In Zeiten der Finanzmarktkrise hat der ökonomische Liberalismus einen schweren Stand. Und dies ist nicht ganz unverschuldet. Gleichzeitig hat der klassische Liberalismus einer ökonomisch gebildeten, aber weit ins Sozial- und Rechtsphilosophische ausgreifenden Art wieder deutliche Aufmerksamkeit verdient. Hierfür stellvertretend steht die Haltung von Friedrich A. von Hayek, spätestens seit der vor genau 50 Jahren veröffentlichten „Verfassung der Freiheit“. Zumindest jenseits einer recht blamierten Schmalspurökonomik (meinen Eindrücken zufolge) hat diese Art von Liberalismus die ihm zukommende Aufmerksamkeit nun auch wieder erlangt. Außer Keynes sehe ich fast nur Hayek als einen Ökonomen, der nicht nur im 20. Jahrhundert, sondern wohl noch für viele Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts die Aufmerksamkeit der Sozial- und Geisteswissenschaften auf sich ziehen dürfte. Für diese These kann ich hier nur vor allem Hayek und nur selektive Argumente kurz und hoffentlich provokant vorbringen.
1) Zur Finanzkrise wurde hier schon genug geschrieben. Und natürlich lohnt sich weder die Lektüre von Keynes noch die von Hayek – jeweils etwa aus den 1930er Jahren –, um etwas über asset backed securities oder credit default swaps zu erfahren. Hayek und Keynes ging es um Überinvestition oder Unterkonsumtion in noch in recht handfesten Kategorien des Produktionsaufbaus der realen Wirtschaft; um Investitionen in Maschinen, nicht in Derivate. Beide haben aber auch echte Krisentheorien geliefert, die genau die Momente betonten, die noch heute und in Zukunft entscheidend sind. Und dies sind genau die Momente, die unsere moderne „reine“ Theorie als „unökonomisch“ oder „irrelevant“ aus ihren Modellen mit Gewinn an mathematischer Geschlossenheit und politischem Machbarkeitsdenken, aber mit Verlust an real-politischer Relevanz verbannte: die menschliche Natur („animal spirits“ etc.), die Logik oder auch Magie billigen Geldes und der formelle wie informelle institutionelle Kontext (Recht, Sitte, Gewohnheit). Ich will hier nicht erneut in die Details gehen. Nur diese Frage: Warum wurden in der ökonomisch gebildeten Öffentlichkeit, Publizistik (z.B. hier [1]und hier [2]) und Politik, aber selbst in der professionellen Ökonomik (Krugman u.a.) die Debatten oft erst klar und verständlich – und auch für sich künftig abzeichnende Krisen unverändert relevant – geführt, indem man sie auf tote Ökonomen wie Hayek, Keynes, Minsky, oder wenige andere bezog?
2) Als die Finanzkrise zur Weltwirtschaftskrise geriet und von Öffentlichkeit wie auch maßgeblichen Intellektuellen im Feuilleton (etwa der FAZ [3]) als systemrelevante Krise der „Zukunft des Kapitalismus“ zur Diskussion gestellt wurde, war für lebende Ökonomen schon kaum mehr Verwendung. Soziologen, Philosophen, Literaten, Politologen waren nun gerufen, sich zu den Möglichkeiten und Defekten des Wirtschaftssystems Gedanken zu machen. Für zeitgenössische Ökonomen (die nicht gerade vor oder jenseits der Emeritierung stehen) war das kein Thema. Sie wurden aber auch nicht von den anderen gebraucht. Manche mögen einige gut formulierte Plattheiten von Paul Krugman aufgegriffen haben; wer das Thema aber ernsthaft und tief angehen wollte, griff zur Ideengeschichte: zu Smith, Marx, Gesell, Schumpeter, Keynes, oder (implizit oder explizit): immer auch mal wieder: zu Hayek.
3) Zu Hayek also. Seine geld- und konjunkturtheoretischen Schriften (etwa: Geld- und Konjunkturtheorie von 1929) verdienten gerade heute wieder eine verstärkte Aufmerksamkeit. Schließlich beschreibt Hayek hier die durch zu billigen Kredit angefachte Blasenbildung der Überinvestition – wenn auch in überaus übersetzungsbedürftiger Diktion. Ob es sich bei der gegenwärtigen Krise tatsächlich um eine typische Überinvestitionskrise gehandelt hat, ist zwar umstritten. Aber weil zumindest der Impuls derselbe war, die übermäßige Kreditvergabe, lohnt es sich trotzdem in jedem Fall, sich mit dem Argument auseinanderzusetzen. Auch Hayeks Überlegungen, wie den politischen Anreizen zur billigen Verschuldung und Inflationierung durch Varianten einer „Entnationalisierung des Geldes“ Einhalt geboten werden können, könnten bald jenseits der einst als „lunatic fringe“ wahrgenommenen Nischen der „Austrians“ Aufmerksamkeit gewinnen – und wieder: faute de mieux.
