Bargeldlos
Fortschrittsrhetorik als Begründung einer unverantwortlichen Geldpolitik

Von Theresia Theurl am 8. Oktober 2015
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Theresia Theurl
Westfälische-Wilhelms-Universität Münster

„Im Geldwesen … eines Volkes spiegelt sich alles, was dieses Volk will, tut, erleidet, ist; und zugleich geht vom Geldwesen … eines Volkes ein wesentlicher Einfluss auf sein Wirken und auf sein Schicksal überhaupt aus.“ An diese Feststellung des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883-1950) mag sich erinnern, wer sich heute mit unserem Geldwesen beschäftigt und besorgt die nachhaltigen Regelverletzungen in der Euro-Union sowie die durch die Liquiditätsflut von Notenbanken ausgelöste Finanzrepression zur Kenntnis nimmt. Bemerkenswert ist, dass die Diskussion um die Abschaffung des Bargeldes gerade in diesem Umfeld aufgeflammt ist und anhält.

Sieben Geld-Fakten
Zur Einordnung der aktuellen Diskussion sollten einige Fakten berücksichtigt werden: Erstens erfüllten in der Geschichte unterschiedliche Medien die Geldfunktionen. Zweitens werden seit langem sowohl Bargeld als auch unbares Geld nebeneinander verwendet, dabei hat die Verwendung von Bargeld zwar abgenommen, jedoch große Bedeutung behalten. Stabiles Geld in einem funktionierenden Geldsystem lässt bares und nichtbares Geld als enge Substitute verwenden. Drittens sind es nur die Banknoten, die heute (fast) uneingeschränkt schuldenbefreiende Wirkung haben. Alle anderen Formen der Abwicklung von Transaktionen und des Verfügens über Geld, z.B. Überweisungen, Kartenzahlungen, setzen das Einverständnis des Transaktionspartners voraus. Viertens stehen diese unterschiedlichen Medien in einem Wettbewerb zueinander, der es den Menschen ermöglicht Geldverwendungspräferenzen, unterschiedliche Liquiditätsgrade, die Verzinsung von Giralgeld, die Bonität der Emittenten sowie relative Transaktionskosten zu berücksichtigen. Fünftens haben sich die Geldverwendungspräferenzen als recht stabil herausgestellt. Sechstens erfüllt Geld nicht nur eine Transaktionsfunktion, sondern dient auch als Wertspeicher und Recheneinheit. Siebtens ist Geld seit langem nicht nur ein Medium der Märkte, sondern sein Management wird wirtschaftspolitisch instrumentalisiert, dies auch unter Inkaufnahme von Verteilungseffekten. Geld ist also politisch. Obwohl eine Abschaffung des Bargeldes nicht unmittelbar bevorsteht, lohnt sich eine Prüfung der gängigsten Argumente dafür.

Relikt der Vergangenheit ?
Erstens wird bares Geld als ein Relikt der Vergangenheit verunglimpft. Digitalisierung und weitreichende technologische Innovationen mit den damit verbundenen realwirtschaftlichen Veränderungen würden auch innovative monetäre Begleiter erfordern. Ein Verbot barer Transaktionen würde den Zahlungsverkehr effizienter machen und Transaktionskosten würden gesenkt. Dass sich das Geldwesen durch einzelwirtschaftliche Entscheidungen in diese Richtung entwickelt, ist tatsächlich nicht auszuschließen. Doch in welchen Zeiträumen würde sich ein solcher historischer Prozess unter Berücksichtigung der Erfahrung der Geldgeschichte vollziehen und wie umfassend wäre er?

Seit seinen Ursprüngen hat das Euro-System Banknoten mit einem Wert von über einer Billion Euro in Umlauf gebracht, dies sind 16 Milliarden Euro-Geldscheine, gleichzeitig 46% der EZB-Bilanzsumme. Zum Vergleich beläuft sich der Banknotenumlauf in den USA auf 30% der Bilanzsumme der FED-Bilanz. In Deutschland werden mit leicht abnehmender Tendenz 53% der Umsätze bar an der Ladenkasse bezahlt. Vor allem Beträge ab 20 Euro werden nun häufiger bargeldlos bezahlt als noch vor einigen Jahren. Bei Transaktionen zwischen 50 und 100 Euro ist inzwischen die girocard das am meisten genutzte Zahlungsinstrument. Der bargeldlose Zahlungsverkehr und die Verwendung von Kreditkarten sind in den USA sowie in Skandinavien deutlich stärker ausgeprägt als in Deutschland. Wird mit der zunehmenden Effizienz eines Zahlungsverkehrs ohne Bargeld geworben, müssen die technischen und rechtlichen Voraussetzungen für die Gewährleistung der Sicherheit der unbaren Transaktionen in die Überlegungen einbezogen werden. Erst allmählich zeichnet sich etwa die Tragweite des Datenschutzes ab und wie herausfordernd es ist, ihn sicherzustellen.

