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Steuergelder für aufstiegswillige Zweitligisten mit besonders inkompetentem Management?

Ausweislich des jüngst von der DFL vorgelegten „Bundesliga-Reports“ mit Daten für die Spielzeit 2007/08 haben die 18 Erstligisten in der jüngeren Vergangenheit erhebliche Fortschritte bei der Konsolidierung ihrer Bilanzen gemacht. So konnten die kumulierten Verbindlichkeiten vom 30.6.2006 bis zum 30.6.2008 von rund 569 Mio. € auf zuletzt 469 Mio. € gesenkt werden. Demgegenüber ist die wirtschaftliche Lage der 18 Zweitligisten erheblich prekärer, denn deren Verbindlichkeiten nahmen im Laufe des Betrachtungszeitraumes von lediglich zwei Jahren von knapp 77 auf mehr als 163 Mio. € zu.

Während jeweils mindestens zwei Drittel – gelegentlich sogar alle – Erstligisten – ein positives Jahresergebnis zu erwirtschaften in der Lage sind, beträgt deren Anteil in der zweiten Liga maximal die Hälfte (zumeist sind es erheblich weniger). Dazu kommt, dass diejenigen, die sich um den Aufstieg in die erste Liga bemühen, beim Anhäufen von Schulden ein rekordverdächtiges Tempo an den Tag legen. Dazu zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, die sich in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ähnlich sind (auf die vergleichbaren Eskapaden des 1. FC Kaiserslautern will ich an dieser Stelle nicht mehr eingehen; diese sind hinreichend dokumentiert und auch kommentiert worden).

Vor wenigen Monaten haben die Verantwortlichen des ostwestfälischen Zweitligisten Arminia Bielefeld ein Haushaltsloch von 1,7 Mio. € entdeckt, was sie zu der in der Branche üblichen, geradezu reflexartigen Aussage veranlasste, die Situation selbstverständlich im Griff zu haben. Als dann bei etwas genauerem Hinsehen festgestellt wurde, dass sich das Defizit auf 3 Mio. € belief, interessierte sich auch die Deutsche Fußball-Liga für das „Sorgenkind“ und bat um lückenlose Aufklärung. Im Zuge der dann einsetzenden hektischen Aktivitäten stieg das Defizit auf zunächst 6 und mittlerweile auf 12 Mio. € an. Die Liga reagierte mit einem Punktabzug und einer Geldstrafe, der Club mit einem Hilferuf.

Wie in solchen Fällen üblich, bediente man sich sofort der üblichen Floskeln, um die Stadt zu einer finanziellen Unterstützung zu veranlassen: Die Verein stelle einen „Image- und Wirtschaftsfaktor“ allererster Güte dar, den es schon aus Standortgründen zu erhalten gelte. Die ortsansässigen Unternehmen – unter ihnen höchst erfolgreiche wie Schüco und Oetker – scheinen dieser Rhetorik keine allzu große Bedeutung beizumessen, denn die in Aussicht gestellten oder bereits konkret zugesagten Mittel aus deren Reihen belaufen sich derzeit auf maximal 3 Mio. €. Da der Verein vorgibt, weitere 3 Mio. € selbst bereit stellen zu können (wovon eigentlich?), beläuft sich die von der Stadt erbetene Bürgschaft auf gerade einmal 6 Mio. €, obwohl Bielefeld bereits heute die am höchsten verschuldete Stadt in Ostwestfalen ist (mit 3.000 € pro Einwohner gegenüber beispielsweise 800 € pro Kopf in Paderborn).

Ganz ähnlich ist die Situation in Aachen: Hier bat die Alemannia vor wenigen Monaten um eine Bürgschaft der Stadt in Höhe von 5.5 Mio. €, um – wie man konzedierte – die Spielergehälter weiter zahlen und eine Insolvenz vermeiden zu können.

