Wärmer ist nicht immer auch ärmer
Temperatur und Wirtschaftswachstum auf regionaler Ebene

Nachdem der Klimawandel aufgrund des dringlicheren Corona-Pandemie etwas aus dem Fokus von Politik und Medien gerückt war, könnte der kommende Frühling und Sommer in vielfacher Hinsicht normaler werden. Dann könnte statt des Corona-Notstands wieder der „Klima-Notstand“ ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken.

Tatsächlich erwärmt sich die Erde. Der Klimawandel ist menschengemacht und er führt zu weltweiten Kosten. Gemäß einem aktuellen Bericht des Weltklimarat der Vereinten Nationen betrug der globale Temperaturanstieg im Vergleich zum Zeitraum 1850-1900 bis zu den 2010er Jahren etwa 1,1°C. Das hat vielfältige Folgen auf die Natur. Doch wie stark negativ wirkt sich der Klimawandel auf den menschlichen Wohlstand aus?

Ist warm gleich arm?

Die Armut der Welt konzentriert sich tatsächlich tendenziell in heißen, tropischen Ländern. Reichtum ist eher in Industriestaaten zu finden, deren Durchschnittstemperaturen oft kühler ausfallen. Nur wenige würden allerdings behaupten, die hohe Armut, die mangelnde Gesundheitsversorgung und die schwachen staatlichen Sozialsysteme vieler afrikanischer und teilweise auch südamerikanische Länder wären primär auf wärmere Temperaturen zurückzuführen. Denn dort, wo Armut lange vorherrschend war, aber wirtschaftliche Reformen durchgeführt wurden, zum Beispiel in vielen Ländern Südostasiens, stieg der Wohlstand schnell an und die Lebensbedingungen verbesserten sich substanziell für große Teile der Bevölkerung. Diese Länder haben Wohlstand geschaffen unabhängig davon, dass sie oft ein tropisches, zunehmend wärmeres Klima haben.

Ähnliches gilt aus historischer Perspektive für viele der heutigen Industriestaaten. Trotz durch den Klimawandel verursachten deutlich höheren Temperaturen heutzutage in Deutschland als 1850-1900 würde nahezu niemand ernsthaft behaupten, der Wohlstand hierzulande wäre bedeutend höher, wenn die Temperatur seit der industriellen Revolution konstant geblieben wäre. Auch kommt vermutlich niemand auf die Idee zu behaupten, Deutschland wäre erfolgreicher als Norwegen, wenn es denn nur hierzulande so kühl wäre wie dort. Klima ist nicht Schicksal.

Ein Blick auf die regionale Ebene

Trotzdem birgt die Erderwärmung Gefahren und das Potential für ungünstige Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung und damit den Wohlstand. Den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Temperaturen haben wir in zwei Forschungsarbeiten genauer beleuchtet, die eine regionale Perspektive einnehmen statt der ansonsten in der Literatur eher üblichen Länderperspektive.

Höhere Temperaturen könnten die wirtschaftliche Entwicklung ungünstig beeinflussen, indem sie die Verfügbarkeit und Produktivität von landwirtschaftlicher Anbaufläche und menschlicher Arbeit senken. Dies mag beispielsweise durch reduziertes Pflanzenwachstum infolge von zunehmender Trockenheit geschehen oder durch die verstärkte Ausbreitung tropischer Krankheiten, die die menschliche Arbeitskraft verringern. Daneben könnten weitere Mechanismen zu einem negativen Effekt höherer Temperaturen auf die Wirtschaftsleistung beitragen. Denkbar ist, dass der Klimawandel Ressourcenkonflikte um knappes Wasser oder Ackerland verschärft. Tatsächlich warnt auch der Weltklimarat, dass höhere Temperaturen eine Gefahr für die globale wirtschaftliche Entwicklung darstellen könnten.

Die bestehende empirische Forschung untersucht den Zusammenhang von Temperatur und Wohlstand überwiegend auf nationaler Ebene. Praktisch wird der Zusammenhang zwischen der Durchschnittstemperatur eines Landes mit dessen Wirtschaftsleistung gemessen am Pro-Kopf-Einkommen untersucht. Neben klimatischen Bedingungen gibt es dabei allerdings noch viele weitere Faktoren, die sich zwischen Ländern unterscheiden und die ebenfalls die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig beeinflussen. So sind beispielsweise viele afrikanische Länder zwar wärmer als europäische Länder. Gleichzeitig leiden diese Länder oft stärker unter ethnischen Konflikten, Korruption, schwacher Integration in den Welthandel, Machtkonzentration in der Politik, schwacher Rechtsstaatlichkeit und vielem mehr. Allgemeiner formuliert besteht das Problem, dass die enorme Vielzahl wachstums- und entwicklungsrelevanter Variablen, die sich zwischen Ländern unterscheiden, nicht notwendigerweise ausreichend in vergleichenden Länderstudien berücksichtigt werden kann. Hieraus ergibt sich dann die Gefahr einer relevanten Fehleinschätzung von möglichen Effekten von Temperatur auf den Wohlstand.

