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Das Kalte Herz
Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution

Das mediale Echo war nicht zu überhören, als Kevin Kühnert in einem Interview mit der Zeit seine Vorstellung über einen demokratischen Sozialismus erläuterte. Während die eine Seite, inklusive mancher SPD-Mitglieder, empört, gar schnappartig reagierte, erhielt der Juso-Vorsitzende andererseits erstaunlich viel Zustimmung; nicht nur an der Basis, sondern auch in großen deutschen Tageszeitungen. Nach dem Motto, man dürfe darüber ja wohl noch diskutieren, gab es viel Verteidigung für sein vermeintliches Anliegen, die Missstände des Kapitalismus anzuprangern. Dabei sind Kühnerts Thesen weder innovativ noch neu, sie zeigen aber die Sensibilität des Themas, obwohl die Kapitalismuskritik so alt wie der Kapitalismus selbst ist. Mantra-artig werden Ressentiments geschürt, dem Kapitalismus werden Gier und Egoismus unterstellt und je nachdem welches Thema gerade am meisten die öffentlichen Gemüter erregt, dient er als Sündenbock für Umweltverschmutzung oder soziale Schieflagen. Der Soziologe Thomas Cushman bezeichnet den Antikapitalismus sogar als „säkulare Religion der Intellektuellen“.

Das Werk „Das kalte Herz“ von Werner Plumpe, das sich auf das gleichnamige Märchen von Wilhelm Hauff bezieht, erscheint daher zu passender Zeit. In fünf Kapiteln erzählt der Wirtschaftshistoriker die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus von den Anfängen im Feudalismus bis zum Strukturwandel des 21. Jahrhunderts. Zu Beginn des Buches wird die Frage gestellt, wie ein Wirtschaftssystem überhaupt so lange überdauern konnte, obwohl seit Beginn an von seiner Überwindung gesprochen wird.

Dabei zeigt Plumpe auf, dass der Verlauf des Kapitalismus eher einer Evolution gleicht, die von ständigen Revolutionen begleitet wird. So verlief der Änderungsprozess der industriellen Revolution in England eher langsam – die Wachstumsraten waren kaum höher als heute – und regional unterschiedlich; revolutionär waren jedoch die Änderungen im Ergebnis. So verwundert es nicht, dass neben den pessimistischen Bevölkerungstheorien von Thomas Malthus auch Adam Smith sich gegen Ende des 18. Jahrhundert noch keine Besserung der materiellen Lage der einfachen Arbeiter vorstellen konnte; obwohl es ja gerade Smith war, dem es gelang, den Merkantilismus theoretisch zu überwinden und die Dynamik des Kapitalismus zu erkennen. Dabei ging es zunächst einmal weniger um die Marktgesellschaft, die schon lange vor dem Kapitalismus auf der Vielzahl der städtischen Märkte gelebt wurde. Die moraltheologischen Vorstellungen der Scholastiker von Augustinus bis zu Thomas von Aquin zum „gerechten Preis“ zeigen, dass der Austausch auf Märkten zu mehr oder minder freier Preisbildung führte. Das galt ebenfalls für Arbeitsmärkte, da bereits im 17. Jahrhundert in großen Teilen von Großbritannien und den Niederlanden Lohnarbeit (wobei die Löhne oft in Naturalien und nicht in Geld ausgezahlt wurden) das Arbeitsverhältnis der Mehrheit der Menschen darstellte. Hierdurch zeigt sich, dass eine Marktwirtschaft nicht notwendigerweise kapitalistisch sein muss. Umgekehrt funktioniert der Kapitalismus, der sich im Wesentlichen durch Privateigentum der Produktionsmittel auszeichnet, aber nicht ohne eine Marktwirtschaft.

Obwohl durch das elisabethanische Arbeitnehmergesetz die Kommunen die niedrigen Löhne durch eigene Leistungen aufstockten, herrschte aufgrund des Bevölkerungswachstums eine breite ländliche Unterbeschäftigung und eine insgesamt prekäre soziale Lage. Im Laufe der Zeit wurde der doppelt freie Arbeiter durch das entstehende Gewerbe jedoch zum Industriearbeiter. Der größte Profiteur der Industrialisierung war laut Plumpe somit die Unterschicht, die sich ohne die Lohnarbeit wohl nicht hätte ernähren können. Nicht die industriellen Arbeitsbedingungen und das Fabriksystem waren die primäre Ursache des Elends, sondern die fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten. So war der Kapitalismus nicht nur die Existenzbedingung der Unterschicht, sondern sorgte auch für zusätzliche Konsummöglichkeiten und Produktion von Gütern, deren Konsum von der Unterschicht auch angestrebt wurde. Weder trat mit der Industrialisierung eine Arbeiterklasse auf, noch entstand plötzlich eine Art Kapitalistenklasse. Reiche Kaufherren, denen Gier und Wucher vorgeworfen wurde, gehen bis auf die Antike zurück, man denke an die von Aristoteles beschriebene Chrematistik. So ist der Kapitalismus auch nicht das Produkt großer Vermögen, sondern das Resultat einer spontanen Ordnung vieler einzelner Unternehmer, die ihr kaufmännisches Wissen durch die Familie erhielten und weitergaben. Mit dem Kapitalismus wurde zum ersten Mal in der Geschichte eine große Anzahl von Gütern zu erschwinglichen Preisen für die breite Masse der Bevölkerung hergestellt, während sich im Merkantilismus kleine Eliten selbst bereicherten.

