Gastbeitrag
Globaler Risikofaktor USA
Das Problem der „Un-United States of America”

USA und Trump: Halbzeit, Runde 1

Zum ersten Mal in der Geschichte wird Amerika von einer klar populistisch ausgerichteten Regierung geführt. An deren Spitze steht mit Donald Trump ein Präsident, der wie ein echter Volkstribun agiert. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht beunruhigende Nachrichten aus den USA dringen. Seien es tatsächliche Maßnahmen der Trump-Administration oder nur neue, per Twitter abgesetzte Polemik, wahrheitswidrige „Fake News“ oder populistische Tiraden: In Summe entsteht das Bild einer zornigen, politisch verwirrten und global destruktiven US-Regierung.

Diese definiert als eines ihrer wichtigsten Ziele die Zerschlagung („deconstruction“) bestehender Strukturen, sowohl in den USA selbst als auch international. Globale Ordnungs- und Koordinations­systeme werden systematisch attackiert und ausgehebelt (NATO, G7, UNO, WTO etc.). Gleichzeitig untergräbt die Trump-Regierung gezielt demokratische Institutionen und grundlegende Werte: Amerika bewegt sich damit beunruhigend schnell in Richtung einer Autokratie.

Im Januar 2019 endete die erste Hälfte der Amtsperiode der Regierung Trump. Diese „Halbzeit“ legt eine kurze Zwischenbilanz nahe, auch als Einstieg in eine vertiefende Problemanalyse der USA.

„U-USA“: Das Problem der „Un-United States of America”

Der derzeitige Auftritt der USA entspricht erkennbar nicht mehr dem Ideal einer wertebasierten globalen Führungsmacht. Stattdessen formt sich ein Bild der USA als aggressiv und konfrontativ auftretendes, zugleich aber politisch zerrissenes und zutiefst gespaltenes Land. Die Ursachen dieser Spaltung liegen tief und gehen zurück auf eine lange Phase ökonomischer Fehlentwicklungen und politischer Ignoranz. Polarisierung und innere Zerrissenheit der USA haben sich seit Jahren verstärkt und prägen heute ganz entscheidend das Bild der Vereinigten Staaten. Ohne Übertreibung lässt sich feststellen: in Umkehrung ihres Geburtsnamens und ihrer ursprünglichen Gründungsideale sind die USA inzwischen mutiert zu den „U-USA“, den Un-United States of America.

Die Problematik der „Un-United States of America“ birgt ernsthafte – vorerst weiter zunehmende und sich verstärkende – Risiken. Diese betreffen nicht nur die USA und das dortige politische Umfeld, sondern entfalten direkte Konsequenzen für das globale Wirtschafts- und Finanzsystem. Die scharfen Verwerfungen an den US-Börsen Ende 2018 haben diesen Punkt bereits deutlich klargemacht. Investoren und Vermögensinhaber sollten sich dieser Probleme bewusst sein und in ihre strategischen Überlegungen einbeziehen. Die nachfolgenden Ausführungen unterstreichen diese Notwendigkeit und gehen dem Problem der „U-USA“ auf den Grund.

Der neue Weg: „America first“

Angeführt von Donald Trump geht das wirtschaftlich, politisch und militärisch bedeutendste Land der Welt derzeit sehr bewusst einen neuen Weg: „America first“. Die USA stellen sich damit gezielt gegen multinationale Regeln, konsensbasiertes Handeln und internationale Verständigung. Stattdessen verfolgt die US-Regierung vermehrt kurzsichtige, egoistische oder lediglich symbolhafte Ziele, oft auch gegen scharfe Kritik im eigenen Land. Prägnante Beispiele sind der Ausstieg aus dem Pariser Welt-Klimaabkommen, Strafzölle gegen die EU, öffentliche Zweifel an der NATO oder die einseitige Aufkündigung multilateraler Verträge wie im Fall Iran.

