Können Open Access Modelle das Geschäftsmodell der Wissenschaftsverlage aufbrechen?!

Schon allein die Name der etablierten Wissenschaftsmagazine wie „Nature“, „Science“ oder „Cell“ lösen in der Fachwelt Ehrerbietung aus und sind selbst außerhalb der Wissenschaft wohl bekannt. So überrascht es selbst den Laien nicht, dass Verlage im wissenschaftlichen Segment lukrative Unternehmen sind. Dass deren Geschäftsmodell jedoch auf Monopolrenditen, der öffentlichen Finanzierung ihrer Beiträge und einem zumindest teilweisen Unterminieren des Wissensflusses beruht, ist in der breiten Öffentlichkeit weniger geläufig. Jedoch könnten Initiativen, die die vermehrte Nutzung von Open Access Verfahren zur Veröffentlichung von wissenschaftlichen Beiträgen etablieren, dabei helfen, dieses Geschäftsmodell in seine Schranken zu weisen – sofern es die Forschungsgemeinde schafft sich von eingefahrenen und ausgetretenen Pfaden zu lösen.

Bedeutung der Wissenschaftsverlage für Öffentlichkeit und Fachwelt

Trotz der noch genauer zu erläuternden berechtigten Kritik an den Wissenschaftsverlagen erfüllen diese nichtsweniger zahlreiche wichtige Funktionen im wissenschaftlichen Betrieb. Wohl eine der wichtigsten Aufgaben der Fachmagazine ist die Organisation der Selbstkontroll-Instanzen in der Forschungsgemeinde, dem sogenannten Peer Review. Hierbei überprüfen andere Wissenschaftler die Arbeit ihrer Kollegen, die ihre Forschungsergebnisse in den entsprechenden Fachmagazinen veröffentlichen wollen. Um diesen Kontrollmechanismus gewährleisten zu können, müssen die Verlage eine breite Basis mit gut vernetzten Wissenschaftler aufbauen und verwalten. Forschungsergebnisse müssen in der Fachwelt disseminiert, Kritikpunkte erfasst und eine breite wissenschaftliche Diskussion ermöglicht werden. Es ist fraglich, inwiefern diese Funktionen über Selbstorganisation durch Open Access Modelle in gleicher Qualität und Quantität gewährleistet werden können. Neuere, auf Selbstorganisation der Forschungsgemeinde beruhende Kontroll-Instanzen, die denen der Wissenschaftsverlage in Nichts nachstehen, müssen sich auch im Zeitalter der Digitalisierung erst einmal etablieren. Diese sollten neben einer ausreichenden Anzahl an Wissenschaftlern, die sich am Peer Review beteiligen, ebenso ein breites Spektrum an unterschiedlichen Disziplinen umfassen, um so ihr Open Access Modell zu komplementieren.

Mit der erläuterten Qualitätskontrolle der eingereichten Artikel übernehmen die Fachmagazine der Wissenschaftsverlage zugleich Filterfunktionen von wissenschaftlichen Arbeiten. Denn vor dem eigentlichen Peer Review prüfen die Redakteure der Fachmagazine die generelle Güte der eingereichten Manuskripte und damit deren Annahmefähigkeit. Hierdurch unterbinden die Magazine jedoch den freien Wissensaustausch in der Fachwelt, zumal insbesondere die namhaften Fachmagazine ein sogenanntes Informationsembargo verhängen. Dabei wird der Wissenschaftler genötigt, seine Forschungsergebnisse exklusiv nur an das entsprechende Fachmagazin weiterzugeben und darf frühestens eine Woche vor der eigentlichen Veröffentlichung über seine Erkenntnisse mit anderen Pressevertretern sprechen. Widersetzen sich die Forscher dieser Auflage, droht die Publikation im Fachmagazin zu platzen und der damit einhergehende Prestigegewinn in einer renommierten Fachzeitschrift plaziert worden zu sein.

Somit wagt es kaum ein Wissenschaftler, auf andere Pressevertreter konkurrierender Magazine zu zugehen, wodurch sich die Fachmagazine wie „Nature“ und „Science“ das Monopol auf die Erstveröffentlichung sichern. Dank dieser vorteilhaften Wettbewerbsposition, der im Wesentlichen auf den Impact Factor des jeweiligen Magazins zurückzuführen ist, können es sich die Verlage erlauben, den Autoren und den am Peer Review beteiligten Wissenschaftlern kein Honorar für ihre Beiträge zu zahlen – schließlich ist diese Arbeit Teil des Ehrenkodexes in der Wissenschaft. Somit profitieren diese Magazine von öffentlich finanzierter Forschung während ihre hauseigenen formalen Vorgaben die Wissenschaftler gleichzeitig nötigen, Redakteurs- und Layouter-Funktionen zu übernehmen. Zudem fällen die Wissenschaftsmagazine ihre endgültige Entscheidung über Annahme eines Beitrages oftmals erst Monate nach dessen Einreichen, während der Forscher gleichzeitig unter dem Informationsembargo keine Möglichkeit hatte, weiteren Magazinen sein Manuskript vorzulegen. Gerade in hochaktuellen Forschungsfragen an welchem zahlreiche konkurrierende Forschungsteams arbeiten, kann es somit passieren, dass nicht die Erstendecker, sondern die Erstveröffentlicher den Ruhm ernten. Gegebenenfalls könnten hier zeitliche Obergrenzen – insbesondere für die meist langwierigen Peer Review Prozesse – Abhilfe schaffen.

Monopol in Gefahr!?

