Was Super-Sarko von Romulus lernen kann

Bei Friedrich Dürrenmatt ist nachzulesen, wie sich der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustus auf den Ansturm der Skiren und Ostgoten eingerichtet hat. Er hat nicht etwa seine Heerscharen zusammengerufen und die Grenzanlagen befestigt, sondern widmete sich der Hühnerzucht. Seine verschiedenen Hühner benannte er nach großen römischen Kaisern aus der Geschichte und nach Odoaker, dem Heerführer der Skiren, der bereits auf bestem Wege war, mit seinen Truppen das alte weströmische Imperium zu erobern. Romolus bemerkte mit Interesse, dass das Huhn Odoaker weitaus leistungsfähiger im Eierlegen war als alle seine römischen Kaiserhühner zusammen. Er zog daraus die Konsequenz, sich dem Einmarsch von Odoaker nicht zu widersetzen – und die Geschichte gab ihm recht. Zwar zerbrach das weströmische Imperium, aber unter der Herrschaft von Odoaker in Ravenna erlebte das heutige Italien eine Zeit des Friedens und der wirtschaftlichen Blüte. Auch unter Theoderich dem Großen, dem Nachfolger Odoakers und einem großen Verehrer der römischen Künste, setzte sich die Blütezeit fort. Die Entscheidung von Romolus, sich der Hühnerzucht und nicht der Kriegsführung zu widmen, hat somit offenbar die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt in seinem Lande erhöht.

Die Invasoren heißen heute nicht mehr Skiren und Goten, sondern Chinesen und Araber. Und sie kommen nicht mehr mit Rammbock und Streitross daher, sondern mit üppigen Devisenreserven und Staatsfonds.

Allerorten rüsten sich die alten Industrieländer gegen die Invasoren aus den Schwellen- und Rohstoffländern. So auch Deutschland, wo sich gerade die Novelle des Außenwirtschaftsgesetzes, die stärkere Handhaben gegen Staatsfonds bietet, auf dem Weg von Kabinettsentwurf zum Gesetzesbeschluss befindet. Eine neue Dimension hat der Abwehrkampf gegen die Auslandsinvasoren allerdings in Frankreich erreicht. Dort betreibt Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Gründung eines eigenen Staatsfonds, der die französische Industrie davor schützen soll, von ausländischen Investoren aufgekauft zu werden. Damit möchte er verhindern, dass chinesische, arabische, russische oder andere Staatsfonds die derzeit niedrigen Börsenkurse ausnutzen, um sich billig in die französische Industrie einzukaufen. Die Details sind noch offen, aber die Größenordnung des Fonds soll wohl bei einer Kapitalausstattung von 200 Milliarden Euro liegen.

Damit würde der französische Staatsfonds eine Größe aufweisen, die jene des chinesischen Staatsfonds CIC (China Investment Corporation) sogar übertrifft. Größer wären dann nur noch die Staatsfonds aus den Vereinigten Arabischen Emirate (900 Mrd. US-$), aus Singapur (330 Mrd. US-$), aus Norwegen (322 Mrd. US-$), Saudi Arabien (300 Mrd. US-$) und (je nach Wechselkurs) aus Kuwait (250 Mrd. US-$). Bei all diesen Ländern speisen sich die Staatsfonds allerdings aus staatlichen Haushaltsüberschüssen, die rentabel auf ausländischen Kapitalmärkten angelegt werden sollen, während für Sarkozys Staatsfonds die öffentliche Verschuldung erhöht werden müsste.

In der aktuellen politischen Debatte werden die Staatsfonds als der böse Wolf dargestellt, der die gegenwärtig niedrigen Börsenkurse ausnutzen könnte, um die führenden Industrieunternehmen der westlichen Welt mit Haut und Haaren zu verschlingen. Tatsächlich würden ihre finanziellen Mittel durchaus dafür reichen. Das Anlagevolumen aller Staatsfonds aus den Schwellen- und Rohstoffländern zusammengenommen wird derzeit auf 3,2 Billionen US-$ geschätzt. Dieser Betrag ist etwa viermal so noch wie die Streubesitz-Marktkapitalisierung aller DAX-Unternehmen (bei einem DAX-Kurs von rund 5000 Punkten). Daraus folgt natürlich nicht, dass die Staatsfonds mit einem Viertel ihrer Mittel alle 30 DAX-Unternehmen aufkaufen könnten, denn dafür müssten sie auch die nicht im Streubesitz befindlichen Anteile erwerben. Vor allem aber wäre bei solch einer fiktiven Aktion mit erheblichen Kurssprüngen zu rechnen, wie es die VW-Aktie unlängst vorgemacht hat.