Die gezielte Neuausrichtung der USA wird oft der schillernden Persönlichkeit von Präsident Donald Trump zugeschrieben, und dessen Wahlerfolg wird als „Unfall der Geschichte“ abgetan. In beiden Fällen ist diese verkürzte Sichtweise nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Das Phänomen der innerlich extrem gespaltenen, nach außen jedoch zunehmend egozentrisch agierenden „U-USA“ existiert bereits seit längerem: es brauchte nur einen Katalysator wie Trump, um die Vielzahl unterdrückter Konflikte innerhalb der USA offenzulegen, im Zweifel direkt auf der Weltbühne. Es ist von grundlegender Wichtigkeit, sowohl die Ursachen als auch die möglichen Konsequenzen dieser tiefen Spaltung der „U-USA“ zu begreifen und nachzuvollziehen. Nur aus dieser Perspektive wird verständlich, wie und in welche Richtung der zukünftige Pfad der USA vermutlich verlaufen wird.

Unverzichtbare Nation oder gefährliche Weltmacht?

Fairness, Gerechtigkeit und entschiedenes Eintreten für demokratische Werte waren über weite Teile des 20. Jahrhunderts so etwas wie der „Markenkern“ der USA, der ältesten Demokratie der Neuzeit. Diese Sichtweise prägte den Mythos der USA als globaler Schutzmacht für Frieden, Freiheit und Demokratie und kulminiert im Ideal von „Amerika als unverzichtbarer Nation“.

Auch das globale Finanzsystem steht seit Ende des zweiten Weltkriegs unter amerikanischer Vorherrschaft. Klare Kennzeichen sind die Dominanz des US-Dollars als „globaler Leitwährung“ sowie die unbestrittene Rolle der US-Zentralbank als weltweit maßgeblicher Instanz für Währungs- und Geldpolitik. Nicht nur konservative Politiker in den USA, sondern auch zahlreiche Historiker sprechen deshalb (leicht glorifizierend) vom 20. Jahrhundert als dem „American Century“.

Der Beginn des neuen Jahrtausends hat das bisherige Bild der USA stark verändert. Dies gilt sowohl mit Blick auf die globale Rolle der USA als auch auf deren inneren Zustand. Beginnend im Jahr 2001 entwickelte sich eine Sequenz von Ereignissen, die für den neuen, zunehmend gefährlichen Weg der USA in das neue Jahrtausend stehen. Die relevanten Stichworte und Entwicklungen sind:

– Präsidentschaft von George W. Bush (ab 2001);
– Krieg gegen den Irak (ab 2003);
– Große Finanzkrise (ab 2008);
– Präsidentschaft von Donald J. Trump (ab 2017)

Das Bild der „U-USA“ als einem zerrissenen und mit sich selbst im Konflikt liegenden Land formt sich schon seit über 20 Jahren und reicht zurück bis in die Ära von US-Präsident Bill Clinton. Zur gleichen Zeit haben sich die sozio-ökonomischen Strukturen in den USA grundlegend verschlechtert: Die USA verwandelten sich von einem „land of opportunity“ zu einem wirtschaftlich gespaltenen Land mit zunehmend ungleicher und unfairer Verteilung von Wohlstand, Zukunftschancen und sozialer Mobilität. Gesteigerte wirtschaftliche Ungleichheit, wachsende ökonomische Unsicherheit und das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit sind die maßgeblichen Ursachen hinter dieser tiefgehenden Spaltung.

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„Tribalisierung“: Polarisierung als Prinzip

Entsprechend ist in den USA auf vielen Ebenen ein starker Trend zur Polarisierung zu beobachten: Dies zeigt sich etwa in religiöser oder kultureller Abgrenzung, deren Heftigkeit für Nicht-Amerikaner kaum noch nachvollziehbar erscheint. Das Prinzip zunehmender Polarisierung findet sich aber speziell im politischen Bereich: Es äußert sich dort – auf Ebene des Parteien- und Wählerverhaltens – in einer strikten Lagerbildung, die oft auch als „Tribalisierung“ bezeichnet wird: Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen (oder religiösen) Gruppe, einer Partei oder einem Parteienspektrum wird dann zum bestimmenden Merkmal der eigenen Identität (vgl. Abb. 1).

Der Tribalisierungs-Effekt impliziert Abgrenzung und Radikalisierung politischer Positionen, die Andersdenkende weitgehend ausschließt oder diffamiert. Politische Lager stehen sich emotional aufgeheizt, ideologisch konfliktbereit und inhaltlich unversöhnlich gegenüber. Dies bedeutet reduzierte politische und soziale Toleranz und abnehmenden Spielraum für Kompromisse, was sinnvolle Regierungsarbeit massiv erschwert. (Der von Präsident Trump erzwungene mehrwöchige „Government Shutdown“ Ende 2018 gibt dafür ein sehr anschauliches Beispiel.)