4) Warum Hayek wie (aber vielleicht doch zurecht auch: mehr noch als) Keynes oder jeder andere Ökonom des 20. Jahrhunderts die Debatten auch der künftigen Krisen in meiner Erwartung wenn auch nicht beherrschen, so doch prägen, sollte und wird, liegt an einem anderen Werk. Vor 50 Jahren wurde Hayeks „Verfassung der Freiheit“ veröffentlicht. Überschwänglich wurde behauptet, dies sei seit Mills „On Liberty“ der wichtigste Beitrag zum klassischen Liberalismus. Oberflächlich kann man die Anekdote zum besten geben, Margret Thatcher habe ihrer Partei genau dieses Buch auf den Tisch geknallt mit den Worten: „This is what we believe in“. Nüchtern kann man wohl feststellen, dass sich seitdem wohl (neben bedeutenden Ausnahmen wie James Buchanan und Amartya Sen) kein Ökonom mehr so grundsätzlich mit Rechts- und Moralphilosophie beschäftigt hat und auf eben dieser aufbauend auch eine Ordnungsökonomik der Aufgaben und Grenzen des Staates und seiner Wirtschaftspolitik formulierte. Ich nehme Gegenwetten gerne entgegen. Leichter dürfte es mit Einwänden gegen die Konsistenz oder ordnungspolitische Stringenz vieler einzelner Argumente in Hayeks „Verfassung“ sein (etwa in Teil 3). Darauf kommt es mir hier jedoch nicht an. Es geht mir hier um die vergleichbare Armut der heutigen Ökonomik, die einstmals als Moralphilosophie und Wissenschaft der gerechten Gesetzgebung begründet wurde und sich heute als gescheiterte oder nutzlose Technologie (wenn auch oft zu unrecht) verachtet sieht und aus dem öffentlichen Diskurs selbst heraus spezialisiert hat.
5) Hiergegen erscheint Hayek geradezu als „pontifex“: Ökonomen, die sich ernsthaft mit Hayeks Geld-, Konjunktur-, oder Wettbewerbstheorie beschäftigen, dürften bald auch mit Gewinn Hayeks Ordnungsökonomik – seine Sozial- und Rechtsphilosophie lesen wollen. Sozial- und Rechtsphilosophen, die Hayeks Verfassung der Freiheit lesen, kommen kaum daran vorbei, nebenbei auch mit handfester Ökonomik konfrontiert zu werden. Vielleicht ist dies genau das, was uns heute fehlt: eine Ökonomik, die ihren institutionellen und geistig-moralischen Kontext zu thematisieren und zu problematisieren gewillt und in der Lage ist; und: ein Liberalismus, der auf universalisierbare Regeln gerechten Verhaltens verweist und nicht auf ein Modell-Nirwana ökonomischer Effizienz.
6) „Wirtschaftliche Freiheit“ ist deshalb ein nur bedingt brauchbarer Platzhalter für eine Diskussion ordnungsökonomisch relevanter Fragen wie der nach der „Zukunft des Kapitalismus“. Die Beiträge und Diskussionen in diesem ordnungsökonomischen Blog haben auch gezeigt, dass es uns um etwas anderes geht als um einen rein ökonomischen, marktapologetischen Liberalismus, dessen „Elend“ heute wohl auch darin zu finden wäre, dass ethische Gefühle ebenso wie rechtliche Zwänge, Themen der Moral-, Sozial-, und Rechtsphilosophie in ökonomisch weniger scharf denkende Nachbardisziplinen ausgelagert wurden.
7) Es wäre zutiefst un-hayekianisch zu behaupten, dass im Werk eines Einzelnen wie Hayek oder anderer „dead economists“ all das zu finden wäre, was noch heute relevant ist. Ich würde aber behaupten, dass es wohl kaum einen besseren Einstieg gibt, sich mit vielen relevanten und verbundenen Problemen kritisch auseinanderzusetzen, die sich noch heute stellen. 50 Jahre Hayeks „Verfassung der Freiheit“ sind ein guter Anlass, wirtschaftliche Freiheit als Teilaspekt eines sehr viel weiteren Liberalismus zu verstehen und zu diskutieren. Man kann dieses Feld nicht den Schmalspurökonomen überlassen; aber auch nicht den ökonomischen Illiterati des Feuilletons.
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