Die Handlungszeit zerrinnt

Von Michael Grömling am 8. Oktober 2017
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Michael Grömling
Internationale Fachhochschule Bad Honnef

Die Zuwanderung nach Deutschland wird die demografische Entwicklung verändern, aber nicht grundlegend. Das Verhältnis von wirtschaftlich aktiver zu inaktiver Bevölkerung wird sich spätestens ab Mitte der 2020er Jahre verringern – und zwar mit Beschleunigung. In der neuen Legislaturperiode müssen wichtige angebotspolitische Weichen gestellt werden, um den Wohlstand in Deutschland zu sichern.

Die neue Bundesregierung hat die Chance und die Pflicht, für die mit der demografischen Entwicklung einhergehenden Anpassungslasten Vorsorge zu leisten. Die Zuwanderung nach Deutschland wird die demografische Entwicklung verändern, aber nicht grundlegend. Gemäß der IW-Bevölkerungsschätzung wird die Anzahl der Einwohner in Deutschland in den kommenden beiden Dekaden nicht abnehmen, sondern bis zum Jahr 2035 wahrscheinlich um 1,2 Millionen auf 83 Millionen Menschen ansteigen. Allerdings nimmt die Bevölkerung ab Mitte der 2020er Jahre wieder leicht ab.

Aber: Die Bevölkerungsstruktur verschiebt sich weiterhin zu den Älteren und entsprechend nimmt der Anteil der Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung spätestens ab Mitte der 2020er Jahre ab. Dieser Effekt nimmt in den 2020er Jahren mehr und mehr zu und erreicht in den frühen 2030er Jahren seinen Höchstwert.

Die mit der Alterung der Bevölkerung verbundenen Anpassungslasten – etwa in den sozialen Sicherungssystemen – bleiben somit bestehen. Dies gilt vor allem, wenn ab Mitte der nächsten Dekade die Baby-Boom-Generation in den Ruhestand eintritt.

Bei einer rückläufigen Erwerbsquote muss die Wirtschaftsleistung der Erwerbstätigen aber entsprechend stark ansteigen, um zumindest das Pro-Kopf-Einkommen der gesamten Bevölkerung zu stabilisieren. Wird darüber hinaus ein weiterer Anstieg des Lebensstandards angestrebt, dann müssen zusätzliche Produktivitätspotenziale gehoben werden. Dieser mit Blick auf ein bestimmtes Einkommensziel notwendige Produktivitätsanstieg kann als Produktivitätslücke bezeichnet werden.

Diese Produktivitätslücke kann über technischen Fortschritt und über eine zunehmende Kapitalintensivierung geschlossen werden. Eine infolge der demografischen Entwicklung entstehende Produktivitätslücke signalisiert somit, wie groß die Technologieanstrengungen und die Notwendigkeiten für Investitionen in der Zukunft sind. Die Wachstums- und Produktivitätseffekte der Kapitalakkumulation sind im Gegensatz zum technologischen Fortschritt jedoch begrenzt. Nur wenn das technologische Wissen in einer Volkswirtschaft beständig expandiert, kommt es auch permanent zu einem Anstieg der Produktivität.

Auf Basis einer IW-Projektion wirken im Projektionszeitraum 2017 bis 2035 dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung zum Teil eine zunehmende Arbeitsmarktpartizipation, eine höhere Arbeitszeit und eine leicht rückläufige Erwerbslosigkeit entgegen. Trotzdem wird Mitte der 2020er Jahre das Arbeitsvolumen hierzulande das Potenzialwachstum verringern. Die positiven Wachstumsbeiträge der Kapitalbildung und des technischen Fortschritts können zwar durchgehend diesen Rückgang kompensieren. Insgesamt wird sich das Potenzialwachstum von derzeit 1,7 Prozent bis zum Jahr 2035 halbieren.

