Deutschland im Aufschwung – Risiken und Handlungsbedarf

Die deutsche Wirtschaft expandierte im ersten Halbjahr 2010 unerwartet stark. Dieses Wachstumstempo wird sich nicht fortsetzen. Der Konjunkturverlauf zeigt aber weiterhin stetig nach oben. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2010 um gut 3 ¼ Prozent über dem Vorjahresniveau liegen. Das Wirtschaftsleben hierzulande befindet sich noch im Erholungsprozess. Mit dem Auslaufen der Normalisierungseffekte nach dem starken Wirtschaftseinbruch wird sich das konjunkturelle Tempo etwas abschwächen. Im Jahr 2011 wird das reale BIP um gut 2 Prozent wachsen und es wird dann bereits das Durchschnittsniveau der Jahre 2007 und 2008 übertreffen.

Der Weg aus der Krise lief zunächst ausschließlich über die Erholung der Ausfuhrtätigkeit und in sektoraler Hinsicht über die Industrie. Dabei wurde der deutsche Außenhandel in starkem Maß durch die kräftig anziehende Nachfrage aus den aufstrebenden Volkswirtschaften angetrieben. Dort erholte sich die Investitionstätigkeit nach einem im Vergleich mit den fortgeschrittenen Ländern nur moderaten Einbruch schnell. Der über den internationalen Industriegüterhandel laufende Aufschwung kann durchaus als ein Vorteil der Wirtschaftsstruktur Deutschlands verstanden werden. Die Ausfuhrtätigkeit der deutschen Industrie wird auch im gesamten Prognosezeitraum das gesamtwirtschaftliche Wachstum prägen. Gleichwohl ist bereits in diesem Jahr ein Wechsel der Auftriebskräfte hin zu einer stärkeren Bedeutung der Binnennachfrage zu beobachten. Der Exportfunke ist früher als erwartet auf die Investitionstätigkeit der Unternehmen übergesprungen. Mit der weiteren Verstetigung der Arbeitsmarkt- und Einkommensentwicklung wird auch der private Konsum immer stärkere Wachstumsbeiträge liefern. Über diese Kanäle kommt es schließlich auch zu einer Anpassung – wenngleich nicht zum Ausgleich – der globalen Nachfrage- und Produktionsdifferenzen.

Potenzielle Risiken

Trotz dieser schnellen und breiten Erholung ist das gesamtwirtschaftliche Umfeld nicht ohne Risiken:

1. In den USA und in einigen westeuropäischen Volkswirtschaften wie dem Vereinigten Königreich oder Spanien gibt es offensichtlich strukturelle Schieflagen, die noch Anpassungen nach sich ziehen und sich möglicherweise zunächst dämpfend auf die wirtschaftliche Entwicklung dieser Volkswirtschaften auswirken. Vieles spricht für eine fortgesetzte Dynamik der chinesischen Wirtschaft – frei von Risiken etwa durch Korrekturen im Immobilienbereich ist diese Entwicklung aber nicht.

2. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dem Thema Staatsschulden und ihren realwirtschaftlichen Implikationen erheblich an Bedeutung verliehen. Das allmähliche Auslaufen von Konjunkturprogrammen in Verbindung mit ersten Konsolidierungsschritten kann einerseits dämpfend wirken. In diesem Zusammenhang werden auch deflationäre Tendenzen genannt. Andererseits besteht das Risiko, dass sich infolge der Staatsschulden und der Versuche, ihre Auswirkungen über eine monetäre Expansion zu vermindern, die Geldentwertung beschleunigt. Dies kann höhere Volatilitäten bei den Wechselkursen nach sich ziehen.

3. Eine Beschleunigung der Inflation kann auch aus wieder anziehenden Rohstoffpreisen entstehen. Vor allem bei Industrierohstoffen war bereits ein deutlich stärkerer Auftrieb zu beobachten.

4. Es wäre zu früh, ein Ende der Bankenkrise zu diagnostizieren. Vielmehr befindet sich der Finanzsektor noch in der Orientierungsphase, sodass neue Wertberichtigungsschocks schnell zu neuen Risikoaufschlägen und zu Rationierungen führen können.

Unterschiede zur New Economy Krise

Im gegenwärtigen Aufschwung – vor allem in seiner Schnelligkeit und Breite – werden Unterschiede zur New-Economy-Krise zur Jahrtausendwende und der anschließenden langen Stagnationsphase bis zum Jahr 2004 deutlich:

“¢ Das Platzen der New-Economy-Blase in Verbindung mit anderen Belastungen – erstmaliger Rohstoffpreisanstieg nach einer langen Phase stabiler Notierungen und der Unsicherheit infolge von Terroranschlägen – betonte besonders in Deutschland bereits bestehende Probleme auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft. Hohe Steuern, hohe Arbeitskosten und inflexible Arbeitsbeziehungen lassen sich hier nennen. Diese Angebotsprobleme koppelten damals zum Beispiel die Investitionstätigkeit von der Exporterholung ab.