Die Verwendung von regionalen (d.h. sub-nationalen) Daten zu klimatischen und ökonomischen Bedingungen hilft, die bestehenden Analysen zum Zusammenhang von Temperatur und wirtschaftlicher Entwicklung zu bereichern. Eine Region beschreibt hierbei eine politisch-administrative Untergliederung innerhalb eines einzelnen Staates (z.B. ein Bundesland). Ein Blick auf derartige regionale Daten zeigt sofort, dass es große Unterschiede innerhalb von Ländern hinsichtlich deren klimatischen Bedingungen gibt; man denke hierbei nur an Chile (Süd vs. Nord) oder die USA (Florida vs. Alaska). Variation gibt es auch in Bezug auf die regionale wirtschaftliche Entwicklung (z.B. Bayern vs. Berlin). Indem wir analysieren, ob Regionen innerhalb derselben Nation ärmer sind, sofern sie auch wärmer sind, können sämtliche Störfaktoren vollständig ausgeschlossen werden, die sonst über die Zeit auf nationaler Ebene die ökonomische Entwicklung beeinflussen.

Warm ist nicht gleich arm

Zunächst analysieren wir (vgl. https://doi.org/10.1093/epolic/eiab007), ob heißere Regionen innerhalb eines Staates notwendigerweise ärmer sind. Für einen Datensatz von rund 1.500 Regionen in 83 Ländern zeigen wir, dass es keine statistisch robuste Beziehung zwischen Temperatur und Pro-Kopf-Einkommen auf sub-nationaler Ebene gibt. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass besonders heiße Regionen besonders arm sind. Insofern könnte der teilweise gezeigte Zusammenhang in der Literatur zwischen hoher Temperatur und niedrigem Wohlstand eine Folge der nicht ausreichenden statistischen Berücksichtigung anderer wachstums- und entwicklungsrelevanter Faktoren sein, die sich zwischen Ländern unterscheiden.

Allerdings ist Klimawandel ist ein langfristiges Phänomen. Dementsprechend ist es möglich, dass sich negative Wohlstandseffekte erst über längere Zeiträume eruieren lassen. Daher analysieren wir in einer weiteren Studie auch den Effekt steigender Temperaturen auf das Wirtschaftswachstum über längere Zeiträume (https://ideas.repec.org/p/cra/wpaper/2021-36.html). In der kurzen Frist finden wir erneut keinen statistisch relevanten Zusammenhang zwischen höheren Temperaturen und Wirtschaftswachstum. Längerfristig lässt sich jedoch ein negativer Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und Wohlstand nicht ausschließen. Sogenannte Intensivierungseffekte, durch die der Klimawandel negativ auf den Wohlstand wirkt, sollten dementsprechend längerfristig (rund 30 Jahre) durchaus ernst genommen werden.

Relevant ist auch unser empirisches Ergebnis, dass bislang nur Regionen von negativen langfristigen Effekten betroffen sind, die sich in Ländern befinden, die keine hinreichende Anpassung an höhere Temperaturen erlaubten. So zeigen wir, dass besonders Regionen innerhalb eher verwundbarer Nationen unter steigenden Temperaturen leiden. Langfristig negative Effekte des Klimawandels finden sich so vor allem in Regionen in Nationen mit schwach ausgeprägter Rechtsstaatlichkeit. Das ist eine schlechte Nachricht für Länder mit schwachen Institutionen, denn der Wohlstand ihrer Regionen könnte durch den Klimawandel längerfristig weiter sinken. Beispielsweise kann eine schwache Rechtsstaatlichkeit bedeuten, dass Investitionen in Anpassungsmechanismen an höhere Temperaturen unterbleiben, da der Schutz dieser Investitionen vor staatlicher Willkür nicht ausreichend gegeben ist. Gleichzeitig bedeutet unser Ergebnis aber auch, dass gelungene Ordnungspolitik im breiten Sinne ein Mittel ist, mögliche Folgen des Klimawandels zu mindern. Und da ordnungspolitische Aufgaben wie eine Verbesserung der Rechtsstaatlichkeit oder auch die Garantie der Eigentumsrechte nicht nur die Verwundbarkeit gegenüber Klimawandel senken, sondern auch auf andere Weise die Armut reduzieren, könnte gelungene Ordnungspolitik in vielfältiger Hinsicht den Wohlstand heben.

Daniel Meierrieks und David Stadelmann

Daniel Meierrieks und David Stadelmann

WZB Berlin
Universität Bayreuth
Daniel Meierrieks und David Stadelmann

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