Kuka und die gelbe Gefahr

Barack Obama möchte zum Schluss seiner Amtszeit auch der Wirtschaft noch etwas Gutes tun. Er aktiviert gerade seine weitreichenden Kontakte zu US-Großkonzernen, um sie für ein finanzielles Engagement bei Monsanto zu gewinnen. Benötigt werden gut 60 Milliarden US-Dollar, um das Übernahmeangebot der deutschen Bayer-AG auszustechen. Das ist wahrlich nicht zu viel des Geldes, wenn man die strategische Bedeutung des Agrarsektors für die amerikanische Exportwirtschaft und die strategische Bedeutung des Saatgut- und Pflanzenschutzspezialisten aus St. Louis für den amerikanischen Agrarsektor bedenkt.

Sie halten das für eine abstruse Geschichte, die zudem völlig unglaubwürdig sei? Da haben Sie Recht. Denn so hat es sich nicht zugetragen und so wird es sich wohl auch nicht zutragen. Ich habe nämlich ein paar Namen und Regionen verwechselt. Es geht nicht um US-Präsidenten Obama, sondern um EU-Kommissar Günther Oettinger (assistiert von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel). Und es geht auch nur um 4,5 Milliarden Euro, die der chinesische Hausgerätehersteller Midea für die Aufstockung seiner Anteile am Augsburger Roboterhersteller Kuka von derzeit etwa zehn Prozent auf dreißig Prozent bieten will. Oettinger regt ein Alternativangebot des Großaktionärs Voith oder den Einstieg anderer europäischer Firmen an, um sicherzustellen, dass Kuka mit seiner strategischen Bedeutung für die Automobilindustrie in europäischen Händen bleibt.

„Wir sind offen, aber nicht dumm“, verkündet Oettinger im Interview der Süddeutschen Zeitung vom 4./5. Juni 2016. Grundsätzlich seien ausländische Investoren willkommen, aber bei Kuka sei das Risiko groß, dass Know-how und technologieintensive Arbeitsplätze ins Ausland abfließen. Die robuste ordnungspolitische Antwort auf ein solches Argument wäre, der Staat solle sich aus den Standortentscheidungen von Unternehmen grundsätzlich heraushalten – egal, ob es dabei um technologisch hochwertige oder um weniger hochwertige Unternehmensaktivitäten handelt.

Die Außenhandelstheorie dagegen gibt eine etwas differenziertere Antwort.

  • Auch nach ihr gilt, dass die industriepolitische Intervention begründungsbedürftig ist und nicht der Verzicht auf die Intervention. Außerdem gilt, dass bei funktionierenden Märkten der Abfluss von Know-how bei Firmenübernahmen durch ausländische Investoren im Kaufpreis angemessen entgolten wird, so dass weder dem aufgekauften Unternehmen noch dem Sitzland des aufgekauften Unternehmens ein Wohlstandsverlust droht.
  • Staatliche Markteingriffe im Inland könnten allerdings gerechtfertigt sein, wenn sich das Ausland nicht an die marktwirtschaftlichen Spiel­regeln hält und seinen Unternehmen ermöglicht, Know-how und technologieintensive Arbeitsplätze ins Land zu holen, ohne dass sich das betriebswirtschaftlich rechnen muss. Hier kann es unter Umständen volks­wirtschaftlich vorteilhaft sein kann, auf ausländische Markteingriffe mit inländischen Gegenmaßnahmen zu reagieren.

Die Umstände, auf die es dabei ankommt, liegen bei den komparativen Vorteilen und Nachteilen der beteiligten Länder, die wir zur Vereinfachung mit A (Sitzland des Aufkäufers) und Ü (Sitzland des Übernahmeobjekts) bezeichnen wollen.

  • Hat Land A in der Branche des Übernahmeobjekts einen komparativen Vorteil und Land B einen komparativen Nachteil, dann ist die Übernahme zum gegenseitigen Vorteil, da sie für beide Länder zu Handelsgewinnen führt.
  • Hat Land A in der betreffenden Branche einen komparativen Nachteil und Ü einen komparativen Vorteil, dann schadet sich Land A zwar selbst durch die Firmenübernahme, aber es schadet auch Land Ü, das seine komparativen Vorteile nicht mehr wie bisher ausspielen kann.

In ersterem Fall wäre eine industriepolitische Abwehrmaßnahme von Land Ü zum Nachteil beider Länder und sollte deshalb eindeutig unterbleiben. In letzterem Fall könnte über industriepolitische Gegenmaßnahmen nachgedacht werden. Das Mittel der Wahl wäre sicherlich eine Konsultation auf diplomatischer Ebene, um Land A zu verdeutlichen, dass es sich letztlich selbst schadet, wenn es seinen (Staats-)Unternehmen Akquisitionen ermöglicht, die weder volks- noch betriebswirtschaftlich Sinn machen. Erst wenn das nichts fruchtet, könnten industriepolitische Gegenmaßnahmen ins Auge gefasst werden.

Wie ist vor diesem Hintergrund die geplante Übernahme von Kuka durch Midea zu bewerten? Spontan könnte man vermuten, Industrieroboter würden eher zu den komparativen Vorteilen Europas als zu denen Chinas passen. Doch man sollte sich hüten, die technologische Kraft der chinesischen Wirtschaft zu unterschätzen. China ist längst kein rückständiges Entwicklungsland mehr, auch wenn die regionalen Unterschiede in diesem Riesenreich beträchtlich sind. Vor allem aber erscheint es keineswegs als ausgemacht, dass tatsächlich technologieintensive Arbeitsplätze von Europa nach China abfließen, denn Midea könnte durchaus gut beraten sein, sich auch künftig für die Produktion  von Industrierobotern das Fachwissen der schwäbischen Arbeitskräfte zu sichern.

Kommissar Oettinger plagt aber auch noch eine andere Sorge: Die EU hat sich den Aufbau der technologischen Exzellenz von Kuka einiges kosten lassen, und zwar rund 15 Millionen Euro an EU-Forschungsgeldern. Wenn Midea letztlich doch noch den Kuka-Standort nach China verlagern sollte, dann hätten die EU-Fördergelder der Exzellenz von China und nicht der von Europa gedient.

Hier zeigt sich die eigentliche Lektion des Kuka-Falls, die von all jenen Standortpolitikern berücksichtigt werden sollte, die danach streben, mit FuE-Subventionen die komparativen Vorteile zu Gunsten der eigenen Region zu verändern. Bei offenen Märkten und international mobilem Kapital kann das auf Dauer nicht funktionieren, da das mit Hilfe der Subventionen in den inländischen Unternehmen akkumulierte technologische Wissen jederzeit vom Ausland weggekauft werden kann. Eine nachhaltige Standortpolitik, die die komparativen Vorteile Europas bei technologisch hochwertigen Produktionen sichern will, sollte sich auf die Förderung von Bildung und Ausbildung konzentrieren anstatt auf FuE-Subventionen, denn gut ausgebildete Arbeitskräfte verflüchtigen sich nicht so leicht ins Ausland.

Dann könnte Oettinger sich problemlos trauen, offen und nicht dumm zu agieren. Solange die technologieorientierte Standortpolitik der EU dagegen vorrangig auf das Instrument der FuE-Subventionen setzt, könnte das „nicht“ in dem erwähnten Zitat leicht vom hinteren in den vorderen Teil des Satzes wandern. Und das wäre bedauerlich.

Henning Klodt

Henning Klodt

Institut für Weltwirtschaft in Kiel
Henning Klodt

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