Ist der Markt für Sportwetten effizient?

In meinem letzten Post habe ich bereits auf die wachsende Bedeutung der Sportwetten und deren Auswirkungen auf den Sport in Form von Match Fixing hingewiesen (hier). Hier möchte ich noch einen weiteren Aspekt des Sportwettenmarktes – nämlich die Effizienz desselben ­ beleuchten und etwaige staatliche Handlungserfordernisse aus ordnungsökonomischer Sicht kurz ausleuchten.

Das Konzept der strengen Informationseffizienz auf Kapitalmärkten basiert nach Fama (1970) auf der Annahme, daß die Kurse jederzeit alle verfügbaren relevanten Informationen berücksichtigen.[1] Ein Kapitalmarkt genügt diesem Kriterium, wenn sich sämtliche existenten Informationen im Wertpapierkurs niederschlagen. Der Markt wäre also zu jeder Zeit arbitragefrei: es gäbe keine Strategie, um eine höhere Rendite als die Marktrendite zu erzielen.

Da Wettmärkte den Rahmenbedingungen von Kapitalmärkten gleichen – es werden die mit einem Titel verbundenen zukünftige Einkommenserwartungen gehandelt – erscheint es nur folgerichtig, dieses Konzept der Effizienz auf den Sportwettenmarkt zu übertragen (Nyberg 2014). Effizient wäre der Sportwettenmarkt demzufolge dann, wenn die Wettquoten der Buchmacher sämtliche Informationen widerspiegeln würden, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Quoten verfügbar sind (Feddersen 2017 S. 105). Wäre dem nicht so, so ließen sich systematisch Gewinne durch bessere Vorhersagen erzielen.

Tatsächlich scheint auf den Wettmärkten recht häufig der sog. Favorite-Longshot Bias aufzutreten, demnach orientieren sich die Quoten, wenn auf den Favoriten gesetzt wird, eher an den „tatsächlichen“ Quoten als dies der Fall ist, wenn auf den Außenseiter gesetzt wird. Die Wettquote beim Setzen auf den Außenseiter weicht ziemlich von der „tatsächlichen“ Quote ab; ein Setzen auf den Außenseiter erweist sich für den Wetter also als nachteilig. Beim Vorliegen von Markteffizienz müßten sich die Quoten der Buchmacher unabhängig davon, ob es sich um den Favoriten oder um den Außenseiter handelt, gleichermaßen an den „tatsächlichen“ Quoten orientieren.

In empirischen Untersuchungen findet sich meist eine Bestätigung für die Existenz dieses Favorite-Longshot Bias. [2] Für dieses Phänomen werden im wesentlichen drei Erklärungsmuster angeboten (Feddersen 2017, S. 107):

  • Gelegenheitswetter überschätzen systematisch die Gewinnchance der Außenseiter, was von den Buchmachern ausgenutzt wird.
  • Die Buchmacher nutzen die Risikofreude von Wettern aus, indem sie niedrigere Quoten für Außenseiter anbieten.
  • Die Buchmacher bieten niedrigere Quoten für Außenseiter an, um Verluste aus Informationsasymmetrien zu vermeiden, die auftreten könnten, weil manche Wetter Insiderwissen haben und daher besser informiert sind oder aber Wetter schneller als die Buchmacher auf neue Informationen reagieren können.

Läßt sich vor diesem Hintergrund aus ordnungsökonomischer Sicht die Notwendigkeit einer staatlichen Intervention ableiten?

Der Argumentationsstrang könnte Marktversagen aufgrund von Informationsasymmetrien bemühen und daraus eine staatliche Intervention ableiten, zumal die Wetter durch diesen Sachverhalt Wohlfahrtsverluste erleiden.

Tatsächlich findet sich allerdings eine marktinhärente Lösung, die dieses Problem weitgehend vom Tisch räumt, nämlich das Entstehen vorgelagerter Informationsmärkte wie etwa der Portale sportwetten24.com und wettportal.com. Auf derartigen Portalen kann sich der Wetter einen entsprechenden Marktüberblick verschaffen, was wiederum zu einem verstärkten Wettbewerb der Buchmacher untereinander führt und damit die Quoten angleicht. Eine staatliche Intervention ist damit allenfalls insofern nötig, um Wettbetrug zu verhindern. Direkte staatliche Maßnahmen zur Herstellung der Effizienz auf den Sportwettenmärkten erübrigen sich.

Literatur

Daumann, F. (2019), Grundlagen der Sportökonomie, 3. Aufl., München.

Fama, E. F. (1970), Efficient Capital Markets. A Review of Theory and Empirical Work, in: The Journal of Finance, Vol. 25, S. 383-417.

Fama, E. F. (1991), Efficient Capital Markets II, in: The Journal of Finance, Vol. 46, S. 1575-1617.

Feddersen, A. (2017), Market Efficiency and the Favorite-longshot Bias: Evidence from Handball Betting Markets, in: Rodríguez, P., Humphreys, B. R. & Simmons, R. (eds.), The Economics of Sports Betting, Cheltenham, Northampton, S. 105-117.

Nyberg, H (2014), A Multinomial Logit-based Statistical Test of Association Football Betting Market Efficiency, University of Helsinki and Helsinki Center of Economic Research (HECER), Discussion Paper No. 380.

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[1] Zu den verschiedenen Formen der Kapitalmarkteffizient siehe etwa Fama (1970; 1991).

[2] Siehe hierzu auch Daumann (2019, Kapitel 11).

Blog-Beiträge zum Thema:

Frank Daumann: Die größte Herausforderung für den Sport: Die Sportwetten

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