Der Wettbewerb der Stadtstaaten bot den griechischen Denkern Freiräume

Im griechischen Sprach- und Kulturraum der Antike konkurrierten Dutzende von Stadtstaaten um Macht, Reichtum und Ansehen. David Hume sah darin den Schlüssel zum Verständnis dieser Blütezeit. Er schreibt in einem seiner Essays (1742):

“Greece was a cluster of little principalities, which soon became republics; and being united both by their near neighbourhood and by the ties of the same language and interest, they entered into the closest intercourse of commerce and learning. … Each city produced its several artists and philosophers who refused to yield the preference to those of the neighbouring republics. Their contention and debates sharpened the wits of men. … But what I would chiefly insist on is the stop which such limited territories give both to power and to authority”.

Der Wettbewerb zwischen den Städten begrenzte die Macht der Obrigkeit, und die Vielfalt der Experimente erleichterte Vergleiche. Um attraktiv zu sein, mussten die Städte Freiheits- und Mitwirkungsrechte anbieten. So entstanden die ersten Demokratien. Die Grenze war nah – es war leicht, die Heimatstadt zu verlassen, wenn sich die politischen Verhältnisse verschlechterten. Und das Leben anderswo war nicht schwer zu ertragen, denn im gesamten griechischen Kulturraum bis hin zu den Küsten Kleinasiens, Süditaliens und sogar Afrikas sprach man dieselbe Sprache und folgte denselben Sitten. Deshalb reisten die Griechen gerne und viel.

Der Erfolg der freiheitlichsten Stadtstaaten lud zur Nachahmung ein – besonders in den demokratischen Stadtstaaten, wo die Bürger das Sagen hatten. Deshalb gingen Freiheit und Demokratie meistens Hand in Hand.

Nach Freiheit streben vor allem die geistigen und wirtschaftlichen Eliten. Gibt es Beispiele dafür, dass bekannte griechische Philosophen, deren Freiheit bedroht war, ihre Heimatstadt verließen oder zumindest ganz konkret vor der Wahl zwischen Bleiben und Gehen standen? Am ehesten kommen diejenigen in Frage, die ethisch-religiöse oder politische Theorien entwickelten oder sich sogar politisch engagierten, denn sie konnten den Herrschenden leicht ins Gehege kommen.

Das berühmteste Beispiel einer (angeblich) religiösen Verfolgung ist Sokrates, der im Jahr 399 v. Chr. in Athen zum Tode verurteilt wurde. Er wurde beschuldigt, die Jugend zu verderben, die Götter der Stadt zu missachten und religiöse Neuerungen zu praktizieren. Sein Schüler Xenophon hat bezeugt, dass Sokrates regelmäßig an den Gebeten und Opfern zu Ehren der Stadtgötter teilgenommen habe. Aber Sokrates behauptete, dass  er – und wohl jeder Mensch – eine innere gottgesandte Stimme in sich habe, die den Weg zur Tugend weise. Die Gottheit sei allgütig, was der griechischen Mythologie widersprach. Ganz abgesehen von seinen ethisch-religiösen Vorstellungen war Sokrates jedoch bei den Anführern des neuen, demokratischen athenischen Regimes unbeliebt, weil zwei Politiker, die als seine Schüler galten, nämlich Alkibiades und Kritias, in Ungnade gefallen waren. Der Anklagepunkt, Sokrates verderbe die Jugend, war vielleicht nicht nur religiös, sondern auch als Erinnerung an diese beiden Politiker gedacht.

Sokrates wurde hingerichtet. Er floh nicht. Er ist daher kein Beispiel dafür, dass ein Philosoph, dessen Freiheit und Leben bedroht war, seine Heimatstadt verließ. Er war siebzig Jahre alt und wollte sich nicht den geltenden Gesetzen entziehen. Aber es ist bekannt, dass er schon vor dem Prozess und dann nach dem Todesurteil von seinen Schülern gedrängt wurde aus Athen zu fliehen, und dass sein Freund Kriton die Flucht schon vorbereitet hatte. Die Möglichkeit der Abwanderung bestand. Die, die ihn verurteilten, hatten vielleicht sogar gehofft, dass er fliehen und sich dadurch unglaubwürdig machen würde. Wie dem auch sei, Sokrates konnte in seinem ganzen Leben davon ausgehen, dass er sich im Fall einer Verfolgung sehr wahrscheinlich in Sicherheit bringen könnte, wenn er es denn gewollt hätte.

