Immunitätszertifikate (1)
Zertifizierte Corona-Immunität als Ressource

Pandemien und die Reaktionen auf Pandemien verstärken das allgemeine Knappheitsproblem in der Gesellschaft. Mit der Ausbreitung von Covid-19 wächst jedoch eine Ressource zur Bewältigung der Krise. Diese Ressource sind die Corona-Immunen. Diese Ressource kann eingesetzt werden. Dafür muss sie gesucht, gefunden und zertifiziert werden.

Corona-Immunität als Ressource

Die Genesungswahrscheinlichkeit von COVID-19 ist für viele Menschen sehr hoch, insbesondere für jüngere ohne Vorerkrankungen. Vorerkrankungen korrelieren mit dem Alter. Bei vielen Menschen treten keine oder nahezu keine Krankheitssymptome auf. Wer die Krankheit abgewehrt hat, hat gewisse Abwehrkräfte entwickelt. Aktuelle Evidenz medizinischer Forschung legt nahe, dass nachgewiesene Antikörper zu einer gewissen Immunität gegen die Krankheit führen.

Immunität ist eine wertvolle Ressource im Kampf gegen Corona. Im Gegensatz zu vielen anderen Ressourcen wächst diese Ressource über die Zeit mit der steigenden Zahl der wiedergenesenen Erkrankten. Immune Menschen können als „geimpft“ betrachtet werden.

Ganz so wie es auch nach einer zukünftigen Sars-Cov-2-Impfung der Fall sein wird, können Immune unter Hinnahme eines gewissen Restrisikos für alle Tätigkeiten eingesetzt werden. Allen ihren sozialen Kontakten könnten sie wie gewohnt nachgehen. Ihr beruflicher oder freiwilliger Einsatz in der Alten- und Krankenpflege ist ohne Gefährdung der besonders anfälligen Menschen möglich, und zwar ohne drastische Sicherheitsmaßnahmen. Der umfassende, professionelle und freiwillige Einsatz der Immunen ist aus volksgesundheitlicher, volkswirtschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Perspektive sinnvoll. Auch für die innerfamiliäre Pflege und innerfamiliären Umgang mit Risikogruppen ist der Status der Immunität der Personen von Bedeutung. Falls die gegenwärtigen Anti-Corona-Lockerungen keine neue Infektionswelle bringen, würden immune Menschen zur vollständigen Re- Etablierung des europäischen sowie internationalen Handel und Personenverkehr hilfreich sein. Wenn die Lockerungen zu einer zweiten Infektionswelle führen sollten oder die Einschränkungen der wirtschaftlichen und persönlichen Freiheiten zur Verhinderung weiterer Wellen wieder verschärft werden müssten, ist es erst recht wichtig, möglichst viele Immune zu haben, die von einem erneuten Lockdown ausgenommen werden können und so den „Notbetrieb“ stärken und verbessern können.

Um ihre Leistungskraft für sich selbst und für andere voll zu nutzen, müssen Immune sich wieder völlig frei bewegen können. Dafür müssen sie zum einen selbst wissen, dass sie weitgehend immun sind, und die anderen Menschen sollten sie möglichst eindeutig von Nicht- Immunen unterscheiden können. Deshalb brauchen sie ein datiertes Immunitätszertifikat, das auch die Grundlage zur Bestimmung der Immunität festhält. Dieses Immunitätszertifikat kann als eine Art „Impfbuch“ (im Englischen wird dieses als „International Certificates of Vaccination“ bezeichnet) betrachtet werden. Die Ausstellung von Immunitätszertifikaten erfordert kein weltweites gemeinsames Handeln. Einzelne Gebietskörperschaften wie Bundesländer oder autonome Regionen könnten selbständig Immunitätszertifikate ausstellen, aber auch NGOs und private Unternehmungen. Besonders interessant könnte die Ausstellung von Immunitätszertifikaten für gut organisierte Kleinstaaten sein. Sie könnten sie nicht nur für ihre getesteten und immunen Bürger ausstellen, sondern auch für Ausländer.

