Kumulative Angebotsschocks bremsen Konjunktur und treiben Kosten

Durch die notwendigen Impffortschritte ist das Konsumklima dabei, sich mehr und mehr zu normalisieren. Damit bekommen auch die während der Pandemie stark gebeutelten Dienstleistungsfirmen Rückenwind, um wieder in die Spur zu kommen. Der Weg zur Normalisierung ist in der deutschen Industrie jedoch nicht frei von Stolpersteinen (Grömling et al., 2021). Seit Herbst letzten Jahres tritt die Industrieproduktion bereits auf der Stelle und dies bremst über die vielfältigen Verbundeffekte die gesamtwirtschaftliche Erholung nach dem Corona-Schock empfindlich ab. Vor allem die Automobilindustrie durchlebte im ersten Halbjahr 2021 einen weiteren enormen Produktionsrückgang. Dabei ist die Nachfrage da. Für die gesamte Industrie zeigt sich sogar eine relativ komfortable Nachfragesituation – erkennbar an den stetig wachsenden Auftragsbeständen und am mittlerweile wieder hohen Welthandelsniveau. Die wachsende Divergenz zwischen Nachfrage und Produktion signalisiert ausgeprägte Angebotsrestriktionen – aus vielschichtigen Gründen. Diese kumulativen Angebotsbelastungen schlagen sich auch in der Preisentwicklung – vor allem bei Import- und Erzeugerpreisen – nieder. Für die mittelfristige Entwicklung in Deutschland wird es – neben der Beherrschung der Pandemie durch Impffortschritte – entscheidend sein, die Angebotsverspannungen zu lösen. Dies gilt nicht nur in nationaler Perspektive, sondern auch im internationalen Rahmen. Denn der globale Investitionszyklus wird wegen der Produktionsprobleme in den Investitionsgütersektoren ausgebremst.

Die deutsche Industrie konnte den im dritten und zum Teil auch im vierten Quartal 2020 eingeschlagenen Erholungskurs nicht durchhalten. Über das gesamte erste Halbjahr 2021 waren ihre Produktion und Wertschöpfung rückläufig. Im Juli 2021 gab es nach monatelangem Rückgang wieder einen leichten Anstieg. Die Produktionslücke der Industrie im Vergleich zum Jahr 2018 beläuft sich aber hartnäckig auf knapp 10 Prozent. Bereits seit Anfang 2018 befindet sich die Industrie hierzulande im Rückwärtsgang.

Treiber der Industrierezession vor Ausbruch der Pandemie war ein ausgeprägter Produktionsrückgang in der deutschen Automobilindustrie. Diese für die deutsche Wirtschaft insgesamt wichtige Industriebranche mit ihren vielfältigen Verflechtungen im Industrie- und Dienstleistungssektor hat bereits von Anfang 2018 bis Ende 2019 rund ein Viertel ihrer Produktion (auf Basis des Produktionsindex) eingebüßt. Dabei kamen nicht nur konjunkturelle Momente – infolge einer zuvor sehr hohen Auslastung – zum Tragen. Vielmehr schlagen sich in dieser Entwicklung auch strukturelle Anpassungslasten nieder – bedingt durch technologische Veränderungen, Präferenzänderungen sowie neue geopolitische Rahmenbedingungen und den damit verbundenen Protektionismus. Im zweiten Quartal 2020, das für alle Wirtschaftsbereiche bislang den Tiefpunkt während der Corona-Pandemie markierte, wurde die Automobilindustrie hierzulande erheblich stärker getroffen als die anderen großen Industriesparten. Während mit Ausnahme des Maschinenbaus große Teile der Industrie bereits zum Jahresende 2020 die Einbußen infolge der Pandemie weitgehend wettmachen konnten, durchlebte die Automobilindustrie im ersten Halbjahr 2021 einen weiteren enormen Produktionsrückgang. Das Produktionsniveau von vor dem Ausbruch der Pandemie wurde im zweiten Quartal 2021 um fast 25 Prozent, das von Anfang 2018 um 40 Prozent unterschritten. Diese aktuell hohe Belastung stellt eine zentrale Hürde für die weitere gesamtwirtschaftliche Erholung in Deutschland dar.

Mit Ausnahme der Elektroindustrie liegen aber auch andere Industriezweige, wie etwa Chemie und Maschinenbau, weiterhin noch merklich unter dem Produktionsniveau von 2018. Die Bauindustrie hatte zwar im bisherigen Verlauf der Pandemie keine Produktionseinbrüche zu erleiden, im ersten Halbjahr 2021 wurde allerdings auch in dieser Branche das Niveau vom ersten Halbjahr 2020 als auch vom Gesamtjahr 2020 unterschritten.

