Pro & Contra
Nocovid-Strategie als Pandemie-Erfolgsschlüssel?

Die Corona-Pandemie hält auch hierzulande länger an, als es die meisten erwartet hätten. Flächendeckende Impfungen und Teststrategien haben in Deutschland und der EU lange gestockt. In der zweiten Welle sind zum Jahresbeginn daher verstärkt Stimmen laut geworden, Sars-Cov-2 mehr oder weniger komplett auszuschalten.

Vorbilder für diese Forderung sind manch asiatische Länder. Allerdings waren deren Methoden teilweise etwa in puncto Datenschutz sehr bedenklich. Kritiker der Nocovid-Strategie bemängeln, dass man dem Virus nicht Herr werden kann – und wenn, dann nur mit rigiden Maßnahmen wie einem wochenlangen Lockdown. Die Ökonomen Andreas Peichl und David Stadelmann verfolgen unterschiedliche Ansätze, die sich teils gar nicht so stark unterscheiden.

Pro: Prof. Dr. Andreas Peichl

Andreas Peichl Andreas Peichl ist Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU München. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Finanzwissenschaft, Arbeitsmarktökonomik, Ungleichheit und Chancengerechtigkeit.

Hauptargumente

Durch intensivierte Tests und Zugangskontrollen lokal abgegrenzte Bereiche zu schaffen, in denen das Ansteckungsrisiko nahe bei null ist und normales Leben wieder möglich wird, ist der Kern der NoCovid-Strategie. Wenn in einer Region hinreichend viele Schulen, Fabriken, Einkaufszentren durch vermehrtes Testen und Nachverfolgen geschützt werden, werden Infektionen schnell sinken und bald werden in der gesamten Region Lockerungen möglich.

Probleme

Die Corona-Strategie der Bundesrepublik ist grandios gescheitert – die dritte Welle hat sich nicht mehr verhindern lassen. Anders als gelegentlich behauptet wird, bedeutet NoCovid nicht, dass Lockdown-Maßnahmen endlos verlängert oder gar verschärft werden, bis das Virus verschwindet. Eine Strategie, die sich allein oder primär auf Lockdown-Maßnahmen beschränkt, ist abzulehnen.

Empirie

NoCovid ist eine Öffnungsstrategie, aber eine, die für nachhaltige Öffnungen sorgt und Leben und Gesundheit schützt. Sie umzusetzen, erfordert großes Engagement der Entscheidungsträger auf kommunaler Ebene und Kooperation zwischen Wirtschaft, Schulen und Politik. Die aktuelle Strategie der ewigen Lockdown-Verlängerung oder Öffnungen ohne Rücksicht auf Infektionen bieten keine akzeptablen Alternativen.

Politikvorschläge

Die Lösung des Problems wäre so einfach und erfordert eine Strategie mit zwei Säulen: Erstens eine fundamentale Veränderung der Strategie des Testens, Nachverfolgens und Isolierens von Infektionsfällen und zweitens einer Bindung von lokal begrenzten Öffnungen an diese Teststrategie.

Contra: Prof. Dr. David Stadelmann

David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth (Deutschland). Darüber hinaus ist er Fellow bei CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts; Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University) und Mitglied des Walter-Eucken-Instituts. 

Hauptargumente 

Unterdrückungsstrategien erfordern massive Einschränkungen mit hohen Kosten bei jetzt sehr geringem Nutzen. Die gefährdetsten Gruppen werden geimpft und bevölkerungsweite Tests sind verfügbar. Eine relevante Zahl an Genesenen verfügt über eine gewisse Immunität. Für sie und die Geimpften sind die Einschränkungen unverhältnismäßig.

Problem 

Europa ist durch Vielfalt geprägt: Eine einheitliche Unterdrückungsstrategie ist nicht möglich und massive Grenzkontrollen wären erforderlich. Das Wissen über die individuellen Risiken bei Infektion ist gewachsen und die Corona-Müdigkeit nimmt zu. Das verändert die Anreize so, dass immer mehr Bürger die Einschränkungen nur noch vorgeblich einhalten: Feiern finden in Kellern statt, bei der Kontaktnachverfolgung wird ein Minimum an Kontaktpersonen genannt etc. Derartiges Verhalten müsste durch intensive Kontrollen unterdrückt werden. NoCovid senkt die Anreize für die Entscheidungsträger, die Impfkampagne schnellstens voranzutreiben.

Empirie 

Covid-19 ist für hochbetagte, fragile Menschen sehr gefährlich. Die meisten von ihnen sind nun geimpft. Für viele andere ist das Virus um das über Hundertfache weniger gefährlich und mit Risiken vergleichbar, die oft freiwillig eingegangen werden, etwa Motorradfahren. 

Politikvorschläge 

Die nach Impfung oder Infektion weitgehend Immunen müssen ihre vollen Bürgerrechte sofort zurückerhalten. Der Impffortschritt muss weiter beschleunigt werden, indem die bereits Genesenen gesucht und nachrangig geimpft werden. Sobald die Risikogruppen immun sind, müssen auch die Noch-Nicht-Immunen ihre Freiheiten zurückerhalten.

Pro & Contra wurde zusammengestellt von Jörg Rieger, Würzburg. Es erscheint in Heft 5/2021 der Fachzeitschrift WiSt.

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