Gastbeitrag
Warum braucht es einen EU-Afrika-Gipfel?

Afrikas Bevölkerung wird stark wachsen, viele junge Afrikaner wollen nach Europa. Nicht nur für die Migration, sondern auch für fruchtbare Handelsbeziehungen müssen Europa und Afrika gemeinsam dauerhafte Lösungen finden.

Seit Anfang Juli hat Österreich die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union (EU) inne. Noch bevor er sein Amt als Vorsitzender antrat, hat der österreichische Bundeskanzler Kurz vorgeschlagen, einen EU-Afrika-Gipfel einzuberufen. Dies ist zweifellos eine sehr kluge Idee, und dies aus mehreren Gründen.

– Im Vordergrund dieses Plans dürfte das Thema Migration stehen. Nach wie vor fliehen viele Menschen aus den Krisengebieten in Nordafrika und anderen Teilen des Kontinents. Sämtliche Asylkompromisse, europaweite und bilaterale Abkommen sind nur dann wirksam, wenn es gelingt, die Krisenherde dauerhaft zu befrieden.

Für viele Afrikaner ist immer noch Europa das Ziel ihrer Wünsche; dort wollen viele junge Afrikaner leben und zu arbeiten; man darf nicht vergessen, dass in Afrika in der Zukunft Schätzungen zufolge jedes Jahr 20 Millionen zusätzlicher junger Menschen auf den Arbeitsmarkt strömen. Solange es nicht genug attraktive Arbeitsplätze in Afrika gibt, wird es Menschen geben, die nicht wegen anhaltender Gewalt, sondern wegen anhaltender Not fliehen. Man mag diese Gruppen unterschiedlich behandeln; den Druck auf Europa kann man damit nicht reduzieren. Es braucht hier dauerhafte Lösungen; diese kann man nicht allein in Europa beschließen (und gar durchsetzen).

– Migration spielt auch noch aus einem anderen Grund eine Rolle: Europa altert und sucht dringend junge produktive Arbeitskräfte. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen: Auch Rassisten altern, auch sie sind darauf angewiesen, dass irgendjemand ihre Rente erarbeitet; Geld kennt keine Hautfarbe oder Religion. Also muss in einem konsensualen Verfahren dafür gesorgt werden, dass Wanderungsbewegungen so gesteuert werden, dass sowohl die europäischen als auch die afrikanischen Länder davon etwas haben. Das verlangt eine Einwanderungspolitik mit Augenmaß und in Abstimmung mit der Afrikanischen Union oder einzelnen Partnerländern.

– Ein wichtiges Thema ist Bildung. Nur wenn es gelingt, die jungen Menschen (in Europa wie in Afrika) gut auszubilden, kann der hohe Wohlstand in Europa aufrechterhalten bzw. in Afrika der Wohlstand nachhaltig erhöht werden. Hier könnte eine Zusammenarbeit sehr fruchtbar sein. Man denke nur daran, dass in Europa viele leistungsfähige Universitäten in naher Zukunft um verkleinerte Kohorten an potentiellen Studierenden aus Europa konkurrieren werden, während in Afrika die Anzahl potentieller Studierender steigt. Europa hat die Universitäten, Afrika die Studierenden. Man sollte über neue Wege der Zusammenarbeit nachdenken, zum Beispiel über die Gründung von Niederlassungen europäischer Universitäten in Afrika.

– Eine wachsende afrikanische Bevölkerung bedeutet auch eine wachsende Nachfrage aus Afrika nach europäischen Gütern. Gerade vor dem Hintergrund der weltwirtschaftlichen Unsicherheiten des Sommers 2018 sollte jedem klar sein, dass es grob fahrlässig wäre, Afrikas Potential als Wirtschaftspartner zu unterschätzen oder gar zu ignorieren. In Afrika wächst die Mittelschicht und damit die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Gütern und Diensten.

Vor diesem Hintergrund muss die EU sich mit afrikanischen Regierungen über Freihandelsabkommen einschließlich Investitionsschutzregeln ins Benehmen setzen. Auch über neue Instrumente der Außenwirtschaftsförderung und Kreditabsicherung im Außenhandel mit Afrika sollte nachgedacht werden. Dies kann man als nationale Aufgabe begreifen; denkbar wären aber auch europäische Lösungen.

– In diesem Zusammenhang ist auch das Verhältnis beider Kontinente zu China zu diskutieren. Die chinesische Regierung tritt zunehmend offensiv (besser: aggressiv?) auf und schafft mit der Seidenstraßen-Initiative Abhängigkeiten in Afrika, aber auch anderswo. Ein Beispiel ist die neue Eisenbahnstrecke, die Mombasa mit Nairobi und Kampala verbindet. Die dadurch entstandenen Schulden des kenianischen Staates China gegenüber werden realistischen Einschätzungen zufolge durch den Betrieb der Strecke nicht bedient werden können. Unterhält man sich mit afrikanischen Unternehmern und Politikern, spürt man die wachsende Frustration über die chinesischen Partner und das Fehlen europäischer Alternativen. Es ist geopolitisch nicht nachvollziehbar, dass Europa sich so zurücknimmt.

Es gibt also genug Gründe, das Verhältnis der EU zu Afrika neu zu definieren. Ein solcher Gipfel macht allerdings nur dann Sinn, wenn diese Themen nicht als europäische Agenda den Afrikanern oktroyiert beziehungsweise dort nur nach dem Preis für das Verhindern von Migrationsströmen gefragt wird. Der Gipfel muss auf Augenhöhe stattfinden. Es muss uns klarwerden, dass Afrika Europa im Zweifel weniger braucht als umgekehrt die Europäer Afrika. Ignoranz Afrika gegenüber wird teuer!

Nur wenn in Europa endlich damit offiziell begonnen wird, Afrika als Partner und nicht als schwachen Krisenkontinent, den es zu bemuttern gilt, anzusehen, wird sich auch die Sicht der europäischen Bürger und Unternehmen auf den afrikanischen Kontinent ändern.

Hinweis: Der Beitrag erschien am 3. August 2018  in der Wirtschaftswoche-Online.

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