Gastbeitrag
Covid-19 und darüber hinaus
Unsicherheiten mithilfe von Was-Wäre-Wenn-Szenariotechniken reduzieren

Die Kritik im Umgang mit Covid-19 nimmt sowohl in der Bundesrepublik als auch in weiten Teilen der westlichen Welt zu. Dies betrifft verspätete Eindämmungsmaßnahmen genauso wie Verhältnismäßigkeit, Zeitpunkt und Dauer der Eingriffe in Grundrechte; vor allem aber auch die negativen wirtschaftlichen Folgen durch den vielerorts über Wochen angeordneten Shutdown. Augenfällig ist ein weit verbreitetes Unverständnis über Situationen und Entscheidungen bei Unsicherheit. Dabei steht die Politik aufgrund schwerwiegender Folgen ihrer Entscheidungen in der Pflicht, Unsicherheiten soweit wie möglich zu reduzieren. Im Zeitalter der Digitalisierung stellen hierzu IT-gestützte sogenannte Was-Wäre-Wenn-Szenariotechniken ein geeignetes Hilfsmittel dar. Eine der Lehren der Corona-Krise ist, dass sich Berater wie Entscheidungsträger zügig solchen Anwendungen öffnen sollten. Grundvoraussetzung zur Umsetzung ist allerdings eine ausgeprägte sogenannte Aktive Offenheit.

I.

„Präventionsparadoxon“ lautet eines der Schlagwörter zur Rechtfertigung der im Zusammenhang mit Covid-19 ergriffenen rigiden Eindämmungsmaßnahmen. Dies gilt insbesondere für den im März 2020 in der Bundesrepublik angeordneten Shutdown. Paradoxerweise, so die Behauptung, würde der Shutdown aufgrund des bisher ausgebliebenen, exorbitanten Anstiegs der Todesrate durch eine zunehmende Zahl von Bürgern infrage gestellt, obwohl doch eine eindeutige Beziehung zwischen der Maßnahme und der vergleichsweise niedrigen Sterberate bestünde (siehe u.a. hier, hier, hier und hier). Mithin handelt es sich hierbei um den Versuch, ex post den Shutdown in Umfang und Schwere als alternativlos darzustellen. Allerdings dient der Begriff des Präventionsparadoxons in der Infektions- bzw. Impfepidemiologie originär zur Beschreibung der langfristigen Reaktion auf evidenzbasierte medizinische Maßnahmen, so beispielsweise im Kontext flächendeckender Impfungen. Dort wird mithilfe des Präventionsparaxons das Phänomen umschrieben, dass die Bevölkerung im Laufe der Zeit die potentiellen Nebenwirkungen von Impfungen gegenüber deren Nutzen stärker gewichtet (siehe u.a. hier). Besteht jedoch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen einer Präventionsmaßnahme und deren Wirkung, läuft das Argument „Präventionsparadoxon“ zwangsläufig ins Leere. Tatsächlich ist im Fall Covid-19 eine signifikant positive Wirkung des in vielen Ländern angeordneten Shutdown auf den epidemiologischen Verlauf der Krankheit weiterhin umstritten bzw. lässt erheblichen Interpretationsspielraum (siehe u.a. hier, hier, hier, hier und hier). Darüber hinaus deuten erste Beiträge bereits auf signifikante negative Auswirkungen der rigiden Eindämmungsmaßnahmen auch im Hinblick auf die Gesundheit weiter Bevölkerungsschichten hin (siehe u.a. hier, hier und hier).

II.

Rechtfertigungsstrategien mithilfe von Argumenten wie denen des Präventionsparadoxons lassen ungewollt auf die tatsächliche Komplexität und vor allem die Unsicherheit bei den im Zusammenhang mit Covid-19 getroffenen Entscheidungen schließen: Komplexität aufgrund der schwer überschaubaren Vielzahl von Einflussfaktoren und Unsicherheit hinsichtlich der Abschätzung der Implikationen. Mithin verdeutlicht die Corona-Krise, inwiefern in einer vernetzten und mobilen Welt multiperspektivische Betrachtungen zur Entscheidungsfindung erforderlich sind. Erst eine angemessene Berücksichtigung der Vielzahl von Faktoren und ihrer Interaktionen können in einem systemischen Verständnis münden. Dies erfordert, Wissen über dynamische und emergente Entwicklungen sowie inhärente Zusammenhänge zu erlangen. Bei der Ausplanung komplexer militärischer Operationen begegnet man solchen Problematiken beispielsweise, indem man in den Planungsprozess zumindest sogenannte Red Teams mit unterschiedlichen Schwerpunkten zur Schwachstellenanalyse integriert. In Anbetracht derartiger Herausforderungen ist es erstaunlich, dass sich zu Beginn der Pandemie die Politik bei ihren Entscheidungen auf Hypothesen einer nur geringen Anzahl von Experten, vornehmlich aus den medizinischen Fachrichtungen “Virologie” und “Epidemiologie”, gestützt hat. Unabhängig hiervon ist festzustellen, dass Menschen, und somit natürlich auch politische Entscheidungsträger, Ereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit in der Regel zu hoch gewichten (siehe hier). Dieser psychologische Effekt mündet in zu großem Optimismus, Selbstüberschätzung in der Planungsphase bzw. Ausblenden eines möglichen Scheiterns von Strategien und stellt damit ein grundsätzliches Problem in Entscheidungsprozessen dar.

