Corona mutiert zum Globalisierungsschock

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Die Corona-Epidemie hat Deutschland erreicht. Wie umfassend die Menschen hierzulande betroffen sein werden, ist offen. Neben dem menschlichen Leid zeichnen sich auch ökonomische Folgen ab. Über deren Ausmaß und Dauer kann derzeit ebenfalls nur spekuliert werden. Corona wird aber zu einem Nachfrage- und Angebotsproblem für die deutsche Wirtschaft.

China ist ein wichtiger globaler Importeur. Sein Anteil an den weltweiten Importen beläuft sich auf rund 10 Prozent. Für die deutsche Wirtschaft ist China der drittgrößte Kunde hinter den USA und Frankreich. Gut 7 Prozent der deutschen Warenausfuhren gehen ins Reich der Mitte. Die vorübergehenden Konsum- und Investitionsausfälle in China infolge der Corona-Epidemie treffen die deutschen Exporteure zudem in einer sowieso schon schwachen globalen Nachfragephase – infolge der Handelskonflikte und der vielen geopolitischen Verwerfungen. Nicht nur das rückläufige Chinageschäft, auch eine möglicherweise deutliche Abschwächung der Weltkonjunktur infolge von COVID-19 führen zu Nachfrageausfällen.

Die Corona-Epidemie kann auch die Angebotsseite unserer Volkswirtschaft schwächen. Das geschieht über fehlende Mitarbeiter, die wegen tatsächlicher Infektion, eingeschränkter Mobilität oder aus Furcht ihrer Arbeit nicht nachkommen. Hochgradig arbeitsteilige Volkswirtschaften sind auf ein reibungsloses Miteinander angewiesen und das wird durch eine Epidemie bedroht. Zudem hat sich die chinesische Wirtschaft stark in die internationale Arbeitsteilung eingeklinkt. Sie selbst kauft Vorleistungen in Südostasien oder den Rohstoffländern im Nahen Osten, in Afrika und in Südamerika. Auch aus den westlichen Industrieländern bezieht China wichtige Komponenten für seine Inlandsproduktion. Umgekehrt sind chinesische und ausländische Firmen mit Sitz in China wichtige Zulieferer für die Produktion in Deutschland. Stocken diese wechselseitigen Zulieferungen, dann droht Gefahr, dass es hierzulande zu Produktionsbeeinträchtigungen kommt. Diese Vorleistungseffekte können sich kumulieren, wenn chinesische Bauteile auch für andere ausländische Vorleistungen von Bedeutung sind.

Die Internationalisierung der Produktion und die damit einhergehende Arbeitsteilung haben zu deutlichen Effizienzgewinnen in den beteiligten Volkswirtschaften geführt. Vorleistungsverflechtungen im Rahmen internationaler Wertschöpfungsketten, wechselseitiger Technologietransfer oder Wissensaustausch über Mitarbeiter haben in den letzten Dekaden auch die Produktionsmöglichkeiten und den Wohlstand in Deutschland vergrößert. Eine Epidemie sollte für sich genommen keinen Rückschritt bei der länderübergreifenden Arbeitsteilung auslösen.

Das mag sich anders gestalten, wenn derartige Pandemien häufiger auftreten und dies dann bei ausgeprägten Abhängigkeiten zu permanenten Produktionsschocks führt. Verlagerungen zurück an den heimischen oder an andere ausländische Standorte würden folgen. Der teilweise Verzicht auf die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung würde durch geringere Risiken infolge der Produktionsabhängigkeiten begründet werden. Effiziente Internationalisierung bewirkt aber eine Streuung von Risiken – auch die Verminderung nationaler Abhängigkeiten. Insofern müssen internationale Wertschöpfungsketten auf ihre Tragfähigkeit überprüft und nicht generell auf den Prüfstand gestellt werden.

Nachhaltige Effekte auf die Weltwirtschaft sind denkbar, wenn in zeitlicher Hinsicht überschaubare ökonomische Krisen als Vorwand für eine politisch motivierte Auflösung von internationaler Kooperation angeführt werden. Das Argument einer Restrukturierung der internationalen Produktionspotenziale infolge von Epidemien ist auch in den gegenwärtigen politischen Rahmen einzuordnen. Dieser ist vielfach geprägt von protektionistischem und autarkischem Denken. Nicht die Vernetzung von Ländern und die damit gewonnenen Wohlstands- und Kooperationsvorteile, sondern die Entkopplung von Volkswirtschaften und das Suchen nach wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeiten sind vielfach der aktuelle Geist. Damit besteht die Gefahr, dass COVID-19 zu einem weiteren Knock-out für die Globalisierung mutiert.