In einem solchen System gehen im Laufe der Zeit normale demokratische Umgangsformen und Gepflogenheiten vollständig verloren. Faktisch wird die Möglichkeit vernünftiger Kompromisse und grundlegender (überparteilicher) Lösungskonzepte eliminiert. Anfänglich kleine Probleme einer Gesellschaft werden dann nicht mehr behandelt, sondern mutieren (oder eskalieren) zu immer größeren Problemen (oder echten Krisen). Solche Prozesse sind politisch sehr gefährlich, denn sie erodieren und zersetzen das demokratische System.

Als Folge dieser Entwicklung geht heute auf mehreren Ebenen ein erkennbarer Riss durch die USA. Dieser wird nicht nur in politischer Polarisierung deutlich, sondern zeigt sich auch in klaren regionalen Gegensätzen (Stadt gegen Land, Ost- und Westküstenstaaten gegen Landesinneres etc.). Dieser Wandel zu den „U-USA“ hat jedoch nicht mit Donald Trump begonnen, sondern ist Ergebnis eines längeren Progressions- und Transformationsprozesses.

Globalisierung und die Spaltung der Gesellschaft 

Hinter der politischen, sozialen und geographischen Spaltung der USA steht vor allem ein zentraler Faktor: die asymmetrische Verteilung von Einkommen, Vermögen und allgemeinem Wohlstand. Diese Effekte sind letztlich „Kollateralschäden“ aus drei Jahrzehnten forcierten Welthandels und intensiver Globalisierung; negative Auswirkungen dieser Trends auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen wurden seit Jahren von der Politik schlicht ignoriert. Eine – inzwischen sehr bekannte – Darstellung bringt das Problem auf den Punkt:

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Wie Abb. 2 zeigt, wurden große Teile der Globalisierungsgewinne in den letzten 30 Jahren primär von zwei sehr unterschiedlichen Sektoren vereinnahmt:

  1. dem globalen Niedriglohnsektor (Unterschicht), der über starke Einkommenszuwächse von der massiven Produktionsverlagerung in Schwellenländer profitierte.
  2. dem kleinen Segment der wohlhabenden Kapitaleigner in den Industrieländern (Oberschicht), die hohe Kapitalrenditen auf ihre Investitionen erzielen konnten.

Im deutlichen Gegensatz dazu steht die Entwicklung der „weißen Mittelschicht“, die speziell in westlichen Ländern über die letzten Jahre hinweg deutliche Einbußen hinnehmen musste (stark fallender Verlauf der Kurve in Abb. 2).

Hierbei handelt es um ein sehr grundsätzliches Strukturproblem, dessen spaltende Wirkung auf die Gesellschaft jedoch von der US-Politik sehr lange ignoriert (statt korrigiert) wurde. In den USA hat der asymmetrische Verteilungseffekt (Oberschicht vs. Mittelschicht) inzwischen eine extreme und äußerst besorgniserregende Dimension erreicht.

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Abb. 3 zeigt eindrucksvoll, dass die derzeitige gesellschaftliche Disparität in den USA nur noch vergleichbar ist mit der „wilden“ Zeit des amerikanischen Feudal-Kapitalismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts („Gründerzeit“, auch bekannt als „Gilded Age“). Offensichtlich ist eine derart krasse Disparität sowohl aus gesellschaftspolitischer als auch aus ökonomischer Sicht extrem gefährlich. Sie untergräbt den Zusammenhalt einer Gesellschaft und erzeugt Unzufriedenheit, Frustration, Wut und den starken Wunsch nach Abhilfe. In Summe stehen diese Tendenzen für das neue Erscheinungsbild der USA als „Un-United States of America.

Populismus: Echo der Verbitterung

Nicht nur in den USA, sondern auch weltweit ist eine Zunahme populistischer Strömungen zu konstatieren. In westlichen Industrienationen, aber auch in Eurasien (Russland, Türkei), Asien (Philippinen), Lateinamerika (Brasilien) und anderen Regionen der Welt gewinnt das Phänomen „Populismus“ unaufhaltsam an Anziehungskraft.

