man braucht nicht einmal aufwendige und teure Forschungsanstrengungen zu unternehmen, um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen. Strenges Nachdenken genügt.

Das führt abschließend zur Frage: Wie lassen sich ökonomische Gesetzmäßigkeiten entdecken? Auf diese Frage sei hier nur kurz geantwortet: Ebenfalls durch strenges Nachdenken. Denn die Nationalökonomie – als Teilgebiet der Logik des menschlichen Handelns – ist a priori Theorie, keine Erfahrungswissenschaft. Für Ökonomen, die zu dieser Schlussfolgerung gelangen, ist es folgerichtig, streng kontrafaktisch zu denken.

 

Thorsten Polleit

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Universität Bayreuth
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2 Antworten auf „Ich sehe was, was Du nicht siehst.
Oder: Wenn der Ökonom kontrafaktisch denkt.

  1. Auch kontrafaktisches Denken bewegt sich im Rahmen eines Modells, eines Welt-Bildes. Dessen Begriffe und Definitionen bestimmen das Ergebnis mit. So können mit neu geschaffenen Geldern etwa die Preise von Vermögenstiteln gestützt werden, während gleichzeitig die Inflation, nämlich Verbraucherpreise und Löhne, sinkt. Fallen “die Preise” dann oder steigen sie?
    Im übrigen gehöre ich zu denen, die überrascht wären, wenn ein Stein, den ich fallen lasse, nicht fällt.

  2. Jetzt verstehe ich, warum ich die Ratschläge unserer Wirtschaftswissenschaftler nicht verstehe. Sie sitzen in Ihren Kammern, sehen nichts, hören nichts, richen nichts, fühlen nichts, denn Sie denken logisch und erkennen die Gesetzmäßigkeiten, die so wahr sind, dass sie natürlich nicht empirisch überprüft werden müssen. Damit steht die Nationalökonomie auf der Höhe der Mathematik nein, eher auf der Höhe der Philosophie. Nun verstehe ich auch, warum die Staatssekretäre von Schäuble Juristen sind.

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