Gastbeitrag:
Gesundheitswirtschaft im Aufwind

Auf der Suche nach Zukunftsbranchen in Deutschland rückt der Gesundheitssektor verstärkt in das Blickfeld. Dabei wird zunehmend wahrgenommen, dass die Gesundheitswirtschaft über die von den obligatorischen Krankenversicherungen finanzierten Güter hinaus reicht. Neben diesem ersten Gesundheitsmarkt hat sich ein zweiter dynamischer Markt etabliert. Er umfasst die von den Bürgern direkt finanzierten Produkte, also eine breite Palette – von den freiverkäuflichen Arzneimitteln bis hin zum Wellnessbereich.

In der breiten Abgrenzung zählt die Gesundheitswirtschaft gut 5 ½ Mio. Beschäftigte. Das entspricht rd. 14% aller Erwerbstätigen. Kein anderer Wirtschaftbereich in Deutschland bietet ähnlich viele Arbeitsplätze. Der Beitrag zur gesamten Wertschöpfung steht dem mit gut 10% nur wenig nach.

Mit ihrem Beitrag zum Wohlergehen der Bürger liefert die Gesundheitswirtschaft zudem einen wichtigen Input für die Volkswirtschaft. Jeder Tag, um den der durchschnittliche Krankenstand in Deutschland sinkt, erbringt Produktionsgewinne von rund 10 Mrd. Euro. Diesen Beitrag zur Arbeitsproduktivität nimmt die Öffentlichkeit noch zu wenig wahr. Er wird jedoch in einer alternden Gesellschaft, in der es auf der einen Seite immer weniger junge Menschen gibt und auf der anderen das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre steigt, immer wichtiger. Berechnungen des Hamburger Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI) zufolge könnten durch eine verbesserte Gesundheit der Arbeitskräfte bis zum Jahr 2037 die indirekten Kosten durch krankheitsbedingte Fehlzeiten um insgesamt bis zu 280 Mrd. Euro bzw. 38% vermindert werden. Dabei gilt es, vor allem auch auf die Prävention zu setzen.

Der Hinweis auf die demografische Alterung zeigt: Die große Zeit der Gesundheitswirtschaft steht noch bevor. Wenn die Zahl der älteren Menschen in den nächsten Jahrzehnten kräftig steigt, nehmen die Gesundheitsausgaben offenkundig zu – obgleich wir erfreulicherweise heute bei besserer Gesundheit älter werden. Für günstige Perspektiven der Branche sprechen auch das zunehmende Gesundheitsbewusstsein der Bürger und die steigende Leistungsfähigkeit der Medizin.

Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge spielen das Thema Gesundheit und das Gesundheitsbewusstsein für 70% der deutschen Haushalte eine wichtige Rolle. Mitte der 80er Jahre lag der Anteil noch bei 50% (Westdeutschland). Die Bürger handeln auch entsprechend. Seit 1992 haben sich die Gesundheitsausgaben der privaten Haushalte (und privaten Organisationen ohne Erwerbszweck) mehr als verdoppelt und damit stärker zugelegt als die Ausgaben aller anderer Träger. Dadurch nahm der Anteil der Privaten an den Gesundheitsausgaben in diesem Zeitraum von 10,5% auf 13,4% zu. Das steigende Gesundheitsbewusstsein eröffnet besonders im zweiten Gesundheitsmarkt Wachstumsperspektiven. Davon können die Anbieter so genannter Lifestyle-Medikamente wie etwa Schlankheitsmittel, Sportartikelhersteller, das Bäderwesen, die Tourismusindustrie und andere im zweiten Markt tätige Unternehmen profitieren.

Eigentlicher Motor der Gesundheitswirtschaft ist indes der medizinisch-technische Fortschritt. Er sorgt dafür, dass Krankheiten frühzeitiger erkannt und mit grundsätzlich immer größeren Erfolgschancen behandelt oder sogar von vornherein verhindert werden können. Dies hat zusammen mit gesteigerter Hygiene, verbesserter Ernährung und einer weithin gesünderen Lebensweise wesentlich zum Anstieg der Lebenserwartung beigetragen. Die Lebenserwartung Neugeborener nimmt derzeit pro Dekade um etwa 2 ¼ Jahre zu. Dabei gewinnen zunehmend die älteren Menschen zusätzliche Lebensjahre. Fortschritte etwa bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie von Tumoren sorgen für geringe Sterblichkeitsraten im Alter. So ist die Wahrscheinlichkeit eines 80-Jährigen, 100 Jahre alt zu werden, seit 1950 um das Zwanzigfache gestiegen. Gerade in der Gegenwart wäre die anhaltende Zunahme der Lebenserwartung ohne den medizinisch-technischen Fortschritt kaum möglich, auch wenn andere Faktoren wie veränderte Berufsbiografien dabei ebenfalls eine Rolle spielen.

