Das Ende des „laissez-faire“

Von Michael Wohlgemuth am 8. Oktober 2008
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Seit dem Fall der Mauer gab es für die „Sozialisten in allen Parteien“ (Hayek 1944) wohl keinen günstigeren Moment als heute, um nun auch das Ende der Geschichte des „Laissez-faire“ oder „Turbo-Kapitalismus“ feierlich zu verkünden. „Le laissez-faire, c‘ est fini“, erklärte vor wenigen Tagen der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Ähnlich erläuterte Peer Steinbrück dem Bundestag die momentane Krise: „Neoliberale Ideen, unverantwortliche Laissez-faire-Prinzipien und wahnsinniges Renditestreben“ seien die Auslöser. Der Finanzminister ergänzt im Spiegel-Interview, „dass gewisse Teile der marxistischen Theorie doch nicht so verkehrt sind … Ein maßloser Kapitalismus, wie wir ihn hier erlebt haben, mit all seiner Gier, frisst am Ende sich selber auf“.

Die laut geplatzte Blase auf den Immobilien- und Kreditmärkten wird so seitens der Politik (und der Medien) immer mehr zur Systemkrise erklärt, als Versagen eines „Kapitalismus mit all seiner Gier“, des „Laissez-faire“ oder, was scheinbar das Gleiche ist, des „Neo-liberalismus“ (hierzu an anderer Stelle: Michael Wohlgemuth). Allerseits ist von „Marktversagen“ die Rede, dem nur durch politische Intervention (von einer „Weltfinanzpolizei“ bis hin zur Verstaatlichung von Kreditinstituten) beizukommen sei. Dem ist dreierlei entgegenzuhalten:

(1) „Laissez-faire, laissez-passer“ ist längst passé, wenn es denn je die ordnungspolitische Realität selbst amerikanischer Wirtschaftsordnungen beschrieben haben sollte. Hier wird das Ende einer Ära verkündet oder gefordert, die es so nie gegeben hat.

(2) Gerade die amerikanische Immobilien- und Kreditkrise hat zuvörderst (interventions-) politische Ursachen: (a) geldpolitischer Expansionismus, (b) sozialpolitischer Dirigismus und (c) rechtspolitische Einladung zum Moral hazard.

(3) Die momentanen staatlichen Rettungsmaßnahmen laufen Gefahr, die eigentlichen Brandstifter der Krise in Feuerwehrkostümen auftreten zu lassen und neue Brandherde zu legen.

Zu (1): Im Gegensatz zu den heutigen Propheten des „Endes des Laissez-faire“ hatte John Maynard Keynes 1926 noch einen Gegenstand, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnte. In seinem, vor allem des brillant-sarkastischen Stils wegen noch immer lesenswerten Essay „The end of laissez-faire“ wird der wirtschaftshistorische und sozialphilosophische Hintergrund des Vertrauens in die Selbstorganisationskräfte freien Unternehmertums eigenwillig, aber anregend beschrieben. Keynes ist bei allem giftigen Sarkasmus aber auch bereit, der Ära des (angeblichen) Laissez-faire zuzugestehen: „Material progress between 1750 and 1850 came from individual initiative, and owed almost nothing to the directive influence of organized society as a whole”. Dieser Fortschritt kam durch Gewerbefreiheit („Laissez-faire“) und Freihandel („Laissez-passer“) zustande und nutzte der englischen Gesellschaft als Ganzer; am wenigsten noch der versnobten Schicht des Adels oder alteingesessener “Besserverdienender“.

Selbst diese Zeiten waren, wie Keynes einräumt, in der Realität nie wirtschafts-„anarchisch“; noch weniger waren es die Theorien von Adam Smith oder David Ricardo: Beide vertraten nie die Idee eines darwinistischen “Laissez-faire”, das eine naturgesetzliche Harmonie von Eigen- und Gemeininteresse ohne soziale Anerkennung gemeinsamer Spielregeln unterstellt haben mag. Der Mythos eines solchen anarchischen „Laissez-faire“ habe sich aber solange „in the minds of sound thinkers and the reasonable public“ als dominante Daumenregel halten können, wie die Gegenseite, der konservative Protektionismus und der marxistische Sozialismus, als „examples of poor thinking“ abstoßend wirken mussten. Nunmehr (d.h.: 1926), so Keynes, bleibe es als Herausforderung zu erklären, wie sozialistische Doktrinen „so illogical and so dull can have exercised so powerful and enduring an influence over the minds of men, and, through them, the events of history“.