Wie andere wertvolle Ressourcen müssen Corona-Immune intensiv gesucht werden. Dazu braucht neben der Information über bestätigte Erkrankte und Genesene auch breit angelegte serologische Tests. Moderne Tests auf Antikörper können als nahezu sicher gelten, d.h. sie verfügen über eine hohe Spezifizität und Sensitivität ( alpha- und beta- Fehler sind gering).

Das Finden von bereits immunen Personen wird durch Immunitätszertifikate erleichtert. Wer zertifiziert immun ist, muss nicht nur weniger Angst vor Corona haben, sondern kann wieder einem normaleren Leben nachgehen – im Umgang mit anderen Menschen, mit spezifischen Risikogruppen und bei Reisen.

Immune als Ressource zu verstehen, erlaubt einen produktiv-kreativen Perspektivenwechsel. Bis es entweder sehr effektive Behandlungen oder Impfungen oder eine durch Impfung erzeugte Herdenimmunität gibt, können die bereits Immunen einen entscheidenden Beitrag zum Kampf gegen Corona leisten. Das gilt insbesondere für Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegewesen, für Branchen mit engem persönlichem Kontakt zwischen Mitarbeitern und Kunden, und für national und international Reisende – also für viele und wichtige Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft.

Sicherheitsanforderungen für Immunität und Zertifikate

Unsicherheit bezüglich Immunität

In der Corona-Krise gibt es nach wie vor Unsicherheiten hinsichtlich vieler wichtiger Größen. Derzeit ist davon auszugehen, dass Immunität sehr wahrscheinlich ist. Die Erfahrung mit ähnlichen Viruserkrankungen sprechen dafür, dass Genesene grundsätzlich über eine gewisse Immunität verfügen. Unsicherheiten bezüglich Immunität herrschen insbesondere über deren Dauer, deren genaue Stärke und die Streuung dieser Merkmale über die Genesenen hinweg. Wie auch bei den vielleicht dereinst verfügbaren Impfungen gegen Covid-19 wird bei durch Genesung bedingter Immunität gelten, dass es keinen 100%-Schutz vor einer (Neu)infektion gibt. Wer für Immunität, gleich ob genesungs- oder impfbedingt, absolute Sicherheit verlang, verlangt Unmögliches. Das Robert-Koch-Institut geht in seinen Empfehlungen zum Umgang mit Kontaktpersonen, die im engen Kontakt zu Infizierten standen ebenfalls implizit von einer gewissen Immunität aus, denn es notiert, dass für eine von Covid-19 genesene Person keine Quarantäne erforderlich wäre, sondern ein Selbstmonitoring genüge. Selbst wenn Immunität nicht vollständig sein sollte, ist es z.B. im Gesundheits- und Pflegewesen vorteilhafter, auf Personen mit teilweiser Immunität zu setzen, als auf solche ohne jegliche Immunität.

Anforderungen an Immunitätszertifikate

International und auch von der WHO wird der Begriff „Immunitätspass“ in der Diskussion verwendet. Der Begriff „Immunitätszertifikate“ fällt weniger häufig. Obgleich Ausweise, Pässe und Zertifikate teils als Synonym verwendet werden können, gibt es Unterschiede.

Immunitätszertifikate sind eine Art Qualitäts- oder Sicherheitssignal. Sie tragen ein Ausstellungsdatum, bezeichnen die ausstellende Instanz und bilden die Summe der verfügbaren Information hinsichtlich Qualitätsniveau und Dauerhaftigkeit der Immunität übersichtlich ab. Zertifikate sollten möglichst die Grundlage zur Feststellung der Immunität nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft dokumentieren.

Zertifikate dienen dem Umgang mit Unsicherheit. All die Lebensmittel-, Universitäts-, und Berufszertifikate sagen nicht mit absoluter Sicherheit, dass die zertifizierten Lebensmittel, Universitätsabgängerinnen und Handwerksmeisterin garantiert und ewig fähig sind. Es ist nur viel wahrscheinlicher, dass sie wenigstens für eine gewisse Zeit besser als irgendwelche nicht- zertifizierten Angebote sind. Das würde auch für Immunitätszertifikate gelten. Ein Zertifikat kann als Ausweis oder als Pass dienen, aber ist zuallererst ein Signal und Informationsträger.

