ALWAYS ON

Von Rainer Thomé am 22. Oktober 2016
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Rainer Thomé
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Mit diesem Schlachtruf wurde vor über 10 Jahren die Wende zur modernen Informationsverarbeitung eingeleitet im Sinne von online mit Internet, Cloud, Social Networks und Smartphones. Während zunächst in der Bezeichnung der Stolz mitschwang, technisch zu ermöglichen, dass jederzeit eine Nachricht an ein Gerät übertragen werden konnte, unabhängig von Ort und Zeit, ist das heute selbstverständlich.

Unbemerkt – aber stetig – hat sich als Ergänzung zur Technik die Verbindung zwischen den Smartphones und ihren Besitzern entwickelt. Insbesondere jüngere Menschen sind heute auch mental fast kontinuierlich mit dem Gerät verbunden. Wörtlich gilt das für den Ohrhörer, mit dem man sich die neuesten Hits reinzieht, aber auch für Spiele und öffentliche Nachrichten, insbesondere aber für SMS, Twitter-Nachrichten und Facebook-Postings von Kontaktpersonen. Scheinbar ist nur die Zahl der verschiedenen Angebote bzw. Interaktionsmöglichkeiten gewachsen, de facto ist aber eine andere Qualität von Interaktion entstanden, weil sich die neuen Kommunikationsformen, wie bisher nur beim Telefon, auch aktiv melden und Aufmerksamkeit erheischen.

Bewusst kann der Mensch nur einen Vorgang verfolgen und bearbeiten; ist seine Aufmerksamkeit absorbiert, so nimmt er neue Ereignisse nur noch in Sonderfällen (lautes Tonsignal oder Lichtblitz) wahr. Daraus folgt, dass ein aktiver Web 2.0 Nutzer eher das wahrnimmt, was weiter entfernt passiert und er in Postings  liest, als das, was ihn unmittelbar umgibt. Man kann das achselzuckend hinnehmen oder sich Sorgen um die weitere Entwicklung der vielen betroffenen bzw. beteiligten Personen machen; schließlich laufen sie, ihre Tweets lesend, vielleicht an einen Laternenpfahl. Die meisten Menschen würden sagen: selbst Schuld, Ursache und Wirkung sind klar ersichtlich, hoffentlich lernt der Betroffene daraus.

Gravierender sind aber die eventuellen gesellschaftlichen Folgen dieser Wahrnehmungskonzentration, weil das angestrengte Verfolgen von Ereignissen, die woanders stattfinden und die man daher nicht beeinflussen kann, gleichzeitig dazu führt, dass man seine unmittelbare Umgebung vernachlässigt, obwohl man da sehr wohl eingreifen könnte.

Ein vom Social Network absorbierter Medizinstudent wird so zwar vielleicht fast in Echtzeit auf eine neue Operationsmethode aufmerksam gemacht, die gerade auf der anderen Seite des Globus ausprobiert wird, aber den Infarkt bei einem drei Reihen weiter vorne sitzenden Mitfahrer in der Straßenbahn bemerkt er nicht. Der Polizist auf dem nach Hause Weg sieht nicht den maskierten Bankräuber und dem Geschäftsmann entgeht der vorbei laufende Kunde, den er schon lange persönlich sprechen wollte.

Auf die damit verbundenen, unmittelbaren Gefährdungen durch Unaufmerksamkeit gegenüber der Realität muss nicht weiter hingewiesen werden. Interessant ist jedoch, ob die massive Nutzung von Kommunikationsgeräten nicht prinzipielle Defizite verursacht.

Goethe war sicher ein guter Beobachter und hat sich über seine Wahrnehmungen viele Gedanken gemacht. Teilweise lag er ziemlich falsch, wie in seiner Farbenlehre. Aber bei den weniger naturwissenschaftlich zu erklärenden Zusammenhängen hatte er ein gutes Gespür, die Gründe für das menschliche Verhalten aufzudecken. In seinen Maximen und Reflexionen, die erst 1833 posthum veröffentlicht wurden, schreibt er: „Wer ein Phänomen vor Augen hat, denkt oft schon drüber hinaus; wer nur davon erzählen hört, denkt gar nichts.“

Bezieht man diese Einschätzung der Situation auf die Absorption der menschlichen Aufmerksamkeit durch die laufend eingehenden Push-Nachrichten, nach denen man nicht gefragt hat, dann steht zu befürchten, dass viele Menschen zwar mehr und mehr Informationen „erzählt“ bekommen, sie aber die eigentlich vor Augen liegenden Phänomene gleichzeitig weniger wahrnehmen und somit nicht mehr darüber nachdenken.

Unsere Gesellschaft konsumiert Meldungen aller Art, aus den Zeitungen und den Radio- sowie TV-Nachrichten  und eben auch aus den Netzen. Weil die berichteten Geschehnisse immer woanders stattfinden, können wir sie nicht beeinflussen. Wir fühlen auch keine Verantwortung dafür, was woanders Stelle passiert. In Folge bleiben wir passiv, wir können auch gar nicht eingreifen, aber über Ereignisse in unmittelbarer Umgebung machen wir uns auch keine Gedanken. Der grundsätzliche Vorteil einer besseren Informationslage wird ins Gegenteil verkehrt.

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Eine Reaktion zu “ALWAYS ON”

  1. markus

    „Gravierender sind aber die eventuellen gesellschaftlichen Folgen dieser Wahrnehmungskonzentration, weil das angestrengte Verfolgen von Ereignissen, die woanders stattfinden und die man daher nicht beeinflussen kann, gleichzeitig dazu führt, dass man seine unmittelbare Umgebung vernachlässigt, obwohl man da sehr wohl eingreifen könnte.“

    Schön geschrieben! Auch das Frust-Potential ist so leider viel größer: Man ärgert sich über die wichtigen großen Dinge, die falsch laufen, die man aber leider überhaupt nicht ändern kann. Sich über kleinere Dinge im Umfeld zu ärgern, auf die man direkt Einfluss hat, ist – psychologisch gesehen – wesentlich gesünder.

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