Keynes fand also schon 1926 eine politisch wie ideologisch “beendete” Ära des reinen “Laissez-faire” vor. Und er hat selbst seinen eigenen mächtigen Anteil daran, dass die „Events of history“ seit den 30er Jahren nicht nur vom Mythos des reinen „Laissez-faire“, sondern auch vom regelgebundenen Markt nur noch wenig übrig ließen. Keynes (und mehr noch die Keynesianer in der Politik) haben als „enduring influence“ bis heute bewirkt, dass sich die staatliche Geld- und Fiskalpolitik selbst das „Laissez-nous-faire“ Prinzip angeeignet hat. 1926, als Keynes bereits das Ende des „Laissez-faire“ proklamierte, betrug die Staatsquote in Großbritannien und Deutschland 22 bzw. 24%. Heute steht sie jeweils bei etwa dem Doppelten; in den USA stieg sie von 11% (1926) auf 37% (2007).

Der Begriff „Laissez-faire“ wurde gemäß der Legende schon im 17. Jahrhundert geprägt. Demnach fragte der französische Minister Colbert den Geschäftsmann Legendre: „que faut-il faire pour vous aider?“ Legendre antwortete: „Laissez-nous faire!“. Im 21. Jahrhundert hat sich die Dramaturgie weitgehend umgekehrt. Heute fragen Verbandsvertreter bis hin zu „Privat-” Bankern wie Josef Ackermann wieder in alt-merkantilistischer Manier: was kann der Staat tun, um uns zu helfen? Und es sind die Politiker aller Couleur und Nation, die sagen: „laissez-nous faire“!

Zu (2): Politisch verantwortliche (aber nicht persönlich haftende) Akteure haben sich auch und gerade in den USA eines „laissez-nous-faire“ Prinzips bedient, das auch und gerade die Überinvestitionsblase an den Immobilien- und Kreditmärkten – und damit die heutige Krise –erst politisch ausgelöst hat. Tatsächlich war das Aufblähen und ist das momentane Platzen der Immobilien- und Kreditblase, ähnlich wie schon das Blähen und Platzen der „New economy bubble“, ein Musterbeispiel für die gute, alte österreichische Konjunkturtheorie von Ludwig v. Mises und Friedrich A. v. Hayek aus den 1930er Jahren (siehe etwa Joachim Starbatty). Kurz gesagt: übertriebene Geldschöpfung und verzerrte Zins- und Preissignale führen zu Überinvestitionen, die nur in schmerzhaften Krisen bereinigt werden können. Jeweils hat die Politik die verheerenden Anreize gegeben, auf welche „kapitalistische Gier“ mithilfe bankentechnischer „Turbos“ mit allzu dynamischer Wucht reagierte, aber letztlich auch nur reagierte. Die, überaus komplexe, und wohl erst in Jahren empirisch im Detail falsifizierbare Geschichte lässt sich zumindest heute und aus meiner Sicht grob drei politischen Auslösern zurechnen: (a) überbordende Liquidität, (b) politisch gesteuert in bestimmte allokative Verwendungen unter (c) erleichterten oder ungeklärten Haftungsbedingungen.

Zu (2a): Alan Greenspans FED hat, stets zur immer wieder kurzfristigen Erleichterung hochverschuldeter Regierungen und Bürger, stets und immer wieder die Märkte mit überbordender Liquidität versorgt. Mit realen Zinssätzen oft um die 0% versuchte die US-Notenbank immer wieder, auf Krisen (9/11; New economy bubble, etc.) mit billigem Geld zu reagieren, um die günstige Refinanzierung einer immer mehr in staatliche wie private Überschuldung geratenen Volkswirtschaft zu erleichtern. Das reale Produktionspotential der amerikanischen Volkswirtschaft gab das zwar nicht her; die Verbraucherpreise schienen aber unter Kontrolle, weil billige Importe aus den BRIC-Staaten den Konsum kostengünstig hielten. Das übermäßig billige Geld musste, ganz gemäß der Theorie der „Österreicher“, in die Überinvestition fließen; nur aber nicht mehr so sehr in realkapitalintensive „Produktionsumwege“, sondern eher in die Blase einer Vermögenspreisinflation. Geldpolitische Fehler standen am Anfang; weitere struktur- und sozialpolitische Fehler entschieden „lediglich“ darüber, wo die Krise ihre Opfer finden sollte.

