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Der Mythos der Revolution

Nachdem das Desaster des Arabischen Frühlings den modernen Mythos der Revolution zunächst hatte verblassen lassen, blüht er angesichts der jüngsten Welle von Massenprotesten wieder auf. Zurück geht er vor allem auf Karl Marx. Weil die ausgebeuteten Massen nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten, so seine These, würden sie die herrschende Klasse auf Kurz oder Lang zwangsläufig von ihrem Thron stürzen. Ironischerweise stürzten die Massen 1989 ausgerechnet jene vom Thron, welche ihre Macht mit den Lehren von Marx, Engels und Lenin legitimierten. Insgesamt müssen wir aber feststellen, dass die Massen nur selten ihre Herrscher verjagten. Daher ist der Mythos der Revolution in aller Regel vor allem eins: zu schön, um wahr zu sein.

Der Grund dafür liegt in den tiefen Machtstrukturen von Diktaturen begründet. Deren teuflische Logik will es, dass unter allen Gruppen, die einem Diktator gefährlich werden können, die breite Masse des Volkes ganz weit hinten rangiert, weit abgeschlagen von den engsten Vertrauten des Diktators, den Mitgliedern der Regierung, seinen Beratern und Geheimdienstchefs sowie den Generälen und Polizeikommandeuren. Die Masse des Volkes dagegen ist in der Regel gefangen in einer schwer entrinnbaren Struktur: Wer immer es wagt, sich gegen den Diktator zu wenden, bevor es eine hinreichend große Masse anderer nicht bereits tut, muss schlimmste Konsequenzen fürchten. Das begründet ein Henne-Ei-Problem: Ohne protestierende Massen traut sich keiner aus seinem Versteck, doch wenn sich keiner aus seinem Versteck wagt, gibt es keine protestierenden Massen.

Aber kann das angesichts der zahlreichen Massenproteste, die wir beobachten, wirklich ein ernsthaftes Problem sein? Es kann. Denn erstens beobachten wir Massenproteste fast immer nur in vergleichsweise liberalen Diktaturen oder in Zeiten vorübergehender Liberalisierungen, aber niemals in Diktaturen wie jene Hitlers, Stalins, Maos oder Kim Jong Uns. Zweitens können wir nur solche Proteste beobachten, die tatsächlich stattfinden, und niemals jene, die trotz schlimmer Unterdrückung niemals stattgefunden haben. Zwar sind alle Proteste, die wir beobachten, eine Folge von Unzufriedenheit. Aber der Umkehrschluss gilt nicht. Statistiker nennen den Effekt sample selection, und der suggeriert uns, dass Unzufriedenheit Massenproteste erzeugt, obwohl sie das in den wenigsten Fällen tut. Wir haben weltweit gut 100 Diktaturen, die alle mehr oder weniger ausbeuterisch sind, aber nur in einer Handvoll davon beobachten wir Massenproteste.

Wo sie doch einmal vorkommen, hat der Zufall eine Reihe von begünstigenden Faktoren zusammenfügt. Selbst dann aber überstehen die meisten Diktaturen die Massenproteste. Wenn sie schließlich doch kollabieren, dann hat dies stets dieselbe Ursache: Angesicht der Massenproteste wenden sich die Vertrauten des Diktators, die Generäle und die Polizei- und Geheimdienstchefs, vom Diktator ab, so wie in der DDR und in Rumänien 1989 oder in Ägypten 2011. Das tun sie aber keineswegs immer: In vielen Fällen bleiben sie loyal, wie in Peking im Frühjahr 1989 oder in Venezuela im vergangenen Jahr. Dann nützen Massenproteste nichts.

Damit sie zuerst entstehen und dann auch nützen, müssen zwei eher unwahrscheinliche Dinge zusammenkommen: Erstens muss das Volk das Henne-Ei-Problem der Revolution überwinden, was nur selten gelingt. Sollte es doch gelingen, müssen zweitens die Sicherheitskräfte in der Folge der Proteste dem Diktator ihre Loyalität aufkündigen, was wiederum eher die Ausnahme ist. Aber selbst dann hat die Revolution nur ein Machtsystem zerstört und ein Machtvakuum hinterlassen, in das allzu gern Organisationen wie der Islamische Staat oder rücksichtslose Machtmenschen wie Weißrusslands Präsident Lukaschenko stoßen. Ein neues und besseres System kann eine Revolution dagegen von sich aus nicht schaffen. Hierzu spöttelte Oscar Wilde: „Die Revolution ist die erfolgreiche Anstrengung, eine schlechte Regierung loszuwerden und eine schlechtere zu errichten.“ Leider steckt viel Wahrheit darin. Denn Revolutionen hatten selten freiheitliche Gesellschaften zur Folge. Die USA sind ebenso eine Ausnahme wie die Revolutionen von 1989. Schauen wir nach Weißrussland, nach Russland, in den Kaukasus oder nach Zentralasien, so verblasst ein großer Teil des Zaubers von 1989 gleich wieder – vom Arabischen Frühling ganz zu schweigen.

Der Mythos der Revolution ist leider eine Romantisierung, das mögen selbst Fachwissenschaftler oft nicht akzeptieren. Wer es aber akzeptiert, dem eröffnet das Studium von Revolutionen tiefe Einsichten in die Logik der Macht von Menschen über Menschen, aber leider auch diese Einsicht: Wir haben die Bedingungen zur Entstehung liberaler Demokratien bis heute nicht richtig verstanden. Am ehesten können wir sie als glückliche historische Fügungen sehen. Daher sollten wir die Demokratie hüten, wo immer wir sie haben. Denn wo sie einmal verloren ist, wird sie so leicht nicht zurückzuholen sein.

Thomas Apolte, Der Mythos der Revolution. Wiesbaden 2019: Springer

Thomas Apolte

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Westfälische Wilhelms-Universität Münster
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