Die Werte der Wirtschaft (13)
Von Wettbewerb und Statusstreben

Wettbewerb wird in Gesellschaft und Medien oft zwiespältig beurteilt. Denn im Wettbewerb wirken die Menschen nicht gemeinschaftlich oder kooperativ auf ein Ziel hin. Konkurrierende Menschen handeln nicht solidarisch. Vielmehr verfolgt jeder egoistisch seine eigenen Interessen. Wettbewerb kann daher Menschen schwer belasten oder gar in Not bringen. Daher wird Wettbewerb oft kritisiert.

Nichtsdestotrotz ist Wettbewerb jedoch auch ein zentraler, unverzichtbarer Teilaspekt einer Marktwirtschaft. Marktprozesse lassen sich in Tausch- und Parallelprozesse aufteilen. Beide Prozesse dürfen nicht isoliert analysiert werden. Parallel zum Tauschhandel von Akteuren zweier unterschiedlicher Marktseiten findet ein Wettbewerbsprozess der Akteure auf jeder Marktseite statt. Wettbewerb unter Konkurrenten auf einer Marktseite führt auf der anderen Marktseite zu einer Wahlfreiheit. Wettbewerb ist – und dies sollte auch ein Teil seiner Beurteilung sein – ein Markprozess, indem sich immer auch Freiheit manifestiert.

Zudem generiert Wettbewerb eine spontane Ordnung. Durch die Freiheit seiner Entscheidung ist es jedem Marktteilnehmer selbst überlassen, wo und wie er seine Mittel einsetzt. Die wettbewerblichen Marktprozesse der Preisbildung sorgen für die notwendige Koordinierung dieser Einzelentscheidungen. Wettbewerb ist insofern ein Teil des volkswirtschaftlichen Koordinierungsprozesses. Im Wettbewerbsprozess entstehen Marktpreise, welche die wechselnden Produktionsmöglichkeiten und Konsumwünsche signalisieren. Der Preismechanismus sorgt dafür, dass im Wettbewerbsprozess die optimale Allokation der Ressourcen und Güter stattfindet. Durch die Beteiligung am Wettbewerb können die Menschen so ihr Verhältnis zur Welt der knappen Güter verbessern. Damit sorgt Wettbewerb für wechselseitige individuelle Vorteile: Jeder Marktteilnehmer erzielt ökonomische Vorteile, wenn und weil er sich um die Gunst der Akteure auf der Marktgegenseite bewirbt. Es entspricht der ökonomischen Rationalität, wenn die Marktteilnehmer den Wettbewerb auf der Marktgegenseite zu ihrem Vorteil ausnutzen. Wenn niemand dem Wettbewerb am Markt ausweichen kann, belohnt der Wettbewerb bessere Leistungen durch individuelle ökonomische Vorteile. Wettbewerb stimuliert damit Leistung und führt zudem dazu, die dynamische Entfaltung der im Menschen liegenden Anlagen zu fördern – er setzt Anreize zu Leistung und persönlicher Weiterentwicklung. Wettbewerb erschafft somit nicht nur Freiheit, sondern auch Leistung und Wohlstand (Kerber, 1970; Hoppmann, 1968).

Ob ein solcher Wettbewerb im Rahmen einer Wirtschaftsordnung in allen Bereichen der Gesellschaft implementiert wird, ist jedoch vor allem eine politische Entscheidung. Hoppmann betont als Voraussetzung für diese Entscheidung das Vorhandensein eines „spirit of competition“ bei den Marktteilnehmern. Eine funktionierende Wettbewerbswirtschaft benötigt zwingend den Wunsch der Beteiligten, sich im Wettbewerb miteinander messen zu wollen (Hoppmann, 1968).

Dieser „spirit of competition“ ergibt sich wiederum aus dem Streben nach Prestige und nach Anerkennung durch Leistungsvergleiche. Dies stellt zumeist nichts anderes als den Wunsch nach einer Verbesserung des gesellschaftlichen Status dar. Man denke an Sportwettbewerbe, wo allein der Erfolg, besser zu sein als andere, zu Leistungen anhält, ohne dass daraus ein weiterer Wohlstand für die Gesellschaft oder den Einzelnen erwachsen müsste. Solche Sportwettbewerbe gab es schon in der Antike. So wurde Wettbewerb bereits damals durch Eris, die Göttin des friedlichen Wettbewerbs, symbolisiert. Hoppmann schreibt zum Wettbewerb wörtlich, er geschehe “for its own sake, as such, as goal in itself“ (Hoppmann, 1968). Dies ist aber nur die halbe Wahrheit: Wenn Wettbewerb nämlich keinen zusätzlichen Wohlstand bringt, so wird er zwar trotzdem verfolgt – aber  er wird zumeist keineswegs seiner selbst willen befürwortet, sondern der Aussicht auf Statusgewinne (durch den Sieg im Wettbewerbsprozess) wegen in Kauf genommen.

Wettbewerb wird also nicht nur wegen seiner förderlichen Eigenschaften in einer Marktwirtschaft von den Menschen akzeptiert. Wettbewerbsprozesse werden vielmehr auch dann befürwortet, wenn die damit verbundene Ressourcenaufwendung nicht zum eigenen materiellen Wohl oder zum Wohle aller dient. Den Wunsch nach Wettkampf werden die Gesellschaftsmitglieder jedoch genau dann und auch nur dann verspüren und politisch äußern, wenn sie das Ziel verfolgen, durch eine Verbesserung ihres Ansehens im Wettbewerbsprozess mit Anderen einen höheren Status in der Gesellschaft zu erreichen. Mithin ist die Wertschätzung von Status für den Wettbewerbsgeist und damit für das Funktionieren einer Marktwirtschaft unverzichtbar.