Die Vorstellung, es gäbe einen Übergang vom vorkapitalistischen Händler zu einem gierigen Kapitalisten führt daher in die Irre. So gibt es auch im Kapitalismus kein typisches Unternehmensmodell, sondern eine Vielzahl, die von den jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen der Staaten abhängig ist. Durch neue Märkte und technische Innovationen ergriffen die Menschen die Chance, durch Spezialisierung lukrativere Geschäfte zu erledigen, wodurch die Produktivität zunahm. Dadurch zeigt Plumpe deutlich, dass der Kapitalismus keineswegs eine ältere und harmonischere Welt verdrängte; Ausbeutung, Massenarmut und Gier waren vorher bereits verbreitet, kapitalintensive Massenproduktion für die breite Masse an Menschen hingegen nicht.

Damit erwies sich auch die frühe Kapitalismuskritik als nicht haltbar. Nicht nur Karl Marx, sondern auch Werner Sombart gingen davon aus, eine Konzentration und Zentralisation des Kapitals in Form von monopolartigen Großunternehmen erkennen zu können, die allerdings eher die Ausnahme als die Regel darstellten. Der Fehler, der auch noch heute begangen wird, lag daran, dass reale und spekulative Erscheinungen einfach linear fortgeschrieben und somit die Dynamik des Kapitalismus unterschätzt wurde. Dabei hätte diese Zentralisierung den sozialistischen Theoretikern und Kapitalismuskritikern durchaus in die Karten gespielt, da ein sozialistischer Staat die Großunternehmen nur noch hätte übernehmen müssen. Die bei manchen bis heute gebliebene Illusion einer zentralen Steuerbarkeit wurde zu einer Grundüberzeugung der Kapitalismuskritik. Ein weiterer Fehlschluss der Kapitalismuskritik, in diesem Fall von Engels, war, soziale Missstände wie die Arbeiterslums von Manchester als ein Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft darzustellen. Jedoch ist es zweifelhaft, ob ein Verzicht auf eine kapitalintensive Produktion durch vielfältige dezentral gesteuerte Unternehmenslandschaften vorteilhaft gewesen wäre. Wie auch in diesem Beispiel sollte bei jeder Kritik immer an die Alternative gedacht werden. Wenn sich manche das „gute Leben“ nur ohne ökonomische Kälte vorstellen können, sollte bedacht werden, dass noch keine nichtkapitalistische Wirtschaftsordnung die materiellen Entlastungen ermöglichen konnte, die ein „gutes Leben“ erst möglich machen.

Insgesamt macht Plumpe deutlich, dass es weder die Motivation einzelner Akteure (Weber, Sombart, Schumpeter), noch die kurzfristigen Vorteile durch Ausbeutung, noch naturgesetzliche Entwicklungen (Smith, Marx, North) sind, die die Dynamik des Kapitalismus erklären, sondern die eigentumskonstituierenden Handlungsmöglichkeiten, die über den Marktmechanismus selektiert werden.

Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer und aktueller Literatur ergänzt das Werk auf anschauliche Weise, indem nicht nur die Geschichte des Kapitalismus erklärt, sondern auch erzählt wird. Somit bietet das Werk eine spannende und umfangreiche Einführung in die Geschichte des Kapitalismus und ist gerade denjenigen Studierenden der Volkswirtschaftslehre zu empfehlen, denen die Wirtschaftsgeschichte im Studium zu kurz kommt.

Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution. Rowohlt, 800 S., 34 €.

 

2 Antworten auf „BücherMarkt
Das Kalte Herz
Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution

  1. Wenn Plumpe die “fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten” als “primäre Ursache des Elends” identifiziert, liegt er im Unrecht. Denn diese fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten wurden erst in den Enclosure Movements determiniert. Folglich ist also die Auflösung der Allmenderechte und die Kommodifizierung der britischen Landwirtschaft die “primäre Ursache des Elends”. Nachdem der Landbevölkerung ihre Existenzgrundlage entzogen worden ist, stieg selbstverständlich die Nachfrage nach alternativen Beschäftigungsverhältnissen. Der Enclosure Movement lies zudem “plötzlich eine Art Kapitalistenklasse” entstehen, da aus vielen Kleinbetrieben wenige landwirtschaftliche Großbetriebe entstanden. Die damalige “spontane Ordnung” der erfolgreichen Unternehmer und Feudalherren fußt demnach auf der nicht ganz spontanen – vielmehr erzwungenen – Enteignung der Kleinbauern.

  2. Es bleibt zu bezweifeln ob die Landwirtschaft ohne die Enclosure Movements die Beschäftigungsmöglichkeiten für die zu der Zeit rasant wachsende Bevölkerung hätte bereitstellen können.

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