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Wie sich die Sichtweisen von Hans-Werner Sinn und Clemens Fuest unterscheiden
Die Corona-Bücher der beiden Top-Ökonomen in der Rezension

Es kommt nicht oft vor, dass das langjährige Gesicht eines der großen deutschen Forschungsinstitute und sein Nachfolger fast parallel ein Buch zum gleichen Thema veröffentlichen. Doch die Corona-Pandemie ist ja auch alles, nur nicht gewöhnlich. So haben sich also Hans-Werner Sinn und Clemens Fuest in ihren neuesten Werken hauptsächlich mit den ökonomischen, aber ansatzweise auch gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen der Krise auseinandergesetzt. „Wie wir unsere Wirtschaft retten – Der Weg aus der Corona-Krise“ (Fuest) und „Der Corona-Schock – Wie die Wirtschaft überlebt“ (Sinn) offenbaren bei allen ökonomischen Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen.

Das beginnt bereits beim Grundkonzept der Bücher. Sinn, ehemaliger Leiter des Münchner Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, folgt den 34 Fragen seines Lektors, auf die er in aller Tiefe eingeht. Der 72-Jährige schreibt häufig in der Wir- und Ich-Perspektive, verrät dabei auch Persönliches, bringt die Zusammenhänge gewohnt pointiert auf den Punkt und übt immer wieder scharfe Kritik an der europäischen Klima- und Verschuldungspolitik. Der rund 20 Jahre jüngere Fuest, genau wie sein Vorgänger übrigens ein gebürtiger Westfale, wählt hingegen einen klassischen Kapitel-Aufbau im Sinne einer ökonomischen Diagnose und Therapie der Corona-Krise. Er argumentiert dabei in einem sachlichen Analysestil anhand von vielen Grafiken, Fakten und gibt anschließend vergleichsweise diplomatische Handlungsempfehlungen.

Schwerpunkt auf Gesundheits-, Schulden- und Umweltpolitik

Beide Top-Ökonomen machen einen breiten (volkswirtschaftlichen) Rundumschlag zur Corona-Pandemie, legen ihren Schwerpunkt dabei neben der Krise als solches auf die europäische sowie speziell die deutsche Gesundheits-, Schulden- und Umweltpolitik. Und sie lassen daran – bis auf das Adhoc-Krisenmanagement einiger Länder wie Deutschland und Italien – kein gutes Haar. Genau wie Sinn bemängelt auch Fuest die hohen Schuldenquoten und den zunehmenden Automatismus der Geldtransfers von Nord- in Richtung Südeuropa. Beides dürfte in ökonomischer Hinsicht eine der sichtbarsten Folgen der Seuche bleiben.

Während Fuest in dem neuen, rund 750 Milliarden umfassenden Rettungsfonds der Europäischen Union einen dezidierten Unterschied zu einer gemeinschaftlichen Verschuldung sieht, ist für den emeritierten Professor der Weg dorthin längst vorgezeichnet. Sinn selbst hätte in dieser Covid-19-Krise von Anfang an einen völlig anderen gewählt, nämlich den der unilateralen Hilfe. „Wir brauchen doch nicht die EU, um unseren Nachbarn zu helfen. Man muss sich auch nicht koordinieren, wenn man hilft. Wenn ich jemand anderem helfe, dann tue ich das aus eigenem Antrieb, und ich tue das unabhängig davon, ob andere es auch tun.“ (S. 23)

Sinn macht nicht nur diese Ex-post-Vorschläge, er hat mitten in der Krise nach eigenem Bekunden auch selbst entsprechend gehandelt. So hätten er und seine Frau – ebenfalls eine Ökonomin – „privat nach unseren Möglichkeiten sehr viel an das italienische Rote Kreuz gespendet. Wir haben auch einen Aufruf getätigt, der vom Wirtschaftsbeirat Bayern […] aufgenommen wurde.“ (S. 23) Viele Unternehmen hätten im vier- und fünfstelligen Bereich gespendet. Natürlich ist auch Sinn bewusst, dass dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen ist. Doch die deutsche Regierung hätte es verpasst, auf diese Weise „einen wirklich substanziellen Beitrag“ zu leisten. „Das wäre ein Zeichen der Solidarität gewesen. Und es hätte vor allem nicht irgendeinen Automatismus begründet, der die deutsche Regierung zu Leistungsversprechen in Zukunft veranlasst.“ (S. 25)