In beiden Fällen haben die Kosten des Neu- bzw. Ausbaus des Stadions die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Vereine offenbar erheblich überstiegen. Die in den beiden Clubs – wie auch deren Umfeld – gehegten Erwartungen, man werde sich mit entsprechenden Investitionen dauerhaft in der „bel etage“ des deutschen Fußballs etablieren können, führten offenbar zu einem gewissen Realitätsverlust, den – zum wiederholten Male eigentlich? – die Steuerzahler werden ausbaden müssen.

Dies ist aus verschiedenen Gründen ärgerlich: So hat Arminia Bielefeld in der vergangenen Saison einen Zuschauerrekord für die 2. Liga verzeichnen können. Ungeachtet der teilweise üblen sportlichen Darbietungen kamen mehr als 14.000 Menschen zu jedem der 17 Heimspiele. Gleichwohl musste der Verein mit einer schier atemberaubenden Begründung konzedieren, dass die Einnahmen hinter den Erwartungen zurück geblieben waren: Die Zuschauer hätten die neue – teuere – Tribüne leider nicht akzeptiert und lediglich preiswerte Tickets gekauft (die Kosten für die Tribüne überstiegen den Planungsansatz um mindestens 6 Mio. € – sofern man dem Verein angesichts seines sonstigen Finanzgebarens an dieser Stelle Glauben schenken kann und will).

Geradezu skurril sind die Aussagen für die kommende Saison: Man sieht sich derzeit zwar noch außerstande, die Eintrittspreise für die kommende Spielzeit zu nennen (die Preisstruktur werde derzeit überarbeitet), gleichwohl hat man der DFL wunschgemäß die erwarteten Einnahmen für die Saison 2010/11 aber bereits gemeldet. Wenn noch irgendwelche Resthoffnung in die Seriosität der Akteure bestanden haben sollte, dürfte sie spätestens an diesem Punkt dahin sein…

Der langen Rede kurzer Sinn: Auch wenn es in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens seit Jahrzehnten üblich sein mag, den Steuerzahler immer dann zur Kasse zu bitten, wenn sich einzelne Unternehmen – oder hin und wieder sogar ganze Branchen – als nicht wettbewerbsfähig erweisen, ist die Bereitschaft vieler Stadtväter und -mütter, den Niedergang derselben mit erheblichen Subventionen zu vermeiden, im vorliegenden Fall ganz besonders ärgerlich: Angesichts des hohen (und in den kommenden Jahren wohl noch weiter zunehmenden) Mittelbedarfes beispielsweise im Bildungs- und im Gesundheitssystem sollte ein überfordertes oder inkompetentes Management nicht auch noch mit einer „Belohnung“ in Form einer städtischen Bürgschaft rechnen dürfen (die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch tatsächlich in Anspruch genommen wird, ist vermutlich ähnlich hoch wie im Falle Griechenlands).

Es ist zu befürchten, dass Kaiserslautern, Bielefeld und Aachen nicht die letzten Bittsteller bleiben werden – und das in einer Branche, in der es buchstäblich „Geld regnet“. Gerüchten zufolge steht es auch um den MSV Duisburg – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – derzeit nicht besonders gut. Dass die Hilferufe auch in diesem Fall vermutlich nicht allzu lange auf sich warten lassen werden, ist das eine. Dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch erhöht werden – in einer Stadt, deren wirtschaftliche Verhältnisse noch maroder sind, als die vieler anderer Kommunen – ist das andere. Offenbar sind einige Hundert Fußballanhänger sehr viel leichter zu mobilisieren als eine vergleichbar große Zahl an Eltern, deren Kindern in der Schule der Verputz auf den Kopf rieselt…

Dabei müsste eigentlich allen Beteiligten klar sein, dass sich die Marktkräfte auch und gerade im professionellen Fußball nicht dauerhaft außer Kraft setzen lassen: “Fans get to see the best in the places where it pays the most and the rest of the fans get to enjoy the level of play that they are willing to support, financially“ (Rodney Fort (2000), S. 439). Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen…

Literatur

Fort, R. (2000): European and North American Sports Differences (?). Scottish Journal of Political Economy, Vol. 47, S. 431-455.