Dieser sich dahinschleppenden Produktionslage der Industrie steht eine beständig wachsende Nachfrage gegenüber. Die realen Auftragseingänge der Industrie lagen im Juli 2021 um 16 Prozent über dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Deutlich wird die insgesamt komfortable Nachfragesituation der deutschen Industrie vor allem an den stetig anwachsenden Auftragsbeständen. Diese sanken auch während der Krise kaum ab und setzten ab der Jahresmitte 2020 ihren Aufbau ungebremst fort. Derzeit besteht also mit Blick auf die gesamte Industrie eine wachsende Divergenz zwischen Nachfrage und Angebot (Abbildung).

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Die industriellen Auftragseingänge werden nach ihrem starken Einbruch im Frühjahr vergangenen Jahres seit Sommer 2020 gleichmäßig von den Bestellungen aus dem Inland und aus dem Ausland getragen. Trotz der in vielen Ländern bestehenden Belastungen durch die Corona-Pandemie hat sich der Welthandel nach seinem starken Einbruch im Frühjahr 2020 schnell und vor allem kräftig erholt. Während es im Gefolge der globalen Finanzmarktkrise 20 Monate dauerte, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht wurde, fand diese Aufholung am aktuellen Rand innerhalb von nur 6 Monaten statt. Dies bekräftigt die These, dass die aktuelle Wirtschaftslage der deutschen Industrie wohl nicht durch eine (globale) Nachfrageschwäche zu erklären ist. Vielmehr bestehen ausgeprägte Probleme auf der Angebotsseite, die ein reibungsloses Durchstarten in Frage stellen.

Die angebots- oder produktionsseitigen Probleme der deutschen Industrie resultieren aus fehlenden Vorleistungen. Die international aufgestellten Liefer- und Wertschöpfungsketten funktionieren derzeit nicht im früher gewohnten Ausmaß. Für diese Vorleistungsengpässe gibt es eine Reihe von gleichzeitig wirksamen Erklärungen (Bardt et al.; 2021): Die Pandemie hat in einigen Branchen – z.B. Medizintechnik, Unterhaltungselektronik und IKT – die globale Nachfrage schlichtweg angetrieben und in Kombination mit den Lockdown-bedingten Produktionskürzungen zu Lieferproblemen geführt. In Teilen gilt dies auch für die Pharmaindustrie. Während die globale Nachfrage etwa auch nach verarbeitetem Holz ansteigt – besonders deutlich getrieben durch China und die USA – geht das Holzangebot – durch Waldbrände oder Ausfuhrbeschränkungen (Russland) – zurück. In anderen Bereichen – z.B. Petro-Chemie – kam es durch den Lockdown im Frühjahr 2020 zuerst zu einem Nachfrageeinbruch und dann zu einer unerwartet schnellen Erholung. Auch dieser Lieferstau wird erst nach und nach abgearbeitet. Eine besondere Rolle kommt derzeit den Halbleitern zu. Diese sind in der boomenden Sparte für Telekommunikations- und Unterhaltungselektronik bedeutsam. Die Automobilindustrie und anderen Industrie wie der Maschinenbau, die wegen der hohen Produktionseinbrüche im vergangenen Jahr ihre Bestellungen von diesen Vorleistungen vorerst stornierten, müssen sich fortan in der wieder anziehenden Weltkonjunktur gegenüber einer vielzähligen Konkurrenz behaupten. Einzelereignisse wie der Brand von Halbleiter-Fabriken und Unwetterkatastrophen tragen des Weiteren zu den aktuellen Engpässen bei. Und nicht zuletzt entwickelten sich die Halbleiterindustrie und die entsprechenden Belieferungen auch zum strategischen Spielball im politischen Konflikt zwischen den USA („CHIPS for America Act“) und China („China 2025“). Chinesische Elektronikhersteller sollen sich mit Chips eingedeckt haben, auch um möglichen Handelskonflikten vorzubeugen.

Zudem leidet der globale Warentransport noch unter der Corona-Pandemie. Nach der Ausbremsung der Weltwirtschaft und des Welthandels im Frühjahr vergangenen Jahres muss vieles nachgeliefert werden. Vor allem auf dem Schiffsweg von Fernost nach Europa stockt es, weil beispielsweise Container und zum Teil auch Schiffsbesetzungen fehlen. Jüngst haben Hafenschließungen wegen einzelner Corona-Fälle für weitere Unsicherheiten in den Logistik- und Wertschöpfungsketten gesorgt. Dies führt auch klar vor Augen, dass letztlich die Funktionsfähigkeit der internationalen Zulieferketten und der globale Warenaustausch auch davon abhängen, ob und inwieweit die Pandemie rund um den Globus erfolgreich in ihre Schranken verwiesen werden kann. Die zwischenzeitliche Blockade des Suez-Kanals hat die Logistik-Probleme und daran angelegte Knappheiten weiter verschärft. Mit Blick auf das dritte Quartal 2021 kommen hierzulande noch die Belastungen aus den eingeschränkten Transportmöglichkeiten im Inland infolge der mehrfachen Bahnstreiks hinzu.