Komfortable Bekämpfung von Kriminalität ?
Eine zweite Argumentationslinie setzt an der bargeldlosen Abwicklung von Transaktionen der organisierten Kriminalität sowie von Schwarzhandel und Schwarzarbeit an, was auch die Steuerhinterziehung erleichtern würde. Die empirische Evidenz für diese Behauptung scheint eher der Kommunikationspolitik mit der Bevölkerung zu dienen. Die Abschaffung von Bargeld wird nicht das organisierte Verbrechen abschaffen, sondern lediglich die ökonomischen Kalküle seiner finanziellen Abwicklung beeinflussen. Folgt man der einschlägigen Literatur werden auch heute bereits kreative Lösungen für die Abwicklung entsprechender Transaktionen sowie eigene bargeldlose Zahlungskreisläufe inner- und außerhalb des Internets genutzt.

Perspektive negativer Zinssätze
Ausgelöst haben die Bargelddebatte mehrere Ökonomen, so z.B. Willem Buiter (Chefökonom der Citigroup), Kenneth Rogoff (Ökonomie-Professor an der Harvard University), allen voran aber Larry Summers (Ökonomie-Professor an der Harvard University und ehemaliger US-Politiker in unterschiedlichen Funktionen). Letzterer begann die Diskussion mit der Behauptung, dass der natürliche Zinssatz, der Ersparnisse und Investitionen bei Vollbeschäftigung zum Ausgleich bringt, vor den aktuellen Rahmenbedingungen nun negativ sei. Eine bargeldlose Ökonomie mit negativen Nominalzinsen wäre also die adäquate Antwort, daneben eine konsequente Strategie des Quantitative Easing sowie eine höhere Inflation. Summers Behauptung hat eine intensive Diskussion ausgelöst. Die Bargelddiskussion ist nur eines ihrer Elemente.

Wirtschaftspolitische Gelddimension
Sie setzt vor diesem Hintergrund nicht am Geld als Medium der Märkte an, sondern an seiner politischen Dimension. Ausgangspunkt ist die geringe Wirksamkeit der aktuellen Niedrigzinspolitik. Daher sind auch negative Zinssätze – heute bei manchen Zentralbanken bereits für die Einlagen von Geschäftsbanken zu bezahlen – für Einlagen von Nichtbanken bei Banken denkmöglich geworden. Sie würden eine „Flucht nach vorne“ bedeuten und an Summers „natürlichem Zinssatz von unter Null“ anknüpfen. Mit negativen Zinssätzen würde der Zinsvorteil des Giralgeldes gegenüber dem Bargeld in sein Gegenteil umschlagen, implizit würde ein Wechselkurs zwischen barem und unbarem Geld entstehen. Einlagen könnten dann abgehoben und bar gehortet werden. Im Extremfall könnte es zum gleichzeitigen Abzug von Einlagen mit darauf folgenden Bankenkrisen kommen.

Bestrafung für Konsumverzicht
Die expansive Geldpolitik der meisten Notenbanken will über die ihnen verfügbaren Kanäle Kredite und dadurch die Realwirtschaft anregen. Bargeld entzieht sich diesem Projekt schlicht. Somit verringern sich nicht nur die erhofften realwirtschaftlichen Effekte, sondern bargeldaffine Menschen entziehen sich auch der Bestrafung für ihren Konsumverzicht. Dies wird nicht nur als störend, sondern zusätzlich als ungerecht von jenen eingeschätzt, die in Kategorien der bedingungslosen Machbarkeit und konsequenten Steuerung wirtschaftlicher Abläufe denken. Also müsste Bargeld entweder einer Steuer unterworfen oder gleich abgeschafft werden. Es ist diese technokratische Überlegung, die im Vordergrund des Reformvorschlages steht, während die beiden anderen Begründungen eher der oberflächlichen Garnierung und der Kommunikationsstrategie dienen.

Schweres Geschütz
Doch ist solch schweres Geschütz mit starken Kollateraleffekten tatsächlich zu verantworten und wie realistisch sind die vermuteten Wirkungen? Sie beruhen jedenfalls auf sehr speziellen Annahmen über das Verhalten von Menschen, Banken und Unternehmen. Zum ersten ist nicht gesichert, dass Menschen und Organisationen bei leicht negativen Zinsen tatsächlich ihr Geld in großem Ausmaß bar abheben würden. Die Flucht in das Bargeld dürfte doch höhere Negativzinsen voraussetzen als jene, die heute als möglich eingeschätzt werden. Auch wie solche ökonomisch und gesellschaftlich gerechtfertigt werden können, erschließt sich nicht. Das hohe Ausmaß der Verschuldung von Staaten und Banken spricht nicht für noch niedrigere Zinssätze. Noch weniger kann als gesichert gelten, dass Ersparnisse und andere Reserven beliebig zu Konsum- und Investitionsprojekten führen, wenn sie auf Bankkonten bestraft werden. Die zinspolitische Transmission in die Realwirtschaft ist immer noch vor allem dann wirksam, wenn rentable Projekte an einer fehlenden Fremdfinanzierung scheitern. Doch dies wird von jenen nicht weiter hinterfragt, die von dieser Idee begeistert sind. Dass die fehlende Wachstumsdynamik wenig mit Zinssätzen zu tun hat, sondern auf strukturelle Defizite und Unsicherheit in vielen Bereichen zurückzuführen ist, wird nicht in Erwägung gezogen.

