Pro&Contra
Das Schweden-Modell im Kampf gegen Covid-19?

Die ganze Welt kämpft seit dem Frühjahr gegen ein Virus namens SARS-CoV-2. Es hat blitzschnell zu allergrößten Verwerfungen geführt. In Ländern wie Italien ist das Gesundheitssystem kollabiert. In der Folge wurden Grenzen und Geschäfte dichtgemacht, Schulen geschlossen und Ausgangssperren verhängt.

Viele Regierungen haben entschlossen auf die Corona-Krise reagiert, manche Staatschefs zogen es vor, das Virus zu ignorieren. Und dann gab es noch die Schweden, die die Pandemie sehenden Auges ohne einen Shutdown überstehen wollten. Darüber, ob ihnen das gelungen ist, sind die Ökonomen Stefan Homburg und Albrecht Ritschl unterschiedlicher Meinung.

Pro: Stefan Homburg

Stefan Homburg Prof. Dr. Stefan Homburg ist Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen an der Leibniz Universität Hannover. Er war Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen, des Rates für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung sowie der Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat.

Hauptargumente

Schweden widerlegt die These, ohne Lockdown wären die Corona-Sterbefälle explodiert. Genau diese Behauptung wurde in Deutschland aufgestellt, um nie gesehene Eingriffe in Grundrechte sowie ein weitgehendes Herunterfahren der Wirtschaft zu rechtfertigen. Zahllose Experten, darunter John Ioannidis von der Stanford Universität, hatten frühzeitig vor Überreaktionen gewarnt und der Lockdown-Politik ein Fiasko prognostiziert. Sie wurden kaum gehört.

Probleme

Dort, wo konzeptlose Politik Lockdowns implementierte, kam diese viel zu spät – der Wendepunkt der Infektionswelle war schon überschritten. Daher haben die Lockdowns immense materielle und immaterielle Schäden ausgelöst, ohne positive Wirkungen zu zeigen.

Empirie

Rückblickend (Stand 19. Mai) liegt Schweden bei den Corona-Sterbefällen pro Kopf der Bevölkerung zwischen den Niederlanden und Frankreich. Auf die genaue Position kommt es aber nicht an, sondern auf den qualitativen Gesichtspunkt, dass es in Schweden genau so wenig eine „Explosion“ der Fallzahlen gegeben hat wie anderswo. Allerorten stiegen die Fallzahlen zunächst und gingen später automatisch zurück.

Politikvorschläge

Wer Schweden nun mit Dänemark usw. vergleicht, betreibt irrelevante Erbsenzählerei. Eine vernünftige Politik reduziert nicht Sterblichkeiten um jeden Preis (dann müsste man auch den Autoverkehr verbieten), sondern sie vermeidet eine Überlastung des Gesundheitssystems. Das hat Schweden geschafft. Politik und Bevölkerung vertrauen einander, und die Psyche der Menschen ist intakt. Auch Südkorea und Taiwan haben auf Lockdowns verzichtet und waren erfolgreich.

Contra: Albrecht Ritschl

 Albrecht RitschlProf. Dr. Albrecht Ritschl ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics und Fellow am Centre for Economic Policy Research (CEPR). Er hat umfangreich zur deutschen Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert geforscht und ging früh davon aus, dass die Corona-Krise ähnliche Dimensionen annehmen wird wie die große Depression in den 1930er Jahren.

Hauptargumente

Das schwedische Modell wird überschätzt. Die Sterberaten sind hoch, die volkswirtschaftlichen Ergebnisse mittelmäßig. Ein bitterer Vorgeschmack auf eine mögliche zweite Welle ohne Lockdown.

Problem

Schweden profitiert von hervorragenden Randbedingungen: Isolierte geographische Lage, geringe Bevölkerungsdichte, strikter Lockdown bei den Nachbarn. Deutschland dagegen hat viele Landgrenzen. Eine schwedische Politik hätte hier zu italienischen Verhältnissen geführt.

Empirie

Schweden hat kumulativ 46 % der deutschen Corona-Todesfälle, aber nur 10 Millionen Einwohner. Das entspräche für Deutschland etwa 30.000 Todesfällen statt 7.900 oder knapp 1.050 pro Tag gegenüber 13 (Stichtag: 15. Mai). Wenn 70 % überleben und 10 Tage auf der Intensivstation sind, wäre das eine Belastung von grob 30.000 Betten auf der Intensivmedizin.