Warum die Zinsen auf lange Sicht niedrig bleiben

Auf bilaterale Hilfen geht Fuest kaum ein. Er betont vielmehr, dass sich gesundheitliche und wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise nicht ausschließen müssten. Gemäß der Tinbergen-Regel sei es allerdings schwierig, mit einem Instrument zwei Ziele zu erreichen (S. 151). Als Beispiel nennt der heutige Ifo-Präsident, dass Klimapolitik nicht gut funktioniert, wenn man damit Klimaschutz und Konjunkturbelebung gleichzeitig erreichen will. Fuest geht in seinem Buch vielen Phänomenen auf den Grund – etwa, warum die Zinsen in Europa schon länger dermaßen niedrig sind (und es vermutlich auch bleiben) oder wie man aus der Nummer der hohen Staatsverschuldung wieder herauskommen kann.

In puncto EU-Schuldenbonds hat der Volkswirt – noch – mehr Hoffnung als sein Vorgänger, was dann beispielsweise so klingt: „Der deutsch-französische Vorschlag betont, dass der Fonds im EU-Eigenmittelbeschluss verankert und an einen ‚verbindlichen Rückzahlungsplan‘ gebunden wird. Das ist durchaus eine starke Verpflichtung auf den einmaligen Charakter der Schuldenaufnahme. Spätestens in der nächsten Krise ist allerdings mit politischem Druck zu rechnen, dieses Instrument erneut zu nutzen. Es kann aber kein Mitgliedstaat gezwungen werden, sich daran zu beteiligen. Insofern handelt es sich hier nicht um die Einführung eines europäischen Verschuldungsrechts, das die Kontrolle der Mitgliedstaaten über ihre Schulden in Frage stellt.“ (S. 222)

Für Sinn ist dagegen das Kind schon in den Brunnen gefallen: „Es handelt sich um eine chronische Wirtschaftskrankheit eines Patienten (Anm. der Red.: gemeint sind vor allem die südeuropäischen Länder), der nun auch noch von der Pandemie erwischt wird.“ (S. 69/70) […] oder: „Wir haben uns mit dem Euro in eine unglaubliche Zwickmühle hineinmanövriert.“ (S. 90) Die (neuen) Schulden seien Staatsschulden der europäischen Länder, aber sie würden nirgends verbucht, und sie würden auch auf die nationalen Schuldenquoten nicht angerechnet. (S. 179)

Darauf angesprochen legte der Bestseller-Autor in einem WELT-Interview vom 22. August 2020 nach: „Wir haben jetzt quasi ein Transfersystem eingerichtet, das sich verselbständigen wird und das auf Dauer dazu führt, dass sich ein einzelnes Land gar nicht mehr wehren kann.“ Und: „Es ist ja kein Zufall, dass das EZB-Kaufprogramm PEPP dasselbe Volumen hat wie der Wiederaufbaufonds, nämlich 750 Milliarden Euro. Wir retten also, indem wir Geld drucken.“ Die EZB habe, erklärte Sinn in dem Interview weiter, über die vergangenen zehn Jahre […] einen Geldüberhang von vier Billionen Euro geschaffen. Dieses Geld werde gehortet, […] weil die Wirtschaft sich in einer sogenannten Liquiditätsfalle befinde. „Deshalb ist es auch bisher zu keiner Inflation gekommen. Das könnte sich allerdings irgendwann einmal sehr plötzlich ändern.“ So wird es auch ausführlich im Buch erläutert (S. 79–85). Dort wird auch deutlich: Wenn die Inflation erstmal da ist, wird sie die Geldpolitik aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich nicht mehr einfangen können.

Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomkraft?