Wenn Wettbewerb aufgrund von Statusunterschieden akzeptiert und gelebt wird, darf es nicht wundern, dass im Rahmen des Wettbewerbs in einer marktwirtschaftlichen Ordnung Statusunterschiede wiederum ein wesentliches Ergebnis des Wettbewerbsprozesses darstellen. Marktwirtschaften erkennen gezeigte Leistungen im Wettbewerb in Form von Einkommens- und Vermögensunterschieden an. Bei der Entstehung von Markteinkommen ist im Zeitablauf jedoch eine sich öffnende Einkommensschere zu beobachten. Die Differenz zwischen den niedrigen und den hohen Einkommen in einer Gesellschaft nimmt – das zeigt ein Blick auf die Empirie – im Zeitablauf immer weiter zu. Dies ist selbst dann der Fall, wenn durch Umverteilungspolitik und die Einführung sozialpolitischer Elemente in die marktwirtschaftliche Ordnung dieser Entwicklung gegengewirkt wird. Die Ursachen liegen auf der Hand: Der Erwerb von Boden, Kapital oder Humankapital sorgt dafür, dass diese Ressourcen als zusätzliche Einkommensquellen dienen, die wiederum das Ansparen weiteren Kapitals oder den Erwerb von noch mehr Humankapital ermöglichen. Mit zunehmendem Vermögen lässt sich auf diese Weise auch zunehmend mehr Einkommen erzielen. Vermögensungleichheit sorgt folglich für Einkommensungleichheit und diese wiederum ist verantwortlich für einen Anstieg der Vermögensungleichheit. Die Einkommensunterschiede und Vermögensunterschiede, die sich in marktwirtschaftlichen Ordnungen ergeben können, sorgen für ein Statusgefälle, denn Einkommen und Vermögen sind zentrale Statussymbole in unserer globalisierten anonymen Gesellschaft. Das Statusgefälle ergibt sich zu Beginn ohne Vermögensgefälle aus Leistungsunterschieden, mit wachsendem Vermögensgefälle aber kann sich eine Pfadabhängigkeit von Vermögenszuwachs und damit auch von Statusgewinnen ergeben.

Zustimmung in einer Gesellschaft wird eine wettbewerbliche Marktwirtschaft aber nur dann von den Gesellschaftsmitgliedern erhalten, wenn Statusunterschiede nicht zementiert erscheinen. Nur wenn gesellschaftlicher Aufstieg und Abstieg möglich sind, erzeugt die Wertschätzung von Status jenen „spirit of competition“, der für den notwendigen Wettbewerb sorgt. Nur dann wird eine Marktwirtschaft auch von Verlierern des Wettkampfs um hohen Status akzeptiert werden (Hoppmann, 1968). Geringer Status wird dann nämlich als temporärer Zustand empfunden, an dessen Verbesserung im Wettbewerb gearbeitet werden kann. Wenn Aufstieg und Abstieg als nicht möglich erscheinen, werden die unteren Statusschichten dies als ungerecht empfinden und für einen Neustart des Statusspiels (meist mit der Forderung nach „Startchancengerechtigkeit“) oder für eine Entfernung der Wettbewerbselemente plädieren.

Dies belegt die Gefahr, dass Marktwirtschaften sich selbst ihre Akzeptanzgrundlage für den Wettbewerbsprozess zerstören können. Hirsch (1980) gilt als der erste Autor, welcher die Problematik des Statusdenkens für unser marktwirtschaftliches System erkannte: Der Wunsch nach Status für alle kann in einer Marktwirtschaft nicht erfüllt werden, egal, wie stark sie wächst und für wie viel Wohlstand sie sorgt. Wenn der Wettbewerb dann auch noch für persistente, unüberbrückbar erscheinende Statusunterschiede sorgt, so werden sich die Verlierer irgendwann gegen das mit Wettbewerbsprozessen verbundene marktwirtschaftliche System auflehnen, weil ihnen aus diesem Wettbewerbsprozess heraus Statusgewinne nicht mehr möglich erscheinen.

Ein Fehlen von gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten sorgt dann für einen Rückzug der Menschen aus Wettbewerbsprozessen. Es wächst die Skepsis gegenüber dem marktwirtschaftlichen System, die, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung diese Skepsis teilt, zu dessen Abschaffung führen kann.

Ein großer Teil der heutigen politischen Diskussion über soziale Gerechtigkeit bedient und problematisiert längst nicht mehr die Sicherung eines Mindesteinkommens für alle, sondern die empfundene Zementierung der Einkommens- und damit der Statusverhältnisse. Einkommens- oder Vermögensumverteilungen lösen dabei das Dilemma nicht. Sie können zwar monetär oder materiell umverteilen, aber keine Statusveränderungen einleiten. Als Ausweg kann hier allenfalls eine Verbesserung der Chancengerechtigkeit im Bildungssystem im Raum stehen. Aber selbst diese kann die Problematik zementierter Statusunterschiede nicht komplett beseitigen.

Die gesellschaftliche Relevanz des Statusstrebens dürfte eine der größten Herausforderungen unserer Marktwirtschaft werden.

Literraturverzeichnis

Hirsch, F. (1980): Die sozialen Grenzen des Wachstums, Cambridge.

Hoppmann, E. (1968): Zum Problem einer wirtschaftspolitisch praktikablen Definition des Wettbewerbs, in: H. K. Schneider (Hrsg.): Grundlagen der Wettbewerbspolitik, Berlin, Schriften des Vereins für Socialpolitik, Band 48, S. 9-49.

Kerber, W. (1970): Wettbewerb und Wirtschaftsordnung in sozialethischer Sicht, Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, Band 11, S. 21-43.

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