Gemäß dem IW-Basisszenario wird die Produktivität der Erwerbstätigen zunehmend höhere Veränderungsraten aufweisen. Dagegen nimmt das jährliche Wachstum der Pro-Kopf-Einkommen bis Anfang der 2030er Jahre um rund einen Viertelprozentpunkt auf gut 0,8 Prozent ab. Die Produktivitätslücke steigt damit auf rund einen halben Prozentpunkt an. Das heißt: Die Wirtschaftsleistung der Erwerbstätigen muss pro Jahr um einen halben Prozentpunkt stärker ansteigen als die Pro-Kopf-Einkommen.

Um einen durchgehenden Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens von 1,5 Prozent pro Jahr zu erwirtschaften, müssen die Produktivität und somit auch der Wachstumsbeitrag des technischen Fortschritts noch deutlich stärker ansteigen als im Basisszenario. Im Durchschnitt des Betrachtungszeitraums bis 2035 ist ein permanenter Innovationsschub von 1,3 Prozentpunkten pro Jahr notwendig. Im Vergleich mit der Produktivitätsentwicklung in der Vergangenheit besteht somit ein beträchtlicher technologischer Handlungsbedarf in den kommenden beiden Dekaden. Die ausgeprägte Produktivitätsschwäche, die in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland zu beobachten ist, verschärft diese Notwendigkeit für technologischen Fortschritt bereits heute erheblich. Schon jetzt besteht eine enorme technologische Aufhollücke, um ein erforderliches Produktivitätswachstum und die damit verbundenen Wohlstandseffekte zu ermöglichen.

Die Notwendigkeit für einen erheblich stärkeren technischen Fortschritt – und die spiegelbildliche Innovationslücke – fallen geringer aus, wenn es gelingt, die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital stärker zu mobilisieren. Dazu tragen eine Beschäftigungsmobilisierung (etwa durch längere Lebensarbeitszeiten, arbeitsmarktorientierte Familienpolitik und eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern), eine Humankapitalforcierung (etwa durch verstärkte MINT-Ausbildung) sowie eine Investitionsstimulierung (etwa durch Kostendisziplin und Unternehmensgründungen) bei. Hierfür muss die Wirtschaftspolitik in der anstehenden Legislaturperiode gute Rahmenbedingungen schaffen.

Selbst wenn es gelingt, dass mit diesen Maßnahmen die künftige Innovationslücke kleiner ausfällt, bleibt trotzdem noch eine erhebliche und nicht nachlassende Notwendigkeit für technischen Fortschritt. Die technologische Leistungsfähigkeit kann in Deutschland durch eine Vielzahl von Maßnahmen gesteigert werden: Exemplarisch können eine steuerliche Forschungsförderung, wettbewerbsfähige Forschungsstrukturen mit einer evaluationsorientierten Forschungsförderung, Deregulierungen sowie die vielfältigen Wege zur Forcierung der Digitalökonomie genannt werden.

Quelle:

Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Perspektive 2035. Wirtschaftspolitik für Wachstum und Wohlstand in der alternden Gesellschaft, Köln

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Eine Reaktion zu “Die Handlungszeit zerrinnt”

  1. David

    Sie gehen zielgerichtet an der „Flüchtlings“-Problematik vorbei. Wenn ein Großteil derer, die ohne jegliche Kontrolle hierher kommen, sich auf Dauer alimentieren lassen, werden diese Kosten nicht mehr von den noch Arbeitenden zu schultern sein. Die zwangsläufige Folge ist ein Crash.

    Die Schätzungen zur Zahl der Einwanderer sind sehr unterschiedlich, fast alle sind deutlich höher als die, von der Sie (implizit) ausgehen. Die Zahl der Arbeitswilligen dürfte gleichzeitig weitaus stärker zurückgehen. Und nicht zu vergessen: Die Industrie mit ihren wertschöpfenden Bereichen wird die Konsequenzen ziehen (tut sie heute schon) und Deutschland verlassen. Damit bricht Ihre Argumentation völlig zusammen.

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