Finanzielle Repression
Allerdings kann die Abschaffung des Bargeldes als eine Fortsetzung des eingeschlagenen geldpolitischen Weges interpretiert werden, nämlich die Lösung von Problemen und Versäumnissen in die Zukunft zu verschieben, also „Zeit zu kaufen“, die in den vergangenen Jahren allerdings nicht genutzt wurde. Weshalb sollte nun noch billigeres Geld dazu anregen, das zu tun, was auch bisher nicht geschehen ist? Die Gefahr ist hingegen groß, dass Private und Unternehmen zur Kompensation entgangener Zinseinkommen und dem Verlust eines baren Wertaufbewahrungsmittels risikoreichere Investitionen auf dem Finanzmarkt tätigen, also eine Flucht in die Vermögenswerte antreten. Die Ersparnisse würden dann auch in Zukunft nicht oder nur tropfenweise oder an den falschen Stellen die Realwirtschaft erreichen. Ein neuerlicher Beitrag zur Fehlallokation von Kapital ist nun aber genau eine Entwicklung, die die Weltwirtschaft derzeit am allerwenigsten benötigt, ebenso wenig eine Fortsetzung der Politik der finanziellen Repression durch ein zusätzliches Instrument.

Finanzielle Privatsphäre
Es sind also Zweifel anzumelden, ob die vermuteten Wirkungen im Falle einer tatsächlichen Abschaffung oder einer Einschränkung der Verwendungsmöglichkeiten von Bargeld tatsächlich eintreten werden. Zusätzlich sollten die ordnungspolitischen Dimensionen nicht außer Acht gelassen werden. Bargeldlose Transaktionen hinterlassen Spuren, werden registriert. Es ist nicht davon auszugehen, dass hinter allen baren Transaktionen kriminelle Machenschaften stehen. Daher würde mit der diskutierten Reform des Geldwesens auch die finanzielle Privatsphäre der Menschen weiter reduziert, ihre informationelle Selbstbestimmung angetastet, dies obwohl die Sicherheit von unbaren Transaktionen bislang keinesfalls gesichert ist. „Aktenkundige Transaktionen“ bieten großartige Ansatzpunkte für bürokratische Maßnahmen, individuelle Freiräume einzuschränken. Dies ist ein wichtiger gesellschaftspolitischer Aspekt, der häufig mit der bekannten Formulierung, dass Bargeld geprägte Freiheit sei, umschrieben wird.

Verzicht auf Wettbewerb
Eine zweite ordnungspolitische Facette besteht in der Ausschaltung des Wettbewerbs zwischen den Geldmedien. Geldverwendungspräferenzen würden also paternalistisch korrigiert werden, was in Marktwirtschaften sehr gut überlegt und abgewogen und deutlich besser begründet werden sollte als dies bisher der Fall ist. Denn das Geldwesen sagt tatsächlich viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Dazu gehört nicht zuletzt das Ausmaß der Wahlmöglichkeiten, über die Menschen verfügen können. Ihre Präferenzen für die Verwendung von Bargeld zu akzeptieren ist nicht gleichbedeutend mit einer Behinderung ihrer Teilhabe an Digitalisierung und technischem Fortschritt. Bares und unbares Geld weisen in Abhängigkeit von Verwendungszweck und Präferenzen relative Vor- und Nachteile auf. Die Wahlmöglichkeiten dürfen daher nicht hoheitlich abgeschafft werden.

Fazit
Die anhaltende Diskussion um die Beseitigung des Bargeldes vermittelt nicht zuletzt den Eindruck, dass unangenehme Restriktionen beseitigt werden sollen, denen sich Notenbanken und die Wirtschaftspolitik bei der Erfüllung ihrer Aufgaben gegenübersehen. Dies ist bei den Einen die Verpflichtung gutes Geld zu schaffen und bei den Anderen der Auftrag, institutionelle und fiskalische Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine gute realwirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Ob dies durch die angedachte Reform des Geldwesens unterstützt wird, mag bezweifelt werden. Selbst wenn es heute noch keinen „war on cash“ gibt, sollte beachtet werden, dass es diverse Interessen und Interessengruppen gibt, die ihn wohl nicht verhindern würden.

Literatur:
Deutsche Bundesbank (2015): Zahlungsverhalten in Deutschland 2014. Dritte Studie über die Verwendung von Bargeld und unbaren Zahlungsinstrumenten

Siehe auch:
Bargeld weg, Freiheit weg: Thorsten Polleit am 7. Juni 2015
Bargeld ist geprägte Freiheit: Tim Krieger am 19. Mai 2015

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