Oftmals werden jedoch die zentralen Treiber hinter dem Populismus völlig verkannt: Zahlreiche Analysen zeigen klar, dass Populismus aus breiter gesellschaftlicher Verbitterung entspringt. Diese resultiert meist aus schwerwiegenden ökonomischen Fehlentwicklungen und ist somit begründet.

Ein wichtiger Problemhintergrund ist das seit Jahren (im Vergleich zu früheren Dekaden) geringere Wirtschaftswachstum, verschärft durch extrem asymmetrische Verteilung bisheriger Globalisierungs­gewinne. Beides erzeugt für breite Bevölkerungsgruppen nicht nur Verbitterung und das Gefühl eines „unfair game“, sondern sehr oft auch echte soziale und ökonomische Härten. Hinzu kommt regelmäßig das Element der politischen Ignoranz, also das Versagen der etablierten Politik, grundlegende Probleme zu adressieren oder gar zu lösen.

„Geübte“ Populisten sind in der Lage, derart tektonische Stimmungswandel einer Bevölkerung früh zu erkennen und durch eine Vielzahl wohlklingender, aber meist unrealistischer Versprechungen zu bedienen. Die enge Wechselbeziehung zwischen Ökonomie, Politikversagen und Populismus ist dabei das eigentliche Problem. Sie erzeugt eine Politik der Halbwahrheiten und fördert das Prinzip der Demagogie; beides führt zu politischer Degeneration und ermöglicht den „Absturz“ bislang demokratischer Systeme in unterschiedliche Formen populistischer Autokratie. Das Abdriften Amerikas in das neue Bild der „U-USA“ gibt dafür ein sehr eindrückliches Beispiel. Dass dies für die Zukunft Amerikas nicht Gutes bedeutet, ist offensichtlich.

Deals statt Regeln: Paradigmenwechsel der Weltwirtschaft

Das Verhalten von Donald Trump in seiner neuen Rolle als Präsident der USA ist verstörend, bizarr und vielfach schockierend. Gleichzeitig pflegt Trump das Bild eines „robusten“ Geschäftsmannes, der persönliche Prinzipien und Erfahrungswerte aus seinem Geschäftsleben nahtlos in die US-Politik überträgt. Zu diesem Selbstverständnis zählt auch, Politik lediglich als Summe von „Deals“ zu betrachten, also rein „geschäftlich“ zu bewertender Transaktionen.

Für diese extreme Sichtweise finden sich in der bisherigen Amtszeit von Donald Trump zahllose Beispiele: So war der US-Beitritt zum Welt-Klimaabkommen von Paris für Trump „ein schlechter Deal“, aus dem man schnell wieder aussteigen sollte. Das Verhältnis der USA zu China wurde als „unfairer Deal“ bewertet, der durch massive Strafzölle verbessert werden sollte. Und strategische Fragen zur Zukunft der NATO wurden von Trump – im Sinne eines Deals – nur auf die Frage reduziert, ob jedes NATO-Mitglied einen angemessenen Mitgliedsbeitrag („Schutzgeld“) entrichtet.

Vielfach noch unterschätzt, bewegen sich die U-USA unter Donald Trump damit in ein neues globales (Un-)Ordnungssystem, das völlig veränderten Spielregeln folgt. Der brachiale Wechsel – von einem konsensualen, wertebasierten System, das durch Begriffe wie Rechtssicherheit, Verlässlichkeit, Wertegemeinschaft und Bündnistreue geprägt war, in ein komplett anderes System, das sich durch nationale Interessen, extremen Egoismus und ökonomischen Opportunismus definiert – ist mehr als nur eine Irritation. Es ist ein bewusster „Regimewechsel“ – von der „Stärke des Rechts“ zum „Recht des Stärkeren“ als Leitmotiv einer neuen US-zentrierten Weltordnung: Also nicht mehr „Pax Americana“, sondern „Survival of the fittest.“

Die neue Politik der USA konfrontiert das bisherige System der Weltwirtschaft mit einschneidenden Veränderungen: Nicht mehr freier Welthandel und fortschreitende Globalisierung, sondern Opportunismus und maximaler Vorteil für den jeweils stärksten Akteur sind die neuen Parameter: Nicht mehr „Washington Consensus“, sondern „The winner takes it all.“

Dieser grundlegende Wandel des weltwirtschaftlichen Ordnungsrahmens ist in seinen möglichen Konsequenzen noch nicht überall verstanden: Die Transformation eines globalen, auf Werten und Regeln (also auf Vertrauen und Verlässlichkeit) basierten Ordnungssystems in einen völlig anderen Mechanismus, der primär transaktionsbasiert ist, sich also an eigennützigen und allenfalls kurzfristig vorteilhaften „Deals“ orientiert, ist ein Paradigmenwechsel mit weitreichenden Folgen.

