Wirtschaft in der Schule
Wie eine gute Lehrerausbildung aussehen sollte

Von Franziska Birke und Tim Krieger am 9. September 2017
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Über das neue Schulfach Wirtschaft wird in Nordrhein-Westfalen heftig gestritten. In einem kürzlich erschienenen Debattenbeitrag sieht Nils Goldschmidt in der unzureichenden Qualität der Ausbildung der Wirtschaftslehrer jedoch den eigentlichen Skandal. Dies führt unmittelbar zu der Frage, wie eine qualitativ angemessene Lehrerausbildung aussehen könnte. Der folgende Beitrag versucht, hierauf eine Antwort zu geben.

Nach Baden-Württemberg will nun auch Nordrhein-Westfalen mit seiner neuen schwarz-gelben Landesregierung Wirtschaft als eigenständiges Schulfach einführen. Nils Goldschmidt hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung argumentiert, es sei für das Gelingen des Faches entscheidend, dass die Lehrerinnen und Lehrer so gut ausgebildet werden, dass sie die zentralen Inhalte fachkundig, eigenständig und zugleich reflexionsorientiert vermitteln können. Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Zu fragen ist allerdings, was dies konkret für ein Lehramtsstudium im Fach Wirtschaft bedeutet. Erste Erfahrungen aus Baden-Württemberg können zur Klärung dieser Frage beitragen.

Baden-Württemberg führt das neue Schulfach „Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung“ (WBS) erstmalig mit dem Schuljahr 2017/18 in den 7. Klassen der nicht-gymnasialen Schulen ein; die Gymnasien folgen ein Jahr später in den 8. Klassen. Parallel hierzu hat das Land das Lehramtsstudium reformiert, so dass seit dem Wintersemester 2015/16 Wirtschaft als eigenständiges Fach auch im Gymnasiallehramt studiert werden kann – bisher war dies nur im Lehramt für die anderen allgemeinbildenden Schularten möglich.

Bei der Ausgestaltung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge im Fach Wirtschaft hat sich die Frage gestellt, wie Fachwissen vermittelt werden kann und zugleich – wie Goldschmidt anmahnt – die Motivation der Studierenden für das Fach trotz komplexer Modelltheorie, die im Schulunterricht nie einen Platz haben wird, erhalten und daneben das wichtige wirtschaftsdidaktische und bildungswissenschaftliche Rüstzeug für einen gelungenen Wirtschaftsunterricht zu vermittelt werden kann.

Zum Erreichen dieser Ziele sollten in der praktischen Ausgestaltung der Studiengänge nach unserer Erfahrung vor allem drei Aspekte Berücksichtigung finden.

Erstens muss im Lehramtsstudium die Wirtschaftswissenschaft professionsorientiert – also im Hinblick auf das zukünftige Berufsfeld als Lehrerin oder Lehrer – vermittelt werden. Im Mittelpunkt steht der Erwerb eines soliden Grundwissens über ökonomische Theorien, Funktionszusammenhänge und die wirtschaftspolitische Praxis. Die Studierenden müssen aber auch darin unterstützt werden, es sich zu erarbeiten, welche realen Phänomene und Zusammenhänge mit Hilfe der abstrakten und hoch formalisierten ökonomischen Modellwelt wie erklärt werden können. Diese Fähigkeit ist entscheidend, wenn sie zukünftig ihren Schülern ökonomische Sachverhalte vermitteln möchten. Die Fähigkeit, ökonomische Erkenntnisse zu konkretisieren, ist dabei übrigens auch für die Fachstudierenden von Bedeutung. Die Kompetenz, sich von dem hohen Abstraktionsniveau der erlernten Modellwelten zu lösen und sie dennoch im späteren Berufsleben auch abseits des Lehrerberufs nachvollziehbar als Basis für Argumente und Entscheidungen zu nutzen, ist bei deutschen Ökonomie-Studierenden bislang allenfalls schwach ausgeprägt.

Wie kann vor diesem Hintergrund eine professionsorientierte Fachwissenschaft aussehen? Zum einen schafft sie im Vergleich zur herkömmlich unterrichteten Fachwissenschaft zusätzlichen Raum, um die Fähigkeit des zu erlernen, komplexe Theorie ‚herunterzubrechen‘ und auf reale Zusammenhänge anzuwenden. Dies beginnt, wenn neben Multiple-Choice- und Rechenaufgaben vermehrt wieder Essayaufgaben in Klausuren gestellt werden, und endet nicht mit Seminararbeiten, die für „gebildete Laien“ statt für die Dozenten zu schreiben sind. Zum anderen verlangt sie zudem ein Wissen um vergangene und gegenwärtige Positionen und Debatten auch jenseits des neoklassischen Mainstreams, um den Studierenden eine Einordnung der heute vorherrschenden Lehrmeinung zu ermöglichen. Erst auf dieser Grundlage werden sie als Lehrer in der Lage sein, kontrovers mit ihren Klassen zu diskutieren. An der Universität Freiburg ist hieraus die Konsequenz gezogen worden, wieder eine Veranstaltung zur Wirtschafts- und Theoriegeschichte einzuführen.

Zweitens sollte das Lehramtsstudium kohärenzorientiert aufgebaut sein. Das bedeutet, dass die Fachwissenschaft, die Fachdidaktik und idealerweise auch die bildungswissenschaftlichen Inhalte konsequent miteinander verzahnt werden. Beispielweise sollten bekannte Stolpersteine auf den Lernwegen von Schülerinnen und Schülern – etwa die Tatsache, dass der Marktpreis nicht von einer Marktseite allein, sondern immer im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage entsteht – in den fachwissenschaftlichen Veranstaltungen thematisiert werden. Wählen die Dozenten einen solchen Weg, dann profitieren auch davon ihre Fachstudenten, die zunächst häufig ähnliche Verständnisprobleme haben. In den fachdidaktischen Veranstaltungen, die für die Lehramtsstudierenden angeboten werden, werden dann entsprechende Werkzeuge zur Diagnose des Schülerverständnisses sowie Möglichkeiten der Gestaltung geeigneter Unterrichtsszenarien analysiert.

Drittens muss auch ein reines Wirtschaftsstudium im Lehramt interdisziplinäre Anteile haben, insbesondere zu anderen Sozialwissenschaften hin, damit das Schulfach Wirtschaft zum Aufbau einer Multiperspektivität bezüglich gesellschaftlicher Phänomene beitragen kann. Vor allem Pflichtveranstaltungen für Lehramtsstudierende, die an den Disziplinengrenzen angesiedelt sind, wie etwa die Ökonomische Theorie der Politik oder die Verbraucherpolitik, können diese Aufgabe erfüllen.

Neben der Tatsache, dass diese drei Maßnahmen unmittelbar an den spezifischen Anforderungen eines Lehramtsstudiums ansetzen und dadurch die Qualität der Ausbildung nachhaltig erhöhen können, liegt ihr besonderer Vorteil darin, dass sie mit geringem Aufwand auch in bestehende fachwissenschaftliche Studiengänge aufgenommen werden können. Angesichts der nordrhein-westfälischen Haushaltssorgen mag dies eine attraktive Perspektive sein.

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