Klimanaivität!

Die globale Temperatur ist seit der industriellen Revolution laut Weltklimarat um rund 1,1°C angestiegen – in einigen europäischen Ländern sogar um deutlich mehr, wie beispielsweise in Deutschland. Die weltweiten Emissionen wachsen auf hohem Niveau weiter. Dabei mangelt es in der Politik nicht an ehrgeizigsten Zielen zum Klimaschutz. So will die Bundesregierung, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird. Global soll die Erderwärmung auf unter 1,5°C begrenzt werden. Doch mit nüchternem Blick auf die Welt erscheint die Erfüllung solcher Ziele als „klimanaiv“.

Klimaschutz ist ein globales öffentliches Gut

Klimaschutz ist ein globales öffentliches Gut. Alle könnten davon profitieren. Doch das macht effektiven Klimaschutz nicht wahrscheinlicher, sondern sehr viel unwahrscheinlicher. Mindestens vier Kosten-Nutzen-Überlegungen sind dabei von zentraler Bedeutung.

  • Trittbrettfahrer: Diejenigen Länder, die ihre Emissionen tatsächlich reduzieren, tragen die Kosten für Klimaschutz. Die Nutzen von Emissionsreduktionen verteilen sich hingegen weltweit, sodass hauptsächlich andere profitieren.
  • Gegenwartsliebe: Emissionsreduktionen führen sofort zu Kosten. Da das Weltklima träge ist, fällt der Nutzen erst in Zukunft an. Politiker und Bürger bevorzugen im Regelfall Nutzen heute und Kosten in der Zukunft.
  • Unsicherheit: Die Kosten für Klimaschutz sind sichtbar und gewiss. Die Nutzen von Klimaschutz hingegen sind nicht sofort sichtbar und ungewiss, da sie durch die Senkung der Wahrscheinlichkeit von Schäden irgendwo auf der Welt und in der Zukunft zustande kommen.
  • Ungleichheit: Mit fortschreitender Erkenntnis über die möglichen Schäden der Erderwärmung wird klarer, dass diese ungleich verteilt sein werden. So dürfte es große und kleine Verlierer aber auch Gewinner des Klimawandels geben. Letztere haben wenig Eigeninteresse an Klimaschutz.

Diese Kosten-Nutzen-Überlegungen verdeutlichen die typische Tragik öffentlicher Güter, die beim globalen öffentlichen Gut Klimaschutz besonders stark ausgeprägt ist. Wenn ein Großteil der Welt sich nicht beteiligt, dann bringen nationale Anstrengungen zum Klimaschutz außer sofortigen Kosten so gut wie nichts. Daher rentiert es sich für kein Land allein, ausreichend Klimaschutz zu betreiben. Man könnte von Klimanaivität ersten Grades sprechen, wenn Klimaschutz nicht als öffentliches Gut verstanden wird.

Darüber hinaus reduzieren Preismechanismen die Anreize zu Klimaschutz noch weiter: Sollten Länder wie Deutschland bald tatsächlich viel weniger fossile Energieträger nachfragen, fallen deren Weltmarktpreise. Wenn gleichzeitig Solar- und Windenergie massiv ausgebaut werden, die nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen, wird die Nachfrage nach Speicherung wachsen. Folglich steigen Speicher- und somit die Strompreise an. Diese Preisentwicklungen machen den Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien doppelt unattraktiv, insbesondere für derzeit noch ärmere Länder – also für das Gros der Welt.

Oft geht es nicht um Klimaschutz

Nun mag man zurecht einwenden, dass sich die „Weltgemeinschaft“ in zahlreichen Großkonferenzen und internationalen Klimaverträgen wiederholt zu Klimaschutz verpflichtet habe. Tatsächlich könnte die Tragik des globalen öffentlichen Guts Klimaschutz durch den Abschluss bindender internationaler Verträge überwunden werden. Solche Verträge sollen die notwendige Kooperation zwischen den Ländern ermöglichen, sprich: Wenn andere Klimaschutz betreiben, betreibt man selbst welchen. Folglich sind solche Verträge aber auch nur dann sinnvoll, wenn sehr viele Länder beitreten und diese dann auch echten Klimaschutz betreiben.

Internationale Klimaverträge, wie beispielsweise das Übereinkommen von Paris, werden mit einer überwältigenden Anzahl an Nationen geschlossen. Doch Vertragsparteien sind dabei viele Regierungen, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte eher nur auf dem Papier würdigen. Sie behandeln ihre eigenen Bürger oft wie Untertanen, beseitigen kritische Medienschaffende, internieren ganze Volksgruppen oder führen Angriffskriege. Der Glaube daran, dass genau diese Regierungen sich beim Klimaschutz für das Wohl der zukünftigen Bürger der Erde einsetzen, erscheint, mit Verlaub, doch leicht naiv. Man könnte diesen Glauben mit dem Titel Klimanaivität zweiten Grades versehen.