Gleichwohl kann natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass das Anlagevolumen aller Staatsfonds dieser Welt beeindruckend groß ist, wenn man es mit dem Börsenwert der DAX-Unternehmen vergleicht. Noch furchterregender nehmen sich aber die Pensionsfonds aus, die weltweit auf ein Anlagevolumen von 18 Billionen US-$ kommen. Und die Investmentfonds bringen es gar auf geschätzte 21 Billionen US-$, also fast auf den siebenfachen Wert der Staatsfonds. Wenn Sarkozy seine Industrieunternehmen vor dem Ausverkauf ins Ausland schützen will, hat er es also nicht nur mit den von ihm beschworenen Staatsfonds zu tun (zu den Zahlenangaben in diesem Beitrag vgl. Steffen Kern, Sovereign Wealth Funds and Foreign Investment Policies – an Update. Deutsche Bank Research, International Topics / Current Issues, October 22, 2008).

Vor allem aber scheint Super-Sarko entgangen zu sein, dass in der gegenwärtigen Finanzkrise das Kernproblem vieler Unternehmen nicht die übergroße Zahl ausländischer Investoren ist, sondern im Gegenteil der Mangel an Investoren, die sich mit frischem Eigenkapital an notleidenden Unternehmen des Finanzsektors und zunehmend auch der Realwirtschaft beteiligen. Hochwillkommen waren insbesondere die Beteiligung des Staatsfonds AIDA aus den Vereinigten Arabischen Emiraten an der CITI-Group (4,9 Prozent), das Engagement der GIC aus Singapur ebenfalls an der CITI-Group (4,5 Prozent), die Temasek-Beteiligung aus Singapur an Merrill Lynch (9,9 Prozent), die CIC-Beteiligung an Morgan Stanley (9,9 Prozent), die GIC-Beteiligung an der UBS (9 Prozent), die Temasek-Beteiligung an Barclays (5,2 Prozent) sowie die QIA-Beteiligung aus Katar an der Londoner Börse (40,4 Prozent). Insgesamt haben Staatsfonds in den vergangenen sechs Monaten rund 66 Mrd. $ in den krisengeschüttelten Finanzsektor der Industrieländer investiert.

Die vermeintlichen Räuber, vor denen Sarkozy seine Industrieunternehmen durch Teilverstaatlichung schützen will, erscheinen ihren vermeintlichen Opfern also eindeutig als hochwillkommene Retter. Es ist schwer nachvollziehbar, welchen Nutzen die französische Wirtschaft daraus ziehen könnte, dass gerade ihr die helfende Hand der Retter verwehrt werden soll.

Wie wird es weitergehen? Die Verschiebung der Gravitationszentren der Weltwirtschaft von den alten Industrieländern zu den Schwellenländern dürfte sich langfristig fortsetzen. Ob sich auch das rasante Wachstum der Staatsfonds fortsetzen wird, erscheint aber fraglich. Denn die Triebkräfte der Staatsfonds sind nicht die globalen Wachstumsunterschiede, sondern die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte. Bei den Rohstoffexporteuren sind auch künftig hohe Devisenüberschüsse zu erwarten, wenngleich nicht in der Höhe wie noch vor wenigen Monaten vor dem Platzen der Rohstoffpreisblase. Bei China dagegen sind die hohen Devisenüberschüsse vor allem Ausdruck verzerrter Wechselkurse und unterentwickelter interner Absorption. Diese Ungleichgewichte dürften auf Dauer kaum Bestand haben, so dass gerade jene Staatsfonds, die Industriepolitikern wie Sarkozy als besonders suspekt erscheinen, die Zeiten ihres besonders rasanten Wachstums wohl eher hinter sich haben.

All dies spricht dafür, dem Ansturm der wilden Horden aus Fernost mit einer ähnlichen Gelassenheit entgegenzusehen wie einst Romulus dem Ansturm der Skiren und Goten.

Henning Klodt

Henning Klodt

Institut für Weltwirtschaft in Kiel
Henning Klodt

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