Durch ihre egoistisch ausgerichtete Wirtschafts-, Handels- und Außenpolitik bürden die „U-USA“ der gesamten Welt hohe Kosten und Risiken auf, begründet mit der schwachen Hoffnung auf kurzfristigen (eigennützigen) Gewinn. Damit steigen – weltweit betrachtet – sowohl die Kosten ökonomischer Koordination als auch die Risiken ökonomischer Fehlallokationen („stranded assets“). Gleichzeitig erhöht sich die Wahrscheinlichkeit globaler Konflikte und (mindestens partieller) Systemkrisen oder temporären Systemversagens.

USA als Risikofaktor: Veränderung des geopolitischen Koordinatensystems

Die Neuausrichtung der US-Politik erzeugt auch eine massive Veränderung des geopolitischen Koordinatensystems: Bisherige Bündnisse und strategische Partner (wie etwa UNO, NATO, WTO, oder die G7) werden attackiert, in Frage gestellt oder als obsolet erklärt. Auch die EU wird von Trump als „strategischer Gegner“ etikettiert. Damit sind die USA innerhalb weniger Jahre von einem stabilen Anker für Weltwirtschaft und Geopolitik zu einem globalen „Risikofaktor erster Ordnung“ mutiert.

Diese massiven Brüche historisch gewachsener Beziehungen und Strukturen (wozu auch der britische „BREXIT“ zählt) definieren eine neue Weltordnung, die mit „Ordnung“ nur noch wenig gemein hat. Stattdessen handelt es sich um ein sehr volatiles System, das ungehindertes Agieren und maximale Entfaltung der USA unterstützen soll. Somit ist die derzeitige Politik der USA (bzw. von Donald Trump) weit weniger verwirrend, als vielfach wahrgenommen. Sie erscheint im Gegenteil klar und zielgerichtet, allerdings nur aus dem Blickwinkel strikt US-zentrierter Interessen. Sie entspricht exakt dem Leitmotiv der Trump-Präsidentschaft: „From this moment on, it’s going to be America first.

Aus Sicht anderer Länder erhöhen sich dadurch jedoch globale Unsicherheiten, während die Berechenbarkeit und Stabilität des geopolitischen Koordinatensystems deutlich abnimmt. Da zeitgleich auch globale Tendenzen zur „Multipolarität“ zunehmen, was sich etwa in vermehrten militärischen Provokationen Russlands sowie in stark gestiegenen geopolitischen Ambitionen Chinas zeigt, ist dies für die Zukunft und den Zusammenhalt „des Westens“ kein positives Signal.

Erfahrene Beobachter sprechen in diesem Kontext vom „Rückzug des westlichen Liberalismus“ (Edward Luce) oder gar einer „geopolitischen Rezession“ (Ian Bremmer, Eurasia Group). Entsprechend nimmt das Ausmaß geopolitischer Unsicherheit seit Jahren deutlich zu (vgl. Abb. 4).

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Komplexität und Marktrisiken

Die Auflösung traditioneller globaler Ordnungs- und Koordinatensysteme durch eine strikt unilaterale Politik der „U-USA“ gefährdet den etablierten Ordnungsrahmen der Weltwirtschaft und erhöht geopolitische Risiken. Insgesamt nimmt die Komplexität, die Ambiguität und die Opazität des relevanten Umfelds spürbar zu, gerade auch für Investoren am Kapitalmarkt. Die Erhöhung von Komplexität sowie die Zunahme spezifischer (oder latenter) Risiken erzeugen ein verändertes Anlageumfeld, das zahlreiche neue Herausforderungen und Veränderungen mit sich bringt.

Im Gesamtjahr 2018 haben sich die Kapitalmärkte diesem geopolitisch-ökonomischen Adjustierungsprozess mehrheitlich verweigert: Noch Anfang Oktober 2018 notierten globale (und speziell US-amerikanische) Aktienindizes in der Nähe historischer Höchststände und schienen völlig unbeeindruckt von neuen Komplexitätsrisiken.