Bei der Klimapolitik liegen die Grundpositionen beider Volkswirte ebenfalls nicht allzu weit auseinander. Doch auch hier ist Sinn tendenziell skeptischer als Fuest, der den weiteren Ausbau des CO2-Emissionshandels als goldenen Weg ansieht. Ersterer gibt zu bedenken, dass fossile Energiestoffe wie Erdöl und Gas, die wir in Europa nicht verbrauchen, zu weltweiten Preiseffekten führen, die wiederum aufstrebende Länder zu einem stärkeren Verbrauch animieren. Die Gesamtnachfrage könnte insgesamt sogar steigen, wenn die Öl-Scheichs – so sinngemäß Sinns Argumentation – noch möglichst viel ihres Erdöls verkaufen möchten, bevor weltweit immer mehr grüne Politik um sich greift.

Sinn bezieht in diesem Zusammenhang teilweise strittige Positionen, die einem breiten (politischen) Konsens entgegenstehen. So spricht er sich für einen Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomkraft aus, wobei ihm auch bewusst ist, dass es hierfür wohl zu spät ist. Zumindest aber würde er die Kraftkraftwerksinfrastruktur aufrechterhalten, damit die nachfolgenden Generationen die Chance haben, wieder in die Atomkraft einzusteigen, die nach Sinns Einschätzung weltweit keinesfalls auf dem Rückzug und davon abgesehen klimafreundlich ist, auch weil ein immer größerer Teil der Brennstäbe wiederverwertet werden kann. Den Kohleausstieg findet der renommierte Ökonom hingegen im Kern für richtig, weil diese natürliche Ressource dadurch im Boden verbleiben und nicht woanders auf der Welt verbraucht werde.

Die Umweltbilanz von Elektroautos ist Sinn zufolge – aufgrund der durch die Herstellung entstehenden Schadstoffe der Batterien und des Stroms – bis zu Laufleistungen von an die 220.000 Kilometern gegenüber dem Dieselmotor negativ, weshalb er es in keiner Weise nachvollziehen kann, dass der hiesigen Automobilindustrie so starke CO2-Einsparungen aufoktroyiert worden sind. „Es macht keinen Sinn, die deutsche Automobilindustrie zu dezimieren und zu hoffen, damit der Umwelt zu dienen, das Gegenteil könnte der Fall sein. Ich betone hier noch einmal, dass ich die Wirtschaftspolitik, die die Bundesregierung im Verein mit der EU gegen die deutsche Automobilindustrie betreibt, für verheerend, falsch und gefährlich halte – und für klimapolitisch völlig nutzlos.“ (S. 123) Sinn verwendet immer wieder solch drastische Adjektive, um auszudrücken, dass es aus seiner Sicht eher zehn nach als fünf vor zwölf ist. Er schreibt ein Stück weit so, wie er auch sonst bei öffentlichen Auftritten spricht und argumentiert, so dass man durchaus den Eindruck haben kann, dass er wahrhaftig vor einem sitzt.

Unterschied im Schreibstil, Einigkeit beim CO2-Handel

Fuests Schreibstil ist anders, distanzierter – so als ob er mit einer Lupe über der Corona-Welt schwebt und die Zusammenhänge bis zum letzten Sandkorn gründlich analysiert. Das klingt dann im Kapitel zur Klimapolitik beispielsweise so: „Es spricht alles dafür, stärker als bisher zu klimapolitischen Instrumenten zu greifen, die es erlauben, Klimaziele zu möglichst geringen Kosten zu erreichen. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Konzept des einheitlichen CO2-Preises. Statt einzelnen Sektoren direkt vorzuschreiben, welche Mengen an Emissionen zulässig sind, sollten möglichst alle Sektoren durch einen einheitlichen CO2-Preis gekoppelt werden – und das, solange ein global koordinierter CO2-Preis außer Reichweite bleibt, zumindest europaweit.“ (S. 149) Hierbei scheinen beide Volkswirte eine Sprache zu sprechen. Denn Sinn drückt es fast deckungsgleich so aus: „Die Anregungen zur Reduktion der Verschmutzung muss man über einheitliche Preise für die jeweiligen Schadstoffe steuern, und der Preis sollte sich über einen erweiterten Emissionshandel bilden, der für alle Sektoren der Wirtschaft gilt […].“ (S. 132)

