Die „Kreditkrise“ – die große Umverteilung

Wohl keine Institution stellt die Weichen der gesellschaftlichen Entwicklung so sehr in Richtung einer interventionistischen und dirigistischen Wirtschaftsordnung wie das staatliche Papiergeldsystem. Durch die Störungen, die es in der Wirtschaft verursacht, provoziert es eine Wirtschafts- und Finanzmarktkrise nach der anderen. Und nichts dürfte das freie Marktsystem so sehr kompromittieren wie die Serien von Konjunkturaufschwüngen („Boom“) und Konjunkturabschwüngen („Bust“).

Der Konjunkturaufschwung wird als Wohl bringende Entwicklung gesehen, der Konjunkturabschwung wird als „Krise“ bezeichnet. Eine niedergehende Konjunktur wird dem „Versagen“ des freien Marktsystems zugeschrieben. Doch es ist der monetär angestoßene Aufschwung, der für Fehlallokationen sorgt, und es ist der Abschwung, der sie bereinigt: Unrentable Investitionen entlarvt, und Veränderungen der Preise für Arbeit und Kapital bringen die Wirtschaft ins Gleichgewicht zurück.

Doch die Furcht vor einer sich eintrübenden Konjunktur führt regelmäßig zu öffentlichen Rufen nach einem „Bekämpfen“ des Abschwungs, vor allem mit niedrigen Zinsen, also mit einem Ausweiten des Kredit- und Geldangebots. Die Zentralbanken beugen sich der Mehrheitsmeinung, senken die Zinsen und der neue Geldstrom führt die Wirtschaft wieder aus dem Tal. Doch die neue Scheinblüte ist nur von kurzer Dauer. Auch sie endet, genährt durch neu gedrucktes Geld, im Bust.

Vor allem aber geht die Wiederkehr der Boom-and-Bust-Zyklen mit einer immer weiter anwachsenden Verschuldung der Volkswirtschaften einher. Denn das Geld, das im Zuge niedriger Zentralbankzinsen entsteht, wird durch die Kreditgewährung der Banken quasi „aus dem Nichts“ geschöpft. Rechnen sich die kreditfinanzierten Investitionen nicht, bleibt der Kreditnehmer auf den Schulden sitzen, die nur getragen werden können, wenn die Zinsen weiter sinken – also die Zentralbank die Kredit- und Geldmengen noch weiter ausweitet.

Die Niedrigzinspolitik hat in den letzten Jahren vor allem den Finanzsektor zu immer risikoreicheren kreditabhängigen Investitionen ermuntert. In den Vereinigten Staaten etwa mehren sich die Zeichen, dass eine Pleitewelle größten Ausmaßes verhindert werden soll, indem die Verbindlichkeiten ausgewählter Finanzinstitute de facto kollektiviert werden.

Ein „allgemein verträgliches Weginflationieren“ der Schuldenlasten ist, wie vielfach bereits gefordert, nicht gangbar. Denn erwarten die Marktakteure steigende Inflation, werden die Zinsen steigen. Schuldner, die ihre fällig werdenden Kredite neu refinanzieren müssen, hätte höhere Zinszahlungen zu leisten – und dies könnte weitere Kreditausfälle auslösen. Inflation hätte das Potenzial, die aktuelle Finanz- und Kreditkrise einen Zusammenbruch der Geldordnung zu führen.

Weder der Staat noch seine Zentralbank kann Wohlstand schaffen, allen Hoffnungen und Versprechen zum Trotz. Sie können nur umverteilen: Von den einen wird genommen, und den anderen wird gegeben; die einen werden begünstigt, die anderen benachteiligt. Auch ein Ausweiten der Geldmenge wird nicht dazu verhelfen, den ökonomischen Schaden, den die Fehlinvestitionen nach sich ziehen, zu beheben. Es würde lediglich eine weitere Umverteilung erzwingen: Vom Gläubiger zum Schuldner.