Die Zwecke von Immunitätstests sind vielfältig, weil die Sicherheitsanforderungen etwa in der Pflege von Risikopersonen, in Berufen mit nahem Kontakt mit Nicht-Risikopersonen, oder bei Auslandreisen ganz unterschiedlich sind. Entsprechend lohnt sich auch ein unterschiedlicher Aufwand beim Nachweis der Immunität, etwa durch nur einzelne Tests oder ganze Kaskaden unterschiedlicher Virus- und Antikörpertests oder gar Dokumentation von Krankheitssymptomen und Genesung. Damit wird die Zertifizierung selbst zur komplexen Aufgabe. Entsprechend könnte es in Zukunft unterschiedliche Zertifikate und Wettbewerb zwischen den Zertifikate-Anbietern geben. Dies bedeutet, dass nicht nur staatliche Institutionen Immunitätszertifikate ausstellen sollten. Besser wäre die staatliche Zertifizierung von Immunitätszertifikatsanbietern, seien es Ärzte, Labore, spezialisierte Firmen oder NGOs. Zwischen vertrauenswürdigen Staaten untereinander sollten Zertifikate ebenfalls – ähnlich dem Cassis-de-Dijon Prinzip – anerkannt werden.

Ungleichheit, Verhältnismäßigkeit und Gegenargumente

Ungleichheit durch Zertifikate?

Die Besitzer von Immunitätszertifikaten haben einen Vorteil gegenüber denen ohne Immunität bzw. denen ohne glaubwürdig nachgewiesene Immunität. Der Vorteil mag ebenso unverdient sein wie ein besonderes Talent oder eine gute Ausbildung dank großzügigen Eltern. Deshalb ist die Gefahr groß, dass Immunitätszertifikate auch aus Neid abgelehnt werden. Neid ist aber bekanntlich kein guter Ratgeber. So oder so gilt, dass Immunität ein Aspekt in der Lotterie des Lebens ist. Sie ist aber nur ein vergängliches Glück. Sobald es einen Impfstoff oder auch nur ein wirksames Medikament gibt, ist der Gewinn dahin. Also anders als bei Talenten oder Ausbildungen zumeist der Fall, wird ein Immunitätszertifikat kein bleibender Gewinn sein.

Mit dem Zertifikat zeitweilig verbundene monetäre Vorteile könnte man – sollte aber aus unserer Sicht nicht – durch eine spezielle Abgabe teilweise abschöpfen und dann umverteilen. Von der erhöhten Einsatzfähigkeit von immunitätszertifizierten Personen profitieren alle: direkt durch ihre Arbeitsleistung, und indirekt über die ganz normale Besteuerung von Einkommen. Darüber hinaus profitiert die Gesellschaft dadurch, dass jeder weitere Immune mit dazu beiträgt, dass sich die Krankheit weniger schnell ausbreiten kann.

Von der Krankheit Genesene waren teilweise über Wochen krank, haben gelitten und könnten unter Umständen gesundheitliche Folgeschäden haben. Aus dieser Sicht kompensieren Immunitätszertifikate einen erlittenen Nachteil und tragen damit sogar zu einer Reduktion von Ungleichheit bei.

Verhältnismäßigkeit spricht für Immunitätszertifikate

Ein zentraler rechtlicher Grundsatz ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Für Immune sind Freiheitsbeschränkungen nicht erforderlich. Es ist schwer zu sehen, wie weitreichende Freiheitsbeschränkungen unter Verhältnismäßigkeitsgesichtspunkten gegenüber Immunen begründet werden können. Immunitätszertifikate würden klären, wer unter Verhältnismäßigkeitsgesichtspunkten von bestimmten Freiheitseinschränkungen auszunehmen wäre. Darüber hinaus wird man es in einer freiheitlichen Gesellschaft niemandem versagen wollen, sich durch Testung Klarheit über seinen eigenen Immunitätsstatus zu schaffen.