Zu (2b): Wenn übermäßiges Geld nach überdurchschnittlicher Vermehrung sucht, ist sicher auch Gier im Spiel. Warum aber zeigte sich Gier und Profitstreben plötzlich so gigantisch und verhängnisvoll gerade in einem spezifischen Bereich (Immobilien und Hypotheken) und (anfangs) nur in einigen Ländern (vor allem den USA, aber auch etwa in Spanien und Großbritannien)? Es ist populär zu sagen: weil „Wall Street“ („die“ Banken, „der“ Kapitalismus) es so wollte, den Hals nicht voll genug bekommen konnte und „Main Street“ (dem Bürger und Steuerzahler) nun die Rechnung stellt. Es ist wohl akkurater zu sagen: weil „Capitol Hill“ (die Politik) zu sehr wollte und „Nassau Street“ (die Notenbank) zu sehr erlaubte, dass „Wall Street“ Sozialwohnungen auf „Main Street“ finanziert. Weil hier politische Anreize und Belohnungen gesetzt wurden, auch eigentlich unprofitable oder besonders unsichere Segmente („Sub-prime house owners“) zu bedienen. Es war der vordergründig „soziale“ Wunsch der Clinton-Regierung und der nachfolgenden Demokraten in Kongress und Senat, der ärmeren Bevölkerung Eigentum an eigenen und besseren Häusern zu ermöglichen. Die New-Deal-Institutionen Fannie Mae und Freddie Mac wurden deshalb auch als „government sponsored enterprises“ (GSE) staatlich gefördert (mit auf ¼ reduzierten Anforderungen an Kreditsicherheiten ausgestattet und mit lukrativen staatlichen Aufträgen sowie Steuerprivilegien versehen), vom US-Kongress politisch-korrekt und wohlwollend „überwacht“ und als staatlich gesponserte Erfüllungsgehilfen mit einer unzweideutigen „Bail-out“- Garantie versehen (Fannie und Freddie waren schließlich auch wesentliche Quellen für Spenden an beide große Parteien …).

Das politische Anliegen, die Marktallokation auf den Immobilienmärkten zu manipulieren, wurde durch weitere Interventionen bekräftigt, womit weitere politische Luft in die Blase gepustet wurde: der von Präsident Jimmy Carter eingeführte und von Präsident Clinton verschärfte „Community Reinvestment Act“ (CRA) verlangt von Banken, dass sie vergünstigte Kredite bevorzugt in ihren „local communities“ und zugunsten der „economically disadvanatged“ einsetzen. Gleichzeitig sorgte die Politik dafür, dass das Angebot an Immobilien durch „Land-use regulations“ in vielen local communities knapp blieb. Bei politisch subventionierter Nachfrage und politisch beschränktem Angebot kann sich jeder Student im Erstsemester die Marktreaktion ausdenken.

Zu (2b und 2c): Steigende Immobilienpreise bei (geld- und sozial-) politisch verbilligten Refinanzierungskosten und gleichzeitigem „government sponsoring“ des Risikos der Immobilienkreditgeber wurden vom „Markt“ als Ersatz für marktübliche Kreditsicherheiten natürlich mit überbordender Begeisterung aufgenommen. Wenn der SPIEGEL recht haben sollte, „stehen Immobilienkredite im Wert von elf Billionen Dollar aus, fast so viel wie das amerikanische Bruttoinlandsprodukt“. Wenn das stimmt, hat Präsident Sarkozy recht, wenn er meint: „C’est fou!“. Aber man kann wohl auch argumentieren, dass die „Folie“, die Verrücktheit, letztlich politisch zwar sicher nicht gewollt, aber doch verursacht worden ist. Man stelle sich eine doppelt staatlich geförderte Lotterie vor, die es sich vornähme, besonders den ärmeren Schichten günstigere Lose zu verschaffen, deshalb Unmengen subventionierter Lose drucken ließe, und die noch dazu den Losverkäufern versicherte, dass der Veranstalter, der Staat, sowohl für mögliche Verluste der Kunden als auch der Losverkäufer selbst aufkommen würde. Wer würde da nicht mitspielen wollen? Hinterher über die „Gier“ der Losverkäufer herzuziehen, erscheint mir heuchlerisch. Erst aufgrund dieser politisch gewollt verfälschten Preis- und Risikorelationen konnte, kurz und grob gesagt, eine Art Kettenbrief-Geschäftsmodell in Gang gesetzt werden, das es erlaubte, unbekannte Risiken immer weiter zu bündeln und zu verkaufen – unter anderem auch an deutsche Landesbanken, die „Gier“ nicht als Teil ihrer hoheitlichen Aufgabe plakatieren. Tatsächlich müssen die staatlichen Verführer ja auch auf die „Gier“, nüchterner: das „Vorteilsstreben“, der von ihren Interventionen Gelockten gesetzt haben. Man hat die Gäule nicht zur übervollen Tränke geführt, ohne damit zu rechnen, daß sie auch saufen werden (hierzu: Karen Horn).