Was sowohl Fuest als auch Sinn in ihren Corona-Büchern gerne machen, sind Einschübe – beispielsweise bei ersterem ein ökonomischer Vergleich zwischen Belgien und Italien – und historische Bezüge. Auch diese unterscheiden sich. Sinn brandmarkt gleich zu Beginn eine Aussage von Finanzminister Olaf Scholz – mittlerweile auch SPD-Kanzlerkandidat –, in der er sich für die europäische Rettungspolitik die eigenständige Verschuldungsfähigkeit des amerikanischen Zentralstaats im Jahr 1790 zum Vorbild genommen habe. Sie geht auf den ersten US-Finanzminister Alexander Hamilton zurück. Sinn kritisiert dabei scharf: „Die unkontrollierte Kreditaufnahme, die aus Hamiltons Schuldenunion und auch aus der Vergemeinschaftung der Schulden im zweiten Krieg gegen die Briten in den Jahren 1812 bis 1814 folgte, führte zu einer Blase, die in der zweiten Hälfte der 1830er Jahre platzte.“ (S. 12) und: „Nichts als Hass und Streit war durch die Schuldenunion entstanden.“ (S. 13). Die Amerikaner seien aus ihrem Schaden klug geworden, so Sinn weiter, denn sie reagierten darauf, indem sie strikte Schuldengrenzen für die Einzelstaaten verabredeten und der Schuldensozialisierung ein Ende bereiteten. Gegen Ende wiederholt der langjährige Ifo-Präsident noch einmal die Probleme der Hamilton’schen Schuldenarchitektur, was seine große Sorge im Hinblick auf die heutige Situation in Europa deutlich erkennen lässt.

Über die sogenannte Holländische Krankheit schreibt Sinn an mehreren Stellen – so auf Seite 66: „Länder, die über hohe Einnahmen aus dem Verkauf von natürlichen Ressourcen verfügen wie zum Beispiel Norwegen oder Venezuela, haben, gemessen an der lokalen Standortqualität und der Produktivität der Arbeitskräfte, zu hohe Löhne als dass eine wettbewerbliche Industrie sich etablieren und halten kann.“ Sinn sieht die Geldtransfers aus dem Norden als natürliche Ressourcen, durch den die mediterranen Industrien stark in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie in den Ländern zu überhöhten Lohn- und Preisniveaus führen. Erstmals beobachtet worden ist das Phänomen in den 1960er Jahren in den Niederlanden, daher auch der Name Holländische Krankheit. Dort ist seinerzeit Gas in großen Mengen gefunden worden, worauf man sich nach Sinns Ansicht zu lange ausgeruht hat.

Historische Vergleiche zur Spanischen Grippe

Auch Fuest zieht historische Vergleiche, wie die zur Dotcom-Blase 2001 und Finanzkrise 2008/09, aber auch den zur Weltwirtschaftskrise 1929. Er analysiert tiefgründig und anhand von Zahlenwerken die Parallelen und Unterschiede zur Corona-Krise. In seiner Buch-Einleitung führt der 52-Jährige auch die Spanische Grippe ins Feld, die 1918 in Europa gewütet hat. „Die zeitliche Nähe der Pandemie zum Ende des Ersten Weltkriegs erschwert die Messung der Auswirkungen auf die Wirtschaft. Aber es wird deutlich, dass die Verluste erheblich sind. Aktuelle Schätzungen zu Folgen der Corona-Pandemie bewegen sich interessanterweise in ähnlichen Größenordnungen, obwohl die ökonomischen und politischen Bedingungen und die Krankheit selbst ganz anders sind.“ (S. 28) Sinn wiederum betont den gesundheitlichen Unterschied zwischen beiden Seuchen. Damals sei es so gewesen, dass die Jüngeren besonders gefährdet waren. „Tatsächlich ist damals auch ein Teil der Arbeitsbevölkerung weggestorben. Das ist diesmal anders. Und deswegen kann man wohl guten Gewissens die frühzeitige Wiederaufnahme von Arbeitsverhältnissen begrüßen. […]“ (S. 155)

