Gastbeitrag
Corona-Fallzahlen in Deutschland: Keine Besserung in Sicht?

Drei Sondereffekte verzerren die jüngsten Zahlen zur Corona-Epidemie in Deutschland. Diese Verzerrungen erwecken den Eindruck, als habe sich der Rückgang in den Wachstumsraten der Fallzahlen abgeschwächt. In der Politik hat sich ein Konsens herausgebildet, wonach die gegen­wärtigen Beschränkungen nachgeschärft werden müssen, um die Dynamik der Corona-Pan­demie zu brechen. Im Nachfolgenden wird argumentiert, dass die Son­dereffekte sich inzwischen ausgeglichen haben und weiterhin von eine Abflachung der Pandemie auszugehen ist. Vor einer Ände­rung der Politik sollte darum noch abgewartet werden.

Die Fallzahlen positiver Covid19-Testergebnisse in Deutschland steigen weiter an. Gleichzeitig liegen die Ziffern für die Todesfälle auf weiterhin hohem Niveau. Die Daten der vergangenen Tage können den Schluss nahelegen, dass sich die Abflachung im Anstieg der Fallzahlen nicht weiter fortgesetzt hat. Alllerdings sind die gemeldeten Zahlen für Deutschland starken Schwankungen im Wochenablauf unterworfen, egal ob das durch Berichtsgewohnheiten oder durch ein Auf und Ab der Testaktivität im Wochenzyklus verursacht ist. Zur Ausschaltung dieser wöchent­lichen Saisonalität werden in der Praxis 7-Tage-Durchschnitte und Vorwochenvergleiche der absoluten Zahlen bzw der regionalen Inzidenz ver­wendet. Allerdings kommt es bei der Beurteilung von Wachstumsprozessen bekanntlich auf die pro­zentualen Veränderungsraten an. Abbildung 1 zeigt die täglichen Zuwachsraten der Corona-Fall­zahlen seit Anfang Dezember. Auffallend sind regelmäßige Schwankungen im Wochenverlauf sowie ein abwärtsgerichteter Trend, der allerdings in den Zahlen der vergangenen 7 Tage zum Still­stand gekom­men zu sein scheint.

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Um das zu überprüfen, ist in Abb. 1 neben dem tatsächlichen Verlauf eine ETS-Prognose  zum Stand 1.1.2021 angegeben. Die Realisationen ab der ersten Januarwoche liegen oberhalb der Fortschreibung aus dem alten Jahr; in der zweiten Januarwoche sind sie deutlich außerhalb des Prognosefehler­intervalls. Das passt ins Bild einer ins Stocken geratenen Verlangsamung der Epidemie.

Die Abweichungen konzentrieren sich großteils auf die 2. Kalenderwoche 2021. Um diesen Effekt genauer herauszuarbeiten, betrachtet Abb. 2 die Veränderung in den Zuwachsraten der Fallzahlen ge­gen­­über dem jeweils gleichen Tag in der Vorwoche. Wenn sich die Bewegung der Raten oben in Abb. 1 nur durch die Wochendynamik erklären würde, müssten diese 7-Tage-Diffe­ren­zen konstant blei­ben und die Werte in Abb. 2 einer Horizontalen folgen – unterhalb der Nullinie, wenn sich der zugrun­­de­liegende Wachstumsprozess verlangsamt, entlang der Nullinie bei gleichbleibendem expo­nen­­tiellen Wachstum usw.

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Abb. 2 zeigt zwei scharfe Auslenkungen in der Bildmitte sowie eine auffallende Beschleunigung am linken Bildrand. Alle drei Effekte bedürfen der Erklärung.

  • Einbruch zu den Weihnachsfeiertagen. Vom 24.-26. Dezember liegen die Zuwächse deutlich unter der Vorwoche. Dieser Weihnachtseinbruch ist vielfach beschrieben worden und wird auf gerin­gere Testaktivität während der Feiertage zurückgeführt. Eine besonders geringe Infek­tions­inzi­denz wäh­rend der Vorweihnachtswoche kann als unplausibel ausscheiden.
  • Scharfe Wachstumsbeschleunigung zwischen 7. und 11. Januar. Unter Zugrundelegung einer Inkuba­tions­periode von 7-10 Tagen bis zum Auftreten ernster Beschwerden kann dieser Anstieg als Silvester­effekt interpretiert werden. Dieser Effekt müsste vorübergehender Natur sein, und in der Tat fal­len die Zuwachsraten nach einigen Tagen deutlich.
  • Beschleunigung der Zuwächse vor dem 10. Dezember. Sind diese Zahlen richtig, kam schon ein­mal in den ersten Dezembertagen der vorangegangenen Rückgang in den Zuwachsraten zum Still­stand. Ob das wirklich der Fall ist, kann in Teilen anhand der Tendenzen in der Fallsterblichkeit über­prüft werden. Es ergeben sich Hinweise daruf, dass dieser Stillstand zum Teil ein Artefakt veränderter Test­praktiken sein könnte (Abb. 3).