Die Verbesserungen resultieren aus dem Zusammenwirken vielfältiger neuer Möglichkeiten in Medizin, Medizintechnik und Pharmazie. Diese Bereiche zeichnen sich durch hohe Innovationsfähigkeit aus. So erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller rund ein Drittel ihres Umsatzes mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind. Um ihre Innovationsfähigkeit zu sichern, tätigen die genannten Branchen umfangreiche Investitionen. In der Medizintechnik und der forschenden Pharmaindustrie betragen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemessen am Umsatz 9% bzw. 13%.

Medizinische Innovationen bleiben trotz schon großer Erfolge im Kampf gegen Krankheiten gefragt. Zivilisations- und Alterskrankheiten wie Diabetes und Demenz nehmen zu. Zugleich ist das Potenzial bedeutender Basisinnovationen längst nicht ausgereizt. Die rote Biotechnologie, die Miniaturisierung und Computerisierung der Medizintechnik sowie die Telemedizin eröffnen weite Felder für Diagnose und Therapie von Krankheiten. Das Gesundheitswesen erlebt keine Kosten-, sondern eine Leistungsexplosion.

Natürlich kann es auch im Gesundheitswesen nicht nach dem Motto „viel hilft viel“ gehen. Ebenso wenig kann in einer Welt knapper Ressourcen der Grundsatz „nützt es nichts, so schadet es nichts“ gelten. Vielmehr muss die Gesundheitswirtschaft, insbesondere dort, wo ihre Leistungen von Versichertengemeinschaften finanziert werden, eine Evaluierung ihrer Angebote akzeptieren. Eine intensivere Kosten/Nutzen-Analyse von Innovationen kann zu einer besseren Allokation der Mittel in dem Bereich beitragen. Allerdings müssen solche Analysen mit Sorgfalt und Weitblick durchgeführt werden. So mag der Einsatz eines neuen Medikamentes kurzfristig Zusatzkosten generieren, längerfristig aber – etwa wegen geringerer Nebenwirkungen – deutlich höhere Kosteneinsparungen erbringen.

Ein Weitere gilt es zu beachten: Für erweiterte medizinische, medizintechnische und pharmazeutische Angebote bedarf es wirtschaftlicher Freiräume, und die Leistungen müssen finanziert werden, wenn wir sie nutzen wollen.

Diese Voraussetzungen sind aber nicht gesichert. Ein Großteil der Gesundheitswirtschaft in Deutschland bewegt sich weiterhin in dem restriktiven Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Deren Finanzierungsprobleme, das Risiko fortgesetzter staatlicher Eingriffe und ein Mangel an Wettbewerb trüben die Perspektiven der Branche ein.

Vor allem die einkommensabhängigen Beiträge zur GKV erweisen sich zunehmend als Belastungsfaktor. Sie binden die Gesundheitsausgaben, die tendenziell stärker als das Sozialprodukt expandieren, an die Arbeitseinkommen und damit an eben diese Wirtschaftsleistung. Offenkundig muss das zu permanenten Spannungen führen. Diese nehmen noch zu, wenn sich die Löhne und/oder die Beschäftigung wegen des verschärften globalen Wettbewerbs oder in wirtschaftlichen Schwächephasen, wie derzeit, nur stockend oder gar rückläufig entwickeln. Um die Lücken in der Beitragsbasis auszugleichen, müssen dann die Beitragssätze der GKV immer weiter hochgeschraubt werden –- seit 1980 von 11,4% auf 14,9%. Darüber hinaus fließen seit einigen Jahren wachsende Bundeszuschüsse in die GKV.

Weiter steigende Sozialbeiträge mit ihren negativen Beschäftigungseffekten führen aber in die Sackgasse. Ebenso sollten sich angesichts der hohen Verschuldung des Staates immer höhere Bundeszuschüsse an die gesetzlichen Kassen verbieten. Das weiß auch Gesetzgeber. Er hat den Krankenkassen deswegen immer wieder enge finanzielle Fesseln angelegt. „Kostendämpfung“ heißt seit Jahren ein fragwürdiges Oberziel staatlicher Gesundheitspolitik. Darüber ist mitunter in Vergessenheit geraten, dass im Gesundheitswesen der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte.

Eine Politik der Budgetierung und Rationierung macht natürlich auch Wachstumschancen der Gesundheitswirtschaft zunichte. Dem widerspricht nicht, dass es im Gesundheitswesen und gerade im Bereich der GKV noch Effizienzreserven geben mag. Sie lassen sich aber am besten durch mehr Wettbewerb heben.

Der unlängst gestartete politische Prozess für eine Finanzierungsreform der GKV verdient daher besondere Beachtung. Wenn es gelingt, die Gesundheitsausgaben von den Arbeitskosten zu entkoppeln, steigen die Chancen für eine weniger restriktive Gesundheitspolitik. Allerdings sollte eine langfristig orientierte Finanzierungreform noch mehr leisten. Notwendig ist auch der Aufbau von Vorsorgekapital bei den Krankenkassen und/oder seitens der Bürger. Von einer Sanierung der GKV-Finanzen und mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen werden die Wirtschaft und die Bürger profitieren.

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