Weil es der allgemeine politische Wunsch ist, das staatliche Papiergeldsystem zu erhalten, verbleibt wohl nichts anderes als private Einkommen drastisch umzuverteilen. Der antikapitalistische Impuls, gestärkt durch die „Kreditkrise“, dürfte in der Öffentlichkeit wohl den Weg ebnen für noch mehr Freiheit beschränkende Maßnahmen: Gesetze, Regulierungen, Verbote. Solange das zuviel von Kredit und Geld nicht als Ursache des Übels erkannt wird, besteht die Gefahr, dass sich die Volkswirtschaften immer mehr im Gestrüpp des Interventionismus und Dirigismus verheddern.

Thorsten Polleit

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Universität Bayreuth
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7 Antworten auf „Die „Kreditkrise“ – die große Umverteilung“

  1. Pingback: Lesezeichen vom 18.09.2008 | Revolution
  2. Sehr geehrter Herr Professor Polleit

    Nach Ihrem Weltbild sind die Beschäftigten in der Finanzwirtschaft die Getriebenen. Gewiss, es gibt gewaltige staatliche Störgrößen, die in den Markt hineinwirken. Aber sind die so bestimmend für das Verhalten der in der Finanzwirtschaft Arbeitende, das sie ihre eigene Urteilsfähigkeit und ihre Fähigkeit zu widerstehen einbüßen?

    Das ist das selbstzufriedene Selbstbild von Süchtigen. Schuld sind immer die Anderen, einem selbst blieb ja nichts weiter übrig, als so und nicht anders zu handeln. Man selbst ist nicht der Entscheider, die Entscheidungen fällt die Störgröße, man selbst ist nur der Ausführende, der Befehlsempfänger der staatlichen Störgrößen. Man ist ja nur der Getriebene, der Gehetzte, der eigentlich gar nichts dafür kann. Nicht nur Süchtige, auch kleine Kinder verhalten sich so, wie sie als Vater sicherlich wissen.

    Eigenartig, wo bleibt das Erwachsene im Verhalten der in der Finanzwirtschaft Tätigen?

    Vielleicht sollten Sie Ihren Studenten einmal nahe bringen, dass es nur eine Währung gibt, die wirklich zählt. Das ist das Vertrauen, nicht etwa $ oder €. Es gibt nur die Währung Vertrauen, erst recht bei digitalisierten Werten, die zwar sichtbar, aber nicht wie ein Auto oder eine Maschine begreifbar und unmittelbar bewertbar sind.

    Vertrauen zu erwerben, das ist ein sehr steiniger Weg, der Jahre andauert, bis sie den Vorschuß, den Sie beim Markteintritt erhalten haben, gerechtfertigt haben. Misstrauen, dass geht ganz schnell, wie bei einem Fahrstuhl, bei dem die Seile reissen.

    In diesem Markt sind zu viele Marktteilnehmer unterwegs, die dank Ihrer Lehrtätigkeit und der Ihrer Kollegen mit einem umfassenden Wissen ausgestattet sind. Das ist gut und vor allem notwendig, aber anscheinend nicht hinreichend.

    Nur ein wenig Wissen fehlt. Das ihr Verhalten am Markt vertrauenserweckend, -steigernd und vor allem vertrauensbewahrend wirken muss. Nicht etwa kann, sondern muss. Der Markt verträgt nicht zu viele Marktteilnehmer, denen man eigentlich von Anfang an Misstrauen sollte, aber es zu spät tut, so dass es zum Ausbruch der schlimmste Wirtschaftsseuche, der des Misstrauen kommen muss.

    Es reicht eben nicht, nur Wissen zu vermitteln, schon gar nicht, wenn es das Wichtigste, was man als Marktteilnehmer erwirtschaften muß, zu verdrängen scheint und das ist eben das Vertrauen in unser Handeln als Marktteilnehmer.