Zu (2c und 3): Letztlich ist damit schon zu den Auslösern der „Blase“ auf Immobilien- und Kreditmärkten die politisch gewollte Abschwächung des Haftungsprinzips zu zählen. Haftung wiederum ist kein Element anti-kapitalistischer Gesinnung, sondern konstitutives Merkmal einer marktwirtschaftlichen, kapitalistischen Ordnung. Der neo- oder ordo-liberale Ökonom Walter Eucken führte hierzu 1950 aus: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen …. Investitionen werden umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet. Die Haftung wirkt insofern also prophylaktisch gegen eine Verschleuderung von Kapital und zwingt dazu, die Märkte sorgfältig abzutasten“. Die Politik, zunächst in den USA, versuchte den eigenen Nutzen zu haben und durch übermäßig billiges Geld den Schaden abzuwenden, der bei immenser Verschuldung unter unzureichenden Sicherheiten für die Haushalte der Regierung wie ihrer Bürger irgendwann und irgendwo entstehen muss. Nun muss auch einer den noch unermesslichen Schaden tragen. Aber wer ist „der Verantwortliche?“. Das lässt sich im Detail nicht mehr aufdröseln. Es geht um Billionen, die wohl kein einzelner Akteur auf Wall Street, Capitol Hill oder Nassau Street (bzw. in global äquivalenten Adressen sonstwo) zu verantworten hätte oder sein eigen nennen könnte. Regierungen und Staatsbanken haften nun mit dem Geld anderer. Somit bleibt wohl für die letztlich politisch von Wenigen (im Ergebnis ungewollt und ungeahnt) verursachte, aber „turbo-kapitalistisch“ von Vielen (im Ergebnis ungewollt und ungeahnt) beschleunigte Krise nur der (von Anfang an ungefragte) Steuerzahler als „Lender of last resort“. Das ist der eigentliche Skandal – der mit Laissez-faire im ursprünglichen Sinne fast nichts zu tun hat.

Meine dritte These lautet: „Die momentanen staatlichen Rettungsmaßnahmen laufen Gefahr, die eigentlichen Brandstifter der Krise in Feuerwehrkostümen auftreten zu lassen und neue Brandherde zu legen“. Die Brandbeschleuniger der Vergangenheit treten heute als Brandschützer auf, ohne sich auch nur einen Teil des verbrannten Geldes als Asche auf ihr eigenes Haupt zu streuen. Stattdessen wird schon wieder politisch verbilligtes Geld in die (noch weitgehend unbekannte) nächste Blase gepustet; schon wieder denken Politiker, sie wüssten besser, wie Landes- oder Privatbankgeschäfte gemacht werden müssen. Das mag wie Prinzipienreiterei klingen in einer Situation, in der jeden Tag neue, auf die Komplexität der Lage verweisende Katastrophenmeldungen kommen. Kurzfristige und drastische Maßnahmen sind wohl vonnöten, in der Tat – und da hilft es nicht, abzuwarten bis Böcke und Gärtner, Medizin und Virus eindeutig unterschieden werden können. Dennoch sollte sich eine ordnungspolitisch vernünftige Problemlösung langfristig orientieren an (Steinbrück leicht modifiziert) „neoliberalen Ideen“, wozu ein durch stabiles Geld und Haftung diszipliniertes Renditestreben gehört. „Laissez-faire“ ohne Haftung ist schließlich eine Einladung zur Ausbeutung ungefragter Dritter. Das gilt auch und gerade für politisches Handeln. Heute muss es auch darum gehen, dem „Laissez-nous-faire“ der Geld- und Fiskalpolitik entgegenzuhalten: „C’est fini“!

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13 Reaktionen zu “Das Ende des „laissez-faire“”

  1. Dean Reed

    Vollkommene Zustimmung, Herr Wohlgemut. Selbst McCain hat sich gestern in Nashville i.d.S. geäußert. Die positiven Eigenschaften des freien
    Marktes werden total negiert und es werden ,quer durch alle politischen Lager, Argumente gegen ihn in Stellung gebracht, die man noch vor gar nicht langer Zeit nur von Kommunisten gehört hat.
    Bleibt die Frage, was das bezwecken soll: ist dem Kapital selbst der Markt zu liberal, zu global geworden und es setzt es daher auf eine nationale, völkische Variante?
    Auf jeden Fall wird jegliche Abkehr von einer liberalen Ökonomie mit einer
    starken Einbuße von gesellschaftlicher und individueller Freiheit einhergehen.

  2. Die Hintergründe der Finanzmarktkrise oder warum Olli Kahn keine Aktien mehr hat | Hilfe beim Leben

    [...] will mich jetzt garnicht groß darüber auslassen, sonder verweise mal auf einen aktuellen Beitrag von Michael Wohlgemuth beim Blog Wirtschaftliche Freiheit. Oder einen Beitrag von Euckenserbe bei [...]