Politikvorschläge

Covid-19 trifft vor allem Ältere und chronisch Kranke. Wenn sich Jüngere deswegen nicht einsperren lassen, ist das individuell rational. Aber es ignoriert eine negative Externalität. In der Marktlösung wird zu wenig Schutz für Alte und Kranke bereitgestellt. Nochmal ein Lockdown ist kaum durchsetzbar. Bekommen wir keine intelligenten Lösungen mit geringeren volkswirtschaftlichen Kosten, wie etwa Tests und Tracking, droht eine zweite Welle. Von einer Herdenimmunität sind wir mit 2 % noch weit entfernt, die Schweden mit 7 % übrigens auch. Was tun? Bettenkapazitäten vorhalten, Covid auf kleiner Flamme weiterschwelen lassen und auf den Impfstoff warten. Und wenn der nicht kommt? Dann kriegen wir schwedische Verhältnisse.

Pro & Contra wurde zusammengestellt von Jörg Rieger, Würzburg. Es erscheint in Heft 7/2020 der Fachzeitschrift WiSt.

Blog-Beiträge zur “Corona-Kontroverse”:

Stefan Homburg: Zwei Entgegnungen

Jan Schnellenbach: Covid-19 und die Grenzen bivariater Korrelationsanalysen

Stefan Homburg: Lockdowns im internationalen Vergleich

2 Antworten auf „Pro&Contra
Das Schweden-Modell im Kampf gegen Covid-19?“

  1. Was man noch ergänzen könnte

    Ökonomische Zieldiskussionen beinhalten auch Werturteile, da sich bekanntlich über die sehr grundlegenden Dinge hinaus trefflich darüber streiten lässt, was staatlich angestrebt werden sollte. Konsensfähigkeit herzustellen ist insbesondere bei konkretisierten Zielen schwierig bis unmöglich bzw. politisch umstritten. Sicherlich nicht konsensfähig in Deutschland ist die derzeit die Position, dass sich die staatliche Politik bei der medizinischen Herausforderung weitgehend darauf beschränken solle, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

    Die beiden folgenden Zitate zeigen, dass es dazu auch im wissenschaftlichen Diskurs klar andere Auffassungen gibt und ebenfalls das Ziel der Vermeidung einer hohen Zahl an Toten durch schwere Covid-19 Verläufe als erstrebenswert angesehen werden kann: „Die Bundesregierung…hat kundgetan, dass sie zwei Ziele in diesem Zusammenhang verfolgt, das Ziel, eine ausreichende Versorgung des Krankenhaussystems zu garantieren sowie die Zahl der schweren tödlich verlaufenden Infektionsfälle zu minimieren“ (https://bernhard-külp.de/index_htm_files/lehren_pandomie.htm), schreibt etwa der emeritierte Freiburger Volkswirtschaftsprofessor Bernhard Külp. Im Ökonomenblog heißt es bei der Debatte des in diesem Zusammenhang oft diskutierten – vermeintlichen oder tatsächlichen – Konflikts zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Zielen von drei Volkswirten, „dass eine schlecht beratene Politik Gefahr läuft, in eine Lage zu geraten, „in der beides verfehlt wird: die Wiederherstellung einer funktionsfähigen Wirtschaft, die Wohlstand und Sicherheit produziert, sowie die Vermeidung hoher Covid-19 Todesfälle“ (https://www.oekonomenstimme.org/artikel/2020/06/sollen-wir-jetzt-die-krankenhaeuser-schliessen-zur-verhaeltnismaessigkeit-der-covid-19-massnahmen/).

    Die Effizienz der Erreichung der gesetzten Ziele durch den Einsatz eines adäquaten Instrumentariums und damit verbundene Nebenwirkungen sind hingegen andere Fragen, welche zusätzlich zu erörtern sind. Dazu stellt bekanntlich die Theorie der Wirtschaftspolitik in ihren verschiedenen Varianten ebenfalls hilfreiche Ansätze zur Verfügung. Dieser Theoriezweig der Ökonomik hat hierzulande in den letzten Jahrzehnten einen erheblichen Bedeutungsverlust erfahren. Mittlerweile scheinen selbst die Haupterkenntnisse von Walter Eucken, zentraler Kopf des Freiburger ökonomischen Ordoliberalismus, in der aktuellen Debatte recht wenig genutzt zu werden, obwohl sie auch heute noch einen wichtigen Beitrag leisten können (und etwa auch in der Debatte zum Euro auch sehr gerne von vielen deutschen Volkswirten verwendet werden).