    Das Vertrauen ist schlecht messbar, messbar ist nur der wirtschaftliche Gewinn, den man durch einem entgegengebrachtes Vertrauen erwirtschaften kann. Schlecht messbar ist auch der wirtschaftliche Schaden, den Misstrauen anrichten kann. Solange das Misstrauen einen Markt beherrscht, wächst der Schaden. Und wächst und wächst und wächst. Ist es da ein Wunder, wenn der Wechselkurs fiat money in Vertrauen so entsetzlich hoch ist?

  3. Sehr geehrter Herr Professor Polleit,

    Sie schreiben: „Wohl keine Institution stellt die Weichen der gesellschaftlichen Entwicklung so sehr in Richtung einer interventionistischen und dirigistischen Wirtschaftsordnung wie das staatliche Papiergeldsystem.“ Wenn dem so ist, dann ist jenes staatliche Papiergeldsystem zu hinterfragen. Mehr noch: Ist nicht das gesamte Finanzsystem Teil einer staatsdirigistischen Wirtschaftsordnung?

    Anstelle eines freien Finanzmarktes hat der Staat ein politisches Bankenkartell mit der Notenbank als Kartellführer geschaffen, der die Konditionen des Kreditwesens bestimmt. Während Preisstabilität das offizielle Ziel der Notenbank ist, folgt sie in Wirklichkeit dem Paradigma des billigen Geldes und des „Lenders of Last Resort“, was im Ergebnis dieser Zielsetzung entgegengesetzt ist. Dieses Paradigma entsprang nicht ökonomischen Einsichten, sondern folgt politischen Vorstellungen unterschiedlicher Provenienz.

    Sozialisten wie staatsgläubige Konservative misstrauen dem freien Markt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Die einen brauchen das billige Geld, um ihre Umverteilungspolitik zu finanzieren. Die anderen brauchen den Konjunkturaufschwung, um die Steuereinnahmen zu erhöhen, um wirtschaftliche Erfolge feiern zu können und um die nächsten Wahlen zu gewinnen. Um für den Abschwung gewappnet zu sein, wird rechtzeitig ein Sündenbock aufgebaut. Und so wundert es nicht, dass Medien und Politiker angesichts der Krise ihr moralisches Entrüstungsritual abspulen, das in der (wenig originellen) Forderung gipfelt, die Staatsaufsicht zu verstärken. Aber welchen Beitrag haben Bafin, Deutsche Bundesbank, EZB, FED, SEC etc. in der Krisenprävention geleistet? Haben sie nicht genauso versagt wie die Manager? Was also gäbe Anlass zur Vermutung, dass beide in Zukunft ihr Metier besser beherrschen? Da mutet es schon seltsam an, wenn Dennis J. Snower (Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft) mit dem Vorschlag in der FAZ glänzt, dem „Lender of Last Resort“ einen staatlichen „Buyer of Last Resort“ zur Seite zu stellen, der die faulen Kredite aufkaufen soll, womit nach dem Liquiditäts- auch noch das Insolvenzrisiko verschwinden soll.

    Wenn das „staatliche Papiergeldmonopol“ Störungen in der Wirtschaft verursacht, und eine Wirtschafts- und Finanzmarktkrise nach der anderen provoziert, dann liegt doch die Vermutung nahe, dass die Ursache im System zu suchen ist. Daher dürfte es sich lohnen, über eine Alternative nachzudenken: Auflösung des Bankenkartells und Schaffung einer echten Wettbewerbsordnung für den Finanzmarkt. Dazu sind drei Fragen zu beantworten: Was wird aus dem Geldmonopol des Staates, wer steuert die Geldmenge und betreibt die Zinspolitik, und wie werden zukünftige Finanzkrisen verhindert?