  3. Markus

    Wie sieht es bei dem ungezähmten Renditestreben der Finanzmarktakteure eigentlich mit der persönlichen Haftung aus, die schon der Ordo-Liberale Walter Eucken für eine funktionsfähige Wirtschaft angemahnt hat? Außerdem muß ja nicht jeder “kapitale Bock”, der staatlicherseits geschossen worden sein mag, gleich einen dankbaren “kapitalistischen Gärtner” finden. Auch einzelwirtschaftlich agierende Kapitalisten tragen eine gesamtwirtschaftliche Mitverantwortung.

    Das vermeintliche Ende des Laissez-faire muß aber nicht das Ende der marktwirtschaftlichen Ordnung bedeuten, wie auch gerade Keynes` wirtschaftstheoretische Ideen (nicht nur in ‘Das Ende des Laissez-faire’) und ihre praktische Umsetzung in Politik und Wirtschaft im 20. Jahrhundert nachdrücklich belegen.

  4. links for 2008-10-08 - schorleblog

    [...] wirtschaftliche freiheit » das ende des „laissez-faire“ … liegt schon hinter uns, zumindest das zur zeit inflationär auftretende gemeinte (tags: wirtschaft aufsatz finanzkrise politik neoliberalismus kapitalismus system kritik via:mento.info) hier merken, bewerten und empfehlen: [...]

  5. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Eine Lehre der Krise

    [...] durch “Das Ende des “laissez-faire” bei Wirtschaftliche [...]

  6. Gerhard Wegner

    Lieber Michael Wohlgemuth,

    Deinem Kommentar stimme ich sehr zu. Eine Ergänzung: es ist noch nicht lange her, als wir in Deutschland die Diskussion um Basel II hatten. Man kann dazu stehen wie man will (Stephan Paul aus Bochum sieht darin – wohl zu Recht – ein Bürokratiemonster), aber die Intention ist die Stabilisierung der internationalen Finanzmarktordnung gewesen. Dazu wurden u.a. Eigenkapitalvorschriften und standardisierte Risikoprüfungen erlassen. Hierzulande ist durchweg moniert worden, dass nunmehr kapitalschwache, kleinere Unternehmen schlechtere Kreditkonditionen bekommen würden. Der Tenor der Kritik war: Kredite müssen im Überfluß vorhanden sein, jede risikobedingte Kreditverknappung ist schädlich. Die Kritik von damals verhielt sich zur heutigen invers: die Banken würden ihre Kredite künftig zurückhalten, während das Gegenteil volkswirtschaftlich wünschenswert sei.
    Man erinnere sich auch daran, dass der damalige Finanzminister Lafontaine und sein Staatsekretär Flassbeck eine Diskussion über die Unabhängigkeit von Bundesbank und EZB vom Zaun gebrochen hatten (wegen deren mangelnder demokratischer Legitimation, so Flassbeck). Auch hier war eine Politik des leichten Geldes intendiert, die, wäre sie im Sinne der Genannten verwirklicht worden, zu einer weiteren Verschärfung der Krise beigetragen hätte.
    Es ist interessant, wie schnell die Positionen von gestern in Vergessenheit geraten.

    Gerhard Wegner.

  7. Finanzkrise: Wer hat denn nun Schuld? | QuerBlog

    [...] wehren sich. Mit Texten, die ich zwar lese aber nicht verstehe. Viele andere vielleicht auch nicht. Kalkül wird das nicht sein. Dafür sind [...]

  8. K. Stolz

    Verschwisterte Parteien bzw. Ideologien sind einander in der Regel spinnefeind gesonnen, streben doch deren Mitglieder naturgemäß gleiche oder ähnliche Ziele an. Sie liegen miteinander im Wettstreit, und immer geht es um gesellschaftliche und politische Macht, um Einfluß und Finanzmittel. Die jeweils unterlegene Partei giftet darum die erfolgreichere an – bis zum Bruderzwist.

    Der Finanzmarkt mit seinen schier unfaßbar vielfältigen Möglichkeiten der unrechtmäßigen Bereicherung auf Kosten der arbeitenden Menschen lockt seit Jahrzehnten nicht nur Diebe und Zocker an. Sobald der mittelmäßige menschliche Verstand die Zusammenhänge zwischen Wohlstand und Geld, zwischen Leistung, Sparsamkeit, Investition und wirtschaftlichem Erfolg und nicht mehr erkennt, mischen sich auch Halbgebildete unter die Diebe, ohne sich ihres Irrtums bewußt zu sein. Sie glauben an die selbsterfundenen Märchen der Verschwörung durch dunkle Kapitalistengestalten. In Wahrheit ist nur die gegnerische Diebespartei schneller gewesen, weil sich deren Mitglieder der politischen und scheindemokratischen Werkzeuge geschickter bedient haben.

