Onkel Doktor spricht über Covid-19

Seit Beginn der Covid-19 Epidemie häufen sich insbesondere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Auftritte nicht nur von “Doctores”, sondern auch von Wissenschaftlern aus dem medizinischen Bereich. Das ist an sich zu begrüßen. Weniger erfreulich ist es, dass die Wissenschaftler nicht bei ihrem wissenschaftlichen Leisten bleiben. Sie unterscheiden nicht hinreichend zwischen einer Auskunft über wissenschaftliche Ergebnisse und einer Auskunft darüber, welche praktischen Konsequenzen aus solchen Ergebnissen (bzw. deren Fehlen) zu ziehen sind.

Es ist für jeden einzelnen Wissenschaftler verführerisch und auch in einem gewissen Rahmen legitim, dje je eigenen Wertauffassungen einem größeren Publikum mitzuteilen. In Sorge um das Kollektivgut der Vertrauenswürdigkeit von Wissenschaftlerauskünften über den Stand der Wissenschaft ist aber stets zu betonen, daß Wissenschaftlermeinungen zu Wertfragen nur Meinungen sind.

Die Auskunft eines Wissenschaftlers über wissenschaftliche Ergebnisse und deren Evidenzgrad ist etwas ganz anderes als die Auskunft darüber, welche Schlüsse der Wissenschaftler daraus für praktisches Handeln zieht. Von Wissenschaftlern sollten Mit-Wissenschaftler und Mit-Bürger erwarten, dass sie diesen Unterschied immer betonen und kritisieren, wenn sie sich nicht so verhalten. Stilisierte Beispiele illustrieren, worum es geht.

1. FEI (Frage eines Interviewers): Soll es eine allgemeine Maskenpflicht geben?

Die typische Antwort des befragten Mediziners besteht in einer Befürwortung oder Ablehnung der Maskenpflicht. Er befriedigt damit die “Nachfrage” der Medien und der Politik nach Werturteilen. Nachfrage induziert Angebot, aber in diesem Falle keine Auskunft über den Stand des Wissens, sondern nur über die Politikpräferenzen des befragten Mediziners.

Die Meinungsäußerung eines einzelnen Bürgers, der sich von anderen durch einen höheren Informationsstand unterscheidet, ist durchaus von einem gewissen Interesse. Aber auch mit dem besten Informationsstand kann der befragte Wissenschaftler mit wissenschaftlicher Rechtfertigung nichts dazu sagen, wie Kosten und Nutzen der Maßnahme “Maskenpflicht” gegeneinander abzuwägen sind. Zu dieser Frage gibt es keine wissenschaftlichen Ergebnisse, weil es keine wissenschaftliche Frage ist. Und genau das sollte ein Wissenschaftler, der etwas auf sich hält, klarstellen. Nachdem er das getan hat, steht es ihm frei, seine informierten Werturteile zu äußern.

Ideal wäre es, darüber zu informieren, ob und ggf. welche empirischen Ergebnisse zu den voraussichtlichen Folgen der allgemeinen Maskenpflicht gegenüber dem Fehlen einer solchen Pflicht existieren. Die Angabe der Anzahl voraussichtlich geretteter Lebensjahre und Informationen darüber, wie sich diese Maßzahl von der Anzahl geretteter Leben unterscheidet etc. wären von Interesse.

Wenn es keine wissenschaftlichen Ergebnisse mit einem gewissen Evidenzgrad gibt, dann gehört es zur Aufklärungspflicht eines seriösen Wissenschaftlers gegenüber der Öffentlichkeit, nachdrücklich auf das Fehlen entsprechenden Wissens hinzuweisen. Es gehört zu den genuinen Pflichten, deren Erfüllung die “Berufsethik” von der Außendarstellung der Wissenschaft(ler) verlangt, dass sie die Grenzen des Wissens betonen. Auch wenn die Pressetanten und -onkel der Universitäten sie nur zu gern auf dem Medienstrich sehen, sollten Wissenschaftler diesen nur unter der Bedingung beschreiten, dass sie ihre wissenschaftliche Integrität dabei wahren können.

2. FEI: Sollen die Kindergärten und Schulen geöffnet bleiben Herr Lauterbach?

Der in seinem anderen Leben als Wissenschaftler tätige Karl Lauterbach hat bereits bevor die erste Covid-19 Welle richtig Fahrt aufnahm, mit Nachdruck gefordert, die KITAS geschlossen zu halten. Als politische Meinung eines relevanten Politikers war die Äußerung dieser Auffassung von Herrn Lauterbach nicht nur legitim, sondern hatte auch politisches Gewicht. Es bleibt aber dabei, dass die Abwägungsfrage, ob die zusätzliche Gefährdung statistischer Leben etwa in Altenheimen so gewichtig ist, dass sie die Interessen der Kinder, ihrer Eltern und anderer Gesellschaftsglieder überwiegt, keine wissenschaftliche Frage ist. Als Wissenschaftler hätte Lauterbach das betonen müssen, obwohl er als Politiker eine bessere Entschuldigung als andere Mediziner für seinen Verstoß hat.