Manche mögen einwenden, es wäre bereits ein Teilerfolg, wenn sich eigennützige Regierungen mancher undemokratischer, unfreier Länder in einem kleinen Aspekt – eben beim Klimawandel – etwas mehr auf das Wohl der zukünftigen Bürger der Erde ausrichten. Naheliegender erscheint, dass diese Regierungen mit ihren Auftritten bei Klimakonferenzen und ihren Unterschriften zu Klimaverträgen wenigstens teilweise ihre Unterdrückungs- und Ausbeutungstendenz gegenüber der eigenen Bevölkerung überstrahlen wollen. Die UN-Klimakonferenz 2022 in Ägypten mag dafür bezeichnend sein. Die Regierung unter Staatsoberhaupt Abd al-Fattah as-Sisi wird seit Jahren für die Missachtung der Menschenrechte etwa von Human Rights Watch oder Transparency International kritisiert.

Realistischerweise sind auch demokratisch geprägte Länder nicht immer die zuverlässigsten Vertragspartner in Klimafragen. Generell verfolgen politische Entscheidungsträger nicht nur die Interessen der zukünftigen Bürger der Erde, sondern auch die Interessen ihrer Partei, ihrer Lobbygruppen oder ihre ganz ureigenen Interessen. Anstrengungen zum Klimaschutz werden aufgeschoben, wenn andere Krisen da sind. Anders gesagt geht es auch demokratischen Regierungen in der Klimapolitik nicht nur um Klimaschutz, sondern auch darum, mit „Klimapolitik“ die Unterstützung von den für sie wichtigen Wähler- und Interessengruppen aufrecht zu erhalten.

Realismus statt Klimanaivität

Gemäß Klimanaivität ersten Grades ist es kühn darauf zu hoffen, dass Länder von selbst ausreichend Klimaschutzmaßnahmen betreiben. Doch so gut gemeint ein internationaler Kooperationsansatz mit Verträgen als Lösung wäre, so droht er aufgrund von Klimanaivität zweiten Grades zu scheitern. Daraus gibt es zwei Folgerungen.

Erstens muss es bei der Klimapolitik um echte Kostenwahrheit gehen. Die zukünftigen Schäden müssen wissenschaftlich geschätzt werden. Dann können sie den heutigen Verursachern in Rechnung gestellt werden. Dazu dient eine allgemeine Steuer auf klimaschädliche Emissionen. Das Abgabeaufkommen muss an die Bevölkerung und Wirtschaft zurückgegeben werden. Dazu können andere Steuern gesenkt werden, die besonders wohlfahrtsschädigend sind. Gleichzeitig können Klimaregulierungen abgebaut werden. Diese Politik wirkt, indem sie die richtigen Anreize setzt zum sparsamen Einsatz und zum Ersatz fossiler Energien. Zwar führt auch Kostenwahrheit nur dann zur Lösung des Klimaproblems, wenn sie von fast allen Ländern umgesetzt wird. Allerdings besteht im Unterschied zur derzeitigen Klimapolitik dafür wenigstens eine realistische Chance: Denn diese neue Politik ist günstiger und wirkungsvoller als die Heutige.

Zweitens gilt es, beim Klimaschutz eine Abkehr von Klimanaivität hin zum Realismus einzuleiten. Anpassung an die zu erwartende Erderwärmung und ihre Gefahren sollte an Bedeutung gewinnen. Denn während Klimaschutz ein internationales öffentliches Gut ist, lassen sich die Vorteile von Anpassungen auf nationaler, lokaler und individueller Ebene schon heute realisieren. Baumaßnahmen reduzieren Sturmschäden, Deiche schützen vor einem höheren Meeresspiegel, robustere Baumarten erhalten den Wald – und natürlich verschaffen Klimaanlagen Kühlung. Da die Bürger direkt von der Anpassung profitieren, sind sie bereits jetzt bereit, diese mitzufinanzieren. Das setzt den Unternehmen Anreize, schnell neue Anpassungstechnologien zu entwickeln.

Anpassung an den Klimawandel entspricht einer Investition in Resilienz. Wer sich angepasst hat, muss weniger befürchten. Und wer wenig zu befürchten hat, kann international anders auftreten. Die Ansage, dass wer sich vor den Gefahren der Erderwärmung nicht großartig fürchten muss, aber dennoch aus altruistischen Motiven für den Rest der Welt bereit wäre, effizienten Klimaschutz mit Kostenwahrheit zu betreiben, ist nicht klimanaiv.

Hinweis: Eine gekürzte und modifizierte Version dieses Artikels erschien in der Wiener Zeitung.

David Stadelmann und Marco Frank

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Universität Bayreuth
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