Gastbeitrag
US-Lohndruck nimmt zu

Der kräftige Anstieg der US-Inflationsraten erhöht das Risiko, dass sich die höhere Teuerung festsetzt. Dabei kommt es vor allem auf die Entwicklung der Löhne an, die zuletzt deutliche Anzeichen eines stärkeren Anstiegs zeigten. Die Sorge vor einer Lohn-Preis-Spirale nimmt zu.

Dreht der Lohntrend nach oben?

Im September lag die US-Inflationsrate bei 5,4% und damit den vierten Monat hintereinander über 5%. In diesem Jahr wird sie wohl nicht mehr unter diese Marke sinken. Für den Inflationsausblick kommt es darauf an, ob sich der Lohnanstieg deutlich beschleunigt. Denn dies würde die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale erhöhen und damit das Risiko einer Selbstverstärkung der Teuerung.

Das bekannteste Lohnmaß ist der im Rahmen des monatlichen Arbeitsmarktberichts erhobene durchschnittliche Stundenlohn. Dieser legte viele Jahre recht gleichmäßig zu, mit einer jährlichen Wachstumsrate von rund 2,3% für nicht-leitende Positionen. Die Corona-Pandemie hat zunächst einen Sprung verursacht. Vor allem Geringverdiener verloren ihre Jobs, was den Durchschnittlohn bei den verbleibenden Belegschaften erhöhte. Der einsetzende Aufschwung sorgte zwar für eine gewisse Normalisierung. Der Befund, dass sich der Lohn offenbar immer mehr vom Vorkrisentrend entfernt, ändert sich aber nicht (Abbildung 1).

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Kräftiger Zuwachs im Niedriglohnbereich

Eine besonders starke Bewegung gab es in den letzten Monaten im Niedriglohnbereich. Die Stundenlöhne im Gastgewerbe (Hotels und Restaurants) sind im letzten halben Jahr um 9,5% gestiegen – deutlich stärker als in besser entlohnten Branchen wie der Industrie (Abbildung 2). Diese Branche wurde von der Pandemie stark getroffen. Viele Arbeitnehmer wurden entlassen und sind teilweise in andere Sektoren abgewandert. Das Umfeld für das Gastgewerbe hat sich seither wieder merklich verbessert. Die Branche stellt wieder ein, hat aber große Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen und muss daher höhere Löhne bieten.

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Auch bereinigter Indikator weist nach oben

Der Stundenlohn wird nicht um die Strukturänderungen am Arbeitsmarkt bereinigt und ist daher stark von Zusammensetzungseffekten betroffen, die seine Aussagekraft verringern. Methodisch sauberer ist der Indikator der Atlanta Fed zum Median-Lohnanstieg (die Hälfte der Lohnerhöhungen liegt darüber, die andere Hälfte darunter). Hier wird nämlich erfasst, wie sich bei konkreten Arbeitnehmern der Lohn in den letzten zwölf Monaten verändert hat. Damit sind Kompositionseffekte nicht mehr relevant. Umso auffälliger ist, dass er inzwischen den stärksten Lohndruck seit 2008 signalisiert (Abbildung 3).

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Was macht der entscheidende Indikator?

Der umfassendste und beste Index zur Lohnentwicklung ist der Arbeitskostenindex (Employment Cost Index, ECI). Dieser liegt allerdings immer erst mit einiger Verzögerung vor. Der ECI für das dritte Quartal wird am 29.10. veröffentlicht.

Im zweiten Quartal legte der ECI um 0,7% gegenüber dem ersten Quartal zu. Dies war ähnlich wie vor der Pandemie, beruhigt aber nur bei oberflächlicher Betrachtung. Denn im ersten Quartal hatte ein Sondereffekt (hohe Boni im Finanzsektor) den Anstieg des ECI aufgebläht. Die entsprechende Gegenbewegung hatte den ECI dann im zweiten Quartal gedrückt. Dass trotzdem der ECI noch durchschnittlich stark zulegte, signalisiert ebenfalls längerfristige Aufwärtsrisiken für die Inflation.

Knappheit am Arbeitsmarkt

Die Löhne – also der Preis am Arbeitsmarkt – bilden sich durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Hier zeigt sich auch, wo die Verspannungen liegen.

Hohe Nachfrage….

Die unerwartet rasche Belebung der Wirtschaft treibt die Nachfrage nach Arbeitskräften in die Höhe. Im Juli standen über 11 Millionen Stellen offen und damit 5 Millionen mehr als auf dem Höhepunkt des letzten Konjunkturzyklus unmittelbar vor Ausbruch der Pandemie. Im August waren es nur geringfügig weniger. Rechnerisch kommen daher auf jeden Arbeitslosen 1,2 offene Stellen, ebenfalls ein Rekord (Abbildung 4).

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… trifft auf reduziertes Angebot

Die Unternehmen haben allerdings große Schwierigkeiten, die freien Stellen zu besetzen. Dies liegt vor allem daran, dass sich das Angebot an Arbeitskräften von der Pandemie kaum erholt hat. Der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung stagniert seit Mitte letzten Jahres und bleibt deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Bei der für den Arbeitsmarkt zentralen Altersgruppe der 25- bis 54jährigen hat sich die Beteiligung am Erwerbsleben nur etwas besser entwickelt als insgesamt (Abbildung 5).

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Gab es Anfang des Jahres noch 4,7 Millionen Menschen, die sich wegen der Pandemie vom Arbeitsmarkt zurückgezogen hatten, waren es zuletzt nur noch 1,6 Millionen (diese Daten werden bei der Erhebung der Arbeitsmarktdaten mit abgefragt, Abbildung 6). Das Reservoir rasch verfügbarer zusätzlicher Arbeitskräfte ist daher viel kleiner geworden. Diese Zahl dürfte zudem eher die Obergrenze möglicher Rückkehrer darstellen, da in der Vergangenheit diese Gruppe viel stärker schrumpfte, als die Zahl der Erwerbspersonen tatsächlich zunahm. Mit einem baldigen Ende der Knappheit am Arbeitsmarkt ist daher nicht zu rechnen.

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Nächstes Jahr Inflationsrückgang, aber langfristige Risiken

Die grundlegende Verspannung am Arbeitsmarkt dürfte daher vorerst erhalten bleiben und mittelfristig für Lohndruck sorgen. Damit steigen auch die Inflationsrisiken. Zwar sind wir nach wie vor der Meinung, dass sich die Preise vieler zuletzt massiv verteuerter Güter wie Gebrauchtwagen nach dem Abebben von Corona und der Überwindung der Materialengpässe wieder normalisieren werden. Dies wäre aber nur eine Atempause. Längerfristig sollte wie beschrieben der Lohndruck zunehmen. Zusammen mit strukturellen Faktoren wie der Alterung der Gesellschaft, den Kosten der Klimapolitik, dem zunehmenden Protektionismus und einer wahrscheinlich zu langsam die Zügel straffenden Geldpolitik dürfte dies den Boden bereiten für Inflationsraten, die deutlich höher ausfallen sollten als vor der Pandemie.

Bernd Weidensteiner und Christoph Balz

Bernd Weidensteiner und Christoph Balz

Commerzbank Research
Commerzbank Research
Bernd Weidensteiner und Christoph Balz

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