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Abb. 3 zeigt den Anstieg der Covid19-Sterbefallzahlen von etwa 200 am Tag zu Anfang November bis auf über 1200 am Tag am 29. Dezember. Eine 1%-Faustregel für die Fallsterblichkeit würde erheblich niedrigere Todesfallzahlen sowie insgesamt einen wesentlich flacheren Verlauf nahelegen. Tatsächlich stieg die geschätzte Fallsterblichkeit, hier behelfsweise gemessen an den täglichen Corona-Fallzahlen 14 Tage früher, von etwas oberhalb 1% in der ersten Novemberhälfte auf Werte nahe an 4% vor Weihnachten und auf Werte nahe an 5% in den neuesten Daten. Verschlechterte medizinische Versorgung als Ursache kann vermutlich ausgeschlossen werden, jeden­falls in diesem Umfang. Damit bleiben zwei Kan­di­daten für eine Erkklärung übrig. Die erste ist ein Alters­struk­tur­effekt. Seit November hat sich der Anteil alter Menschen mit hohem Sterberisiko unter den Fällen deutlich erhöht, bei den über 70jährigen von 14% in der 45. Kalenderwoche 2020 auf 22% in der Woche vor Weihnachten und weiter auf 24% in den jüngsten Daten.[1] Nachdem diese Gruppe das bei weitem höchste Covid-Mortalitätsrisiko trägt, wird sich dadurch auch die gemessene Sterberate erhöht haben, wenngleich nicht im selben Maß. Tab. 1 zeigt Daten für den Anteil der über 70jährigen an den Covid19-Fällen und die wie in Abb. 3 geschätzte Sterberate mit angenommener 14-tägiger Verzögerung. Nimmt man in extremis an, dass alle Sterbefälle nur in dieser Altersgruppe auftreten, so lässt sich mit dem Anstieg des Altenanteils die Einwirkung des Altersstruktureffekts auf die beobachtete Fallsterblichkeit extrapolieren. Dabei handelt es sich um eine Obergrenze, denn natürlich treten Sterbefälle auch in anderen Altersgruppen auf.

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Wäre alle Corona-Sterblichkeit nur in dieser Altersgruppe konzentriert, dann könnte immerhin der Anstieg der beobachteten Fallsterblichkeit von der 45. bis zur 49. Kalenderwoche, also von Anfang November bis Anfang Dezember, durch den Struktureffekt erklärt werden. Allerdings stösst dieser Erklärungsversuch sogleich auf Probleme. Denn in der Folgezeit setzt sich der Anstieg der Fallsterb­lichkeit fort, ohne noch von der Altersstruktur erklärt zu werden. Das Mortalitätsgeschehen ist also deutlich komplexer. Ohne verfügbare Angaben zur Altersstruktur der Covid-Sterbefälle muss die Hypo­these, der Anstieg sei Folge eines Struktureffekts, als plausible aber doch nur Teilerklärung stehen­bleiben.

Ver­gleichszahlen aus dem Ausland im Anhang (Abb A.1: Schweiz mit einem ähnli­chen Gesund­heitssystem, Abb. A2: England als Hauptbelasteter) zeigen allerdings weder das­selbe Niveau noch ver­gleich­bare Anstiege in der Fallsterblichkeit. Als plausible Alternative kommt daher eine progressiv voran­schreitende Unterschätzung des deutschen Infektionsgeschehens durch die Testungen im Novem­ber in Frage, ohne dass wir die Erklärungsanteile gewichten können.

Gab es eine Unterschätzung, dann muss das Wachstum der Fallzahlen im November höher gewesen sein als in der Statistik abgebildet. Seit Mitte Dezember besteht wieder eine sta­bile Beziehung zwischen Fallzahlen und Todeszahlen, d.h. die Fallstatistik für Dezember und Januar dürfte das Wachstum der Inzidenz (nicht aber das Niveau) wieder halbwegs zutreffend abbil­den.

Zusammenfassend lässt sich folgern:

  • Die Corona-Epidemie hat vor Weihnachten nicht wesentlich an Dynamik gewonnen. Die Beschleunigung im Wachstum der Covid19-Fallzahlen in der ersten Dezemberhälfte 2020 wird zum Teil einer zunehmenden Unterschätzung des Infek­tions­geschehens durch die Testung geschuldet sein, zum Teil einer erhöhten Inzidenz unter den besonders gefährdeten Alten. Die Evidenz aus dem Ausland zeigt keinen vergleichbar starken Anstieg der Fallsterblichkeit, obwohl auch dort eine verstärkte Inzidenz unter den Alten angenommen werden darf.
  • Das Infektionsgeschehen hat wäh­rend des lockdowns bis zum 6.1.2021 deutlich an Schwung verloren. Wie erwartet weisen die Covid-Fallzahlen einen scharfen Einbruch über die Weihnachtsfeiertage auf. Dieser Einbruch ist entgegen der Erwartung nicht durch ver­mehrte Meldungen in der darauffolgenden Woche kompensiert worden.
  • Die Dynamik der Corona-Epidemie verlangsamt sich wieder. Der Silvestereffekt in der zweiten Kalenderwoche des Januar hat sich nicht fortgesetzt. Das Maximum der Corona-Todesfälle scheint durchschritten. Kurz vor Monatsende ist ein Rückgang der Todesfälle zu erwarten, eine erste Entlastung bei den Einlieferungen in die Kranken­häuser schon zuvor.
  • Der lockdown wirkt.

Anhang: Vergleichsdaten aus dem Ausland

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[1] Eigene Berechnungen aus den Angaben des RKI zur Altersverteilung der Sterbefälle.

Albrecht Ritschl

Albrecht Ritschl

London School of Economics und Fellow am Centre for Economic Policy Research (CEPR)
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