    Von denen, die heute unermüdlich nach staatlicher Regulierung rufen, lauthals die Geldgier all jener beklagend, die beim Run auf das Selbstbedienungsbuffet schneller waren, sind Brüder im Geiste. Jede der gegnerischen Parteien hält sich selbst für den rechtmäßigen Besetzer und Herrn über das Geld. Der Staat (wer oder was ist das eigentlich?) soll nun endlich zum Zuge kommen. Dabei ist es eben gerade dieser „Staat“, welcher es der angefeindeten, siegreichen Partei ermöglichte, Zutritt ans Buffet zu erhalten und dieses zu plündern. Jetzt wollen endlich auch die anderen zum Zuge kommen, und wiederum soll der Staat ihnen dabei helfen. Der Staat, das ist das anonyme Werkzeug der Macht, ein wertfreies Konstrukt, ein Instrument wie ein Messer, das man sowohl für friedliche als auch für mörderische Zwecke nutzen kann. Der Staat ist allseitig für viele Zwecke einsetzbar. Und er verspricht wunderbare Anonymität für jegliche Form persönlichen Versagens. Ob jenen dies in aller Deutlichkeit vor Augen steht, die sich dem Ruf nach dem Staat anschließen, muß bezweifelt werden.

    Die Ankläger sind wütend. Sie sind im Wettkampf unterlegen und sehen, da sich die Lage geändert hat, endlich ihre Zeit gekommen, um die Verteilungsakte für Diebesgut neu zu verfassen. An die von ihnen eifrig verbreiteten Lügen und Halbwahrheiten glauben sie selbst. Von ihrer Warte aus betrachtet, haben sie möglicherweise sogar recht. Sie fühlen sich um ihren Sieg betrogen, sind nur deshalb nicht in den Rang der Oberdiebesklasse eingestiegen, weil die anderen schneller waren. Das möchten sie jetzt ändern. Als bisherige Verlierer bei der „kostenlosen“ Verteilung der Welt wollen sie endlich auch ein Stück davon abbekommen. Allerdings ist fraglich, ob da noch viel zu verteilen sein wird.

    Der arme Sparer, der nun wieder einmal für den Ofen gearbeitet hat, begreift von diesen Schwesternkämpfen um Beute nichts und glaubt fatalerweise, die jeweils unterlegene Partei stelle sich schützend vor ihn, auf daß er sein hart erarbeitetes und erspartes Geld behalte bzw. zurückbekomme. Ein fataler Glaube!
    Der brave Bürger ahnt nichts von dem Ringen der Diebesbrüder um den ersten Rang. Politische Scheindebatten und mediale Märchenstunden sorgen für Unbedarftheit bei den Opfern des Betrugs. Schließlich glaubt der kleine Mann den Werbesprüchen der an die Macht strebenden Bande und läuft den Brandstiftern mit der gießbereiten Benzinkanne hinterher. Er, der einzig wirklich Betrogene in diesem Spiel um Macht und Geld, hat keine Lobby. Er liefert sich selbst aus. Sein einziges trauriges Los war und ist, lebenslang hart arbeiten zu müssen, für einen Lohn, der in regelmäßigen Abständen entwertet und gepfändet wird. Wer jedoch arbeitet, hat keine Zeit, um raffinierte Winkelzüge auszuarbeiten, mit denen er Mitmenschen um ihr Eigentum betrügen kann, so daß diese nicht merken, wie ihnen das Geld aus der Tasche gezogen wird.

    K. Stolz

  9. Harald Oestreich

    Das Ende des Laissez-faire: Was aber kommt danach?

    Im 20. Jh. führten Kapitalismus und Sozialismus einen erbitterten Kampf. Der orthodoxe Sozialismus musste verlieren, weil er unfähig ist, eine technisierte, arbeitsteilige Wirtschaft zu organisieren. Der Neosozialismus des 21. Jh. akzeptiert (zähneknirschend) den Kapitalismus als effizientes Produktionsmodell, lehnt aber eine Verteilung des Sozialproduktes über den Markt ab, da der Markt nach Leistung und damit ungerecht, weil ungleich, verteilt. Dafür weist er dem Staat die Aufgabe zu, die Verteilung des Marktes so zu korrigieren, dass „mehr Gleichheit an Einkommen und Vermögen“ entsteht (wie es im Parteiprogramm des „demokratischen Sozialismus“ heißt). Statt Leistungsgerechtigkeit „soziale Gerechtigkeit“. Dieses Leitmotiv beherrscht bereits weite Teile des politischen Spektrums, wobei nur noch über unterschiedliche Nivellierungsgeschwindigkeiten gestritten wird.