Wissenschaftlich beantwortbar sind nur Fragen danach, wie hoch etwa die “Übersterblichkeit” ist, die ceteris paribus vermutlich vermieden werden kann, wenn KITAS geschlossen bleiben. Lauterbach war auf einem richtigen Weg, als er auf Erfahrungen mit der Ausbreitung von Grippewellen durch und in KITAS hinwies und darauf gestützt Vermutungen zu den Folgen alternativer Vorgehensweisen andeutete. Er war auf dem Holzweg, insoweit er suggerierte, dass die Abwägung zwischen alternativen Vorgehensweisen eine wissenschaftliche und keine politisch-ethische Frage sei.

3. FEI: Soll man Covid-19 Impfungen nach grober Vorprüfung vorzeitig zulassen?

Der so befragte typische Fachwissenschaftler oder Mitarbeiter einer Zulassungsbehörde wird ein solches Vorgehen ebenso wie der Nationale Ethikratlos oder das RKI mit Nachdruck als “unethisch” von sich weisen. Dass etwas der Bereichsethik der Medizin widerspricht, ist ein beachtenswertes Faktum. Angesichts etablierter normativer Praktiken weisen wir die Beweislast richtigerweise denen zu, die vom “Bewährten” abweichen möchten. Die von der Mediziner-Zunft abgesegneten Praktiken sind aber nicht sakrosankt.

Soweit Mediziner in ihrer Rolle als Wissenschaftler und nicht als Praktiker auftreten, sollten sie deshalb klarstellen, dass die Medizin-Wissenschaft nur über die alternativen Folgen von Maßnahmen, aber nicht über deren praktische Berechtigung informieren kann. Es ist — zumindest in der Regel — insbesondere unklar, ob wir gut beraten sind, eher statistische Leben durch späte Zulassung von Arzneimitteln zu opfern, als durch frühe Zulassung statistische Leben zu gefährden. Was verfrüht und was verspätet ist, ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit, ein Werturteil, das sich nicht ausschließlich durch substantielle wissenschaftliche Ergebnisse beantworten, sondern nur rational einhegen läßt.

4. Wissenschaftler und Politiker bleibt bei Euren Leisten!

Es ist ein Kollektivgutproblem nicht nur für die allgemeine Öffentlichkeit, sondern auch für die Wissenschaftlergemeinschaft, immer klar auszuweisen, was und was nicht eine Auskunft über Wissenschaft ist. Dass die Statuierung des eigenen Nichtwissens und der Grenzen der Wissenschaft, wenn es um Wertfragen geht, niemanden interessieren und auch nichts positives bewirken würde, ist eine empirische These und zudem durchaus zweifelhaft.

Kaum zweifelhaft scheint es allerdings, dass es das Gewicht und die Autorität der Auskunft über Ergebnisse der Wissenschaften stärkt, wenn Wissenschaftler diese Auskünfte strikt von ihren praktischen Vorstellungen trennen. Technologische Wenn-Dann-Aussagen, die sich mit wissenschaftlichem Anspruch vertreten lassen — wenn man x tut wird aufgrund bekannter Gesetzmäßigkeiten y eintreten — und von abwägenden Werturteilen geleitete praktische Auffassungen und Vorschläge, dass man eine bestimmte technologische Alternative wählen sollte, sind etwas anderes.

5. Selbstanwendung

Meine vorangehenden Äußerungen sind die eines auch wissenschaftlich tätigen politischen Philosophen, der versucht, die zeitlosen Botschaften von Hans Alberts “Traktat über kritische Vernunft” zu kommunizieren. An meine eigenen Weggenossen in diesem wirtschaftspolitischen Blog appelliere ich, sich insoweit an die eigene Nase zu fassen und der insbesondere in Deutschland endemischen semantischen Umweltverschmutzung durch Frankfurter Schule und traditionell wissenschaftsfeindliche Geisterwissenschaft zu widerstehen.

In der Wissenschaftlerrolle sollten wir nicht vergessen, wie wenig von unseren eigenen praktischen Vorstellungen auf im engeren Sinne empirisch wissenschaftlich fundierte Technologie-Entwicklung hinausläuft. Wann immer wir daran durch Fragen, die keiner wissenschaftlichen Antwort zugänglich sind, erinnert werden, sollten wir offen legen, dass es keine wissenschaftliche Antwort gibt, wohl aber einen Beitrag der Wissenschaft zur Formulierung wesentlicher Handlungsoptionen.

Referenzen

Relevante Statistiken zu Covid-19 finden sich etwa unter data

Zu kritisch-rationalem Vorgehen und rationaler Praxis findet sich grundlegendes in Hans Albert (1969 oder später): Traktat über kritischen Rationalismus. Tübingen: Mohr.

Eine Selbstanwendungen, die durchaus manchmal gegen die eigenen Maßstäbe verstossen sind bspw. Hahn, Susanne und Hartmut Kliemt: Wirtschaft ohne Ethik. Stuttgart: Reclam 2018

Breyer, Friedrich, Wolfgang van den Daele, Margret Engelhard, Gundolf Gubernatis, Hartmut Kliemt, Christian Kopetzki, Hans Jürgen Schlitt, und Jochen Taupitz. Organmangel. Ist der Tod auf der Warteliste unvermeidbar? Berlin und Heidelberg: Springer, 2006.

Hartmut Kliemt

Hartmut Kliemt

Justus-Liebig-Universität Gießen
Hartmut Kliemt

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