Ist Politik wurscht?

Offensichtlich scheint die hohe politische Unsicherheit für die aktuelle konjunkturelle Entwicklung keine große Rolle zu spielen. Rund um den Globus hellen sich die Konjunkturerwartungen auf. Die Investitionen – ein Indikator für unternehmerische Erwartungen – kommen jedoch trotz dem großen geldpolitischen Aktionismus nicht in Fahrt.

Das Gespenst des Protektionismus hat mit Furore die politische Bühne betreten und es bewegt sich weiter ins Rampenlicht. Internationale Arbeitsteilung und Zusammenarbeit sind nicht mehr die wirtschaftspolitischen Vorbilder in wichtigen großen Volkswirtschaften: In Europa herrscht kein – die Bevölkerungen weitgehend überzeugender – Konsens in wichtigen Fragen wie der Staatsschuldenproblematik, der Flüchtlingsintegration, der Rolle der Geldpolitik und der beständig notwendigen strukturellen Anpassungen und ihrer Finanzierung. Die gegenwärtige US-Regierung stellt wichtige unternehmerische Freiheiten in Frage. Das ist eine neue politische und ökonomische Welt und setzt sich diese durch, dann kann es in den fortgeschrittenen und aufstrebenden Volkswirtschaften zu hohen Anpassungslasten kommen. In vielen, in den letzten Dekaden weit vorangekommenen Schwellenländern dominiert die innenpolitische Orientierungssuche. Dies hat ebenfalls nicht unerhebliche Auswirkungen auf das binnen- und außenwirtschaftliche Miteinander.

Diese Eskalation von Verunsicherungen scheint derzeit jedenfalls noch keinen konjunkturellen Flurschaden anzurichten. Vielmehr hat sich der globale Konjunkturhimmel sogar aufgehellt – und zwar auf breiter Front. Die Prognosen für die Weltwirtschaft stehen zwar immer noch im Schatten früherer Zuwächse von rund 5 Prozent pro Jahr. Mit einem erwarteten Zuwachs in einer Größenordnung von 3 Prozent in diesem und im kommenden Jahr fällt das globale Expansionstempo aber merklich höher aus als 2016 mit 2,6 Prozent.

Die freundlicher werdenden Konjunkturaussichten zeigen sich aktuell auch beim Blick auf die IW-Konjunkturampel (siehe hierzu Cholewa/Goecke/Grömling, 2015).

  • In Anbetracht der unsicheren globalen Rahmenbedingungen zeigen die in der IW-Konjunkturampel erfassten Konjunkturindikatoren für die weltmarktorientierte deutsche Wirtschaft ein beruhigendes Bild: Kein Feld ist rot eingefärbt. Der Arbeitsmarkt präsentiert sich erstmals nach einiger Zeit wieder im überwiegend grünen Licht. Gleichwohl schlägt sich dies nicht im gleichen Maß in der faktischen Konsumdynamik und im Konsumentenvertrauen nieder. Die zuletzt hier verfügbaren Indikatoren weisen eher eine Seitwärtsbewegung auf. Die gesamten Anlageinvestitionen und die Exporte tendieren derzeit nach oben. Der Einkaufsmanagerindex trotzt seit geraumer Zeit der wahrgenommen Unsicherheit. Er liegt im Expansionsbereich, und zwar mit zunehmender Rate. Dies signalisiert für sich genommen eine Konjunkturbeschleunigung. Bei den Auftragseingängen und der Produktion der Industrie steht die Ampel dagegen auf Gelb. Dabei sind die markanten Auf- und Abwärtsbewegungen in den letzten Monaten auffällig. In der IW-Konjunkturampel nivelliert sich das und dies trägt damit auch der derzeit sichtbaren Richtungslosigkeit dieser beiden wichtigen Konjunkturindikatoren Rechnung.
  • Die Konjunkturbewertung für den Euroraum konnte das überaus positive Bild der beiden Vormonate erneut bestätigen. Die IW-Konjunkturampel steht in acht von zehn Feldern auf Grün. Offensichtlich haben die genannten politischen Ungewissheiten in Europa keinen negativen Einfluss auf die Konjunktur. Sicherlich könnte kontrafaktisch gefragt werden, wie gut es denn ohne politische Unsicherheiten liefe. Jedenfalls vermelden die Produktionsindikatoren grünes Licht für alle drei Bereiche. Auch die Nachfrageseite ist auf Expansionskurs. Die Beschäftigung im Euroraum steigt und die Arbeitslosenquote sinkt.
  • Die Konjunkturinformationen für China, die weniger umfassend vorliegen als für die anderen Länder, signalisierten erneut eine breit angelegte Verbesserung. Nach einer zuletzt kurzen Seitwärtsbewegung zeigt sich im Bereich der Industrieproduktion wieder eine positive Entwicklung. Auch die Arbeitslosenquote weist nach einer leichten Verbesserung zuletzt wieder ein grünes Licht auf. Die Nachfrageseite präsentiert sich ähnlich wie in den Vormonaten und zeigt beim Konsum und beim Konsumentenvertrauen jeweils grünes Licht.
  • Im Gegensatz zum Euroraum weisen die für die USA derzeit vorliegenden Konjunkturindikatoren eher auf eine moderate Entwicklung hin. In den letzten drei Monaten ist jeweils ein Feld von grün auf gelb gesprungen, sodass sich nunmehr bei Produktion, Beschäftigung und Nachfrage insgesamt keine nennenswerte Dynamik mehr zeigt. Nur die beiden Umfragebasierten Indikatoren – Einkaufsmanagerindex und Konsumentenvertrauen – konnten im Vergleich der letzten drei Monate gegenüber dem vorhergehenden Dreimonatszeitraum eine signifikante Verbesserung aufweisen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Konjunkturdaten und vor allem der Prognosen für die Jahre 2017 und 2018 stellt sich die Frage, ob Politik und politische Unsicherheit für die Konjunktur irrelevant sind (Bill/Grömling, 2017): Haben zum Beispiel die protektionistischen Töne und Ankündigungen der US-Administration keine Wirkungen, oder möglicherweise sogar positive Effekte? Oder kommt die große Rechnung mittel- bis langfristig noch?