Diese vielschichtigen Erklärungen für Vorleistungsengpässe verdeutlichen, welche kumulativen Angebotsbelastungen derzeit vor allem für die Industrie einschließlich der Bauwirtschaft bestehen. Mehrfach mussten Automobilwerke wegen fehlender Bauteile ihre Produktion erheblich einschränken. Bauunternehmen beklagen etwa die Engpässe für verarbeitetes Holz und anderer Materialien. Diese Angebotsprobleme zeigen zugleich auch, dass die kurzfristigen Handlungsmöglichkeiten auf der Ebene der Unternehmen und des Staates eingeschränkt sind.

Diese Ereignisse und Entwicklungen, die derzeit auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft zu außergewöhnlichen Anpassungslasten führen, schlagen sich in der Preisentwicklung nieder und haben zuletzt hierzulande dem Thema Inflation eine hohe Aufmerksamkeit verliehen (Bardt et al., 2021). Seit dem Jahresanfang 2021 steigen die Importpreise deutlich an und sie lagen zuletzt um 15 Prozent über dem Vorjahresniveau und um fast 10 Prozent über dem Niveau vom Januar 2020. Bei importierten Rohstoffen, im Bereich der importierten Halbwaren und vor allem bei den importierten Vorerzeugnissen ist ein starker Anstieg zu verzeichnen. Diese kräftig steigenden Importpreise finden ihren Widerhall in den Erzeugerpreisen der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland. Im Juli 2021 lagen die Erzeugerpreise um gut 10 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau.

Gemäß der IW-Konjunkturumfrage vom Sommer 2021 (Bardt et al., 2021) hat die Verteuerung von Rohstoffen und Vorleistungen bei rund 80 Prozent der befragten Unternehmen am aktuellen Rand einen starken oder einen mittleren Effekt auf die eigene Preisentwicklung – davon für mehr als die Hälfte der Firmen einen starken Einfluss. Die IW-Umfrage zeigt auch, dass die Verteuerung von Energie derzeit bei rund 70 Prozent der befragten Firmen für einen starken beziehungsweise mittleren Preisauftrieb sorgt. Der nachfrageseitige Preisdruck ist im Vergleich mit diesen angebotsseitigen Einflüssen merklich schwächer. Vor allem signalisieren die Unternehmen, dass mittelfristig die angebotsseitigen Argumente dominierend bleiben. Bis Ende 2022 erwarten rund 80 Prozent der Firmen signifikante Preiseffekte durch teurere Rohstoffe und Vorleistungen. Gut ein Drittel erwartet auch langfristig starke und weitere knapp 40 Prozent der Betriebe sehen mittlere Auswirkungen der Energiekostendynamik auf die eigene Preisentwicklung.

Die Verbraucherpreise hatten sich im Jahr 2020 von den starken Ab- und Aufwärtsbewegungen auf der Einfuhr- und Erzeugerpreisebene zunächst abgekoppelt. Seit Jahresanfang 2021 ist aber auch auf der Konsumebene ein Anstieg des Preisindex zu verzeichnen. Im August 2021 übertrafen die Verbraucherpreise ihr entsprechendes Vorjahresniveau um knapp 4 Prozent. Dabei sind aber auch Sondereffekte zu berücksichtigen: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf ihr vorheriges Niveau ist in den Inflationsraten seit Juli 2021 sichtbar. Sichtbar sind seit Jahresbeginn die Effekte der höheren Energiesteuern.

Zeitverzögert dürften die höheren Produktionskosten der Unternehmen teilweise ihren Niederschlag in den Verbraucherpreisen finden. Schließlich besteht die Gefahr, dass temporäre Anstiege der Verbraucherpreise in den kommenden Tarifverhandlungen als Argument für höhere Tarifabschlüsse angeführt werden. Die Angebotsprobleme bekommen dann eine Eigendynamik und laufen Gefahr sich zu verfestigen.

Referenzen

Bardt, Hubertus / Diermeier, Matthias / Grömling, Michael / Hüther, Michael / Obst, Thomas, 2021, Lieferengpässe und Preisentwicklung bei Rohstoffen und Vorleistungen. Corona Echo Effekte oder ´here to stay`?, IW-Report, Nr. 27/2021, Köln

Grömling, Michael / Bardt, Hubertus / Demary, Markus / Hüther, Michael, 2021, Gespaltene Industriekonjunktur in Deutschland – Stolpersteine auf dem Weg der Normalisierung, IW-Report, Nr. 34/2021, Köln

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