    Nach Karl Marx sollte der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen scheitern, was bisher ausblieb. Tatsächlich aber liegt der Systemwiderspruch im Neosozialismus: zwischen kapitalistischer Produktion und staatlicher Verteilungspolitik. Individuelle Freiheit und staatliche Bevormundung bilden einen unauflöslichen Zielkonflikt, der nur durch ideologisch-utopische Fiktionen (Arbeiter- und Bauernparadies, Volksheim-Romantik) aufgelöst werden kann. Und dieser Konflikt fokussiert sich im Markt.

    Ökonomische Prosperität gibt es nur, wenn der Markt wirklich frei ist, d.h., wenn Wettbewerb herrscht, und die Preise sich frei bilden können. Denn nur die freie Preisbildung sorgt für einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage, so dass weder Mangel noch Überfluss herrscht. Das Eingreifen des Staates in den Markt im Namen sozialer Gerechtigkeit schränkt den Wettbewerb ein, setzt die freie Preisbildung außer Kraft und führt damit zwangsläufig zu ökonomischen Verzerrungen, die dann dem Markt als Versagen angelastet werden.

    Aber nicht der Markt versagt, sondern der Staat schränkt dessen Funktionsfähigkeit ein. Ohne freie Preisbildung öffnet sich die Schere zwischen Angebot und Nachfrage („Angebots- und Nachfragelücken“). Und so entstehen Massenarbeitslosigkeit (weil unsoziale Unternehmer vor zu hohen Lohnkosten ins Ausland flüchten), Milchseen und Butterberge, Wachstumsverluste (weil Unternehmen im Ausland statt im Inland expandieren) – und Liquiditätsblasen, weil die Notenbank den Markt flutet, und die Anleger nicht mehr wissen, wohin mit dem vielen Geld. Das Monster ist nicht der Markt, sondern die Freiheit von Bürgern, die sich als „Wirtschaftssubjekte“ und nicht als Objekte staatlicher Autoritäten verstehen. Die Finanzkrise ist kein singuläres Ereignis, sondern steht in einer Reihe ökonomischer Deformationen, die teils schleichend daherkommen (Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Inflation) oder hin und wieder explodieren.

    Eine gesunde Ökonomie braucht kein billiges Geld, sie finanziert ihre Investitionen über die Ersparnisse (siehe Wicksell, Mises, Hayek). Billiges Geld ist Gift, weil es süchtig macht – Unternehmer, Investoren und Konsumenten. Billiges Geld aber braucht der Staat, um seine Umverteilungspolitik und (vermeintliche) Konjunkturprogramme (Deficit spending nach Keynes) zu finanzieren; damit Unternehmen und Bürger höhere Steuern bezahlen können, und er selbst sich billig verschulden kann. Und er muss für billige Kredite sorgen, damit kleine und mittlere Unternehmen ihre Investitionen wenigstens fremd finanzieren können, nachdem ihnen die Umverteilung die Gewinne weggesteuert hat.

    Um all dies zu bewerkstelligen, hat der Staat ein Bankenkartell mit der Notenbank als Kartellführer geschaffen. Der Kreditmarkt ist also weder frei, noch herrscht wirklich Wettbewerb, da mit dem Leitzins der Preis bestimmt wird, die Notenbank als „Lender-of-Last-Resort“ das Liquiditätsrisiko ausschaltet, und die öffentlich-rechtlichen Banken das Kreditgeschäft dominieren. Da wundert es nicht, dass sich die Geschäftsbanken mehr und mehr auf das Anlagegeschäft (Investmentbanking) konzentrierten, das dank des billigen Geldes auch hervorragend lief. Somit waren alle mit dem Bankenkartell zufrieden – bis gestern.

    Was also sind die Alternativen? Notenbanken sind keine naturgesetzliche Notwendigkeit, wie bereits Adam Smith 1776 feststellte. In England herrschte bis Mitte des 19. Jh. Bankfreiheit. Erst mit dem „Peel’s Act“ erhielt die Bank of England das Monopol zur Geldausgabe. In den USA beendete der „National Banking Act“ 1863 das Free-Banking-System, indem die Banken gezwungen wurden, mit Staatsanleihen ihre Banknoten zu decken, womit der amerikanische Bürgerkrieg finanziert wurde. Erst 1913 wurde das „Federal Reserve System“ geschaffen.

    Aber an ein Free-Banking-System wagt heute niemand zu denken. Also weiter so. Mehr Staatsaufsicht, die bisher schon nichts gebracht hat? Zwangsseminare für Manager in Moralökonomie? Und wer pumpt – angesichts drohender Rezession – das viele Geld wieder ab?