Ihr großes Renommee sichert den Verlagen nicht nur Exklusivrechte an den Beiträgen, sondern gewährt Ihnen durch ihre Monopolstellung eine gesicherte Nachfrage, da Forschungseinrichtungen und Universitätsbibliotheken an deren Magazine gebunden sind. Diese mangelnde Konkurrenz ermöglicht die horrenden Abonnement- und Anzeigenpreise in den Zeitschriften. Mit diesem Geschäftsgebaren bereiten sie jedoch nicht nur größeren Wissensinstitutionen Probleme. Selbst Ärzten wird der freie Zugang zu medizinischen Veröffentlichungen untersagt und eine Gebühr für deren Abruf verlangt, was folglich den Einsatz neuerer Therapien verhindert bzw. unnötig hinauszögert.
Zugegebenermaßen kommen diese Einnahmen nicht nur privaten Verlagsgruppen wie Holtzbrinck („Nature“) zugute. Beispielsweise steckt hinter „Science“ die US-amerikanische Non-Profit-Organisation American Association for the Advancement of Science (AAAS), die die Einnahmen in den internationalen Wissenschaftsbetrieb reinvestiert. Dies mag zwar immer noch keine ausreichende Legitimation für die Monopolpreispolitik darstellen, aber zumindest werden in diesem Fall entstehende Renditen dem wie auch immer definierten Gemeinwohl zugeführt.

Mittlerweile gibt es jedoch Entwicklungen, die die Marktmacht der großen Wissenschaftsmagazine ins Wanken bringen. Wie in vielen Bereichen des (Wirtschafts-)Lebens spielt hierbei das Internet eine entscheidende Rolle. Beispielsweise ist die im Jahr 2001 von Wissenschaftler gegründete „Public Library of Science“ (PLoS) eine Initiative, das Informationsembargo zu brechen. Diese NGO fungiert als Plattform, wo Forscher Ihre Artikel online veröffentlichen können und diese anschließend frei zugänglich sind sowie einem Peer Review unterzogen werden können. Obwohl bei diesem Open Access Modell die Kosten einer Veröffentlichung von ca. 2000 US-Dollar die Wissenschaftler selbst tragen, ist es mittlerweile so erfolgreich, dass mehrere Ableger für unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen entstanden. Weniger kostenintensiv, aber in aller Regel weniger publikumswirksam sind die Universitätsserver, auf denen Wissenschaftler ihre Beiträge nach einer entsprechenden Begutachtung hochladen können und fortan ebenfalls kostenfrei zugänglich sind. Online-Veröffentlichungen bieten zudem die Möglichkeit, weitere multimediale Inhalte wie Bilder, Videos und Scans zu ergänzen. Gleichzeitig kann der gesamte Forschungsprozess genau dokumentiert werden anstatt wie bei der analogen Variante, welche weiterhin das übliche Medium der Wissenschaftsverlage ist, nur dessen Resultate zu präsentieren. Auch die wissenschaftliche Diskussion kann auf vielfältigere und vor allem direktere Weise vonstattengehen, als dies auf dem klassischen Wege via Printmedien möglich wäre.

Trotz derartiger Projekte und der Überlegenheit digitaler Veröffentlichungen wird sich das Monopol der Wissenschaftsverlage in den meisten Forschungsfeldern wohl auch zukünftig nur schwer brechen lassen. Denn auch heute hängen wissenschaftliche Karrieren noch immer vor allem vom eigenen Renommee ab, das gerade durch Veröffentlichungen in namhaften Zeitschriften aufgebaut wird. Solange sich diese Einstellung in der Wissenschaftsgemeinde nicht ändert, bleibt zu hoffen, dass erste Experimente der großen Wissenschaftsverlage mit Open Peer Review („Nature“) und digitalen Veröffentlichungen sich etablieren und der wissenschaftliche Diskurs angeregt und beschleunigt wird. Sollten sich die angestammten Wissenschaftsverlagen jedoch weiterhin zu zaghaft der digitalen Welt öffnen und exorbitante Abonnementpreise verlangen, werden sie damit womöglich nur Ihre internetbasierte Open Access Konkurrenz stärken, was auf kurz oder lang ihre eigene Obsoleszenz bedingen wird.

 

Frank Daumann

Frank Daumann

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Frank Daumann

Eine Antwort auf „Können Open Access Modelle das Geschäftsmodell der Wissenschaftsverlage aufbrechen?!“

  1. Das Thema Open Access ist nicht schwarz – weiss. Meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass Open Access äusserst facettenreich ist und insbesondere je nach Wissenschaftsdisziplin sich anders darstellt. Herr Daumann spricht das Peer-Review Verfahren an, bei dessen Organisation die Verlage eine Rolle spielen. Ich slebt mit Co-Editor in Chief eines SSCI-gelisteten Journals aus dem Bereich Wirtschaftsinformatik. Der Verlag hält sich hier schlichtweg völlig aus der Organisation des Peer-Reviewing heraus. Dieses wird ausschliesslich von den Herausgebern und dem Editorial Board organisiert und verantwortet. Der Verlag nimmt weder Einfluss auf die Wahl der Herausgeber noch die Mitglieder des Editorial Boards oder die Reviewer. Der Verlag erhält in unserem Fall einen in Bezug auf die Qualitätskontrolle fix fertigen Beitrag. Dieser wird entsprechend aufbereitet und Online (wie auch z.T. in Print) publiziert und den Bibliotheken, die entsprechende Pakete erworben haben, verfügbar gemacht. Sofern die Autoren es wünschen, wird der Beitrag gegen entsprechende Zahlung Open Access gestellt. Der Verlag nimmt in unserem Fall also in keiner Phase des Prozesses irgendeinen Einfluss auf den Review Prozess. Er sorgt „lediglich“ für die Online-Verfügbarkeit der (professionell formatierten) Beiträge und die Distribution an die Bibliotheken.

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