“¢ Die im Jahr 2007 startende Finanzmarkt- und spätere Weltwirtschaftskrise schlug sich in Deutschland in erster Linie als ein negativer Nachfrageschock nieder. Der vergleichsweise kurze Konjunktureinbruch zog offensichtlich keine strukturellen Verwerfungen nach sich, die einer längeren Neuausrichtung bedürfen. Vielmehr löste die schnell wieder anziehende Nachfrage aus den aufstrebenden Märkten die konjunkturelle Trendwende aus. Auf den negativen Nachfrageschock folgte ein relativ rasches Wiederanspringen der ausländischen Nachfrage.

Diese Unterschiede zur New-Economy-Krise und die bereits im vergangenen Jahr einsetzende Erholung akzentuieren auch die guten mittelfristigen Perspektiven der deutschen Wirtschaft:

“¢ Industrieprodukte „Made in Germany“ erfreuen sich offensichtlich einer hohen Nachfrage, die durch die Krise zwar heftig, aber nur kurz beeinträchtigt wurde. Dieser Auslandserfolg deutscher Unternehmen liegt in hohem Maß an ihren Produkten.

“¢ Das schnelle Anspringen der inländischen Investitionstätigkeit signalisiert die Zuversicht der Unternehmen in ihre Produkte und deren künftige Chancen auf den Inlands- und Auslandsmärkten.

“¢ Angebotsprobleme spielen derzeit keine dominierende Rolle, sie sind aber vorhanden und können die Expansion des Wachstumspotenzials bremsen. Die Anzahl der offenen Stellen steigt bereits wieder an. Dies kann als Vorbote für Kapazitätsbeschränkungen und einer zu geringen Ausweitung des Wachstumspotenzials in mittlerer Frist gesehen werden. Der Mangel an Fachkräften begrenzt möglicherweise auch schon in der kurzen Frist das Erholungspotenzial der deutschen Wirtschaft.

Wirtschaftspolitik für das Produktionspotenzial

Die schnelle und breite Erholung, die mittelfristig guten Perspektiven sowie die Unterschiede zur New-Economy-Krise können die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger verleiten, zunächst einmal abzuwarten, was denn so kommt. Jedenfalls muss mit dem Wechsel der konjunkturellen Auftriebskräfte auch ein Wechsel der wirtschaftspolitischen Prioritäten erfolgen: Der Blick und die Maßnahmen müssen weg von der kurzfristigen Konjunkturfixierung und hin zum langfristigen Wachstumspfad. Die wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik in Deutschland sind die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte sowie die Stärkung des Produktionspotenzials. Beides bedingt sich wechselseitig:

“¢ Ein höheres Potenzialwachstum führt zu höheren Steuereinnahmen infolge einer höheren wirtschaftlichen Aktivität bei gleich hohen oder sogar niedrigeren Steuersätzen. Dies erleichtert die Konsolidierung.

“¢ Eine glaubwürdige Konsolidierungsstrategie, die nicht über höhere Steuersätze, sondern vielmehr über eine Neuausrichtung der Staatsausgaben läuft, stärkt die Investitionsanreize und führt dann zu einer vermehrten Kapitalbildung mit entsprechenden positiven Potenzialeffekten.

Die Wachstumschancen der deutschen Wirtschaft können nur genutzt werden, wenn sich die Wirtschaftspolitik auf die Stärkung des Wachstumspotenzials konzentriert. Die Boomjahre 2006 bis 2008 haben bereits der deutschen Wirtschaft ihre Kapazitätsgrenzen aufgezeigt. Um dies künftig zu vermeiden – letztlich auch mit Blick auf die Beschäftigungs- und Konsummöglichkeiten hierzulande –, müssen die Investitionsbedingungen verbessert werden. Denn bei den Investitionen besteht trotz der raschen konjunkturellen Erholungstendenz nach wie vor dringender Handlungsbedarf. Der Anteil der Nettoinvestitionen – also der Bruttoanlageinvestitionen abzüglich der Abschreibungen – am BIP war seit 1991 deutlich rückläufig. Das gilt sowohl für die Nettoinvestitionen der Unternehmen als auch für die des Staates. Vor allem der Staat investierte selbst im Aufschwung von 2004 bis 2008 mit entsprechend schnell wachsenden Steuereinnahmen weniger als es der Kapitalverschleiß erforderte. Die Nettoinvestitionen der Unternehmen sind nach einer langen Schrumpfungsphase endlich im vergangenen Aufschwung wieder angestiegen.

Der Staat selbst muss in den nächsten Jahren der Versuchung widerstehen, den vermeintlich leichten Weg der Konsolidierung seiner Haushalte über eine Reduktion der Investitionen zu gehen. Dies gilt in besonderem Maß auch für die Kommunen, auf die mehr als die Hälfte aller staatlichen Bruttoinvestitionen entfallen. Will der Staat das Wachstum stärken, muss er stärker seine eigenen Investitionsbudgets ausweiten. Zu einer besseren Ausbalancierung der globalen Produktions- und Nachfragekräfte kann Deutschland besonders dann einen Beitrag leisten, wenn hierzulande mehr investiert wird.

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