Ist Deutschland ein Sonderfall?

Vor dem Hintergrund der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise werden Länder hinsichtlich ihrer Wirtschaftsstruktur auf den Prüfstand gestellt. Dies gilt nicht nur für Deutschland. Auch in anderen Volkswirtschaften hat die Industrie im Jahr 2009 im Durchschnitt in einem nahezu gleichen Ausmaß wie hierzulande die gesamtwirtschaftliche Entwicklung abgebremst.

Die Diskussion um das sogenannte Geschäftsmodell Deutschland, das sich kurz gesprochen durch einen vergleichsweise hohen Industrieanteil und eine starke Weltmarktorientierung kennzeichnen lässt, hat Tradition und findet in wechselnden Gewändern statt:

1. Mitte der 1990er-Jahre wurde darüber diskutiert, ob Deutschland im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften eine Dienstleistungslücke aufweise und spiegelbildlich eine zu starke Industriefokussierung. In diesem Zusammenhang wurde schon einmal gefragt, ob man mit der Herstellung von Industriegütern langfristig überhaupt überleben kann.

2. Zur Jahrtausendwende ging es dann um Old Economy versus New Economy. Der Vorwurf lautete, die deutsche Wirtschaft sei zu stark auf die klassischen Industriebereiche ausgerichtet und verliere mehr und mehr den Anschluss an die modernen Wirtschaftszweige. Das Platzen der New-Economy-Euphorie sorgte allerdings wieder für Ruhe.

3. Und schließlich wurde während der langen Stagnationsphase, die die erste Hälfte der vergangenen Dekade prägte, darüber diskutiert, ob Deutschland sich mehr und mehr zu einer Basarökonomie entwickle. Diese sei zwar mit dem Handel von Industriewaren erfolgreich, aber nicht mehr bei deren Produktion, die mehr und mehr im Ausland stattfinde. Auch hier sorgte der anschließende, vorwiegend von der Industrie getragene Aufschwung für ein Ende der Auseinandersetzung.

4. Die im Jahr 2007 startende Finanzmarktkrise und ihr Durchschlagen auf die Realwirtschaft, beginnend in der zweiten Jahreshälfte 2008, trugen dazu bei, das Geschäftsmodell Deutschland ein weiteres Mal auf den Prüfstand zu stellen. Der gewaltige Einbruch von Außenhandel und Industrieproduktion lieferte den Hintergrund für diese Diskussion: Zum konjunkturellen Tiefpunkt im April 2009 lagen die Industrieproduktion und die nominalen Warenexporte um rund ein Viertel unter dem vorhergehenden Höchststand im August 2008. Dies führte zu dem stärksten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und bot den Nährboden für eine ausgeprägte Kritik am vergleichsweise starken Industriegewicht und der damit zusammenhängenden Weltmarktorientierung der deutschen Wirtschaft.

Ein Blick auf das Krisenjahr 2009 zeigt aber, dass nicht nur in Deutschland starke Einbrüche bei der Industrieproduktion zu beobachten sind (Abbildung 1). Offensichtlich gehört nicht nur hierzulande die Industrie auf den Prüfstand. In allen der betrachteten elf fortgeschrittenen Volkswirtschaften kam es im vergangenen Jahr zu großen Rückgängen bei der Industrieproduktion. Noch schlechter als Deutschland, wo die Industrieproduktion um 17,7 Prozent einbrach, schnitten Japan (–22,5 Prozent), Schweden (–19,3 Prozent) und Italien (–18,1 Prozent) ab. Auch in Spanien, Österreich, Frankreich, den USA und im Vereinigten Königreich waren zweistellige Rückgänge zu verbuchen. Deutschland stellt somit keinen Einzelfall dar, sondern ist eher ein Land unter vielen.

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Dem könnte entgegengehalten werden, dass Deutschland wegen seines vergleichsweise hohen Industrieanteils stärker unter dem Industrieeinbruch leidet als andere Länder, wo die Industrie zwar auch einbricht, dies allerdings weniger Bedeutung für die Gesamtwirtschaft hat. Deutschland müsste also wegen seiner stärkeren Industrieabhängigkeit auf gesamtwirtschaftlicher Ebene stärker in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Ein Blick auf die Fakten kann dies aber nicht bestätigen. Große gesamtwirtschaftliche Einbrüche waren auch in den anderen Ländern zu beobachten. Deutschlands Wachstumseinbruch im Jahr 2009 – das reale Bruttoinlandsprodukt lag um 4,9 Prozent unter dem Vorjahresniveau – stellte ebenfalls kein Extrem dar (Abbildung 2). Ähnlich hohe Konjunktureinbrüche verzeichnete Japan, Italien, das Vereinigte Königreich, Schweden und die Niederlande. Auch in Spanien und Österreich sank die gesamtwirtschaftliche Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 um gut 3,5 Prozent.

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Nimmt man die elf fortgeschrittenen Länder in den Blick und zielt auf den Zusammenhang von der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts auf der einen Seite und der Veränderung der Industrieproduktion auf der anderen Seite ab, dann weicht Deutschland in keiner Weise auffällig vom Gruppendurchschnitt ab (Abbildung 3). Der Industrieeinbruch hat demnach hierzulande nicht in merklich stärkerem Ausmaß die gesamtwirtschaftliche Entwicklung abgebremst als anderswo. Eine höhere Bremswirkung hat die Industrie in Frankreich, den USA und der Schweiz. Im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden haben im vergangenen Jahr dagegen die Dienstleistungssektoren relativ stark die Gesamtwirtschaft belastet.

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In einer Krise kommen Unternehmen, Branchen und möglicherweise ganze Volkswirtschaften auf den Prüfstand. Das ist unvermeidlich und zum Teil auch richtig, etwa um Produktionsfaktoren möglichst effizient einzusetzen. Ein Blick auf die Entwicklung von Industrie und Gesamtwirtschaft in einer Reihe fortgeschrittener Volkswirtschaften lässt gleichwohl erkennen, dass Deutschland aufgrund seiner stärkeren Industrie- und Weltmarktorientierung nicht wesentlich stärker von der globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise getroffen wird. Wenn die Krise den Anlass dafür liefert, Länder hinsichtlich ihrer Wirtschaftsstruktur auf den Prüfstand zu stellen, dann gilt dies nicht nur für Deutschland.

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