Wer angesichts dieser Aussichten versucht, Bürgern den individuellen Zugang zu verlässlichen Immunitätstests zu verbieten oder faktisch unmöglich zu machen, dürfte eine Freiheitsbeschränkung planen, die nach Art und Umfang noch über die Unverhältnismäßigkeit der Einschränkungen für Immune hinausgeht.

Ebenso wäre es eine unverhältnismäßige Freiheitsbeschränkung, Immunen zu verbieten über ihre Immunität zu reden und ihre Rede mit schriftlichen Dokumenten – oder eben einer formalisierten Darlegung ihrer Immunität in Form eines Immunitätszertifikates – zu belegen.

Wer datenschutzrechtliche Einwände äußert, möge bedenken, dass Einschränkungen des Datenschutzes in vielen anderen Lebensbereichen hingenommen werden. So müssen Gesundheitsinformationen zum Beispiel bei der Einreise in fremde Länder oder bei Abschluss von Versicherungsverträgen preisgegeben werden.

Hinfällige Gegenargumente

Teils wird behauptet, die serologischen Testkapazitäten wären zu gering. Dies wurde anfänglich bei den PCR-Tests (Tests für die akute Infektion) behauptet, genauso wie hinsichtlich der Verfügbarkeit von Beatmungsgeräten, Masken, etc. Kurzfristig mögen die Produktionskapazitäten gering sein. Die Ausweitung der Kapazität für serologische Tests hängt primär von der Zahlungsbereitschaft für diese Tests im Vergleich zu den Produktionskosten ab. Entscheidend ist, dass die monetären Kosten der Tests im Vergleich mit dem Nutzen der Immunen und der Zertifizierung klein sind. Die effektive Produktion, Bereitstellung und Durchführung von Tests ist eine lösbare Managementaufgabe. Unternehmen versorgen uns täglich mit viel komplexeren Produkten als Immunitätstests.

Manche Kritiker würden lieber auf eine Impfung warten. Allerdings wäre gerade auch bei einer Impfung ein Immunitätszertifikat zentral. Bei durchgeführten Impfung ist es eine Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit, dass sie zertifiziert werden. Wie schnell sich eine Impfung wirklich abzeichnet ist noch unklar. Bis dahin kann auf die von Covid-19 Genesenen gesetzt werden.

Zuletzt fürchten manche den Anreiz einer bewussten Ansteckung aufgrund von Immunitätszertifikaten. Eine bewusste Ansteckung spricht nicht gegen Immunitätszertifikate – ganz im Gegenteil. Es zeigt, wie dramatisch die jetzige Situation ist und das gehandelt werden muss. In vielen Bereichen riskieren Menschen ihre Gesundheit und ihr Leben (z.B. im Tunnelbau oder bei Extremsportarten, aber auch in vielen Bereichen der Medizin, etwa in Kriegsgebieten oder Entwicklungsländern), um das Leben anderer zu retten und erleichtern oder auch bloß um sie zu unterhalten. Immunität hat unabhängig von staatlicher Zertifizierung einen privaten Wert und eine fehlende anerkannte Zertifizierung bedeutet keinesfalls, dass Immunität nicht relevant werden würde. Daher ist es besser, Immunitätszertifikate durch eine aktive und positive Zusammenarbeit der Behörden zu ermöglichen, statt eine wilde und ungeregelte Selbstinfektion zu riskieren.

Hinweis: Eine längere Diskussion zu Immunitätszertifikaten und Corona-Immunität als Ressource erscheint in der Fachzeitschrift  WiSt-Wirtschaftswissenschaftliches  Studium.

Reiner Eichenberger, Rainer Hegselmann und David Stadelmann

Reiner Eichenberger, Rainer Hegselmann und David Stadelmann

Universität Freiburg (Schweiz)
School of Finance & Management, Frankfurt
Universität Bayreuth
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