III.

Einen Weg aus der Unterkomplexitäts- und Planungsoptimismus-Falle bzw. eine Hilfe, Unsicherheiten zu reduzieren, bieten seit einigen Jahren IT-gestützte Simulationen in Form sogenannter Was-Wäre-Wenn-Szenarien. Hierbei werden komplexe Ursache-Wirkungszusammenhänge mit Rückkopplungen von Analytikern im Zuge einer Hypothese gestützten, iterativen Modellbildung und -verfeinerung entwickelt und von Computern berechnet. Entscheidender Vorteil dieser Szenarien ist es, dass sie eine Kombination naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Ansätze erlauben. Wie vielseitig derartige Ansätze sein können, vermittelt das Forschungsfeld der RAND Corporation (siehe hier und hier). Dabei geht es nicht darum, ein einziges passendes Modell zu kreieren. Vielmehr werden verschiedene, multikausale Modelle erstellt, getestet und weiterentwickelt. Dazu gehört insbesondere auch zu überprüfen, wie tauglich die Modelle in der Vergangenheit für Prognosen gewesen wären. Solche Verfahren gehen substanziell über die verbreitete Szenariotechnik hinaus, mit der als reiner Kreativitätstechnik verschiedene Zukunftszustände erdacht werden. Ein Beispiel ist die Verwendung von Bayesschen Modellen oder Netzen, die sehr gut für stark von Unsicherheit geprägten Situationen geeignet sind (siehe u.a. hier). Solche IT-gestützten Simulationen erlauben Auswege aus der naturgemäß fehleranfälligen Konzentration auf die unmittelbaren, sichtbaren und beabsichtigten Ursache-Wirkungszusammenhänge bzw. aus der Vernachlässigung schwer erkennbarer, teils kontra-intuitiver langfristiger Folgen (siehe u.a. hier). Zugleich ermöglichen sie die Formulierung und Bewertung alternativer Szenarien im Umgang mit Krisen und deren Auswirkungen und bieten damit bewertbare Handlungsoptionen für politische Entscheidungen. So ließen sich im konkreten Corona-Fall die Vor- und Nachteile beispielsweise folgender alternativer Vorgehensweisen ex ante gegeneinander abwägen und fortlaufend überprüfen:

  1. Die aktive, gezielte Strategie der Identifikation und des Monitoring von Risikogruppen bzw. Risiko-Einzelfällen und deren Versorgung.
  2. Die passive, flächendeckende Strategie eines Shutdown der Wirtschaft sowie allgemeiner Kontaktbeschränkungen.

IV.

Eine der Lehren der Corona-Krise ist, dass sich Berater wie Entscheidungsträger zügig solchen Verfahren und Anwendungen öffnen sollten (Anmerkung: Ein Beispiel, das zumindest ansatzweise in eine solche Richtung geht, sind die kombinierten Szenarien-Rechnungen des ifo-Instituts und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (siehe hier)). Grundvoraussetzung ist allerdings, dass sowohl Berater als auch politische Entscheidungsträger eine ausgeprägte sogenannte Aktive Offenheit mitbringen. Für Entscheidungsträger bedeutet dies, sich offen für unterschiedliche Beratungen zu zeigen. Für Berater bzw. Analytiker, dass sie eigene Überzeugungen als Hypothesen verstehen. Der Grad Aktiver Offenheit hängt in der Entscheidungspsychologie davon ab, inwieweit Entscheidungsträger und Berater Fragen und Fakten berücksichtigen, die der herrschenden Überzeugung widersprechen. Ferner sollten sie die Bereitschaft besitzen, Menschen zuzuhören, die andere Auffassungen vertreten. Wichtig ist zudem, dass Berater wie Entscheidungsträger Intuitionen zurückstellen können und nicht an Überzeugungen festhalten, wenn diese durch neue Informationen infrage gestellt werden (siehe hier).

V.

Die Nutzung von Schlagwörtern in der Corona-Krise zur Attribuierung von Kritik auch in Wissenschaftskreisen, wie beispielsweise die des Präventionsparadoxons, lässt derzeit nur schwerlich die Bereitschaft zur Aktiven Offenheit erkennen. Dies ist vor dem Hintergrund der weitreichenden Möglichkeiten, die sich aus den Anwendungen neuartiger Was-Wäre-Wenn-Szenariotechniken insbesondere zur Bewältigung von Krisensituationen eröffnen, umso bedauerlicher.

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