Gastbeitrag
Verhältnismäßigkeit in der Pandemie: Geht das?
Corona, Lockdown und verlorene Lebensjahre

Das Jahr 2020 scheint in vieler Hinsicht Rekorde zu schreiben: Fast 9.000 Todesopfer sind in Folge der Covid-19-Pandemie alleine in Deutschland zu verzeichnen. Insgesamt wurde Deutschland allerdings weitaus weniger stark getroffen als beispielsweise Italien oder Spanien, obwohl die Bundesregierung hinsichtlich der Isolationsmaßnahmen und des ökonomischen „Lockdowns“ deutlich moderatere Wege eingeschlagen hat als viele andere Länder der westlichen Welt. Nur die schwedische Regierung ist noch moderater gefahren, und verfolgte eine auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhenden Laissez-faire-Strategie. Liegt in der schwedischen Vorgehensweise eine Alternative und hätte eine viermal höhere Sterblichkeit wie in Schweden billigend in Kauf genommen werden sollen? Unabhängig vom Grad der verhängten Isolationsmaßnahmen sind die wirtschaftlichen Aktivitäten durch den Ausfall der globalisierten Wertschöpfungsketten überall zum Stillstand gekommen, wodurch 2020 das Jahr mit dem stärksten Konjunktureinbruch seit dem schwarzen Freitag in 1929 werden kann. Die Staatsverschuldung vieler Länder wird in astronomische Größenordnungen katapultiert und zukünftige Steuer- und Beitragszahler werden die Lasten zu schultern haben. Ob sich der finanzielle Aufwand tatsächlich „gelohnt“ hat wird nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert, zumal doch in erheblichem Maße „Menschenleben gerettet“ worden sind.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Im Gegensatz zur oft geäußerten Meinung ist es faktisch leider keiner Regierung der Welt möglich „Menschenleben zu retten“. Mit hundertprozentiger Sicherheit ist das Leben statistisch gesehen ein endlicher Prozess, der durch effizientes gesundheitspolitisches Handeln verlängert oder durch ein gegenteiliges verkürzt werden kann. Gesundheitsökonomen wie auch Mediziner beurteilen seit jeher beispielsweise neue Behandlungsmethoden, indem sie die dadurch gewonnenen Lebensjahre den entsprechenden Kosten gegenüberstellen – dies ist weltweit gängige Praxis. Dieser Ansatz birgt natürlich ein ethisches Problem, das in der moralisch aufgeheizten Debatte zurzeit zum Totschlagargument wird. Die monetäre Bewertung von Leben – so oft sie auch implizit vorgenommen wird – ist explizit zum Tabu geworden. Um diesen Weg in den „Morast der Moral“ zu umgehen, soll im Folgenden allein die Frage der Verhältnismäßigkeit der Corona Maßnahmen diskutiert werden.

Zum einen haben die Maßnahmen den Tod vieler Menschen verzögert und damit Lebensjahre bewahrt, die ansonsten verloren gegangen wären. Zum anderen hat aber die politisch verordnete ökonomische Vollbremsung den ansonsten zu erwartenden Anstieg der zukünftigen Lebenserwartung aller Menschen mindestens gebremst, wenn nicht gar in sein Gegenteil verkehrt. Zur Beurteilung des Gesamteffektes müssen die gewonnenen Lebensjahre den verlorenen Lebensjahren gegenübergestellt werden. Nur so kann man unter Umgehung der moralischen Dimension zu einer umfassenden Gesamtbewertung der politischen Maßnahmen gelangen.

Sicher ist, dass ohne die politischen Entscheidungen der Bundesregierung im Frühjahr 2020 deutlich mehr Tote durch den Covid-19-Virus zu verzeichnen gewesen wären. Bei einer Laissez-faire-Strategie nach schwedischem Vorbild, wären unter pessimistischen Annahmen mit zusätzlich etwa 80.000 Toten zu rechnen gewesen. Tatsächlich hatten mehr als 95 Prozent der Todesfälle ein Alter von 60+ erreicht; die wirkliche Risikogruppe waren offensichtlich alte Menschen – insbesondere die sogenannten ältesten Alten (75+). Der durchschnittliche Todesfall war mithin 81 Jahre alt, wobei die irrelevante Diskussion der todesursächlichen Wirkung des Covid-19-Virus ausgespart bleiben soll. Wichtig in diesem Zusammenhang ist allein die Frage der ferneren Lebenserwartung, die jene gehabt hätten, wären sie eben nicht „an oder mit“ dem Virus gestorben. Für einen durchschnittlichen an Covid-19 Verstorbenen 81-Jährigen liegt dieser Wert laut Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes gegenwärtig bei 9,2 Jahren. Werden die bereits im Vorfeld weit überdurchschnittlichen Vorerkrankungen der Corona-Opfer berücksichtigt, so liegt die ferne Lebenserwartung der betreffenden Personen nur bei 2,9 Jahren (Hanlon et al. 2020).

Eine erste Bilanz der Corona-Maßnahmen spricht eindeutig für den deutschen bzw. weltweit eingeschlagenen Weg des Lockdown. Wäre die schwedische Laissez-faire-Strategie eingeschlagen worden, wären unter Berücksichtigung der Vorerkrankungen 178.431 Lebensjahre zusätzlich verloren gegangen. Wird der Effekt der Vorerkrankungen negiert, so läge die Zahl bei 556.624 Lebensjahren. Offensichtlich war bzw. ist der schwedische Weg keine vernünftige Alternative und das Ergebnis scheint den fast überall in der Welt mehr oder weniger früh eingeschlagenen Weg als richtige Antwort auf die Pandemie zu legitimieren. Allerdings ist die erste Bilanz vorschnell und unter Nichtberücksichtigung der mit der Therapie unmittelbar verknüpften Nebenwirkungen gemacht.