    Zu Recht verweist der Londoner Wirtschaftsgeschichtsprofessor Albrecht Ritschl auf die hohe Bedeutung negativer externer Effekte bei der Ausbreitung des Coronavirus – ein Aspekt, der hierzulande anders als im englischsprachigen Raum (z.B. https://www.seppconsulting.com/post/the-coronavirus-externality-problem) erstaunlich wenig oder manchmal sogar gar keine Beachtung findet. Sehr gelungen fasst das Argument in Bezug auf einen anderen Zusammenhang ein 2013 in diesem Blog erschienener Beitrag zusammen. Nach diesem Prinzip
    „soll derjenige, der den potentiellen Nutzen hat, auch den potentiellen Schaden tragen. Salopp formuliert fordert Eucken, dass Handlung und Haftung zusammenfallen müssen. Dies zwingt Akteure dazu, sich genau zu überlegen, welche Risiken sie eingehen wollen. Eucken benötigt keine Kontrolle des Handelnden, denn die Anreize zu einem vorsichtigen und umsichtigen Handeln sind optimal gesetzt. Einer Kontrolle bedarf es nur dann, wenn der Handelnde nicht für den Schaden haftet.“ (http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=13806)

    Pointierter ausgedrückt: „Haftung sichert die Internalisierung der sozialen Kosten.“ (H. Siebert: Jenseits des Sozialen Marktes, München 2005, S. 50). Haftung ist aber dann sehr schwer sicherzustellen, wenn Schädiger bei Dritten im Nachhinein nicht hierfür herangezogen werden können, etwa weil ihnen häufig ihre eigene Infektion überhaupt nicht bekannt gewesen ist und zudem den Geschädigten sehr häufig auch die Schadensverursacher nicht bekannt sind.

    Wird das Haftungsprinzip außer Kraft gesetzt, können erhebliche Verwerfungen die Folge sein. Die nur appellierende Aufforderung zu eigenverantwortlichem Verhalten kann aufgrund der negativen externen Effekte bei Coronavirus-Infektionen jedenfalls nicht allein (neben der vom Staat abgesicherten Bereitstellung von ausreichend Intensivbetten) die Lösung sein, auch wenn dies bisweilen etwa von einigen wirtschaftsliberalen Politikern so vertreten wird. Zumindest wird ein solcher Eindruck erweckt. Denn bei den Maßnahmen zur Bekämpfung weiterer Infektionen geht es nicht zuletzt, sondern in erster Linie darum, andere vor Ansteckung zu schützen. Dies kann eigenverantwortliches Verhalten allein nur bedingt gewährleisten, wenn etwa Schäden bei Drittparteien durch (grob) fahrlässiges Verhalten der Schädiger keine (nennenswerten) Haftungsfolgen bei Letzteren zur Folge haben (welche sich z.B. über die Folgen ihres aus eigener Sicht für sich selbst vertretbaren Handelns für andere keine oder zu wenige Gedanken machen oder sogar ganz bewusst rücksichtslos sind).

    Richtig ist der mögliche Einwand, dass auch gutgemeinte Regeln nicht selten – zunächst unerwartete – unerwünschte (Neben-)Wirkungen mit sich bringen können (vgl. dazu sehr überzeugend: S. Hahn/H. Kliemt: Wirtschaft ohne Ethik?, Stuttgart 2017, S. 73 f.). Aber auch im Bereich des Autoverkehrs – um ebenfalls eine Analogie hierzu herzustellen wie bei obigem Pro- und Contra – hat man aufgrund der damit verbundenen negativen Externalitäten (von bisweilen fahrlässigem Verhalten) letztlich wohl alles in allem gemeinwohlförderliche Lösungen gefunden, die prinzipiell konsensfähig sein dürften. Und dies gerade dadurch, dass man gesellschaftlich bewusst ein Regelsystem geschaffen hat, welches dem Haftungsprinzip auch dann Geltung verschaffen soll, wenn Schädiger fahrlässig handeln und sich manchmal auch den Sanktionen für solches Fehlverhalten zu entziehen versuchen.

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