Gastbeitrag
Was lehrt der zweite Lockdown für eine Zukunft mit dem Coronavirus?

Anfang November begann der zweite Lockdown wegen des Coronavirus in diesem Jahr. Geplant ist die Schließung von Kultur-, Freizeit- und Sportstätten für den Monat November. Andere Wirtschaftszweige arbeiten weiter. Schulen und Kindertagesstätten sollen geöffnet bleiben; Universitäten haben sich weitgehend selbständig von der Präsenzlehre verabschiedet.

Die Maßnahmen selber wirken in sich schlüssig – angesichts der dünnen Datenlage und der geringen Erfahrung mit dem Virus ist es nach wie vor schwierig, ein begründetes Urteil zu fällen. Vor dem Hintergrund der drohenden neuen Opfer und medizinischen Engpässen scheint Vorsicht in der Tat geboten. Kritik an den Maßnahmen fällt dann auch eher leise und nachdenklich aus.

Allerdings kann man aus der Diskussion eine recht deutliche Kritik an dem Prozess, der zu dem Maßnahmenpaket und den politischen Antworten auf im Herbst gestiegene Fallzahlen geführt hat, herauslesen oder -hören. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Bundesregierung zwar regelmäßig vor der zweiten Welle gewarnt hat, aber nicht genug tat, um sich darauf vorzubereiten. Während man im März 2020 noch argumentieren konnte, die Situation sei neu und man müsse besonders vorsichtig sein, sieht es nun etwas anders aus; weswegen die Reaktion auch anders ausfällt. Man hat Kenntnisse über die Vermeidung der Ansteckung und setzt diese ein. Allerdings haben die Bundesregierung, aber auch viele Landesregierungen nicht den Eindruck vermittelt, besonders klare Vorstellungen zu haben, wie auf die zweite Welle zu reagieren ist; es wirkt alles etwas ad-hoc und stolpernd.

Spätestens jetzt sollte sich das ändern. Denn es dürfte klar sein, dass das Virus im kommenden Jahr nicht einfach von selbst verschwindet. Und es wird auch deutlich, dass mit der Existenz eines Impfstoffes das Problem auch nicht über Nacht gelöst wird. Deshalb ist dringend anzuraten, sich auf eine Zukunft einzustellen, in der das Virus gegenwärtig ist. Dabei hilft das Lernen aus der Vergangenheit und den strategischen Fehlern sicherlich. Mit anderen Worten: Deutschland braucht eine echte Corona-Strategie. Der Beitrag dieser Kolumne besteht nicht darin, diese Strategie zu entwickeln und hier vorzustellen. Vielmehr setzt sie einen Schritt vorher an und diskutiert die Fragen, die in der Diskussion um die richtige Strategie zu stellen sind.

Wie begegnen wir dem Corona-Risiko?

Zunächst ist die Grundsatzfrage zu klären, wie eine Gesellschaft Risiken wahrnehmen und gewichten soll. Es scheint eindeutig so zu sein, als dass sich die kumulierten Risiken der Gesellschaft im Zeitablauf des Jahres 2020 erhöht haben, und zwar weltweit. Dies ist insofern neu, als dass es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen ist, viele Risiken zu verringern. Man denke nur an Unfallrisiken im Straßenverkehr, Gesundheitsrisiken, soziale Risiken wie Armut oder starke Einkommensverlust. Durch technologische Möglichkeiten, aber auch durch Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik sind diese Risiken im Grundsatz verringert worden.

Mit dem Auftreten des Virus ist ein unbekanntes neues Risiko aufgetreten. Im März hat man darauf so reagiert, dieses Risiko um nahezu jeden Preis zu verringern. Dabei hat es natürlich Steigerungen anderer Risiken gegeben; zum Beispiel mit Blick auf die Chancen der jungen Generation, insbesondere der im Bildungswesen vorher schon benachteiligten Jugendlichen. Gestiegen ist auch das Risiko für viele Menschen, arbeitslos zu werden oder ihr Geschäft aufgeben zu müssen.

Diese Diskussion zu führen, wird nicht leicht sein. Denn es werden unangenehme Themen angesprochen werden müssen. Man muss Risiken gegeneinander abwägen und damit vermutlich auch Leben gegeneinander aufrechnen müssen, zumindest theoretisch. Dies wird bereits jetzt regelmäßig getan, wenn etwa beispielsweise die regionale Verteilung und Ausstattung von Notfallaufnahmen geplant wird. Braucht ein Notarztwagen im Durschnitt länger zum Unfallort, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Unfallopfer versterben. In den Bundesländern gibt es dazu unterschiedliche Standards, in Abhängigkeit der Besiedelung und der Finanzkraft des Landes. Damit wird ex-ante rationiert; ex-post wird alles getan, Leben zu retten. Diese Logik muss nun auch mit Blick auf Corona beachtet werden – die Verabsolutierung eines Risikos wird in Zukunft immer weniger Akzeptanz finden; vor allem dann nicht, wenn die Kosten der Realisierung der anderen Risiken steigen.