Nach seinem Tod verließen Platon und einige andere Schüler und Freunde des Sokrates Athen. Sie hielten sich etwa ein Jahr lang bei Freunden in Megara auf, das zu dieser Zeit mit Sparta, dem Gegner Athens, verbündet war. Wahrscheinlich fühlten sie sich in Athen nicht mehr sicher.

Sokrates war nicht der erste Philosoph, der in Athen wegen Gottlosigkeit zum Tode verurteilt wurde. Im Jahr 450 v. Chr. hatte es Anaxagoras getroffen – und das, obwohl er nicht Ethiker, sondern Naturphilosoph war. Er wurde der Häresie angeklagt, weil er behauptet hatte, die Sonne sei ein kalter oder zumindest nicht glühender Stein und daher nicht Gott Helios, wie es die althergebrachte Religion lehrte. (Der Prozess gegen Anaxagoras nimmt die Anklage gegen Galileo Galilei vorweg, der 1616 von der Inquisition angeklagt und verurteilt wurde, weil er dem geozentrischen Weltbild der Kirche das heliozentrische der Naturwissenschaftler entgegenstellte.) Wie bei dem Prozess gegen Sokrates wird auch im Fall des Anaxagoras ein politischer Hintergrund vermutet. Anaxagoras war ein enger Freund des Perikles, der sich gerade in der politischen Defensive befand. Mit der Verurteilung des Anaxagoras wollten die Initiatoren Perikles treffen. Perikles hielt in dem Prozess sogar eine Rede zur Verteidigung seines Freundes, drang aber nicht durch. Nach der Verurteilung half er Anaxagoras, aus Athen zu fliehen und nach Kleinasien zurückzukehren.

Ein weiterer Philosoph, der sich  wahrscheinlich wegen religiöser Vorwürfe durch Auswanderung in Sicherheit bringen musste, ist der 570 v. Chr. geborene Xenophanes aus Kolophon in Kleinasien. Vielleicht wurde er aber auch verbannt – so genau wissen wir es nicht. Xenophanes wanderte nach Sizilien aus, wo es ionische Kolonien gab. Er lehnte die griechische Religion ab und machte sich über sie lustig. Die griechische Götterwelt sei unmoralisch und lediglich eine Projektion der Menschenwelt. Es gebe nur einen Gott. Außerdem hatte er sich dadurch unbeliebt gemacht, dass er den lydischen Luxus kritisierte. Auch das könnte dazu beigetragen haben, dass er Kolophon verlassen musste.

Soviel zu den religiösen Neuerern. Wenden wir uns nun denjenigen griechischen Denkern zu, die sich zu Fragen der Staatsverfassung äußerten und ausdrücklich wegen ihrer politischen Lehren verfolgt wurden.

Der bekannteste und früheste ist der Mathematiker und Philosoph Pythagoras, der 570 v. Chr. auf der Insel Samos geboren wurde. Er gilt als freiheitlicher Denker und musste wohl deshalb um 530 v. Chr. vor der Tyrannis des Polykrates fliehen. Er ließ sich im süditalienischen Kroton (Kalabrien) nieder und gründete dort eine Bruderschaft, die aristokratische Ziele verfolgte und in der Stadt großen Einfluss erlangte. Im Jahr 510 v. Chr. übernahmen Demokraten die Macht in Kroton. Die Pythagoräer – darunter auch die bekannten Philosophen Philolaos und Lysis – mussten fliehen. Ihr Versammlungshaus wurde niedergebrannt. Mehrere Pythagoräer kamen dabei ums Leben. Philolaos emigrierte nach Theben, Lysis nach Tarent. Die Flucht des Pythagoras verlief tragisch. Es gibt dazu drei verschiedene Überlieferungen. Nach der ersten beging er Selbstmord, nach der zweiten verhungerte er, und nach der dritten wurde er auf der Flucht getötet.

Ein weiteres Beispiel ist Empedokles. Er wurde 495 oder 490 v. Chr. im heutigen Agrigent auf Sizilien geboren. Er stammte aus einer vornehmen, aber demokratisch gesonnenen Familie, und auch er selbst unterstützte die demokratischen Bestrebungen. Als die herrschende Oligarchie in eine Tyrannis abzugleiten drohte, beteiligte er sich an deren Sturz. Er musste jedoch fliehen und ließ sich auf der Peleponnes nieder. Empedokles ist dafür bekannt, dass er Gewaltlosigkeit predigte und vier Urstoffe und Elemente unterschied.