    Vor dem Hintergrund einer freien Marktwirtschaft erscheint das Geldmonopol des Staates, das in der Ausgabe von Banknoten besteht, anachronistisch. Bargeld spielt mit ca. 10% der Geldmenge nur noch eine (nostalgische) Nebenrolle. De facto haben wir bereits heute ein Buchgeld- bzw. elektronisches Geldsystem. Das Geld des Finanzsystems existiert nur noch im Computer (für viele eine unheimliche Vorstellung, aber nichtsdestoweniger eine Realität). Banknoten sind dann nur noch „sichtbar gemachtes Buchgeld“. Und Buchgeld wird von den Geschäftsbanken geschaffen, dazu bedarf es keiner Zentralbank. Ohne Zentralbank wären die Geschäftsbanken aber dem Liquiditätsrisiko ausgesetzt, das ihnen die Zentralbank heute als „Lenders of Last Resort“ abnimmt, indem sie in nahezu unbegrenztem Umfang Liquidität bereitstellen kann. Beschränkt sich die Zentralbank aber auf ihre Rolle einer Clearingstelle für den Zahlungsverkehr, dann sind die Geschäftsbanken auf eine Refinanzierung über den Markt angewiesen. Also über Einlagen und über den Geldmarkt. Damit kehrt das Liquiditätsrisiko wieder in die Bankenwelt ein, der Markt übernimmt die Kontrolle. Und ein freier Markt kann dies wesentlich effizienter bewerkstelligen als jede Bürokratie.

    Für die Zinspolitik ist jetzt auch der freie Markt zuständig. Billiges Geld war die Ursache für die aktuelle Krise (sowie alle vorangegangenen). Billiges Geld aber wird es in einem freien Markt nicht mehr geben, da Zinssatz und Liquidität sich jetzt an den Ersparnissen orientieren anstatt an den Vorstellungen zentraler Autoritäten. Und schon entstehen Rezessionsängste. Aber es gibt neben den seriösen die weniger seriösen Investitionen, die auf steigende Kurse oder Immobilienpreise spekulieren und Spekulationsblasen erzeugen, die früher oder später platzen (Minskys Krisentheorie). Das Ende des billigen Geldes ist das Ende der Bubble-Economy.

    Das höhere Liquiditätsrisikos zwingt die Banken, die Kreditprüfung zu verschärfen, wodurch auch das Systemrisiko abnimmt. Weder Interbankenkredite an sich sind das Problem, noch spekulative Wertpapiere. Erst wenn beides zusammenkommt, wenn solche Wertpapiere auf Kredit gekauft werden oder als Kreditsicherung dienen, dann erst entsteht ein explosiver Cocktail, der einen Flächenbrand auslösen kann. Sind Wertpapiere durch Eigenkapital abgesichert, dann trifft es nur die Eigentümer/Aktionäre, die ihre Aufsicht nicht hinreichend wahrgenommen haben.

    Wenn das Systemrisiko auf diese Weise minimiert ist, dann kann auch die eine oder andere Bank in Konkurs gehen, ohne dass das ganze System in Gefahr gerät. Allein das Insolvenzrisiko limitiert eine ungehinderte Chancenwahrnehmung der Marktakteure. Hier ist die Ordnungspolitik gefordert.

    Nur ein funktionierender Markt kann die Spreu vom Weizen trennen. Der freie Markt kann Risiken nicht ausschließen, aber er sanktioniert Fehlentwicklungen durch Insolvenz (Marktbereinigung). Politische Kartelle werden geschaffen, um den Markt politisch zu steuern. Aber dann ist der Markt nicht mehr frei. Ökonomische Fehlentwicklungen werden nicht sanktioniert, sondern können solange kaschiert werden bis die Krise ausbricht. Als Schuldige werden dann Kapitalismus, Marktversagen und Unmoral identifiziert. Politik kann im Markt intervenieren, aber sie kann die Gesetze des Marktes nicht außer Kraft setzen. Dies ist das Dilemma des Staatsdirigismus. Die nächste Krise kommt bestimmt.

  4. Entschuldigung nur weil unser Währung auf “gutem Glauben” beruht muß das richtig sein. Manfred und Harald haben hunderprozent Recht. Das ganze ist ein Verhalten von Süchtigen. Und Schuld sind sowiese “die Anderen” wer auch immer das sein mag….

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