Um welche Szenarien geht es?

Deshalb empfiehlt es sich, Szenarien über die Zukunft zu bilden. Szenarien unterscheiden sich von Prognosen durch die Abwesenheit von Wahrscheinlichkeiten in der Analyse – man kann selbst die unwahrscheinlichsten und am wenigsten denkbaren Ereignisse modellieren. Und sie unterscheiden sich von Projektionen durch die Abwesenheit von normativen Grundlagen. Man untersucht potenzielle Ereignisse unabhängig davon, ob sie wünschenswert sind oder nicht.

Vermutlich werden im politischen Berlin auch heute schon Szenarien für die Zukunft mit Corona gebildet. Wenn es sie gibt, werden sie aber nicht kommuniziert. Dies sollte sich ändern. Je offener der Prozess ist, desto mehr individuelle Erfahrungen und Wissen kann man verarbeiten.

Themen solcher Szenarien wären natürlich verschiedene Ansteckungszahlen, R-Werte, Auslastungsgrade der Krankenhäuser, Sterblichkeit, Verfügbarkeit von Impfstoff, Medikamenten, medizinischem Gerät und Schutzkleidung, Reaktion im Ausland einschließlich handelspolitischer Maßnahmen, Stichwort: „Sicken thy neighbour„, Kosten unterschiedlich intensiver Lockdowns, darunter langfristige Nachteile entgangener Schulzeit und fehlenden sportlichen Ausgleichs für Kinder, Schäden durch nicht behandelte Krankheiten, ökonomische und psychologische Folgen von Arbeitslosigkeit und Geschäftsaufgabe etc..

Wichtig ist es auch, danach die potenziellen politischen Konsequenzen auf die vielen Szenarien zu diskutieren und politische Reaktionen festzulegen. Dann gäbe es keinen Flickenteppich an politischen Maßnahmen mehr, wohl aber regional unterschiedliche Reaktion. Diese wären aber nachvollziehbar, weil aus der Analyse und politischen Entscheidung ableitbar. Die Intensität der Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung wären in Thüringen wohl immer noch anders als in Schleswig-Holstein, aber nun basierend auf einem schlüssigen Prozess der Entscheidungsfindung.

Im Grunde ist dieser Vorschlag trivial. Er speist sich aus der etwas ernüchternden Erfahrung, dass erstens keine Diskussion zu den unterschiedlichen Lebensrisiken in einer modernen Gesellschaft stattfindet und dass zweitens klare Vorgaben der Politik, wie sie auf welche neue Lage reagieren will und kann, weiterhin fehlen. Auf die Frage einer Journalistin, ob er jetzt eine Strategie für die nahe Zukunft hätte, antwortete ein Ministerpräsident am vergangenen Wochenende mit einem klaren Ja: Wenn die Fälle weitersteigen, müsse man eben noch mehr schließen. Das ist keine Strategie!

Hinweis: Der Beitrag erschien am 6. November 2020 in der Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche.

Eine Antwort auf „Gastbeitrag
Was lehrt der zweite Lockdown für eine Zukunft mit dem Coronavirus?“

  1. Im Krieg gegen die Wuhan-Grippe sind die Strahlenschutzvorschriften immer noch so sakrosankt, als handelte es sich um die die Genfer Konvention. Dabei ist sogar das Rote Kreuz in diesem Konflikt parteiisch …
    Wenn man den Bürger selbst die Risiken abwägen ließe, dann würde er wohl meist lieber im Schatten einer Entkeimungslampe (Stichwort„Upper-Room Air Ultraviolet Germicidal Irradiation“) sein Bier hinter einem Gesichtsvisier trinken, statt daheim zu versauern:
    https://parabellum.minimalstaat.de/uvc
    Wir brauchen Regulierungsferien und Eigenverantwortung. Für den Sonnenbrand im Biergarten haftet auch nicht der Wirt. Warum ist das bei der Luftdesinfektion anders? Genauer: Warum darf man das nicht auf freiwilliger Basis anders regeln? Die Strahlenängstlichen bleiben daheim, während die Mutigen in der Bar einen Safer-Augen-Flirt hinter ihrem Gesichtsvisier praktizieren.

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