Auffallend ist jedenfalls, dass selbst im grün eingefärbten Euroraum die Investitionen auf der Stelle treten. Und das trotz der ultraexpansiven Geldpolitik und der fiskalpolitischen Unterstützung durch ein großangelegtes Europäisches Investitionsprogramm. Auch in den USA sind die Investitionen nicht dynamisch. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass sich die bislang nur angekündigten staatlichen Infrastrukturausgaben noch nicht niederschlagen konnten. In Deutschland wird die insgesamt positive Investitionstätigkeit derzeit und auch in den Prognosen im Wesentlichen von den Bauinvestitionen getragen. Die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen waren auch hierzulande seit dem ersten Quartal 2016 wieder rückläufig. Die Prognosen für 2017 und 2018 sind weiterhin zurückhaltend. An den unternehmerischen Ausrüstungsinvestitionen wird sich zeigen, ob und wie stark das politische Umfeld auch konjunkturelle Auswirkungen zeigt. Die weltweiten Bruttoinvestitionen sind jedenfalls schon seit 2014 auf dem Rückzug (Grömling, 2017). Dies ist zum einen eine konjunkturelle Belastung und zum anderen keine gute Basis für Wachstum und Wohlstand in der Zukunft.

Literatur:

Andreas Bill / Grömling, Michael, 2017, Gute Konjunktur trotz schlechter Politik? IW-Kurzbericht Nr. 25, Köln

Cholewa, Jan / Goecke, Henry / Grömling, Michael, 2015, IW-Konjunkturampel. Konzept, Daten und Evaluation, in: IW-Trends, 42. Jg., Nr. 2, S. 61–77

Grömling, Michael, 2017, Zeit der Nullsummenspieler, in: Wirtschaftliche Freiheit, Blog-Beitrag vom 26. Januar 2017

2 Antworten auf „Ist Politik wurscht?“

  1. Es tut mir wirklich leid: wir werden alle verarscht. Nichts von den Statistiken entspricht der Wahrheit . Es ist alles nur aufgeblasen und vollkommen unrealistisch und irrational. Wenn man Geld für nichts bekommt: klar gehen dann Investitionen hoch. Aber für was und für wen machen wir das ? Die Gesellschaft wurde pyramedial umgedreht. Seit fast 10 Jahren im Krisemodus, dass ich nicht lache. Nein, Wachstum sieht anders aus, das ist alles nur gefaked, leider. Ich getraue es mir kaum wieder zu sagen, bleibe jedoch dabei: Puffgesellschaft.

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