Während Fuest die Pest im 14. Jahrhundert kurz erwähnt, überträgt Sinn das seinerzeit verbreitete Pestklappern auf die Corona-Pandemie (S. 45–50). Damals wurde kräftig geklappert, wenn ein Pest-Kranker das Haus verlassen hat, damit ihm die Menschen aus dem Weg gehen konnten. Sinn ist natürlich klar, dass dies heute allein schon aus Gründen der Persönlichkeitsrechte nicht möglich ist. Er hätte die Corona-App allerdings längst so umgebaut und eingesetzt, dass die Covid-19-Infizierten mit Bewegungskreisen anonym kenntlich gemacht werden, damit man als Nicht-Infizierter leicht einen Bogen um die Risiken machen kann. „Unser Navi zeigt doch auch an, wo sich Staus ergeben“, schreibt Sinn auf Seite 49: „Warum zeigt es nicht die Ballung von Gefährdern im Raum? Den Stau darf ich meiden, die Gefährder nicht. Ist denn die Zeit des Autofahrens wichtiger als das menschliche Leben? Welche verqueren Wertvorstellungen haben sich denn hier bloß in die Politik eingeschlichen!“ 

Fuest widmet sich weniger etwaigen Apps als vielmehr der Digitalisierung als solches – und deren nicht immer positiven Folgen. Gemeint ist allen voran die Marktmacht der amerikanischen Internetriesen. „Es ist essentiell, dass die Wettbewerbspolitik auf den Digitalisierungsschub infolge der Corona-Krise mit einer beschleunigten Weiterentwicklung wettbewerbspolitischer Vorkehrungen gegen den Verfall des Wettbewerbs in der Internetwirtschaft reagiert.“ (S. 142) Sinn räumt aber auch ein, dass „die Welt die Krise ökonomisch und medizinisch nicht so leicht hätte bewältigen können, wenn ihr nicht die Segnungen des amerikanischen Unternehmertums zur Verfügung gestanden hätte. Damit meine ich zum einen den elektronischen Versandhandel und zum anderen die elektronischen Kommunikationsmittel.“ (S. 154). Etwas überraschend sieht Sinn im Homeoffice eher einen Fluch als einen Segen. „Homeoffice ist in den meisten Tätigkeiten nicht dasselbe wie eine Arbeit im Büro. Und wenn Homeoffice zu leicht möglich wird, dann ist es schwer, die Leute ins Unternehmen zurückzuholen.“ Das bedeute eine dauerhafte Beeinträchtigung der Arbeitsproduktivität. „Für meine Begriffe hätte man die 80-Prozent-Regel (gemeint ist das durch die Politik frühzeitig beschlossene erhöhte Kurzarbeitergeld von bis 80 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts) statt für die Kurzarbeit für Homeoffice-Tätigkeiten ansetzen können.“ (S. 160)

Zehn-Punkte-Plan als Weg aus der Corona-Krise

Fuest schließt sein Buch mit einem Zehn-Punkte-Plan, um einen Weg aus der Corona-Krise aufzuzeigen. Warum aber nicht spätestens an dieser Stelle die erfolgsversprechenden SARS-Cov-2-Strategien asiatisch-demokratischer Länder wie Japan, Südkorea oder Taiwan als Blaupause angeführt werden, ist zumindest bemerkenswert. Stattdessen geht es unter anderem um die Digitalisierung in der Bildung. „Die Digitalisierungspolitik sollte sich auf das Ziel konzentrieren, dass die Erwerbstätigen die Chancen der Digitalisierung nutzen können. Investitionen in Aus- und Weiterbildung sind dazu der Schlüssel.“ (S. 252) Fuest kommt außerdem zum interessanten Schluss, dass Corona am Ende des Tages unter Umständen sogar zu mehr Globalisierung führt, weil Unternehmen womöglich internationale Produktionsnetzwerke ausdehnen, um bei Störungen besser gewappnet zu sein. (S. 233)