Dieses sorglos-ignorante Bild hat sich jedoch im Dezember 2018 schlagartig verändert (vgl. Abb. 5): In den letzten Dezembertagen entstand aus einer relativ „normalen“ Aktienmarktkorrektur eine vehemente Abwärtsdynamik („Dezember-Schock“): Offensichtlich haben die Märkte in diesem Zeitraum abrupt damit begonnen, steigende politische Risikoprämien einzupreisen – als Antwort auf das Phänomen der U-USA, und dessen Bedeutung als Komplexitätsrisiko erster Ordnung.

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Akuter Auslöser war eine schnelle Abfolge kritisch einzuschätzender politischer Schritte und Ereignisse in den USA, was bei den Investoren eine abrupte Neueinschätzung auslöste. Dazu zählen der „Shutdown“ der US-Regierung im Dezember, der von US-Präsident Trump völlig überraschend angekündigte Truppenrückzug aus Syrien und Afghanistan, der darauffolgende Rücktritt von US-Verteidigungsminister Mattis, aber auch heftige Attacken von Präsident Trump gegen die US-Notenbank sowie das hilflose Krisenmanagement von US-Finanzminister Mnuchin.

Diese Ereignisse haben vielen Investoren erstmals zwei Dinge klar verdeutlicht: zum einen das erschreckende Ausmaß an Naivität und politischer Inkompetenz im Weißen Haus, zum anderen die komplexen geopolitischen Risiken einer zunehmend chaotischen US-Präsidentschaft. Beide Faktoren induzieren aus Sicht von Investoren potentiell hohe Kosten – in Form steigender Unsicherheit und zunehmender systemischer Risiken. Für die Übernahme dieser Risiken verlangen Investoren berechtigterweise einen Preis; dieser zeigt sich in Form steigender politischer Risikoprämien und wirkt sich bei der Bewertung von Aktienmärkten tendenziell negativ aus.

Somit ist am Jahresende 2018 zumindest ein Teil der neuen Realität rund um die „U-USA“ an den Kapitalmärkten angekommen. Ob die neuen Komplexitätsrisiken damit bereits vollständig erfasst, verstanden und bewertet wurden, ist jedoch stark zu bezweifeln. Insbesondere das aktuelle Jahr 2019 dürfte neue Turbulenzen hervorbringen: Da Trumps republikanische Partei seit Januar im US-Kongress keine volle Mehrheit mehr besitzt, wird seine politische Position geschwächt. Politische Attacken auf Trump werden zunehmen und ihn verstärkt unter Druck setzen. Auch könnten 2019 mögliche Ergebnisse der Sonderermittlung zur „Russland-Connection“ an die Öffentlichkeit kommen und Trump ins Zwielicht einer drohenden Amtsenthebung rücken.

Gleichzeitig wird 2019 auch das Jahr sein, in dem Donald Trump seine Wiederwahl 2020 sichern will. Zur Erreichung dieses Ziels wird Trump vor rücksichtslosen, infamen oder schlicht gefährlichen Maßnahmen nicht zurückschrecken. Nachdem der US-Präsident nahezu alle „vernünftigen“ Minister, Berater und Weggefährten bereits verloren oder entlassen hat, wird kaum jemand Trump bremsen oder von seinem aggressiv-destruktiven Kurs abbringen können.

Sowohl der Weltwirtschaft als auch den Kapitalmärkten könnten somit in Trumps „zweiter Halbzeit“ – ab jetzt bis Ende 2020 – noch einige Überraschungen und Schockmomente drohen. Die Gefahren für Weltwirtschaft und Kapitalmärkte sind schon jetzt erheblich, wirken aber auch klar in die Zukunft. Insofern sollten Unternehmer und Investoren im laufenden Jahr 2019 sehr darauf achten, den „Risikofaktor U-USA“ nicht aus dem Auge zu verlieren.

Hinweis: Diesem Text liegt eine ausführliche Abhandlung zum Phänomen der U-USA und daraus resultierender Risiken zugrunde, die im Oktober 2018 publiziert wurde; abrufbar unter: https://www.feri-institut.de/media-center/studien/  Ein Video mit den wichtigsten Aussagen ist einsehbar unter: https://www.feri-institut.de/media-center/videos/risikofaktor-usa/

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