Schließlich sei Solon, der Vater der athenischen Demokratie, erwähnt. Er war nicht nur Politiker, sondern auch Dichter und Staatsphilosoph. In einer schweren Krise, die in einen Bürgerkrieg zu münden drohte, wurde er um 575 v. Chr. als Schlichter bestellt. Obwohl selbst Adliger führte er eine Verfassung ein, die die Alleinherrschaft des Adels und die Schuldknechtschaft beendete. Alle Bürger erhielten das aktive Wahlrecht in der Volksversammlung, nur das passive Wahlrecht blieb auf die Vermögenden beschränkt. Damit machte sich Solon bei den Adligen sehr unbeliebt. Er schreibt in einer seiner Elegien: “Über mich erbittert schauen sie alle mich an, wie man einen Feind ansieht”. Vielleicht fühlte er sich auch bedroht. Jedenfalls verließ er Athen und kehrte erst nach zehn Jahren zurück.

Es scheint, dass missliebige Bürger eher verbannt als zum Tode verurteilt oder ermordet wurden. Die Verbannung war – zumindest in Athen – eine milde Sanktion. Der Verbannte durfte sein Vermögen behalten und nach zehn Jahren wiederkommen. Die Gefahr der Verbannung dürfte daher nur wenige Denker davon abgeschreckt haben, neuartige Lehren zu verkünden.

Aus Athen verbannt wurde zum Beispiel der Philosoph Protagoras. Er wurde 411 v. Chr. der Gottlosigkeit angeklagt, weil er bekannt hatte: “Was die Götter angeht, so ist es mir unmöglich zu wissen, ob sie existieren oder nicht, noch was ihre Gestalt ist”. Von ihm stammt auch der Spruch: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge”.

Ein Philosoph, der mehrfach verbannt wurde, ist der vermutlich 335 v. Chr. geborene Theodoros von Kyrene. Er wurde zunächst aus seiner Heimatstadt Kyrene, einer griechischen Kolonie im heutigen Lybien, verbannt. Er ging nach Athen, wurde aber um die Jahrhundertwende auch dort verbannt. Wahrscheinlich lautete die Anklage auf Gottlosigkeit, denn er leugnete die Existenz der Volksgötter.

Abwandern kann nur, wer anderswo zuwandern darf. Die griechischen Städte – allen voran Athen – rühmten sich ihrer Offenheit. In Athen durften sich sogar Sophisten niederlassen, obwohl sie im ganzen Land einen schlechten Ruf genossen.

Das Schicksal der hier betrachteten Philosophen belegt, das die politische Fragmentierung des antiken Griechenlands der geistigen Elite des Landes Schutz bot. Sie sicherte ihre Freiheit. Zweifellos gab es sehr viel mehr Fälle dieser Art. Leider wissen wir zu wenig über diese Zeit.

Vergleicht man den Wettbewerb der Stadtstaaten im antiken Griechenland mit dem der italienischen Renaissance, so stößt man auf eine wichtige Gemeinsamkeit: in beiden Kulturepochen trug die politische Fragmentierung maßgeblich zur religiösen Freiheit der Philosophen bei. In der italienischen Renaissance schützte sie die Humanisten vor der Inquisition des Vatikans, in der griechischen Antike bot sie den Querdenkern Zuflucht vor der religiösen Naivität und Intoleranz fanatisierter Volksversammlungen. Aber viel häufiger als in der Renaissance war das Ringen um die beste Staatsform im antiken Griechenland der Grund für die Flucht der Philosophen.

Wie in der Renaissance trug der Wettbewerb zwischen den Stadtstaaten auch in Grriechenland zur wirtschaftlichen Freiheit und Innovation bei. Die Städte konkurrierten nicht nur um Philosophen und Künstler, sondern auch um Handwerker und Kaufleute. Sie boten ihnen gute Bedingungen. Die ersten Münzen der Weltgeschichte wurden um 630 v. Chr. an der kleinasiatischen Küste in Lydien geprägt. Die Griechen griffen diese Erfindung begierig auf. Um das Jahr 480 v. Chr. hatten bereits über einhundert griechische Städte ihre eigenen Silbermünzen. Der Wohlstand war die Grundlage der breiten Nachfrage nach Kunstwerken, Literatur und Philosophie.

Blog-Beiträge zum Thema:

Roland Vaubel: Wettbewerb der Stadtstaaten. Freiräume für italienische Humanisten

Eine Antwort auf „Der Wettbewerb der Stadtstaaten bot den griechischen Denkern Freiräume“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.