Sinn widmet sich – selbstverständlich – auch „seinem“ Thema, den sogenannten Target-Forderungen, auf die er schon vor einigen Jahren gestoßen ist und für jedermann ans Licht gebracht hat. Nach dem Ausbruch der Corona-Krise haben die Target-Forderungen der Deutschen Bundesbank gegenüber dem Euro-Bankensystem die Billionen-Euro-Grenze überschritten. Dahinter stecken allen voran italienische und spanische Verbindlichkeiten. Sinn argumentiert schlüssig, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass das Geld zumindest in Teilen für den deutschen Staat verloren ist, wenn nicht sogar komplett. Denn es gebe hierfür keinerlei Sicherheiten. Derzeit würden auf die Forderungen sogar negative Zinsen fällig, was bedeutet, dass Deutschland indirekt sogar drauflegen muss, obwohl es Kredite gibt. Dass es bislang dennoch zu keinem lauten Aufschrei in der Öffentlichkeit gekommen ist, liegt Sinn zufolge daran, dass die Zusammenhänge sehr komplex sind und die Politik die Target-Forderungen lieber unter den Teppich kehrt.

Das macht der 72-Jährige zum Glück nicht, er schenkt seinen Lesern reinen Wein ein. So gibt er am Anfang und Ende des Buches auch zu bedenken, dass die deutsche Regierung besser auf die Pandemie hätte vorbereitet sein müssen. „Die SARS-Epidemie war ein Warnschuss. […] Man wusste, dass eine weitere Corona-Pandemie droht; darüber ist sogar dem deutschen Bundestag in Form eines sehr detaillierten wissenschaftlichen Dossiers berichtet worden.“ (S. 200) Was würden wir in Deutschland nur ohne solche Experten tun, die die kritischen Themen noch auf den Tisch bringen? Allein: Das breite Publikum und die Politiker scheinen daran kein Interesse zu zeigen – oder wie es Sinn ausdrückt: „Die Öffentlichkeit ist nur so klug wie die Medien, die sie tagtäglich beschallen. Sie braucht erst eine Ebene der öffentlichen Bewusstwerdung, am besten vermittelt durch bewegte Fernsehbilder unmittelbarer Bedrohung, wie zum Beispiel Flüchtlinge vor Stacheldrahtzäunen oder Corona-Tote, die von einer Kolonne von Armeelastern abtransportiert werden. Erst wenn solche Bilder zu sehen sind, regiert die große Politik.“ Diese Ebene könne er aber heute nicht liefern. Sie komme erst in zehn, 15 Jahren, „wenn wir über die Verarmung unserer Rentnergeneration reden und über die vielen Menschen, die dann nicht mehr ordnungsgemäß in Pflegeheimen und anderswo versorgt werden können.“ (S. 112/113).

„Wie wir unsere Wirtschaft retten – Der Weg aus der Corona-Krise“ (277 Seiten, 18 Euro) von Clemens Fuest ist Mitte Juli beim Aufbau Verlag in Berlin erschienen. „Der Corona-Schock – Wie die Wirtschaft überlebt“ (218 Seiten in kleinerer Schrift, 18 Euro) von Hans-Werner Sinn veröffentlichte der Verlag Herder in Freiburg Ende Juli. Beide Werke sind also fast zeitgleich auf den Markt gekommen. Aufgrund der Dynamik der Corona-Pandemie sei der Hinweis erlaubt, dass in beiden Büchern nur die Ereignisse bis Juni 2020 berücksichtigt werden konnten.

Hinweis: Dieser Beitrag ist in der Oktober-Ausgabe der Fachzeitschrift WiSt erschienen.

Dipl.-Volksw. Jörg Rieger ist freiberuflicher Autor und Redenschreiber.

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