    Die Linken haben recht: Dieser real existierende Markt funktioniert nicht mehr (weil er nicht frei ist). Also Verstaatlichung. Dann ist der Markt kein Markt mehr, sondern eine Zuteilungsbehörde. Wenn erst alle Banken verstaatlicht sind, dann gibt es – per Definition – keine Liquiditäts- und Insolvenzprobleme mehr. Aber das Problem der Blasenbildung ist damit nicht gelöst, der Staat braucht weiterhin billiges Geld. Warum dann nicht gleich auch die Industrie mit verstaatlichen? Dann könnte sogar wieder Vollbeschäftigung hergestellt werden. Das Ende aller Krisen?

    Der Sozialismus kennt keine Krisen. Auf der untersten Stufe kann es nicht mehr abwärts gehen. Ist es das, was uns nach dem Ende des Laissez-faire erwartet?

  10. Harry Haller

    Interessanter Beitrag. Danke.
    Nur was mir immer wieder auffällt, ist, dass Ökonomen jegliches Nachdenken über die politische Dimension abgeht.
    Jeder Markt braucht Regeln(auch der freie, sonst sind wir bei Hobbes). Diese Regeln werden durch die Politik aufgestellt und nicht von Gott oder sonst wem gegeben. Wenn man Politik auf den Kampf um Macht reduziert, versteht man sehr schnell, warum es keine Haftungsregeln und erst recht nicht keine freien Märkte nach der reinen Lehre gibt. Weil sie einerseits nicht im (egoistischen) Interesse der finanziell Mächtigen (“mein Monopol” ist aus individueller Sicht das Optimum) sind und andererseits deren Interesse im Widerspruch zum Interesse der Mehrheit der Bevölkerung steht.
    Und komme mir keiner mit “Vernunft” oder “Gemeinwohl”, wenn er nach “freien Märkten” ruft. Die sind genauso utopisch wie der Sozialismus. Das Ergebnis sind die “real existierenden Märkte”.
    Zusammenfassend gesagt: Alle Marktregelungen sind politisch, weil (fast) alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens in der politischen Sphäre getroffen werden. Wo auch sonst.

  11. Harald Oestreich

    Natürlich bedarf der Markt Regeln. Die Frage aber ist, welche?

    Grundvoraussetzungen sind Eigentumsgarantien, Vertragsfreiheit, rechtsstaatliche Sicherheiten sowie eine Wettbewerbsordnung (GWB etc.). Diese Regeln dienen dazu, die wirtschaftliche Freiheit der Bürger zu sichern, einen freien Markt zu etablieren und ihn vor mafiosen Strukturen zu schützen. Dies ist im Übrigen das Grundproblem der Entwicklungsländer, die es bisher nicht geschafft haben, solche Strukturen zu schaffen. Aber auch die Industriestaaten haben hier noch erhebliche Defizite, da Wettbewerb (weil anstrengend) sich keiner großen Beliebtheit erfreut – weder bei der Politik, noch bei den Unternehmern. Politiker wollen lieber regulieren. Unternehmer lieben den Wettbewerb bei Lieferanten, nicht aber im Absatzmarkt.

    Regulierungen und Interventionen der Politik – und seien die Ziele noch so ehrenwert („sozial gerecht“) – schränken die Funktionsfähigkeit des Marktes ein und mindern damit den Wohlstand. Der (ideal) freie Markt hat nie existiert, aber die „soziale Marktwirtschaft Ludwig Ehrhards“ ist diesem Ideal schon relativ nahe gekommen, wenn Ludwig Ehrhard auch nur vielleicht 50% von dem „politisch“ verwirklichen konnte, was ihm vorschwebte. Das „Deutsche Wirtschaftswunder“ ist ein eindrucksvolles praktisches Beispiel, was eine freie Wirtschaft leisten kann. Ebenso beeindruckend ist, was danach kam: Ab 1970 stiegen Arbeitslosigkeit (damals einige Hunderttausend) und Staatsverschuldung rapide an und leiteten den wirtschaftlichen Abstieg ein.

    Es ist richtig, dass viele Ökonomen der politischen Dimension zuwenig Beachtung schenken. „Konsumfreiheit und die Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung müssen in dem Bewusstsein jedes Staatsbürgers als unantastbare Grundrechte empfunden werden. Gegen sie zu verstoßen, sollte als ein Attentat auf unsere Gesellschaftsordnung geahndet werden. Demokratie und freie Wirtschaft gehören logisch ebenso zusammen wie Diktatur und Staatswirtschaft“ (Ludwig Erhard).

    Dass dieser Zusammenhang aus unserem Bewusstsein entschwunden ist, ist die Tragödie der Gegenwart.

  12. Wirtschaftliche Freiheit » Blog Archiv » Staatsmänner, Feuerwehren und Brandstifter

    [...] Verantwortungslosigkeit (moral hazard). Dieses Argument habe ich in meinem vorigen Beitrag zu belegen [...]

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