Die Konsequenz der weltweit eingeschlagenen Corona-Maßnahmen ist eine historisch beispiellose ökonomische Vollbremsung, die das Ende eines lang andauernden realen Wirtschaftswachstums markiert. Wachstum und allgemeiner technischer Fortschritt sind allerdings auch Vorbedingung für den medizinisch-technischen Fortschritt. Durch den medizinisch-technischen Fortschritt, der aus Wachstum gespeist wird, gewinnen die westlichen Industrienationen im Durchschnitt von Generation zu Generation mehr als fünf Jahre an Lebenserwartung. In Deutschland ist die langfristige Korrelation zwischen Lebenserwartung und realem BIP Wachstum für die statistische erfasste Nachkriegszeit außerordentlich signifikant. Wird das reale BIP-Wachstum pro-Kopf auf die Lebenserwartung regressiert, so zeigt sich, dass eine Erhöhung des realen BIP pro Kopf um 1 Prozent die Lebenserwartung ceteris paribus um 0,085 Prozent ansteigen lässt – das entspricht etwa 0,9 Monaten (= 27 Tage) Sicher ist, dass diese Korrelation noch keine Kausalität widerspiegelt und sicher ist auch, dass monokausale Erklärungen mit Vorsicht zu interpretieren sind. Geht man allerdings – wie die Bundesregierung – von einem Wirtschaftseinbruch von 6,3 Prozent aus und unterstellt ferner, dass dies nicht nur ein negativer konjunktureller Schock ist, der in Zukunft wieder aufgeholt wird, so bedeutet dies einen Verlust an zusätzlicher Lebenserwartung von mehr als fünf Monaten. Bezogen auf die derzeitige Bevölkerung bedeutet dies wiederum, dass der ökonomische Wachstumseinbruch durch die Corona-Maßnahmen über 37 Millionen verlorene Lebensjahre induzieren wird. Unterstellt man in einem extrem optimistischen Konjunktureinbruchsszenario, dass die ökonomische Vollbremsung die Lebenserwartung nur um zwei Wochen reduziert, so wären langfristig 3,8 Millionen Lebensjahre verloren. Es gilt also abzuwägen zwischen 3,8 und 38 Millionen langfristig für alle verlorene Lebensjahre gegenüber minimal 178.431 und maximal 556.624 gewonnenen Lebensjahren der Jahrgänge 1960 und älter. Insgesamt kostet der politisch induzierte Wachstumseinbruch mithin deutlich mehr an Lebenserwartung als unter dem Strich bewahrt werden konnte. Verlierer ist dabei jeder, die Jungen mehr, die Alten weniger und das Prinzip der Verhältnismäßigkeit ist mitnichten gewahrt worden.

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Allerdings stellt sich natürlich die Frage, ob die Reaktion der Bundesregierung nicht alternativlos gewesen ist, zumal sie selbst durch eine Laissez-faire-Strategie den Wirtschaftseinbruch – ebenso wenig wie die schwedische Regierung – quasi im Alleingang hätte vermeiden können. Die weltweite Reaktion auf die Covid-19-Pandemie war durch Panik und Hysterie geprägt. Derartige Überreaktionen sind polit-ökonomisch im Rahmen einer „Mediendemokratie“ westlicher Prägung leicht zu erklären. Keine Regierung hat bewusst Fehler gemacht, aber alle haben die Hysterie einer bereits erheblich gealterten Bevölkerung mit einem etwa 55-jährigen Medianwähler sehr ernst genommen. Zu wenig zu handeln war keine politische Option – populäre Entscheidungen müssen über das soziale Optimum hinausgehen. Und damit war eine dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit genügende Laissez-faire-Strategie à la Schweden eigentlich auch nicht zielführend gewesen – zumindest dann nicht, wenn nicht alle Staaten gemeinsam dieser Strategie gefolgt wären. Nur ein koordiniertes Vorgehen weltweit – oder zumindest eine Koordination in den wirtschaftlich intensiv verflochtenen Ökonomien – hätte einen deutlichen Wohlfahrtsgewinn gegenüber der jetzigen Situation für alle ergeben können- ein klassisches Gefangenendilemma. Nur ist man hinterher immer schlauer und die richtige Antwort auf die Corona-Pandemie verbleibt nicht nur fiktiv, sondern auch obsolet: Es braucht keine Suche nach den Schuldigen für Dinge, die man ohnehin nicht mehr ändern kann. Allerdings müssen wir uns für die Zukunft rüsten um auf die zweite Welle von Covid-19 oder auch auf Covid-21, 25 etc. vorbereitet zu sein. Und dies erfordert zur Abwehr einer Pandemie ohnehin eine international koordinierte Strategie – Viren kennen keine Grenzen und was für die einzelne Regierung alternativlos erscheint, kann für die Gesamtheit im internationalen Kontext schlicht ein unverhältnismäßiges Resultat erzeugen.

Hinweis: Eine ausführlichere Diskussion über die Auswirkungen eines Lockdowns erscheint in der Fachzeitschrift WiSt-Wirtschaftswissenschaftliches Studium.

Blog-Beiträge zur “Corona-Kontroverse”:

Stefan Homburg contra Albrecht Ritschl: Das Schweden-Modell im Kampf gegen Covid-19?

Stefan Homburg: Zwei Entgegnungen

Jan Schnellenbach: Covid-19 und die Grenzen bivariater Korrelationsanalysen

Stefan Homburg: Lockdowns im internationalen Vergleich

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